Titelstory: Eine Frage von Sekunden

Am Musterständer von Weckenbrock kann man prüfen, wie einbruchsicher Fenster und Türen sind.Grafschaft Bentheim
Am Musterständer von Weckenbrock kann man prüfen, wie einbruchsicher Fenster und Türen sind.

Bad Bentheim - Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland im Schnitt 152 Einbruch-Diebstähle in Dienst-, Büro-, Fabrikations-, Werkstatt- und Lagerräume am Tag. Das geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2020 hervor, herausgegeben vom Bundeskriminalamt. Insgesamt entspricht das mehr als 55.000 Fällen. Nicht jeder der Fälle ist erfolgreich – auch, weil Gebäude besser gegen Einbrüche gesichert sind. Heiko Weckenbrock von der Tischlerei Weckenbrock aus Bad Bentheim weiß, wie sich Unternehmerinnen und Unternehmer effektiv vor einem Einbruch schützen können. Er arbeitet eng mit der Polizei zusammen und ist zertifizierter Berater in Sachen Einbruchsschutz.

„Es gibt vor allem eine Grundregel“, betont der Geschäftsführer. „Der mechanische Schutz geht vor elektrischem Schutz.“ Konkret heißt das: Unternehmen sollten zunächst hochwertige Schließsysteme für Fenster und Türen einbauen, bevor sie Alarmanlagen oder Videoüberwachung installieren. Das hat einen guten Grund, wie Weckenbrock erläutert: „Wenn der Einbrecher nur eine Minute braucht, um das Fenster aufzuhebeln, sich kurz im Gebäude aufhält und dann wieder aussteigt, ist das Zeitfenster einfach so klein, dass die Polizei auch im besten Fall nicht eingreifen kann.“ Deshalb empfiehlt er zum Beispiel die sogenannte Pilzzapfenverriegelung für Fenster. Der Fensterbeschlag ist bei dieser Variante mit Zapfen bestückt, die wie ein Pilzkopf geformt sind. Wenn das Fenster geschlossen wird, verhakt sich der Pilzkopf mit den dafür vorgesehenen Aussparungen am Fensterrahmen. Ohne Pilzzapfen lässt sich ein Fenster in wenigen Sekunden aufhebeln – mit der Verriegelung wird es deutlich erschwert. „Diese Vorrichtung ist enorm wichtig in Sachen Diebstahlschutz“, weiß Weckenbrock.

Darüber hinaus lassen sich Fenster zum Beispiel mit Sicherheitsglas ausstatten. „Je nach Einbruchsschutzklasse gibt es verschiedene Optionen“, erklärt der Geschäftsführer der Tischlerei. Einbruchhemmende Bauteile werden offiziell in Einbruchschutzklassen beziehungsweise in Resistance Classes, kurz RC, unterteilt. Insgesamt gibt es davon sieben. Die Polizei empfiehlt, Türen und Fenster mindestens nach RC2 zu schützen. Die dazugehörigen Bauteile bieten einen Grundschutz gegen den Einbruchsversuch mit einfachen Werkzeugen wie Keilen, Zangen oder Schraubendrehern. Anforderungen an die Verglasung gibt es nicht. „Welche Sicherheitsvorkehrungen letztendlich die richtigen sind, ist von Unternehmen zu Unternehmen individuell“, betont Weckenbrock. Weil er neben dem Tischlereibetrieb auch einen Schlüsseldienst betreibt, kennt er die Schwachstellen in puncto Einbruchsschutz sehr genau und berät Unternehmerinnen und Unternehmer bei der Frage, wie sie ihr Firmengebäude vor ungebetenen Gästen zu schützen können. „Gemeinsam überlegen wir: An welchen Stellen ist es aktuell besonders leicht, ins Gebäude zu gelangen? Wo wäre es für einen Einbrecher besonders lohnenswert, einzusteigen? Auf dieser Grundlage machen wir dann Vorschläge für sinnvolle Vorkehrungen.“

Einbrechern das Leben schwer machen

Auch Unternehmerinnen und Unternehmer und Mitarbeitende können einen Beitrag leisten, indem sie es Einbrechern so schwer wie möglich machen. Türen sollten immer abgeschlossen werden, Fenster müssen geschlossen sein. Andernfalls kann es im Fall eines Einbruchs übrigens auch zum Streit mit der Versicherung kommen, denn eine zugezogene Tür gilt als unverschlossen und ein gekipptes Fenster kann sogar als Anstiftung zum Einbruch gewertet werden. Der Tischlermeister räumt zudem mit einem weitverbreiteten Irrglauben auf. Er weiß: Auch geschlossene Rollläden halten Einbrecher nicht auf. Bei einem gemeinsamen Testlauf mit seinen Mitarbeitern hat er herausgefunden, dass es nur wenige Sekunden dauert, Jalousien und Co. zu überwinden.  Nichtsdestotrotz seien sie eine gute Möglichkeit, um den Einbrechern das Leben schwerer zu machen und ihnen zu verbergen, was sich im Inneren des Gebäudes befindet.

Insgesamt sei der Einbruchsschutz in den vergangenen Jahren ein wenig aus dem Fokus geraten, so die Erfahrung von Weckenbrock. Das liege zum Beispiel an den sinkenden Einbruchzahlen: 2020 gab es 8,5 Prozent weniger Einbruch-Diebstähle aus Büro-, Lager- oder Diensträumen als 2019. Die Zahlen für Einbruchversuche liegen aber weiterhin auf einem hohen Niveau: Von den 2020 gemeldeten rund 55.000 Fällen waren etwa 20.000 Einbruch-Versuche. Die Erfahrungen des Bad Bentheimer Unternehmers bestätigen das. „Mittlerweile werden wir weniger häufig zu Einbruchschäden gerufen. Vielmehr melden sich viele Betroffene, die einen Einbruchversuch erlebt haben und nun wissen wollen, ob ihr Fenster oder ihre Tür noch intakt ist.“ Der richtige Schutz ist also nach wie vor wichtig. Weckenbrock ruft außerdem dazu auf, sich dabei von einem Fachmann Unterstützung zu holen. „Es gibt von der Polizei zertifizierte Betriebe, die in Sachen Einbruchschutz geschult sind“, erläutert er. Die Tischlerei Weckenbrock gehört dazu. Alle zwei Jahre muss der Geschäftsführer deshalb eine Schulung absolvieren. Auch zwei seiner Mitarbeiter wurden speziell für die Montage von einbruchhemmenden Bauteilen fortgebildet. „Wer auf Einbruchschutz aus dem Baumarkt setzt, wiegt sich im Zweifelsfall in einem falschen Gefühl der Sicherheit – weil die Bauteile womöglich fehlerhaft montiert und damit unwirksam sind“, betont Weckenbrock.

 

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