Bocholt

Innenstadtentwicklung | „Wir sind auf dem richtigen Weg“

Die Stadt Bocholt hat einen Plan. „Kollektiver Systemwandel“ heißt die Strategie. Hinter diesem etwas sperrigen Begriff steckt ein Handlungsplan für die Entwicklung der Bocholter Innenstadt in den kommenden Jahren. Denn die Innenstadt und das umliegende Zentrum der größten Stadt im Kreis Borken befinden sich derzeit kräftig im Umbruch: Neben den Maßnahmen im Rahmen des Konzepts „Kollektiver Systemwandel” ist die Umsetzung von das Stadtbild prägenden Großprojekten wie die Entwicklung der ehemaligen Brache an der Aa zum Wohn- und Kulturviertel „Kubaai“, die Sanierung des Rathauses am Berliner Platz oder die Realisierung des Wohnquartiers „7Höfe“ in vollem Gange.

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Mit dem Kubaai-Quartier biegt eines der Leuchtturmprojekte der Stadtentwicklung in Bocholt auf die Zielgerade ein. Die Transformation der Industriebrache in Innenstadtnähe zu einem lebendigen Viertel ist eines der größten Investitionsvorhaben vor Ort. Seit März 2024 ist dort der Lern- und Kulturort „LernWerk“ angesiedelt. 2026 soll das neue Hotel „The Brick“ mit 80 Betten folgen. Größter Baustein in dem Projekt sind aber die insgesamt 750 Wohneinheiten – unter anderem für Studierende. Außerdem werden Platz für Kleingewerbe und Büros für Freiberufler sowie Gastronomie am Aasee geschaffen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Bocholt mit privaten Investoren. „Das Kubaai-Quartier ist ein städtebaulich herausragendes Projekt für Bocholt und die gesamte Region. Auch wirtschaftlich gesehen wird es der Stadt einen enormen Aufschwung geben. Denn mit den neuen Angeboten wird das Quartier Anlaufpunkt für viele Menschen sein – und das kommt wiederum unseren Gastronomen, Einzelhändlern und weiteren Anbietern von Kultur- und Freizeitmöglichkeiten zugute“, betont Jana Weiß, persönliche Referentin von Bocholts Bürgermeister Thomas Kerkhoff.  

LernWerk eröffnet 

Das zeige sich schon jetzt durch das „LernWerk“: In der Einrichtung in der ehemaligen Spinnerei Herding in dem Viertel ist auf 6.000 Quadratmetern ein Zentrum für Kultur und Bildung entstanden, das verschiedene Akteure bespielen: die „Junge Uni“ der Stadt Bocholt, der Fachbereich Kultur und Bildung der Stadt Bocholt, die Musikschule, die Volkshochschule Bocholt-Rhede-Isselburg und die Lernwerkstatt des Kreises Borken. „Im LernWerk gibt es zum Beispiel im Rahmen der ‚Jungen Uni‘, die sich an Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren richtet, niederschwellige Bildungsangebote, um Mint-Fächer näher kennenzulernen. So sollen potenzielle Nachwuchskräfte gezielt an Berufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich herangeführt werden, was letztendlich auch den Unternehmen in Bocholt zugutekommt“, betont Weiß. Das Nebengebäude steht unter anderem dem freien Kulturverein (Bocholter Kunst- und Kulturgemeinschaft) als Atelierfläche sowie Ausstellungs- und Veranstaltungsraum zur Verfügung. Im Veranstaltungssaal finden außerdem bis zu 160 Besucherinnen und Besucher Platz. Dort finden zum Beispiel Ausschusssitzungen, Konzerte, Vorträge, Diskussionsrunden, Proben und vieles mehr statt. 

„7Höfe“ vereint Generationen 

Teil von Kubaii ist auch das neue Wohnquartier „7Höfe“, in dem verschiedene Generationen ihren Lebensmittelpunkt finden sollen. Die drei östlichen Bauabschnitte sind nach zwei Jahren Bauzeit fast abgeschlossen. In der zweiten Jahreshälfte sollen die ersten Bewohner einziehen. Die Bauarbeiten für die vier westlichen Bauabschnitte beginnen im Laufe dieses Jahres, die Wohnungen sollen dann 2028 bezugsfertig sein. Insgesamt umfassen die sieben Gebäudekomplexe über 380 Wohneinheiten auf 42.000 Quadratmetern für unterschiedliche Bedarfe. Davon werden 240 Wohnungen öffentlich gefördert, außerdem sollen auch Studierende und Menschen mit Betreuungsbedarf dort einziehen. In dem Quartier entstehen Single- und Familienwohnungen, Reihenhäuser, Büros für kleinteiliges Gewerbe, eine Kita, Spielplätze, Gastronomie sowie ein zentraler Platz als Quartierstreffpunkt. „Das Projekt wird gelebte Vielfalt sein“, ist Bocholts Bürgermeister Thomas Kerkhoff überzeugt. Die zum Aa-Ufer liegende Seite soll außerdem mit einer Promenade zum Fluss geöffnet werden. Projektträger ist die eigens für das Projekt gegründete Stadt + Quartier GmbH von WohnBau Westmünsterland und Sparkasse Westmünsterland. Insgesamt 135 Millionen Euro investieren sie in das Projekt. „Die 7Höfe sind eines der spannendsten Wohnbau-Vorhaben im Münsterland. Mit der zentralen Lage am Aasee und in Bocholts Zentrum trägt dieses Projekt auch zum attraktiven Stadtbild und zur Lebensqualität bei“, betont Kerkhoff.  

Konzept „Kollektiver Systemwandel“ 

Um Projekte wie diese gezielt in ein Gesamtkonzept zur Innenstadtentwicklung einzubringen, hat das Stadtmarketing Bocholt gemeinsam mit dem Dortmunder Stadtplanungsbüro Stadt + Handel und unter großer Bürgerbeteiligung 2023 das Konzept „Kollektiver Systemwandel“ erarbeitet. Es soll Orientierung bei der Entwicklung des Bocholter Zentrums geben und dabei sowohl stadtplanerische Aspekte als auch Marketingeffekte berücksichtigen. „Während wir im Stadtmarketing oft sehr pragmatisch denken mit dem Fokus darauf, wie wir die Innenstadt Bocholt mit all ihren Vorzügen präsentieren können, ist die Arbeit in der Stadtplanung rechtlich etwas statischer und an feste Regeln der Bauordnung NRW gebunden. Hier wollen wir besser zueinanderfinden und gemeinsam in eine Richtung denken. Das Konzept wird uns dabei helfen“, erklärt Ludger Dieckhues, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing Gesellschaft Bocholt. Das heißt für die Praxis: Die Umgestaltung von Straßen und Plätzen soll künftig gemeinsam gedacht werden. Zum Beispiel beim Wochenmarkt, der in den nächsten Jahren auf konzen­trierter Fläche stattfinden soll, um mehr Platz für die Außengastronomie vorzuhalten. Oder bei der geförderten Nachvermietung von Leerständen.  

Ideen, Wünsche und dringende Handlungsbedarfe hat die Stadt gemeinsam mit den Bürgern ermittelt und ins neue Innenstadtstrategiekonzept einfließen lassen. Erste Maßnahmen und Aktionen wurden bereits im vergangenen Jahr und aktuell umgesetzt. Zum Beispiel im Winter eine Eisbahn auf dem Neutorplatz und eine erweiterte Weihnachtsbeleuchtung zum Weihnachtsmarkt oder im Frühjahr die Anschaffung von temporärem Stadtmobiliar, also beschattete und begrünte Sitzmöbel in der Fußgängerzone. All das soll die Aufenthaltsqualität erhöhen. „Wir haben an zwölf Stellen in der Innenstadt 22 neue Sitzgelegenheiten geschaffen. Das wird sehr gut angenommen“, freut sich Dieckhues. Bis Oktober kann das Mobiliar genutzt werden, dann weicht es für die Weihnachtsbeleuchtung. Finanziert wurden die Sitzgelegenheiten von der Stadt und der Volksbank Bocholt. Weitere Maßnahmen waren eine temporäre Wasserfontäne vor dem Historischen Rathaus, ein Sandkasten auf dem Neutorplatz und eine große Ausstellung mit historischen Tiermotiven in den Shopping Arkaden. Pro Jahr stellt die Stadt Bocholt 300.000 Euro für die Projekte aus dem Konzept „Kollektiver Systemwandel“ bereit, hinzukommen Sponsorengelder und auch die drei Werbegemeinschaften in Bocholt – die ISG Altstadt, die Werbegemeinschaft Shopping Arkaden und die Werbegemeinschaft Neutorplatz – stellen ebenfalls Budget zur Verfügung.  

Schulnote 2,0 für Bocholts Innenstadt 

Dass Investitionen wie diese gut ankommen und die Stadt generell schon einen guten Ruf bei Passanten hat, spiegelt sich aktuell auch in der bundesweiten Untersuchung „Vitale Innenstadt 2024“. Sie wird alle zwei Jahre durchgeführt. Bocholt beteiligt sich daran seit 2014. „Dadurch können wir eine Zeitreihe der Entwicklung unserer Innenstadt erstellen und uns mit anderen Städten in unserer Größenordnung vergleichen“, erklärt Dieckhues. An der Umfrage, die das Institut für Handelsforschung Köln durchführt, beteiligen sich regelmäßig über 100 Kommunen. Die Passanten bewerten zum Beispiel Aufenthaltsqualität, Einzelhandels- und Gastronomieangebot, Sauberkeit oder Öffnungszeiten der Wochenmärkte. Auch Informationen darüber, wie oft und warum sie in die Innenstadt kommen, werden erhoben. Das Ergebnis 2024: Bocholt hat sich von 2,7 in den vergangenen Jahren nun auf die Schulnote 2,0 gesteigert – das ist die beste Performance unter den mittelgroßen Städten mit 50.000 bis 200.000 Einwohnern. Der Gesamtdurchschnitt aller untersuchten Kommunen liegt bei 2,5. „Wir freuen uns sehr, dass unsere Innenstadt so gut wahrgenommen wird. Auch wenn wir – wie viele andere auch – immer noch vereinzelt mit Leerständen zu kämpfen haben und einige Projekte noch im Bau sind. Die Frequenz in der Innenstadt hat sich über die Jahre hinweg erhöht – wir sind auf dem richtigen Weg“, betont Dieckhues. In der Umfrage beurteilten die Innenstadtbesucher die Attraktivität des Einzelhandelsangebotes, die Fahrrad-, Fußgänger- und Autofreundlichkeit mit Parkmöglichkeiten, das Gastronomieangebot, das Dienstleistungsangebot, Gebäude, Grünflächen, Sauberkeit sowie die touristische Attraktivität, den Erlebniswert und die Lebendigkeit der Stadt besonders positiv. „Interessant waren die Antworten auf die Frage nach den Besuchsgründen: 81 Prozent der Befragten kommen zum Einkaufen, 31 Prozent zum Besuch der Gastronomie. Damit ist der Einkaufsbummel in Bocholt ein weitaus häufigerer Grund für den Stadtbesuch als im Ortsgrößendurchschnitt, der bei 63 Prozent lag“, wie Stadtmarketing-Geschäftsführer Dieckhues erklärt.  

Mit Blick auf die Zeitreihe falle jedoch auf, dass die Menschen weniger oft in die Stadt gehen. Waren es bei der Umfrage 2020 noch gut 80 Prozent der Befragten, die täglich oder wöchentlich in die Innenstadt zum Einkaufen kamen, sind es 2024 nur noch 44 Prozent. „Setzt man das allerdings in Verhältnis zu den gestiegenen Frequenzzahlen – im vergangenen Jahr besuchten rund vier Millionen Menschen die Innenstadt –, dann haben in der Summe mehr Menschen die Bocholter Innenstadt aufgesucht als in den Jahren zuvor“, stellt Dieckhues klar. Dennoch sei das Ergebnis auch Motivation, die Attraktivität der Innenstadt weiter zu erhöhen. Auch weil die Aufenthaltsdauer bei einem Drittel der Passanten mit weniger als einer Stunde abgenommen habe. Die Befragten wünschten sich für Bocholt unter anderem einen verbesserten ÖPNV sowie mehr Veranstaltungen und verkaufsoffene Sonntage. „Die Innenstadt ist immer noch bzw. wieder ein Ort der Begegnung und des Erlebens. Das gilt es, weiter auszubauen“, fasst Dieckhues die Ergebnisse zusammen. 

Ortskernumgestaltung in Suderwick 

Aber nicht nur die Bocholter Innenstadt wird zukunftssicher gemacht. Auch in den verschiedenen Stadtteilen macht man sich Gedanken, wie die Ortskerne dort generationengerecht und attraktiv gemacht werden können. Zum Beispiel in Suderwick. Die Planungen für die Ortskernentwicklung in Abstimmung mit der niederländischen Gemeinde Dinxperlo, mit der sich Suderwick eine Grenze teilt, haben 2024 begonnen. „Wir haben hier bereits mit den Bürgerinnen und Bürgern verschiedene Workshops und Infoveranstaltungen durchgeführt und so eine Agenda mit den Punkten, die ihnen wichtig sind, aufgestellt. Ab 2026 geht der Plan abschnittweise in die Umsetzung“, erläutert Bocholts Referentin Weiß. 2027 soll der Dorfplatz in Suderwick umgestaltet werden. Sitzgelegenheiten sollen auch hier für mehr Aufenthaltsqualität sorgen. Außerdem will die Stadt mit Grünanlagen das Ortsbild insgesamt aufwerten. Ein paar Meter weiter über die Grenze, in Dinxperlo, ist das schon umgesetzt worden. „Wir möchten uns bei der Umgestaltung in Suderwick an den Maßnahmen von Dinxperlo optisch orientieren, weil der Übergang zwischen beiden Orten ohnehin nahtlos. Trotzdem möchten wir natürlich nicht den eigenen Charakter, den Suderwick hat, verlieren“, betont Weiß.  

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