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Ahaus

„Man muss sich auch einmal etwas trauen“

Ahaus - In der Architektur liegt es nahe, auf erprobte Typologien und bewährte Entwurfsmuster zurückzugreifen. Umso größer ist das Potenzial dort, wo Bauherrschaft und Planung diesen Reflex bewusst hinterfragen und bereit sind, neue Wege zu beschreiten. In solchen Prozessen entstehen bisweilen Lösungen, die nicht nur funktional überzeugen, sondern eine eigene architektonische Haltung sichtbar machen – vorausgesetzt, alle Beteiligten verfolgen gemeinsam den Anspruch, etwas Besonderes zu schaffen. Ein solches Projekt ist die Kindertagesstätte „Wilde Wiese“ der Stadt Ahaus im Münsterland. In Zusammenarbeit mit dem regional verankerten Architekturbüro Weitkamp + Partner wurde eine Kita geplant, die sich bewusst von konventionellen Lösungen löst. Im weiteren Projektverlauf formierte sich durch die Beauftragung des Vredener Generalunternehmens H+T Konzeptbau sowie des Alstätter Holzbauspezialisten Heinrich Haveloh GmbH ein starkes, regionales Projektteam. Gemeinsam realisierten sie ein Gebäude, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erzeugt.

Die neue Kita in Ahaus. Foto: Architekturbüro Weitkamp + Partner

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Was die Kita „Wilde Wiese“ aus dem üblichen Raster fallen lässt, ist ihre konsequente Formensprache. Das zweigeschossige Gebäude wurde als Kreis konzipiert – mit hohem Holzanteil, großzügigem Tageslichteinfall und einer klaren inneren Organisation. Kurze Wege, fließende Übergänge und gemeinschaftlich genutzte Multifunktionszonen prägen das räumliche Konzept. Auf kompakter Fläche finden sechs Gruppenräume, Küche und Mensa, Schlafräume sowie Büronutzungen Platz. Entstanden ist ein Gebäude für bis zu 120 Kinder, welches eine Effizienz erreicht, die man einer solchen Form zunächst nicht zutrauen würde. Seit Ende 2025 ist die Kita in Betrieb. Bereits während der Bauphase wurde sie zum Ziel zahlreicher Fachbesucher aus anderen Kommunen. Architektin Sandra Thesker berichtet von Anfragen aus ganz Deutschland: „Viele wollten wissen, wie wir einzelne runde Detailpunkte insbesondere im Holzbau konstruktiv gelöst haben.“ Auch André van Weyck bestätigt die außergewöhnliche Resonanz: „Ich habe selten ein Projekt erlebt, das ein derart großes Interesse von außerhalb ausgelöst hat.“ 

Optimun aus planerischer Sicht

Dass diese Lösung nicht von Beginn an feststand, gehört zur Geschichte des Projekts. Zahlreiche Entwurfsvarianten hat das Architekturbüro Weitkamp + Partner geprüft: klassische Rechtecke, L-Formen, differenzierte Baukörper. Keine davon vermochte in Gänze zu überzeugen. Erst die bewusste Rückkehr zu den zentralen Anforderungen – Nähe, Übersichtlichkeit, kurze Distanzen – führte zur Kreisform, die aus planerischer Sicht hier das Optimum darstellt und den Ansprüchen der Architekten genügte.

Runde Gebäude gelten als baulich anspruchsvoll und kostenintensiv. Entsprechend vorsichtig fiel die erste Reaktion des Bauherrn aus. Die Form versprach Qualität, bedeutete jedoch auch konstruktive Herausforderungen. In einem intensiven Abstimmungsprozess wurde der Entwurf weiterentwickelt, überprüft und präzisiert – mit dem gemeinsamen Ziel, architektonischen Anspruch und wirtschaftliche Vernunft in Einklang zu bringen.

 

Schließlich erteilte die Stadt Ahaus trotz höherer Investitionskosten das „grüne Licht“ – ein Vertrauensvorschuss, den alle Projektbeteiligten ausdrücklich würdigen. „Die Stadt hat hier Mut bewiesen“, so Tobias Mauritz. Aus anfänglicher Zurückhaltung entwickelte sich im Projektverlauf große Überzeugung. Mit der Beauftragung von H+T Konzeptbau im Jahr 2024 sowie der engen Zusammenarbeit mit der Heinrich Haveloh GmbH fand sich schließlich ein umsetzungsstarkes Team, das bereit war, den architektonischen Anspruch konstruktiv mitzutragen. Insgesamt investierte die Stadt rund 5,2 Millionen Euro in das Gebäude, ergänzt durch etwa 1,6 Millionen Euro Fördermittel des Landes Nordrhein-Westfalen. Als besonderer Glücksfall gilt dabei, dass nicht nur ein ambitionierter Entwurf realisiert werden konnte, sondern unter anderem drei Unternehmen aus der Region maßgeblich beteiligt waren.

Der offizielle Spatenstich erfolgte im Herbst 2024. Aus Sicht des Holzbauunternehmens handelt es sich um eine „außergewöhnlich große Kita“, wie Zimmerermeister Hermann Frankemölle erläutert. Zwar eigne sich ein solcher Entwurf nicht für jedes Grundstück, energetisch sei die runde Form jedoch durchaus vorteilhaft. Ein entscheidender Kniff lag in der konstruktiven Umsetzung: Der Baukörper ist streng genommen nicht vollständig rund, sondern polygonal aufgebaut. 107 identische Fassadenelemente mit gleichförmigen Glasflächen erzeugen die runde Erscheinung, ohne auf kostenintensive Sonderanfertigungen zurückgreifen zu müssen. Ein pragmatischer Ansatz, der Gestaltung und Budget gleichermaßen berücksichtigt.

 

Die Konstruktion ruht auf einer Stahlbetonbodenplatte mit umlaufenden Fundamenten, der gesamte aufgehende Bau ist konsequent in Holz ausgeführt. Außen prägt Lärchenholz das Erscheinungsbild, innen dominieren Fichte und akustisch wirksame Decken aus Weißtanne. Das Material verleiht dem Gebäude nicht nur eine warme, natürliche Atmosphäre, sondern erfüllt zugleich funktionale Anforderungen in besonderer Weise.

Die Holzbauweise sorgt für eine hervorragende Akustik – ein wesentlicher Aspekt in einer Kindertagesstätte – sowie für positive energetische Eigenschaften. Auch im Brandschutz erweist sich das Material als Vorteil: Während Stahl im Brandfall seine Tragfähigkeit schnell verliert, bildet Holz durch kontrolliertes Verkohlen eine schützende Schicht, die die Konstruktion über einen längeren Zeitraum stabil hält. Faustregel: Ein zusätzlicher Zentimeter Holzquerschnitt erhöht die Feuerwiderstandsdauer um etwa 30 Minuten.

 

Ist die Kita „Wilde Wiese“ ein Modell für die Zukunft? Eine serielle Übertragbarkeit schließen die Architekten Sandra Thesker und Tobias Mauritz grundsätzlich nicht aus – jedoch seien dafür Grundstück und Rahmenbedingungen oft zu unterschiedlich. In Alstätte kamen viele günstige Faktoren zusammen. Entscheidend sei jedoch die Qualität der Zusammenarbeit gewesen. „Wir haben gemeinsam immer eine Lösung gefunden“, sagt van Weyck. „Das ist wichtig, aber keineswegs selbstverständlich.“

Für Alstätte bleibt ein Bauwerk mit hoher architektonischer Qualität, regionaler Handschrift und überregionaler Strahlkraft. Oder, wie es Mauritz auf den Punkt bringt:
Man muss sich eben auch mal was trauen.

 

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