Frau Kortüm, Sie starten in Ihre zweite Amtszeit als Bürgermeisterin der Stadt Gescher. Bei der Kommunalwahl sind Sie mit rund 83 Prozent wiedergewählt worden. Das klingt nach viel Rückenwind, oder?
Ja, absolut – über das Ergebnis habe ich mich sehr gefreut. Man macht sich vorher ja schon Gedanken und geht mit einer gewissen Erwartungshaltung an sich selbst in den Wahlkampf. Bei meiner ersten Wahl 2020 hatte ich noch zwei Mitbewerber und habe mich mit etwas mehr als 57 Prozent durchgesetzt. Insofern war jetzt ohne Gegenkandidaten die Chance groß, dass ich einige Stimmen, die damals noch an die beiden anderen Bewerber gingen, dazugewinnen konnte. Insgeheim habe ich mit etwa 70 Prozent gerechnet – aber dass es am Ende so deutlich wird, das hätte ich wirklich nicht gedacht.
Wichtiger als die Zahl selbst ist für mich aber das, was dahintersteht: ein echter Vertrauensbeweis der Bürgerinnen und Bürger. Und auch aus der Politik kam vorher schon die Rückmeldung, dass man mit meiner Arbeit zufrieden ist. Das freut mich natürlich besonders.
Viele haben sich sicherlich auch gefragt, warum Sie überhaupt Wahlkampf betrieben haben, ohne Gegenkandidat.
Mir war das wichtig. Ich wollte deutlich machen: Ich bewerbe mich aktiv für die nächsten fünf Jahre, das läuft nicht einfach so weiter, nur weil ich schon im Amt bin. Die eigentliche Kunst ist, die Menschen überhaupt zu erreichen – und das wird immer schwieriger. Früher lief fast alles über die Zeitung, heute kommt Social Media dazu, was einiges erleichtert, aber eben auch nicht jeden erreicht. Und manche ziehen sich inzwischen komplett aus den Medien zurück, weil ihnen die Nachrichtenlage nicht gut tut. Am besten erreicht man die Bürgerinnen und Bürger deshalb, wenn man wirklich unter ihnen ist. Genau das liebe ich an diesem Amt: Dass ich in meiner Heimatstadt gut mit den Menschen ins Gespräch kommen kann. Dieser Austausch macht mir nach wie vor aufrichtig Freude.
Was haben Sie aus Ihrer ersten Amtszeit über sich selbst gelernt?
Ich war schon immer jemand, der viel Geduld mit Menschen hatte – aber als Bürgermeisterin habe ich zusätzlich gelernt, dass ich auch viel Geduld mit Entwicklungsprozessen haben muss (lacht). Mir waren die Abläufe in einer Verwaltung zwar nicht fremd. Aber manchmal muss man umständliche Extrarunden drehen, vor allem wenn es um Verwaltungsvorschriften geht. Fördergelder sind toll, wenn sie da sind. Nur der Weg dahin ist manchmal so aufwendig und bürokratisch, dass Projekte ohne Förderung schneller und manchmal vielleicht sogar günstiger umgesetzt werden.
Welche Themen stehen bei Ihnen in der zweiten Amtszeit ganz oben auf der To-do-Liste?
Ganz oben auf der Liste stehen natürlich unsere großen Bauvorhaben. Wir haben da einiges vor der Brust. Dass nicht alles gleichzeitig geht, hat viele Gründe – personell wie finanziell. Aber wir haben die Projekte mit der Politik priorisiert und setzen sie jetzt Schritt für Schritt um. Als Erstes ist die Dreifachturnhalle dran, da sind wir schon mitten im Prozess. Dann muss das Feuerwehrgerätehaus unbedingt erneuert werden. Und eine unserer Grundschulen – die von-Galen-Schule – braucht auch eine umfassende Sanierung.
Auch beim Klimaschutz müssen wir wieder mehr Gas geben. Unser Klimaschutzmanagement lag eine Zeit lang brach, weil unser Mitarbeiter sich beruflich umorientiert hat – was bei einer nur befristeten, geförderten Stelle absolut nachvollziehbar ist. Umso mehr freue ich mich, dass wir jetzt mit Maziyar Sanaie jemanden gefunden haben, der das Thema wieder aktiv vorantreibt.
Was zum Beispiel?
Unser Klimaschutzkonzept beinhaltet noch einige offene bzw. nicht zu Ende gebrachte Punkte. Herr Sanaie wird das gemeinsam mit Julia Przẏwara, die seit dem 1. Juli dieses Jahres als Energiemanagerin an Bord ist, angehen. Die beiden arbeiten sehr eng zusammen und geben den Themen einen richtigen Schub.
Beim Klimaschutz geht es nicht darum, irgendwen zu missionieren. Sondern darum, zu zeigen: Jede und jeder kann etwas tun. Wir wollen Unternehmen unterstützen, gleichzeitig aber auch Privathaushalte und öffentliche Einrichtungen. Herr Sanaie hat zum Beispiel schon engen Kontakt zu den Schulen aufgebaut, um bei den Jüngsten anzufangen – etwa mit dem Thema Müllvermeidung. Ein weiteres Projekt, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist die kippenfreie Innenstadt. Das packen wir jetzt richtig an, ganz aktuell mit einem Pop-up-Event auf dem Weihnachtsmarkt. Ein weiteres Thema sind die Schottergärten.
Auch die Wirtschaftsförderung ist Teil Ihrer Agenda. Anfang des Jahres haben Sie einen neuen Arbeitskreis Wirtschaftsförderung eingerichtet. Erzählen Sie mal …
Unser Ziel mit dem Arbeitskreis Wirtschaftsförderung ist: Leben reinbringen – und die Akteure zusammenbringen. Viele kannten sich (noch) nicht untereinander. Der neue Arbeitskreis hat sich schon dreimal getroffen. Es ist ein knackiges Format, in dem insbesondere den Gewerbetreibenden und Einzelhändlern eine Plattform geboten wird, um ihre Herausforderungen zu benennen und gemeinsam an Lösungsansätzen zu arbeiten. Diese Ansätze greifen unsere Wirtschaftsförderinnen dann auf und entwickeln passgenaue Projekte, die den Betrieben bei der Problemlösung helfen. Außerdem benennen wir die Ansprechpartner aus der Verwaltung. Die Unternehmer sollen wissen, wen sie ansprechen können, wenn es zum Beispiel Probleme mit einem Versorger oder einer Gigabit-Anbindung gibt. Wir haben oft entsprechende Kontakte auch über unser eigenes Haus hinaus und können so schneller Türen öffnen. Aktuell sind außerdem die Planungen für eine Gewerbeschau 2027 angelaufen – das Thema wird uns sicher in den kommenden Treffen des Arbeitskreises verstärkt beschäftigen. Darüber hinaus wird es für dieses Großevent aber auch einen Lenkungskreis geben, der alle vorbereitenden Arbeiten koordiniert.
Wie geht es den Unternehmen in Gescher denn zurzeit?
Es lassen sich sicherlich nicht alle Unternehmen und Branchen über einen Kamm scheren. Aber insgesamt nehme ich wahr, dass viele Betriebe in Gescher und Hochmoor entgegen der allgemein eingetrübten konjunkturellen Lage gut unterwegs sind – vor allem, weil wir hier viele sehr spezialisierte und dennoch breit aufgestellte Unternehmen haben, bei denen die Nachfrage entsprechend groß ist. Auf der anderen Seite gab es zuletzt auch Insolvenzen. Und natürlich spüren wir in Gescher auch die allgemeinen Herausforderungen: In manchen Bereichen fehlen Mitarbeitende, die Auftragslage ist nicht mehr überall so stark wie in den vergangenen Jahren. Trotzdem können wir zufrieden sein und blicken zuversichtlich nach vorne. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr gut von den Gewerbesteuereinnahmen profitiert.
Was in Gescher wirklich ein großes Pfund ist: Wir haben starke Netzwerke. Ob der neue Energiecampus oder der IT-Campus von d.velop – diese „Campus-Kultur“ funktioniert in Gescher. Die Führungskräfte der Betriebe leben ein starkes Miteinander, tauschen sich aus und schauen oft erstmal hier vor Ort, welches Unternehmen aus der Nachbarschaft bei einem Projekt oder Auftrag helfen kann.
Wie können Sie von Seiten der Stadt helfen, zum Beispiel beim Fachkräftemangel?
Indem wir die passende Infrastruktur für ein gutes Leben in Gescher bereitstellen. Das fängt beim Wohnungsmarkt an. Es kommt – vor allem bei großen Unternehmen und Start-ups – immer wieder vor, dass spezielle Fachkräfte projektbezogen für ein halbes Jahr in Gescher arbeiten. Und genau da fehlen uns bislang die passenden Wohnangebote. Daran arbeiten wir. Auch im Bildungsbereich sorgen wir mit Investitionen in unsere Grundschulen und unsere Gesamtschule für gute Bedingungen, sodass es für Fachkräfte und ihre Familien attraktiv wird, in Gescher zu leben. Dazu trägt übrigens auch eine gute ärztliche Versorgung bei, die wir mit dem neuen Medizinischen Versorgungszentrum, kurz MVZ, am Gesundheitscampus in Gescher sicherstellen.
Was steckt dahinter?
Als wir uns damals damit beschäftigt haben, steckten wir – wie viele Kommunen – wirklich in der Bredouille: Die Ärzteschaft war überaltert, Nachwuchs kaum in Sicht, dabei ist es als Kommune eigentlich nicht unsere originäre Aufgabe, selbst medizinische Versorgung zu organisieren. Umso mehr Glück hatten wir, dass wir Partner gefunden haben, die mit uns ein MVZ in Gescher aufbauen wollten. Die Idee dahinter ist, dass erfahrene Ärztinnen und Ärzte, die eigentlich schon im Ruhestand sind oder ihre Praxis abgegeben haben, noch einmal einsteigen – aber ohne den ganzen Verwaltungsballast. Keine Abrechnung, keine Personalverwaltung, keine Organisation. Sie kümmern sich einfach um das, was ihnen Freude macht: die Patienten. Alles andere wird im Verbund übernommen. Das hat wunderbar funktioniert. Und inzwischen kommen auch junge Ärztinnen und Ärzte von außerhalb nach, das MVZ wird breiter aufgestellt, auch Fachärzte sollen dazukommen. Eine positive Eigenschaft unserer Bürgerinnen und Bürger ist ihre Flexibilität.
Wie meinen Sie das?
Man wird hier auch als Zugezogener akzeptiert und kann sich gut integrieren. Gescher ist lebenswert und hat eine Menge zu bieten. Ich muss manchmal schmunzeln, wenn immer noch Leute sagen: „In Gescher ist nichts los.“ Denn das Gegenteil ist der Fall – wir haben eher das Problem, alle Termine unter einen Hut zu bekommen. Da wird es abseits der großen Feste schon schwierig, überhaupt freie Termine für Veranstaltungen zu finden, gerade in unserem noch relativ neuen Theater- und Konzertsaal. Unsere Aufgabe ist deshalb auch, immer wieder sichtbar zu machen, was in Gescher wirklich so alles los ist.
Frau Kortüm, jetzt haben wir viel über Ihre Arbeit gesprochen. Wenn Sie sich mal einen Tag komplett freinehmen könnten – keine Termine, kein Smartphone: Wie würden Sie diesen Tag verbringen?
Was ich gerne mal wieder machen würde: einen richtigen Münster-Tag. Ich habe ja in Münster studiert, mein Mann und ich haben dort während des Studiums lange gelebt, und ich würde einfach gerne mal wieder mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren – zu all den Orten, die mit Erinnerungen verbunden sind. Ein bisschen Shopping wäre bestimmt auch dabei (lacht). Und natürlich würde ich mich ins Café setzen, in dem man früher oft war, und einfach die Seele baumeln lassen.