Drensteinfurt

Interview | „Die Laune ist grundsätzlich gut, aber mit Sorgenfalten“

Seit elf Jahren ist Carsten Grawunder parteiloser Bürgermeister der Stadt Drensteinfurt. In diesem Herbst legt er sein Amt nieder. Im Interview spricht Grawunder über die Lage vor Ort, über abgeschlossene und noch anstehende Aufgaben.

Carsten Grawunder, Bürgermeister Drensteinfurt. Foto: Carsten Schulte

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Herr Grawunder, im Münsterland schauen viele Menschen aufs über 1.200 Jahre alte Oberzen­trum Münster. Drensteinfurt ist aber fast genauso alt und will das 2026 auch feiern. Was ist denn geplant? 
Tatsächlich feiert Drensteinfurt im kommenden Jahr den 1.175. Geburtstag. Unsere Planungen dazu laufen gerade in verschiedenen Arbeitsgruppen. Es wird übers ganze Jahr eine Veranstaltungsreihe geben und zum Schluss ein ganzes Festwochenende am 15. und 16. September 2026. Unser Stadtarchivar ist mit anderen Historikern damit beschäftigt, eine umfangreiche Aufarbeitung der Stadtgeschichte zu erstellen. Wir wollen Vereine und Bevölkerung einbinden und sammeln beispielsweise gerade Ideen für ein Logo.  

Zur guten Laune dürfte beitragen, dass es Drensteinfurt derzeit ganz gut geht.  
Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann ja. Und solche guten Nachrichten gehen oft etwas unter. Wir haben in den vergangenen elf Jahren unser Eigenkapital um zehn Millionen Euro auf 54 Millionen Euro erhöht. Und auch unsere Ausgleichsrücklage (Anm. d. Red.: eine Art zusätzlicher Puffer innerhalb des Eigenkapitals) stieg von 4,7 auf 15,1 Millionen Euro. Das ist erst einmal positiv. Aber mit Blick in die Zukunft sieht man die Herausforderungen. Das Jahresergebnis 2024 wird wohl ein Defizit aufweisen, das wird voraussichtlich auch 2025 und 2026 so sein. Erst für 2027 rechnen wir dank geplanter Grundstücksverkäufe wieder mit einem besseren Ergebnis. Möglicherweise müssen wir aber Liquiditätskredite aufnehmen, das wäre nicht ideal. Also: Die Laune ist grundsätzlich gut, aber mit Sorgenfalten.  

Hat das auch etwas damit zu tun, dass die Gemeinden und Städte immer mehr Aufgaben erfüllen müssen? 
Ja. Das Land ist aufgefordert, den Kommunen mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Es kann nicht gesund sein, dass wir uns finanziell nur über Wasser halten, indem wir unser Tafelsilber verkaufen. Wir sind heute schon an der Grenze dessen, was auskömmlich ist. Flüchtlingsunterbringung, kommunale Wärmeplanung, OGS-Anspruch – das tun wir alles gern. Aber die Zuschüsse reichen einfach nicht. Hinzu kommt, dass auch Förderprogramme selbst nicht einfach sind. Wir stecken viel Arbeit hinein, aber am Ende kommen längst nicht alle Anträge zur Umsetzung. Eigentlich hätten wir viel lieber ein festes Budget, das wir dann hier vor Ort verteilen.  

Drogeriemarkt kommt

Umso wichtiger sind dann die Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt, oder?  
Die Gewerbesteuer ist immer ein guter Indikator für die Lage vor Ort. In Drensteinfurt haben wir nicht viele Unternehmen, daher rechnen wir derzeit mit etwa sechs Millionen Euro Einnahmen aus der Gewerbesteuer. Unseren Unternehmen scheint es grundsätzlich gut zu gehen, aber ganz ohne Einschränkungen gilt das nicht.  Das Unternehmen „The Cookware Company“, zu dem Merten & Storck seit 2019 gehört, schließt beispielsweise den Standort in Drensteinfurt. Davon sind rund 40 Arbeitsplätze betroffen. Wir sind aber dabei, das Areal neu zu überplanen, unter anderem mit der langersehnten Ansiedlung eines Rossmann-Drogeriemarkts.  

Für den Drogeriemarkt planen Sie mit etwa 700 Quadratmeter Fläche. Ansonsten wird es knapp mit Gewerbeflächen.  
Im Kern haben wir nichts mehr frei. Nördlich der B 58 bietet der neue Regionalplan eine Perspektive für ein neues Gewerbegebiet mit rund fünf Hektar Fläche. 

Es ist Ziel der Stadt, auch den Tourismussektor verstärkt in den Fokus zu rücken. Warum lohnt sich denn ein Besuch in Drensteinfurt? 
Neben dem innerstädtischen Weihnachtsmarkt, der oft gelobt wird, ist das auch das Sportevent Drensteinfurt Triathlon, der im kommenden Jahr zum vierten Mal stattfinden wird und überregionales Publikum anzieht. Wir haben aber auch den Renntag, ein Trabrennen mit internationaler Beteiligung, das tausende Menschen nach Drensteinfurt bringt. Diesen Besuchern Platz zu bieten, ist eine Herausforderung. Uns fehlen beispielsweise Wohnmobilstellplätze, aber auch ein passender Hotelbetrieb. Wir haben den Bedarf vor einigen Jahren prüfen lassen. Im Ergebnis könnte in Drensteinfurt ein Hotel mit 60 Betten für Tagungsgeschäft und Wochenendtouristen wirtschaftlich betrieben werden. Mein Traum wäre noch ein Tourismusbüro, das als zentrale Anlaufstelle für Gäste dient.  

Das Thema Wohnen betrifft auch Menschen, die dauerhaft in Drensteinfurt leben. Um den Wohnbau zu stärken, ist Drensteinfurt Teil des IstaG-Modells. Worum geht es dabei?  
Das ist ein schönes Thema, über das wir lange gesprochen haben. Es geht im Kern um Daseinsfürsorge: In den kommenden fünf Jahren wollen wir zwischen 300 und 500 bezahlbare Wohnungen entstehen lassen – und zwar nicht nur in Drensteinfurt, sondern in sechs Kommunen im Umkreis von Münster, die sich dafür zusammengetan haben. Jede Kommune gründet dazu eine lokale Gesellschaft, die das Projekt dann gemeinsam steuern. Und jede Kommune stellt in eigener Verwaltung mögliche Flächen zur Verfügung. Mit der IstaG wird die Zusammenarbeit der Kommunen intensiviert und vielleicht bildet sich daraus mal eine Zusammenarbeit, wie es sie in der Städteregion Aachen gibt. 

Indem Sie über Stadtgrenzen hinaus denken…  
… genau. Wir lösen uns damit von einer Kleinteiligkeit, was auch personell eine Entlastung für jedes Mitglied ist. Schließlich haben alle Gemeinden und Städte hier ganz ähnliche Bedarfe.  

Mit mehr Wohnungen werden aber auch mehr Plätze im Bereich von Schulen und Kitas benötigt.  
Deshalb läuft bereits heute der Ausbau der Grundschule in Rinkerode. In Drensteinfurt selbst werden wir temporär mit Containerlösungen arbeiten müssen, um den Raumbedarf zu decken. Die Grundschule in Walstedde ist bereits ausgebaut. Und auch bei den Kita-Plätzen sind wir gut aufgestellt. Wir sind hier einen eigenen Weg gegangen, indem wir als Stadt zwei Kitas neu gebaut haben und diese an Träger vermieten. Weil wir Eigentümer von Flächen und Gebäuden bleiben, bieten sich perspektivisch Möglichkeiten für eine Nachnutzung. Für uns war einfach wichtig, erst einmal den Platzbedarf zu sichern, statt kurzfristig höhere Einnahmen durch einen Grundstücksverkauf zu erzielen.  

Sie selbst scheiden nach der Kommunalwahl aus. Was bleibt Ihnen dann vor allem im Kopf? 
Vor allem die gute Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung. Die Bereitschaft nahezu aller, sich in den Dienst der Stadt zu stellen. Das werde ich schon vermissen. Dazu kommen natürlich viele Projekte: Städtepartnerschaften, Schulumbauten, die Sanierung fast aller Brücken im Außenbereich der Stadt. Gerade im Bereich der Infrastruktur, also Straßen, haben wir einiges abgearbeitet, haben aber auch noch einiges vor uns.  

Und wie geht es bei Ihnen selbst weiter?  
Ich werde in Drensteinfurt bleiben, wir haben hier gebaut. Daher schaue ich in die Region, wo sich Möglichkeiten auftun. Mit elf Jahren Erfahrung in der Behördenleitung und mit meiner Erfahrung aus der Zeit beim Bund und der Polizei würde mich der große Bereich des Katastrophenschutzes schon reizen.  

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