Sendenhorst

Katrin Reuscher: „Entwicklung des Ortskerns ist ein Herzensthema“

Katrin Reuscher (44) ist in Sendenhorst aufgewachsen und geht die Dinge gerne pragmatisch an. „Keine Hürden, sondern Sprungbretter“ ist ihr Credo. Als parteilose Kandidatin wurde sie 2020 zur Bürgermeisterin in Sendenhorst gewählt und arbeitet seither daran, ihre Heimatstadt zukunftsfit zu machen. Im Interview spricht sie über Projekte in Sendenhorst und Albersloh, die Bedeutung der Unternehmen vor Ort für die Stadt – und warum der Löwenzahn ein gutes Bild für ihre Pläne ist.

Katrin Reuscher, Bürgermeisterin der Stadt Sendenhorst. Foto: Stadt Sendenhorst

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Frau Reuscher, für die Entwicklung einer Kommune ist eine lebendige Wirtschaft zwingend notwendig. Wie steht Sendenhorst nach Ihrem Eindruck da? 

Die zentrale Botschaft ist: Es geht den meisten Unternehmen vor Ort sehr gut. Wir haben viele Unternehmen, die wachsen und expandieren, die vor Ort Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen und sich auch stark für Aus- und Weiterbildung engagieren. Unser Plus ist, dass wir eine ziemlich gemischte Struktur aus kleinen Handwerksbetrieben, mittelständischen Unternehmen und wirklich großen und international tätigen Unternehmen haben. Das ist schon eine große Spannweite.  

Dabei hört man oft von einer Zurückhaltung bei Investitionen. Hier nicht?  

In den Gesprächen, die wir aktuell führen, geht es tatsächlich eher darum, wie man am Standort Sendenhorst investieren kann. Das ist natürlich positiv – wenn auch vielleicht gegen den Trend.  

Die erste Gewerbeschau in Sendenhorst war Ende Mai ein lebendiger Ausdruck der Wirtschaft vor Ort. Wie haben Sie den Tag erlebt? 

Ich war den ganzen Tag vor Ort, bin auch einmal ordentlich nass geworden (lacht). Insgesamt war es eine starke Gemeinschaftsleistung, die unsere Unternehmen hier angestoßen haben. Ich würde es einen Erfolg auf allen Ebenen nennen. Fast alle Unternehmen haben mitgemacht, mehr als 70 waren dabei. Sie konnten sich präsentieren, haben auch über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg zusammengearbeitet. Gerade dieser Austausch, der im Alltag manchmal etwas in den Hintergrund rückt, war für die Unternehmen wichtig und dieser Kontakt sorgt letztlich auch dafür, dass sich die Unternehmen noch mehr mit dem Standort Sendenhorst identifizieren.  

Sicher auch eine gute Außenwerbung für Sendenhorst? 

Das ist so. Die Parkplätze waren voll, die Shuttle-Busse im Dauereinsatz. Wir haben nachmittags sicher um die 10.000 Besucherinnen und Besucher begrüßt, davon viele aus der Region um Sendenhorst herum. Das war eine super Werbung für uns. Wir haben diese Initiative der Unternehmen als Stadt gerne unterstützt und würden das bei einer Wiederholung ebenfalls tun.  

Mit Blick auf die Gewerbeflächen dürfte der just veröffentlichte Regionalplan von Interesse sein. Welche Spielräume ergeben sich hier?  

Erst einmal sind wir froh, dass der Regionalplan vorliegt. Jetzt haben wir Klarheit. Und im Ergebnis können wir für Sendenhorst und Albersloh ganz zufrieden sein. Etwa 19 Hektar können wir für das Thema Wohnen planen, weitere 40 Hektar für Gewerbe. Was den Flächenerwerb angeht, haben wir noch Arbeit vor uns, aber unterm Strich haben wir eine gute Lösung. Übrigens auch für das große Thema Windkraft, das wegen ständig wechselnder rechtlicher Grundlagen nicht einfach ist. Wir haben das aber in Sendenhorst und Albersloh ganz klar als Aufgabe verankert und wollen hier noch spürbar wachsen. Für die Stadt sind damit langfristige, verlässliche und gleichbleibende Einnahmen verbunden.  

Sendenhorst liegt direkt vor den Toren von Münster – welche Rolle spielt das für den Standort? 

Münster ist ganz wichtig für uns, sogar in mehrfacher Hinsicht. Als Oberzentrum bedient es viele Faktoren von Dienstleistung über Gesundheit bis zu Freizeitangeboten. Die Nähe macht Sendenhorst daher auch zu einem alternativen Wohnort. Und es gibt intensive Pendelbeziehungen zwischen beiden Orten – so wie viele nach Münster zum Arbeiten fahren, ziehen unsere großen Unternehmen vor Ort auch Menschen zur Arbeit nach Sendenhorst. Das ist für unsere Wirtschaft ein gutes Zeichen.  

Menschen müssen aber auch wohnen. Was kann Sendenhorst bieten?  

Unser großes Vorhaben ist das Wohnbaugebiet „Nordglindkamp“ im Norden von Sendenhorst. Die Grundstücksgesellschaft und ein weiterer Partner entwickelt das gerade mit uns. Wir wollen schrittweise bis zu 500 Wohneinheiten bauen, wobei wir uns ein vielfältiges Quartier wünschen – für Auszubildende ebenso wie für Senioren und Familien. Das wird sich dann auch in der Bebauung wiederfinden. Wir wollen ab 2028 in die Vermarktung gehen.  

Die Nähe zur künftigen Mobilstation ist dabei sicher spannend. Dort soll die S-Bahn zwischen Münster und Sendenhorst fahren. Doch dieses Projekt stockt noch immer ...  

Die Verbindung zwischen Münster und Sendenhorst ist in jedem Fall eine gute Alternative zum Bus. Sie ist daher enorm wichtig. Und es ist ein Infrastrukturprojekt mit vielen Beteiligten, die auch mit Hochdruck daran arbeiten. Es herrscht ein großer, überparteilicher Konsens, die S-Bahn zu realisieren. Alle wollen sie. Aber wir müssen im Genehmigungsverfahren immer wieder neue Schleifen drehen. Da glaube ich, dass das Allgemeinwohl deutlich mehr Gewicht erhalten müsste als manche Einzelinteressen. Der Planfeststellungsbeschluss soll im zweiten Halbjahr ein wichtiger Meilenstein werden.  

In den vergangenen Jahren und auch aktuell investieren ganz unterschiedliche Einrichtungen in Sendenhorst, unter anderem das St. Josef-Stift oder die Laumann-Stiftung. Gerade deren neues Begegnungszentrum wird auch die Ortsmitte verändern. Was für eine Bedeutung hat das für Sendenhorst?   

Als gelernte Raumplanerin ist die Entwicklung der Ortskerne schon ein Herzensthema von mir. Ich freue mich wirklich sehr, dass wir in den kommenden Jahren in Sendenhorst ein Gastronomie- und Dienstleistungsquartier entwickeln und gleichzeitig historische Bausubstanz erhalten können. Gleich neben dem Rathaus wird noch ein Neubau der Sparkasse entstehen, in dem wir auch als Stadt Räume nutzen wollen. Und wir schauen auf den öffentlichen Raum, den wir gemeinsam mit der Nachbarschaft aufwerten wollen. Eine hohe Aufenthaltsqualität ist wichtig, nicht nur für die Menschen, die hier leben, sondern auch für Gäste, beispielsweise aus dem St.-Josef-Stift. Wenn wir es nicht schaffen, Ortskerne zu schützen, bluten sie aus. Dann wird man eine reine Wohnstadt. 

In Albersloh verfolgen wir daher die gleichen Ziele, auch dort stehen verschiedene Projekte an, beispielsweise die Aufwertung des Kirchplatzes oder die Neugestaltung des Werse-Ufers oder die Nachnutzung der alten Brennerei Heumann.  Das sind alles Projekte, die finanziert werden müssen. Kann Sendenhorst das schaffen?  

Unser Haushalt ist defizitär, aber aufgrund der guten Abschlüsse in den letzten Jahren geht es uns in Sendenhorst noch verhältnismäßig gut. Es stimmt allerdings, dass sich die Haushaltslage in den kommenden Jahren verschlechtern wird. Rund 35 Millionen Euro städtische Investitionen haben wir im Haushalt vorgemerkt. Wenn wir das alles selbst finanzieren müssen, wird es schwierig. Daher geht der Blick schon Richtung Förderungen durch Land und Bund. Das ist ein aufwendiger Prozess, aber notwendig. 
In diesem Zusammenhang ist es gut, dass wir mit der Gewerbesteuer eine bisher solide Einnahmequelle haben – sie macht rund 30 Prozent unseres Haushalts aus.  

Lassen Sie uns kurz aufs große Ganze schauen: Welche Herausforderungen erwarten Sie für die Stadt in den kommenden Monaten und Jahren?   

Das möchte ich grundsätzlich formulieren. Für Kommunalpolitik und Verwaltung geht es darum, das Vertrauen der Menschen in unser Handeln im Blick zu behalten. Nur so können wir sozialen Frieden sichern – und das ist die große Herausforderung. In das Wehklagen über fehlende Finanzausstattung will ich nicht einstimmen, es hilft ja nichts. Unterm Strich haben wir es bisher immer geschafft. Aus meiner Sicht ist unser großes Plus, dass wir eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Politik haben. Wir setzen uns mit vielen Themen auseinander, aber in 90 Prozent der Fälle bekommen wir am Ende einen einstimmigen Beschluss. Diese Rückendeckung hilft uns als Verwaltung, Projekte auch umzusetzen. 

Sie haben die erste Amtszeit hinter sich, jetzt wollen Sie erneut als Bürgermeisterin antreten. Welche Ziele möchten Sie noch erreichen oder welche Projekte würden Sie gerne noch anstoßen?  

Neben den Themen, die ich schon angesprochen habe, möchte ich auch die klimaresiliente Stadt angehen. Wir haben viele Maßnahmen dazu schon vorgedacht, es ist aber wichtig, das strategisch anzugehen.  

Was denn beispielsweise? 

Kennen Sie das Bild vom Löwenzahn, der durch den Beton bricht? So etwas habe ich zum Beispiel im Kopf. Ich möchte gerne Flächen, die niemandem nutzen, entsiegeln und mehr Aufenthaltsqualität schaffen. Ökologische Vielfalt wird das Stadtbild positiv beeinflussen. Und allgemeiner: Ich möchte gerne weitermachen, weil ich das, was auf dem Weg ist, auch zu Ende bringen möchte.  

Das Interview führte Carsten Schulte
 

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