Reaktivierung SPNV

Sprung in eine neue Epoche

Seit 2019 rollen wieder Personenzüge durch die Grafschaft Bentheim (Foto: Bentheimer Eisenbahn AG)

Im Juli 2019 war es soweit: Nach vielen Jahren rollten erstmals wieder Personenzüge zwischen Bad Bentheim, Nordhorn und Neuenhaus. Wo seit den 1970er Jahren ausschließlich Güterzüge fuhren, reisen seither rund 2.200 Menschen täglich mit der Bentheimer Eisenbahn. Die Reaktivierung des Schienenpersonennahverkehrs ist ein Mammutprojekt, das die Grafschaft gemeinsam mit dem Land Niedersachsen gestemmt hat – und das noch längst nicht abgeschlossen ist.

Bereits 2010 gab es in der Grafschaft Bentheim einen ersten Ansatz, die Strecke zu reaktiveren. „Es gab ein Konzept, wir hatten die technischen Voraussetzungen geklärt und die Kosten kalkuliert“, erläutert Kreisrat Dr. Michael Kiehl in der Rückschau. „Damals haben wir allerdings ein klares ,Nein’ aus Hannover erhalten. Die entschiedene Ablehnung der Landesregierung hat das Projekt zwar zunächst nach hinten verschoben, doch wir haben uns nicht entmutigen lassen.“ Statt auf positives Feedback vom Land zu warten, sind die Beteiligten vor Ort selbst vorangeschritten und haben die ersten notwendigen Schritte für die Reaktivierung umgesetzt. So wurden zum Beispiel bereits bestehende Bahnübergänge saniert und eine regionalökonomische Untersuchung in Auftrag gegeben.

Landesregierung genehmigt Förderung

Im Laufe der Zeit rückten dann auch in Hannover Themen wie der öffentliche Nahverkehr wieder mehr in den Fokus der Politik. „Darauf war die Region gut vorbereitet“, betont Kiehl. „Wir haben im Vorfeld viel dafür getan, um die Reaktivierung doch möglich zu machen.“ 2015 beschloss die niedersächsische Landesregierung schließlich die finanzielle Förderung für die Reaktivierung des SPNV mit der Bentheimer Eisenbahn. Damit gehört die Strecke Bad Bentheim-Nordhorn-Neuenhaus zu den drei Strecken, die es aus 74 Bewerbungen geschafft hatten und gefördert wurden. Das Land Niedersachsen erteilte der Bentheimer Eisenbahn den Auftrag, die notwendige Infrastruktur bereitzustellen und außerdem die Züge zu betreiben. Damit das passieren konnte, mussten allerdings Fahrzeuge angeschafft und Personal eingestellt werden. Eine Herausforderung, wie Joachim Berends, Vorstandsvorsitzender der Bentheimer Eisenbahn AG, erklärt: „Heutzutage ist es nicht einfach, ausreichend Personal zu finden. Wir mussten einige Menschen aus anderen Berufen für uns gewinnen oder Arbeitsuchende zum Betriebsfahrzeugführer ausbilden. Diese Ausbildung dauert ein Jahr und in der Regel besteht etwa die Hälfte der Anwärter die Abschlussprüfung nicht. Auch das muss mit einkalkuliert werden.“ Insgesamt 40 Mitarbeiter stellte die Bentheimer Eisenbahn im Netz- sowie im Betriebsbereich ein, um den reibungslosen Betrieb der neuen Strecke sicherzustellen.

Zahlreiche Herausforderungen gemeistert

Bis die ersten Züge rollen konnten, mussten neben den erforderlichen Bauprojekten weitere Herausforderungen gemeistert werden. Notwendige, aber zeitaufwendige Prozesse wie ein Planfeststellungsverfahren, eine Umweltverträglichkeitsprüfung und Ausschreibungsverfahren können derartige Projekte deutlich verzögern, denn sie ziehen zum Teil Rechtsverfahren nach sich. Dass es in der Grafschaft weder gerichtliche Auseinandersetzungen mit Anwohnern noch mit Bietern aus dem Ausschreibungsverfahren gab, ist für Berends ein echter Erfolg: „Alles ist reibungslos gelaufen, die Akzeptanz in der Grafschafter Bevölkerung für das Projekt war sehr hoch. Deshalb konnten wir die Reaktivierung auch so schnell abschließen.“

60.000 Ingenieur- und Technikerstunden nötig

Um den Schienenpersonennahverkehr wieder aufleben zu lassen, haben die beteiligten Akteure aber auch viel Geld in die Hand genommen – insgesamt rund 63 Millionen Euro. Über 25 Milli­onen Euro sind allein in den Ausbau der Strecke geflossen. Dreiviertel davon hat das Land Niedersachsen übernommen, ein Viertel die Grafschaft. Außerdem wurde in die Neugestaltung der Bahnhöfe sowie die weitere Infrastruktur investiert. Rund 60.000 Ingenieur- und Technikerstunden waren notwendig, um die erforderlichen Arbeiten zu planen und zu betreuen. Dazu gehörte zum Beispiel der Bau neuer Gleise in den Bahnhöfen Neuenhaus, Nordhorn, Nordhorn-Süd und Hestrup oder der Bau eines elektronischen Stellwerks in Nordhorn. Außerdem wurden alle Bahnübergänge, die sich nicht aufheben ließen, technisch gesichert. Im Bahnhof Neuenhaus ist ein neuer Seitenbahnsteig entstanden und der Bahnhof Nordhorn hat einen neuen Mittelbahnsteig erhalten. In Neuenhaus-Süd und Nordhorn-Blanke gibt es außerdem neue Haltepunkte, die die Städte besser mit dem SPNV verknüpfen. Obwohl Schüttorf keinen Bahnhof hat, profitiert die Stadt ebenfalls von der Reaktivierung: Ein Bus fährt von einem Haltepunkt in Quendorf nach Schüttorf und bringt so Fahrgäste des Zuges bis in die Stadt.

Ein Gewinn für alle

Dass die Reaktivierung des Schienenpersonennahverkehrs in der Grafschaft gelungen ist, hat eine hohe Bedeutung für die Region, wie der Erste Kreisra, Dr. Michael Kiehl, betont: „Das Mobilitätsverhalten verändert sich, vor allem bei jungen Menschen. Öffentliche Verkehrsmittel werden immer wichtiger. Mit der Reaktivierung des SPNV konnten wir eine Angebotslücke schließen.“ Auch für die ansässigen Unternehmen haben sich durch die Reaktivierung viele Vorteile ergeben: So können zum Beispiel Mitarbeiter und Kunden die Zugverbindung nutzen, um zur Arbeit zu pendeln oder zum Geschäftstermin anzureisen. Außerdem hat die Region an Attraktivität für Fachkräfte gewonnen. „Insgesamt hat sich die Außenwahrnehmung der Grafschaft noch einmal positiv verändert“, ist Kiehl sicher. Außerdem ist die Region als Urlaubsziel noch weiter in den Fokus gerückt. „Die Gäste haben nun die Möglichkeit, direkt mit dem Zug in die Grafschaft zu kommen. Das ist zum Beispiel praktisch, wenn sie Fahrradurlaub machen möchten, da sie die Räder direkt in den Zug mitnehmen können“, erklärt Kiehl. „Insgesamt profitiert die Region auf vielen Ebenen von der Reaktivierung.“

Neues Geschäftsfeld für die Bentheimer Eisenbahn

Auch für den Betreiber ist die Wiederaufnahme des SPNV ein Erfolgsprojekt. Bis Juli 2019 musste die Bentheimer Eisenbahn als nicht-bundeseigenes Unternehmen die Schieneninfrastruktur allein über den Güterverkehr finanzieren, der allerdings in einem harten Wettbewerb zum Verkehrsträger Straße steht. Deshalb war die Bentheimer Eisenbahn nicht in der Lage, die Kosten im Bereich Schieneninfrastruktur aus eigenen Mitteln zu stemmen. Tochterunternehmen griffen unter die Arme und schlossen mit ihrem Gewinn die Lücke. Diese Unterstützung ist nun nicht mehr nötig, wie Berends erläutert: „Die Kosten für die Infrastruktur werden nun überwiegend vom Schienenpersonennahverkehr getragen. Das Land Niedersachsen zahlt pro gefahrenen Kilometer an die Netzgesellschaft der Bentheimer Eisenbahn für die Nutzung des Schienennetzes. Insgesamt müssen wir also keine Mittel mehr zuschießen, sondern die Infrastruktur finanziert sich selbst.“ Die Entlastung kommt auch dem Steuerzahler zugute, denn die Bentheimer Eisenbahn ist kein Privatunternehmen, sondern zu 100 Prozent im Eigentum der Grafschafter Kommunen. Das Unternehmen hat sich mit dem Betrieb der Bahnhöfe außerdem ein neues Geschäftsfeld erschlossen. „Insgesamt haben wir uns einer strukturellen Veränderung unterzogen. Wir sind nicht mehr nur auf den Güterverkehr und den Personenverkehr auf der Straße fokussiert, sondern haben mit dem Personenverkehr auf der Schiene einen Sprung in eine neue Epoche gemacht“, betont der Vorstandsvorsitzende.

Hohe Frequenz schon nach kurzer Zeit

Dass die Frequenz auf der Strecke bereits nach kurzer Zeit sehr hoch war, überraschte die Projektpartner dann aber doch: Ursprünglich wurde in den Planungen mit rund 1.700 Fahrgästen täglich kalkuliert. Durchschnittlich ein bis zwei Jahre dauert es eigentlich, bis eine reaktivierte Strecke diese Zahl erreicht. Nicht so in der Grafschaft: Bereits nach kurzer Zeit nutzten an Spitzentagen sogar 2.000 bis 2.500 Fahrgäste das neue Verkehrsangebot. Berends führt die gute Resonanz auch darauf zurück, dass zum Konzept der Reaktivierung unter anderem die Gestaltung der Bahnhöfe als attraktive Aufenthaltsorte gehörte: „Die Fahrgäste sollen sich an den Bahnhöfen wohlfühlen und sich schon beim Ankommen damit identifizieren können. Ziel war es, eine Corporate Identity zu stiften.“

Weitere Projekte bereits in Planung

Die Reaktivierung der Strecke zwischen Bad Bentheim und Neuenhaus ist nur der erste Schritt: Ziel ist es, die Strecke künftig bis in die Niederlande nach Emmen/Coevorden auszubauen. „Wir befinden uns zurzeit in Gesprächen für die grenzüberschreitende Erweiterung“, erklärt Kiehl. Die notwendige standardisierte Bewertung ist kurz vor der Fertigstellung. Berends erklärt: „Nach Abschluss des Verfahrens hoffen wir, dass das Land Niedersachsen einen Antrag in Berlin stellt, denn der Bund fördert mittlerweile Reaktivierungen gegenüber den Bundesländern mit 90 Prozent. Das Land Niedersachsen möchte diese Förderung für unsere Strecke abrufen.“ Im Jahr 2025 soll es dann möglich sein, mit dem Zug bis nach Coevorden zu fahren.

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