Bocholt

Gewerbeflächenentwicklung | Wachsen mit Augenmaß

Es ist das größte zusammenhängende Industriegebiet in Nordrhein-Westfalen: der rund 320 Hektar große Industriepark im Bocholter Ortsteil Mussum. Rund 380 Unternehmen beschäftigen dort etwa 7.000 Mitarbeitende – und es sollen noch weitere Betriebe hinzukommen. Denn der Industriepark wächst weiter Richtung Süden: In vier Bauabschnitten kommen insgesamt 40 Hektar hinzu. Die ersten beiden Bauabschnitte sind schon fast vollständig belegt. Aber auch in den anderen Gewerbegebieten in Bocholt, zum Beispiel entlang der Dingdender Straße, hat sich unlängst etwas getan.

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Die Grundstücke im ersten Bauabschnitt für den Industriepark-Süd sind vollständig vergeben. Der Logistiker BTG nutzt dort das letzte freie Grundstück für seine Erweiterung der Lagerkapazitäten. Im zweiten Bauabschnitt sind zwar noch einige Flächen frei, aber die Liste der Unternehmen, die Interesse für die Grundstücke angemeldet haben, ist lang. „Auch wenn einige Betriebe infolge der Corona-Pandemie und der nachfolgenden Krisen ihre Expansionspläne lieber noch einmal zurück in die Schublade gesteckt haben, gibt es nach wie vor eine große Anfrage. Wir führen derzeit mit einigen Unternehmen aussichtsreiche Gespräche und auch die ersten Bauanträge sind bereits gestellt“, berichtet Ludger Dieckhues, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs- und Stadtmarketing Gesellschaft Bocholt.  

Erste Neubauten stehen 

Erste Neubauten des Großhändlers für Heimtierbedarf Nobby Petshop sowie des Nutzfahrzeuge-Verkaufs- und Serviceunternehmens Wietholt stehen dort schon. Die restlichen Flächen – zwischen 5.000 und 15.000 Quadratmeter groß – sollen vor allem an produzierende Unternehmen vergeben werden. Denn: Im Industriepark ist Mehrschichtarbeit möglich und auch bei den Emissionen gibt es höhere Toleranzgrenzen. Hinzukomme die Lage des Industrieparks an der Bundesstraße 67, über die die Autobahn 3 schnell zu erreichen sei, erläutert Dieckhues die Standortvorteile. Aber noch ein weiterer Faktor mache das Areal für Unternehmen reizvoll: „Durch die Vielzahl an Unternehmen ist hier vor Ort ein echtes Netzwerk aus regionalen und international tätigen Unternehmen entstanden. Der Austausch untereinander ist nicht zu unterschätzen. Viele Betriebe ergänzen sich als Zulieferer gegenseitig sehr gut und halten damit die Wertschöpfung – und letztendlich auch die Gewerbesteuer – hier vor Ort in Bocholt“, erläutert er. 

Ein Beispiel für die enge Zusammenarbeit unter den Bocholter Unternehmen ist das jüngste Investitionsprojekt von Pieron, Hersteller von technischen Federn, Ringen und Drahtbiegeteilen. Das Unternehmen hat für seinen Hauptlieferant für Flachdrähte, Bruker-Spaleck, auf dem Nachbargrundstück am Schlavenhorst im Industriepark eine neue Produktionshalle für 5,5 Millionen Euro gebaut – und sich so die Materiallieferung gesichert. Denn Bruker-Spaleck konnte am bisherigen Standort an der Robert-Bosch-Straße nicht länger bleiben. „Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie eng verflochten die Wirtschaft in Bocholt ist“, betont Dieckhues. 

Autohof geplant 

Für den dritten und vierten Bauabschnitt hat die Stadt Bocholt schon Potenzialflächen ausgemacht, die größtenteils der Kommune gehören. „Auf den Flächen bestehen aber noch landwirtschaftliche Betriebe, für die eine Lösung gefunden werden muss. Bis die Flächen zur Verfügung stehen, wird es also noch etwas dauern“, räumt Dieckhues ein. Die Erweiterung des Industrieparks sei von großer Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Bocholt: „So können wir nicht nur den eta­blierten Unternehmen vor Ort Entwicklungspotenziale aufzeigen und damit Arbeitsplätze erhalten, sondern wir bleiben auch ein interessanter Standort für neue Unternehmen von außerhalb.“ So ein Unternehmen von außerhalb ist der niederländische Tankstellenbetreiber Kuster Energy. Der will einen Autohof direkt an der Ausfahrt der B67 zum Industriepark errichten. Auf zwei Hektar soll eine Tankstelle mit zusätzlich LNG-Gas und E-Ladesäulen, Lkw-Stellplätzen und Waschstraße sowie ein Bistro entstehen. „Die Stellplätze für Lkw werden dringend benötigt, zumal das Frachtaufkommen im Industriepark sehr hoch ist und es für die Fahrer dann endlich vernünftige Übernachtungsmöglichkeiten und sanitäre Anlagen gibt“, erklärt Dieckhues. Der Geschäftsführer der Bocholter Wirtschaftsförderung sieht in dem Autohof aber noch einen weiteren Vorteil: „Mit dem Bistro entsteht für die rund 7.000 Beschäftigten im Industriepark ein neues Angebot für Frühstück und Mittagstisch. Die Versorgungssituation wird sich dort also erheblich verbessern.“ 

Bewegung an der Robert-Bosch-Straße 

Aber auch an anderer Stelle tut sich etwas in Bocholt: Im Gewerbegebiet Robert-Bosch-Straße will der Anbieter von mobilen Bau- und Fahrstraßen aus Stahlplatten MSL das Gelände des ehemaligen Kalksandsteinwerks Xella übernehmen und dort einen größeren Standort bauen. „MSL hat sich in den vergangenen Jahren hervorragend entwickelt und baut mittlerweile deutschlandweit mobile Fahrstraßen. Damit hat sich das Unternehmen eine Spitzenposition auf dem deutschen Markt gesichert – und wir sind sehr froh, dass MSL in Bocholt eine Perspektive gefunden hat, die genau zu diesem Wachstum passt“, betont Dieckhues. 

Dingdender Straße: Lebo eröffnet neues Produktionswerk 

Im Gewerbegebiet an der Dingdender Straße gab es ebenfalls zuletzt Bewegung bei den Bestandsunternehmen. Dort hat sich der Kranvermieter Schares erweitert, weil das Unternehmen mehr Platz für die Unterbringung seiner Autokrane benötigte. Ebenfalls mehr Platz hat das Garten- und Landschaftsbauunternehmen Grandiflora in dem Gewerbegebiet gefunden. Am bisherigen gemieteten Standort an der Philipp-Reis-Straße hatten die beiden Geschäftsführer Johannes Telaar und David Zimmermann nicht mehr ausreichend Kapazitäten für ihre 33 Mitarbeitenden und den Fuhrpark. Anstatt 300 Quadratmeter hat Grandiflora jetzt auf 3.800 Quadratmetern Platz.  

Neben einer bestehenden Lagerhalle, die für den Fuhr- und Maschinenpark des Unternehmens reaktiviert wurde, ist „Im Feldbrand“ ein neues Bürogebäude entstanden – ein „grüner Würfel“, wie Zimmermann erklärt. „Wir haben das Gebäude in Holzrahmenbauweise errichten lassen und bis auf die Fenster und Türen vollständig begrünt. Damit möchten wir ein Zeichen für Nachhaltigkeit setzen. Schließlich ist die Natur für unseren Garten- und Landschaftsbaubetrieb das Kerngeschäft“, betont er. Auch energetisch bringt diese Bauweise Vorteile: „Die Bepflanzung kühlt im Sommer und hält das Gebäude im Winter länger warm, sodass wir weniger heizen müssen. Außerdem wird die PV-Anlage auf dem Dach gekühlt, wodurch sie effizienter arbeiten kann“, erläutert Zimmermann. Dass sich für Grandiflora ein passendes Grundstück in Bocholt fand, freut den Geschäftsführer besonders: „Wir arbeiten praktisch um den Kirchturm herum, weil wir überwiegend Kunden aus Bocholt bedienen. Ein Standort vor Ort ist daher für uns ideal”, betont Zimmermann.  

Seine Kapazitäten am Standort an der Händelstraße um ein Vielfaches vergrößert und damit einen neuen Masterplan für die Produktion im Gewerbegebiet an der Dingdender Straße angestoßen, hat der Innentürenhersteller Lebo. Denn das, was Lebo in Bocholt vorhat, ist langfristig gedacht und soll das Unternehmen zukunftsweisend aufstellen. „Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder am Standort investiert, mal hier angebaut, mal da erweitert. Das Ergebnis war eine Flickschusterei, in der es sich aber langfristig gesehen nicht effizient genug zusammenarbeiten lässt. Die Infrastruktur war für größere Stückzahlen einfach nicht ausgelegt“, bringt es Lebo-Geschäftsführer Henning Stowermann auf den Punkt. Deshalb hat Lebo auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein neues, 6.000 Quadratmeter großes Produktionswerk gebaut – für einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag. Im Februar dieses Jahres wurde es eröffnet. Dort werden nun nach und nach neue Maschinentechnik sowie teilweise Produktionsstraßen aus den alten, 16.000 Quadratmeter großen Werkshallen aufgebaut. Ende des Jahres hat Lebo dann im alten Werk Platz, um eine neue Kantenbearbeitungsmaschine in Betrieb zu nehmen. „Solche Technologiesprünge waren mangels Raum bisher nicht möglich“, erklärt Stowermann. Direkt an die Fertigung schließt ein 590 Qua­dratmeter großer Verwaltungstrakt an. Kurze Wege statt „viel Rennerei“, wie Stowermann es nennt. Die ehemaligen Büros sollen künftig als Technikum und Ausstellung genutzt werden, wo das Lebo-Team Schulungen für Mitarbeitende und Kunden zu neuen Produkten veranstaltet, aber auch selbst an neuen Oberflächentechnologien und Designs forscht. Etwa, um Türen feiner schleifen oder neue Lacke testen zu können. Was im Trend ist, erfährt das Lebo-Team auf Messen, wie beispielsweise auf der Bau in München, und durch gezieltes Kundenfeedback. Klassiker wie weiße Türen oder naturfarbene Türen aus Holz seien zwar nach wie vor am beliebtesten, aber: „Der Trend geht über zu filigranen Linien, auch mal zu dunkleren Farbtönen, angelehnt an Küchen- oder Wohnzimmermöbel“, weiß der Lebo-Geschäftsführer. 

Und damit das alte und das neue Produktionswerk über die Straße hinweg gut zusammenarbeiten können, hat sich Lebo einen Kniff einfallen lassen: Beide Werke sind über eine geschlossene Brücke über der Straße miteinander verbunden. Eine Brücke, über die die Türrohlinge vor Wind und Wetter geschützt zur Weiterverarbeitung transportiert werden. „Wir können die Rohlinge schließlich nicht durch jede Witterung mit dem Gabelstapler von A nach B fahren. Abgesehen von der Zeit, die uns das kostet, ist die Gefahr, dass die Türen beschädigt werden, viel zu groß“, erklärt Stowermann und ergänzt: „Das Bauamt der Stadt Bocholt hat uns bei diesem eher ungewöhnlichen Vorhaben hervorragend unterstützt – auch wenn die Baugenehmigung für unser gesamtes Produktionswerk etwas Zeit brauchte.“ 

Innerhalb von drei bis vier Wochen Lieferzeit kann das Lebo-Team mit dem neuen Maschinenpark eine Tür produzieren. Früher waren es sechs Wochen. „Wir sind deutlich schneller und flexibler geworden“, betont Stowermann. Insgesamt fertigt Lebo rund 200.000 Türen pro Jahr, sowohl in Serie als auch Einzelstücke. Rund 25 Prozent der Ware wird weltweit an Fachhändler exportiert: Schweiz, Österreich, Kanada, Dubai. 

Neue Maßstäbe will das 1871 gegründete Unternehmen auch bei der Energieversorgung setzen: Anstatt mit fossilen Brennstoffen wird das neue Produktionswerk ausschließlich mit Biomasse aus Abfällen aus der Produktion – Sägeschnitte und Holzreste, die beim Fräsen entstehen und nun verbrannt werden – beheizt. „Dadurch und dank der effizienten Bauweise können wir unsere Heizkosten um 60 Prozent reduzieren“, erklärt Stowermann.  

Investition ist Standortsicherung 

Das neue Produktionswerk bewertet der Lebo-Geschäftsführer nicht nur vor diesem Hintergrund als „großen Meilenstein“ in der Historie des Bocholter Unternehmens. „Die Investition ist auch eine Standortsicherung für unsere Mitarbeitenden. Wir haben damit die Voraussetzung geschaffen, uns weitere Marktanteile sichern zu können und zu wachsen“, betont Stowermann. Dabei helfe vor allem in Zeiten mit schwieriger Marktlage auch das Netzwerk der international tätigen Hörmann Gruppe, zu der Lebo seit Ende 2020 gehört und die hauptsächlich Tore, Türen, Zargen und Antriebe für private und gewerbliche Immobilien herstellt. „Damit haben wir uns auch unabhängiger von wenigen Großkunden gemacht und dafür mehr auf den Fachhandel konzentriert. So sind wir insgesamt breiter aufgestellt, weil wir nicht nur Innentüren, sondern mit unseren Schwesterwerken bei Hörmann auch Funktionstüren – zum Beispiel für den Brandschutz oder Strahlenschutz – fertigen. Das ist eine gute Ergänzung“, beschreibt Stowermann die Ausrichtung von Lebo heute. Im Kreis Borken finde Lebo außerdem ein gutes Netzwerk an lokalen Geschäftspartnern: „Die Region ist eine Tischlerdynastie – das kommt uns entgegen, auch bei der Fachkräftesuche.“ 

Denn durch das breite Angebot und die neuen Fertigungskapazitäten muss Lebo auch personell mitwachsen. Deshalb sucht das Unternehmen aktuell zum Beispiel Maschinenführer für die Produktion, aber auch Fachkräfte für den Sonderbau, die Lackiererei und die IT. „Die Anzahl an Türvarianten hat sich deutlich erhöht, viele Kunden haben Sonderwünsche. Darauf müssen wir eingehen“, betont Stowermann, der aktuell rund 140 Mitarbeitende beschäftigt. Dazu zählen auch Auszubildende im kaufmännischen und handwerklichen Bereich. „Wir bilden ausschließlich für den Eigenbedarf aus und bereiten unsere Azubis schon zum Ende der Ausbildung für den Einsatz in ihrem späteren Schwerpunktbereich vor“, erklärt der Geschäftsführer.  

Damit das Unternehmen als Arbeitgeber attraktiv bleibe, müssten aber auch alle weiteren Rahmenbedingungen vor Ort stimmen. „Der Austausch der Unternehmen untereinander funktioniert schon sehr gut, aber wir würden uns darüber hinaus auch wünschen, noch enger mit dem Industriepark, der nur ein paar Kilometer weit entfernt ist, zusammenzuwachsen – etwa durch gemeinsame Veranstaltungen“, meint Stowermann. Der Geschäftsführer erhofft sich auch weitere Impulse durch den geplanten Bahnhaltepunkt im Gewerbegebiet an der Dingdender Straße, direkt bei Lebo vor der Tür. „Der Verbindung ins Rheinland und Ruhrgebiet wird dadurch deutlich verbessert. Es ist ein echter Benefit für alle Pendler, die nicht mit dem Auto fahren.“ 

Dem stimmte auch Bocholts Bürgermeister Thomas Kerkhoff bei einem Unternehmensbesuch vor Ort bei Lebo vor Kurzem zu. „Der Bahnhaltepunkt ist ein wichtiges Pfund für die nachhaltige Mobilität und Erreichbarkeit dieses Gewerbegebiets“, betonte er und ergänzte: „Was Lebo hier in den vergangenen Monaten auf die Beine gestellt hat, ist beachtlich.“ 

Weitere Flächenoptionen 

Um künftig auch abseits des Gewerbegebiets an der Dingdender Straße und des Industriepark-Süd weitere Kapazitäten für die wirtschaftliche Entwicklung in Bocholt zu schaffen, denkt die Kommune parallel in den anderen Gewerbegebieten schon weiter. Im Gewerbepark Holtwick sind noch ein paar Restflächen in der Vermarktung. Dort soll das Areal Richtung Westen wachsen. „Die Grundstücke hat die Stadt Bocholt größtenteils bereits erworben. Aber bis die Flächen soweit aufbereitet sind und in die Vermarktung gehen können, wird es sicherlich noch drei Jahre dauern“, blickt der Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsförderung Dieckhues voraus.  
Der kürzlich veröffentlichte Regionalplan sieht weitere potenzielle Gewerbeflächen in Bocholt vor. Aber: „Die Flächen sind endlich, sodass wir damit klug haushalten werden“, betont Dieckhues. 

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