Spieker selbst ist de facto auf Abruf tätig, er verlässt die Stabsstelle demnächst, in Ahaus wird die Nachfolge aktuell geregelt. Idealerweise, so sagt Spieker, mache sich aber ein Amt wie seines irgendwann selbst überflüssig, weil der digitale Wandel nicht mehr von außen gesteuert, sondern von innen, von den Menschen selbst ganz natürlich vorangetrieben werde. Bis es so weit ist, geht man in Ahaus einen Schritt vor. Die Stadt wurde Ende 2024 im bundesweiten Wettbewerb „Digitale Orte 2024“ als „smarteste Kommune“ im ländlichen Raum ausgezeichnet. Hervorgehoben wurde hier die „Ahaus SuperApp“, die „eine für alle und alles“, wie es in Ahaus heißt. In der App werden diverse Angebote verschiedener Anbieter oder Behörden gebündelt – von Gutscheinen über Tickets, Wetter und Chat bis zum QR-Scanner, mit dem vom Hoteleingang über Spiele bis zu Leihrädern alles geöffnet oder gebucht werden kann. Die passenden Aufkleber mit QR-Codes gehören längst zum normalen Stadtbild in Ahaus.
„Bei der Digitalisierung sind Unternehmen, Gastronomie und Freizeitbranche naturgemäß agiler als die öffentliche Verwaltung“, gibt Spieker zu. „Wir würden gerne vieles viel schneller machen, sind aber von Bund und Land abhängig.“ Dennoch: Die „Digitalstadt Ahaus“ setzt Maßstäbe und hebt sich mit diesem Ansatz deutlich von vielen anderen Kommunen ab. Und damit die Digitalisierung wirklich gelebt wird und nicht nur theoretisches Angebot bleibt, greifen viele Hände ineinander. Das Stadtmarketing trägt die Möglichkeiten nach außen, Initiativen wie die Freiwilligenagentur „Handfest“ unterstützen ältere Menschen bei der Handhabung der SuperApp. Und natürlich ist da auch der „digitale Platzhirsch“, das Softwarehaus Tobit, auf deren Technologie die SuperApp in Ahaus basiert. Spieker: „Das Unternehmen engagiert sich sehr stark für die Stadt, nutzt Ahaus dabei auch als eine Art Showroom. Das ist eine Win-win-Situation für alle.“
Digitalisierung schreitet fort
Augenfällig sind auch die digitalen Infotafeln in der Fußgängerzone, unter anderem auf der Marktstraße. Auf einen Blick gibt es dort aktuelle Informationen über Bauprojekte, Veranstaltungen und mehr.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Digitalisierung kein natürliches Ende hat. Die Rahmenbedingungen verändern sich, die Technik selbst auch. Es ist ein ständiger Fluss von neuen Möglichkeiten und Anwendungsfällen. Um dafür eine Struktur zu schaffen, wurde in Ahaus die „Digital-Strategie 2028“ formuliert. Deren Vorgänger stammte schon von 2018 und legte den Fokus vor allem auf die Digitalisierung der Verwaltung. Die neue Strategie soll nun die Perspektiven für Verwaltung und Stadtgesellschaft bündeln. „Das Jahr 2028 ist dabei kein Enddatum, sondern eher als Meilenstein zu verstehen“, sagt Spieker. Mit der Strategie wolle sich die Stadt Leitplanken und Rahmenbedingungen schaffen. Bewusst sind im Papier auch Projekte und Ideen enthalten, die noch gar nicht konkret und erst recht nicht durchfinanziert sind. „Es geht uns einfach darum, die Lebensqualität in Ahaus zu erhöhen, den Alltag zu vereinfachen“, sagt Spieker. Beispiele dafür gibt es viele, unter anderem den Einsatz von Echtzeitdaten. In Ahaus lässt sich die Auslastung von Parkflächen nun rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, ablesen. Diese Daten werden auch intern genutzt, um Verkehre zu lenken und überhaupt zu erkennen, wo Parkraumbedarf herrscht. „Wir können auch sehen, wie stark die Innenstadt jederzeit frequentiert wird.“ Das wiederum sei relevant für die Planung von Veranstaltungen. Fünf Wetterstationen und ein mobiler Umweltsensor liefern aktuelle Daten, die wiederum zur Klimafolgenanpassung genutzt werden. „Wir verfügen auch über ein Energiedashboard, das uns den Verbrauch von Strom oder Gas zeigt“, sagt Spieker. Ein Pilotprojekt. Genutzt werden diese Daten, um Einsparungen durch eine bessere Steuerung zu erzielen. „Bei 60, 70 Liegenschaften der Stadt ist das schon relevant“, betont Spieker.
Möglichkeiten zu erforschen, etwas auszuprobieren und langfristig zu denken: Das ist der Digital-Ansatz, der so in Ahaus gelebt wird.
Carsten Schulte