Frau Voß, von den Multikrisen und Problemen unserer Zeit können wir uns nicht immer trennen, aber beginnen wir doch mit etwas Angenehmen: Was funktioniert (oder ist) in Ahaus richtig gut?
Ich würde hier tatsächlich bei den Menschen beginnen. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen in Ahaus sehr stolz auf ihre Stadt sind, dass sie sich sehr engagieren. Das gilt für Beruf, Vereine und das Ehrenamt. Ich spüre, dass hier an einem Strang gezogen wird und man gerne etwas für die Stadt tut. Das geht über die Kernstadt hinaus und betrifft alle Ortsteile. Dazu kommt eine gute Wohn- und Aufenthaltsqualität, aber auch eine hohe Innovations- und Wirtschaftskraft der lokalen Unternehmen, die sich wiederum in starken Gewerbesteuerzahlungen niederschlägt. Darüber werden wir sicher noch sprechen. Mit zahlreichen Veranstaltungen, die von Ahaus Marketing und Touristik begleitet werden, wird die Stadt belebt. Menschen kommen ins Gespräch und die Stadt wird ein attraktiver Treffpunkt.
Ist das von Ihnen beschriebene „Wir-Gefühl“ so ein bisschen typisch für das Münsterland?
Den Eindruck habe ich tatsächlich. Ich denke, dass zum einen die Lebensverhältnisse recht gut sind. Das liegt an der geringen Arbeitslosenquote und an den vielfältigen Angeboten. Aber auch die Integration ist hier kein Stressthema, sondern lebt eher von einer großen Bereitschaft, anzupacken. Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch mal geschimpft wird oder Menschen unzufrieden sind. Insgesamt herrscht aber ein anderes Gefühl vor und ich denke, dass das tatsächlich auch ein Merkmal des Münsterlandes ist.
Sie sprachen eben über die Gewerbesteuern. Wie geht es denn der Stadt Ahaus wirtschaftlich?
Ich bin jetzt seit zehn Jahren Bürgermeisterin und natürlich stehen die Finanzen immer im Fokus. Das gehört zu einer Kommunalverwaltung dazu und da haben wir ausgesprochen gute Jahre gehabt. Wir haben zwischen 2015 und 2024 kein einziges Mal ein Defizit hinnehmen müssen, sondern teilweise erhebliche Überschüsse erzielt, zum Teil im zweistelligen Millionenbereich. Dadurch konnten wir viele Investitionen vornehmen, ohne Kredite aufzunehmen. Auf der anderen Seite spüren wir, dass die Ausgabenseite zu schnell wächst.
Und aus Ihrer Erfahrung: Wie geht es der Wirtschaft, den Unternehmen vor Ort?
Es gibt ein aktuelles Stimmungsbarometer der Sparkasse Westmünsterland. Darin geht es eher um weiche Faktoren mit dem Ergebnis, dass beispielsweise die allgemeine Stimmung nicht so gut ist wie noch vor Jahren. In Ahaus haben wir allerdings einen breiten Branchenmix, der uns krisensicherer macht. Ich kann heute nicht in die Zukunft schauen, aber wir sind hier nach wie vor gut aufgestellt. Natürlich sind Unternehmen derzeit vorsichtiger bei Neuinvestitionen und der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen. Aber ich höre auch nichts, weswegen ich mir derzeit große Sorgen machen müsste.
Wie sieht denn der Branchenmix in Ahaus aus?
Wir haben viele Unternehmen im Bereich Metall, Kunststoff, Holz. Auch Software und IT würde ich als prägende Branche mit hineinnehmen. Es gibt andere Bereiche, die nicht so augenfällig sind, beispielsweise die Gesundheitsfürsorge mit dem Klinikum Westmünsterland. Das ist ein starker Arbeitgeber in Ahaus.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Stadt aktuell und vielleicht auch in der näheren Zukunft?
Ich weiß, dass gerade die Kommunen immer auch in Richtung Bund und Land schauen. Aber meine Devise ist, dass wir zunächst unsere eigenen Hausaufgaben machen müssen. Das bedeutet: Wenn die finanziellen Spielräume enger werden, müssen wir bei uns schauen, wo es noch Möglichkeiten gibt. Das heißt übrigens nicht immer sofort sparen, sondern vielleicht einfach wirtschaftlicher denken. Wir pflegen in der Stadtverwaltung den Begriff „Unternehmer-Gen“. So etwas braucht man heute. Und ich habe den Eindruck, dass Bund und Land auch vieles möglich machen. Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass Bund und Land uns Geld vorenthalten, das irgendwo liegt. Stattdessen gibt es Förderungen, Zuschüsse, Investitionspakete. Ich höre natürlich oft von Kolleginnen und Kollegen, dass das alles nicht genug ist. Das mag in manchen Bereichen so sein, weil wir zusätzliche Aufgaben wie die offene Ganztagsbetreuung in Schulen umsetzen müssen. Aber ich sehe auch eine kommunale Verpflichtung darin, zu schauen, wie wir mit unseren Mitteln erst einmal hinkommen. Manchmal haben wir uns vielleicht zu sehr daran gewöhnt, uns zurückzulehnen und zu erwarten, dass andere die Dinge für uns schon regeln. So ist eine gewisse Versorgungshaltung entstanden: Bund und Land, helft uns. Da plädiere ich für mehr Eigenverantwortung.
Eines der großen Themen in Deutschland greift in Ahaus ganz besonders. Es ist die Digitalisierung. Ahaus bewirbt sich selbst als die „Digitalstadt“. Ein Selbstzweck soll das aber sicher nicht sein, oder?
Ich gebe ehrlich zu, dass ich bei meinem Amtsantritt wenig Bezug zur Digitalisierung hatte. Das gehörte aber zu meinen Aufgaben und mir ist es wichtig, offen für Neues zu sein. Ich habe gerade hier in Ahaus gemerkt, dass das Unternehmen Tobit vieles angeschoben hat. Wie in einer Art Reallabor. Und dass hier einfach Dinge ausprobiert wurden und Menschen deshalb auch offen gegenüber technischen Neuerungen geworden sind. Das gilt ebenfalls für die Verwaltung und die Politik, die sich neue Möglichkeiten zunutze machen. Ich wünschte mir heute sogar, dass wir in der Verwaltung noch bessere Möglichkeiten hätten. Wir arbeiten schon so lang an der Digitalisierung und trotzdem klappt vieles noch nicht. Und das hat Ursachen. Wir haben viele Softwareprodukte, die nicht miteinander kompatibel sind. Wir arbeiten sehr kleinteilig.
Wie könnte das besser funktionieren?
Indem Behörden beispielsweise eine gemeinsame Plattform zur Verfügung gestellt bekämen. Dann würden die Daten dort gespeichert und man müsste als Bürgerin und Bürger nicht für jeden Anwendungsfall manuell Daten angeben – beim Einwohnermeldeamt, beim Bauantrag, im Kulturbereich für Tickets. Wir nutzen die Möglichkeiten von Digitalisierung bei Weitem noch nicht aus. Und der Reiz wäre für die Stadt, dass wir von Aufgaben entlastet werden, die reine Eingabetätigkeiten sind. Ich bin sicher, dass der Einsatz von KI sowohl für die Verwaltung selbst als auch für Bürgerinnen und Bürger große Vorteile bietet.
Womit kann Ahaus über die Digitalisierung hinaus noch punkten?
Wir sind eine Schulstadt mit breitem Angebot und das sieht man auch in Ahaus, wo junge Menschen das Stadtbild prägen. Wir haben auch eine vergleichsweise stabile Gastroszene, einen vielfältigen Einzelhandel und zahlreiche Veranstaltungen. Außerdem haben wir ein Schloss und einen Schlossgarten mitten in der Stadt, das ist ebenfalls etwas Besonderes und ein Anziehungspunkt.
Schauen wir noch etwas weiter ins analoge Leben: Ahaus ist eine Grenzstadt, liegt nur einen etwas größeren Steinwurf von Enschede entfernt. Wie macht sich das hier vor Ort bemerkbar?
Wir haben sicher Glück, dass Enschede direkt an der Ortsgrenze ist. Viele Ahauser fahren gerne hinüber. Wir sehen aber auch viele niederländische Gäste. Ansonsten zählt für uns die Nähe zu Münster, aber auch zum Ruhrgebiet und über die A 31 zur Nordsee. Die Autobahn war ein Glücksfall für Ahaus. Das spüren übrigens auch die Handwerksbetriebe aus der Stadt.
Klima, Energie, Arbeit, Wohnen, Mobilität … das sind Themen, die alle Städte betreffen, auch Ahaus. Und alles muss irgendwie gleichzeitig bearbeitet werden. Wie strukturieren Sie das hier vor Ort?
Wir sind in verschiedenen Fachbereichen organisiert, sodass wir die Themen parallel bearbeiten können. Es ist also nicht so, dass wir besonders priorisieren müssen. Ich hebe mal das Thema Energie hervor. Wir haben schon vor einigen Jahren eine Stabsstelle Klimaschutz eingerichtet und das Thema Windkraft und Photovoltaik spielt hier eine besondere Rolle. Es werden noch weitere Windkraftanlagen entstehen, die dafür sorgen, dass wir hier vor Ort regenerative Energie in großem Umfang selbst erzeugen können. Mobilität ist ein weiterer Aspekt, der für eine Flächenkommune wie Ahaus große Bedeutung hat.
Inwiefern?
Nun ja, wir sind hier auf dem Land (lacht). Der ÖPNV ist nicht so ausgebaut wie in der Großstadt. Wir haben einen Bürgerbus und Buslinien wie die von Vreden nach Münster. Wir versuchen aber auch, die Ortsteile durch Radwege noch besser an die Kernstadt anzubinden oder umgekehrt.
Welche Projekte wollen Sie gerne in den kommenden Jahren angehen?
Ich möchte, dass zunächst die Wallstraße fertig wird. Dann haben wir in der Kernstadt den Kirmesplatz, der zurzeit vor allem als Parkplatz dient. Wir denken zumindest darüber nach, ob die Kirmes weiter in die Innenstadt rücken und anders verteilt werden kann, sodass wir den Kirmesplatz perspektivisch anders nutzen können, zum Beispiel für Parken und Wohnen. Beim Thema Wohnen geht es darum, Investoren zu motivieren, zu bauen. Und insgesamt würde ich noch einmal für einen starken Gemeinsinn und Eigenverantwortung plädieren. Als Gesellschaft sind wir manchmal sehr individuell geworden, sehr auf uns selbst bezogen.
Und welche Wünsche hätten Sie zusätzlich noch?
Eine gute Schlossnutzung. Und ich wüsste gern, was jungen Menschen hier in Ahaus noch fehlt, damit sie gerne in der Stadt sind und sie Ahaus ein bisschen cool finden. Damit sie hierbleiben wollen oder nach Ausbildung oder Studium wiederkommen. Ich freue mich einfach, wenn ich junge Menschen in der Innenstadt sehe und sie dort Spaß haben.
Was machen Sie denn selbst in Ahaus besonders gern?
Tatsächlich bummele ich einfach gerne durch diese Innenstadt und ich nutze viele Möglichkeiten, für Konzerte und Theateraufführungen in die Stadthalle zu gehen. Mich freut, wie gut diese Stadthalle mit ihren knapp 700 Plätzen angenommen wird. Man muss eben nicht immer nach Münster, Oberhausen oder Düsseldorf fahren.
Das Interview führte Carsten Schulte