Herr Heiber, warum ist Fachkräftezuwanderung aus dem Ausland für den Kreis Coesfeld unverzichtbar?
Rolf Heiber: In den kommenden zehn Jahren sinkt das Erwerbspersonenpotenzial im Kreis Coesfeld um rund zwölf Prozent. Durch Digitalisierung, Automatisierung und Qualifizierung der bestehenden Belegschaften lässt sich diese Lücke aber nicht vollständig schließen.
Gilt das für alle Branchen?
Heiber: Im industriellen und produzierenden Bereich werden Digitalisierung und Automatisierung stark vorangetrieben. So kann perspektivisch ein Teil des Fachkräftebedarfs abgefedert werden. Aber im Handwerk oder bei personenbezogenen Dienstleistungen, wie bei der Pflege, ist die Digitalisierung keine ausreichende Antwort. Dort braucht man weiterhin die Menschen, die wesentliche Teile der Arbeit umsetzen. In unserer Region sind es mitunter kleine Betriebe mit vier bis acht Mitarbeitenden, wo der Chef häufig noch selbst mit auf der Baustelle steht.
Kann Zuwanderung aus Drittstaaten da wirklich helfen?
Heiber: Ja, aber man muss es richtig einordnen. Erwerbsmigration ist ein wichtiger Beitrag, aber eben auch nur ein Beitrag. Daneben brauchen wir zusätzlich zur Digitalisierung und Automatisierung eine Qualifizierung der bestehenden Belegschaften und eine bessere Ausschöpfung inländischer Potenziale, zum Beispiel im Bereich der Stillen Reserve. Erwerbsmigration allein reicht nicht, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Aber wir kommen nicht darum herum: Andere deutsche Regionen und andere europäische Länder haben dieselben demografischen Probleme wie wir. Deshalb müssen wir auch auf Zuwanderung aus Drittstaaten setzen. Wir stehen hier aber auch in einem regionalen und internationalen Wettbewerb um die Talente.
Warum zögern viele kleine und mittlere Unternehmen noch, im Ausland nach Verstärkung zu suchen?
Lina Möllmann: Weil der Prozess komplex und langwierig ist. Von der Suche über die Anerkennung von Qualifikationen bis hin zu den Reiseformalitäten – bis jemand operativ im Betrieb ist, vergeht viel Zeit. Und es braucht personelle Ressourcen, weil zum Beispiel Einreisemodalitäten, mögliche berufliche Anerkennungsverfahren im Vorfeld oder nach der Einreise geprüft werden müssen. Auch die Wohnungssuche und die Integration in die Gesellschaft und ins Unternehmen sind Themen. Das hemmt derzeit noch viele Unternehmen, gerade Kleinunternehmen, die keine eigene Personalabteilung haben. Diesen Weg dennoch zu gehen, ist aber sicherlich besser, als die Stelle nicht besetzen zu können.
Welche Möglichkeiten gibt es bei der Fachkräftegewinnung im Ausland?
Möllmann: Viele. Wir reden immer vom Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Aber es ist eigentlich ein Gesetz zur gesteuerten Erwerbsmigration – und das ist viel umfassender. Es können Auszubildende einreisen. Es können Menschen mit guter praktischer Erfahrung kommen, die noch keine formale Anerkennung haben. Oder Menschen reisen mit einem anerkannten Berufsabschluss ein. Die rechtlichen Möglichkeiten bieten einen großen Strauß möglicher Ansätze. Das muss stärker ins Bewusstsein der Unternehmen rücken. In unserer Beratung loten wir mit den Unternehmen individuell aus, welcher Ansatz unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen, Ausrichtung und Vorstellungen des Unternehmens der wirkungsvollste sein kann.
Wie unterstützt die Agentur für Arbeit Coesfeld dabei konkret?
Heiber: Wir haben drei Ansatzmöglichkeiten. Erstens: die Unterstützung bei Individual-Einreisen. Dabei begleiten wir Unternehmen, die selbst aktiv suchen, im gesamten Prozess – von der Arbeitsmarktzulassung bis hin zu Formalitäten oder Hinweisen auf Unterstützung durch andere Institutionen. Zweitens: Wir arbeiten mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit zusammen. Dort waren zum Beispiel im Juli dieses Jahres rund 12.000 Menschen gemeldet, die in Deutschland arbeiten oder eine Ausbildung machen möchten – ein Pool motivierter Menschen aus aller Welt, quer durch alle Branchen: Gesundheit, Pflege, Gastronomie, IT, Ingenieurwesen, Verkehr und Logistik. Um auf diesen Bewerberpool zurückgreifen zu können, ist es als Unternehmen wichtig, durch eine entsprechende Stellenmeldung über die örtliche Agentur für Arbeit überhaupt sichtbar zu werden – in Europa und weltweit. Das individuelle Vorgehen stimmen unsere Arbeitsvermittler mit den Unternehmen ab.
Und der dritte Ansatz?
Heiber: Die Bundesagentur für Arbeit betreibt eine aktive und faire Rekrutierung in Drittstaaten. So können wir auf Programme und Projekte zurückgreifen, die die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung in verschiedenen Berufsfeldern koordiniert und über die gezielt rekrutiert wird. Ergänzt werden diese Felder durch regionale Angebote wie zum Beispiel die Welcome Guides, die Zusammenarbeit mit dem Service Onboarding@Münsterland des Münsterland e.V. oder den örtlichen Kammern, wo Unternehmen weitere praxisnahe und individuelle Unterstützung erhalten.
Ist Migration also auch ein Netzwerkthema?
Heiber: Definitiv. Eine gelingende Zuwanderung lebt von einer guten, intensiven und abgestimmten Zusammenarbeit während des gesamten Prozesses. Wir haben als Agentur für Arbeit eine originäre Rolle, fungieren aber auch als Lotse in einem aktiven Netzwerk. Es geht um Wohnraum, Integration, den Erwerb weitergehender Sprachkompetenzen, kommunale Unterstützung, um das betriebliche und gesellschaftliche Ankommen – das umfasst viele Akteure, die einen wertvollen Betrag leisten können. Und die Pflege zeigt uns, dass es funktioniert: Wenn wir heute in die Krankenhäuser und Pflegeheime schauen, wird deutlich, dass unser System ohne Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, nicht mehr funktionieren würde.
Was würden Sie Unternehmen für einen Tipp mitgeben?
Heiber: Dass sie sich für das Thema Erwerbsmigration öffnen – jetzt, nicht erst in fünf Jahren. Die Statistik zeigt: Der Rückgang inländischer Beschäftigung ist kein Zukunftsszenario, er ist bereits heute sichtbar. Wir sind in internationalem Wettbewerb um Arbeitskräfte. Wer sich frühzeitig positioniert, Erfahrungen sammelt und bereit ist, ein Stück weit Ressourcen zu investieren, wird davon profitieren. Die Agentur für Arbeit unterstützt gerne dabei – mit grundsätzlichen Informationen über die Möglichkeiten und Ansätze, durch individuelle Beratung zum konkreten Vorgehen und im Rekrutierungsprozess. Dies gilt insbesondere auch für die kleinen und mittleren Betriebe, die das nicht alleine stemmen können.
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