Herr Bergmann, wir führen das Interview heute mal nicht an Ihrem Arbeitsplatz im Rathaus, sondern in Ihrem „Ausweichquartier“ im Reher-Gebäude. Was passiert gerade am Rathaus?
Das Rathaus wird zurzeit saniert. Das war dringend nötig, da zum einen der energetische Zustand der Immobilie einfach nicht mehr zeitgemäß war, viel zu viel Wärme ist nach außen entwichen. Die energetische Sanierung ist außerdem eine konkrete Maßnahme aus unserem 2021 fortgeschriebenen Klimaschutzkonzept. Zum anderen haben sich die Anforderungen an einen modernen Arbeitsplatz gewandelt, sodass wir auch dieser Entwicklung Rechnung tragen wollten, um als Arbeitgeber weiterhin attraktiv zu bleiben. Durch den Umbau schaffen wir zum Beispiel neue Besprechungsmöglichkeiten und Räume fürs Zusammenarbeiten, die Büros sind besser miteinander verbunden und wirken durch ein neues Beleuchtungskonzept sowie große Fenster insgesamt viel heller. Alle Arbeiten sollen im Frühjahr 2026 abgeschlossen sein. Insgesamt kostet uns der Umbau rund sieben Millionen Euro, davon können wir 1,2 Millionen Euro über KfW-Mittel finanzieren, die wir seinerzeit bekommen haben.
Der Rathausumbau ist nicht das einzige Projekt, das in Nordkirchen läuft. 2025 steht auch der Anbau eines Oberstufengebäudes für die Gesamtschule an und für Südkirchen und Capelle soll es jeweils ein neues Feuerwehrgerätehaus geben. Wie weit sind die Planungen?
Für den Anbau eines Oberstufengebäudes an der Gesamtschulte haben wir bereits einen Bauantrag gestellt. In den Osterferien wollen wir die Versorgungsleitungen verlegen und sobald die Baugenehmigung da ist, erfolgt die Ausschreibung für die verschiedenen Gewerke. Die Bauarbeiten können dann noch in den Sommerferien beginnen. Der Anbau erfolgt in Holzständerwerk, sodass wir zügig vorankommen. Für das Feuerwehrgerätehaus in Südkirchen haben wir eine erste Planung stehen, allerdings müssen wir hier noch einmal nachjustieren und schauen, wo Kosten eingespart werden können. In der nächsten Ausschussrunde im Mai soll das endgültige „Go“ dafür gegeben werden. In Capelle sind wir mit dem Feuerwehrgerätehaus noch nicht so weit. Ich hoffe, dass wir dabei auch Synergien mit der Planung der Einrichtung in Südkirchen nutzen können, schließlich haben beide Gebäude ein und denselben Zweck. Wir haben darüber hinaus aber noch weitere Bauprojekte auf der Agenda.
Welche?
Wir bereiten uns auf den Rechtsanspruch ab 2026 auf einen Betreuungsplatz im Offenen Ganztag vor. An den Grundschulen in Südkirchen und Capelle haben wir bereits entsprechende Kapazitäten geschaffen. Nun geht es in Nordkirchen weiter. Für die über 100 Kinder, die dort betreut werden müssten, schaffen wir entsprechenden Platz und sanieren die Schule zeitgemäß. 2026 sollen zwei neue Klassenräume entstehen, sodass die bisherigen Räumlichkeiten dann für den Offenen Ganztag zur Verfügung stehen.
Projekte wie diese sind nicht zum Nulltarif zu haben. Der Spielraum in der Haushaltskasse ist in Nordkirchen – wie in vielen anderen Kommunen auch – gering. Wie groß sind die finanziellen Sorgen in Nordkirchen?
Die genannten Projekte stellen uns schon vor eine Herausforderung. Andererseits ist Nordkirchen heute finanziell deutlich besser aufgestellt als noch vor einigen Jahren. Als ich mein Amt als Bürgermeister 2009 aufgenommen habe, hatten wir einen Schuldenstand von rund 18 Millionen Euro. Durch diverse Maßnahmen, wie etwa eine externe Haushaltsanalyse und die Übertragung des Kanalnetzes an den Lippeverband, konnten wir die Kasse gut füllen. Für letzteres haben wir seinerzeit 40 Millionen Euro erhalten, mit denen wir die Schulden weitgehend getilgt haben. Unsere aktuelle Finanzplanung ist in Ordnung – noch. Wir kalkulieren für dieses Jahr mit einem Haushaltsdefizit von rund 3,8 Millionen Euro. Für künftige Projekte werden wir uns aber schon eng am Haushaltssicherungskonzept bewegen. Ich bin allerdings der Meinung, dass wir die Sicherung der Infrastruktur nicht aufgeben dürfen. Vielmehr hoffen wir jetzt, dass es im Zuge des von der Bundesregierung angekündigten Milliarden-Sondervermögens kurzfristig zu einer Entlastung der Kommunen kommt.
Was würden Sie sich von der neuen Bundespolitik wünschen?
Ein Konjunkturprogramm, über das auch Kommunen vergünstigt Investitionen tätigen können, würde sicherlich helfen. Aber auch die Konnexität ist für mich ein wesentlicher Punkt. Nehmen Sie den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz im Offenen Ganztag ab 2026. Für die entsprechenden Umbaumaßnahmen haben wir bereits in Südkirchen und Capelle insgesamt rund drei Millionen Euro investiert. Vom Bund und Land NRW haben wir dafür eine Zuweisung von rund 103.000 Euro bewilligt bekommen – das rechnet sich einfach nicht. Es kann nicht sein, dass solche von Bund und Land gesetzlich vorgeschriebenen Investitionen zulasten der Kommunen gehen.
Erstes öffentliches Gebäude im 3D-Druck
In Nordkirchen wird aktuell auch ein ganz besonderes Projekt realisiert: Mit dem neuen Vereinsheim des Sport-Clubs Capelle entsteht das erste öffentliche Gebäude in Deutschland mittels 3D-Druck. Welche Bedeutung hat das für Nordkirchen?
Das Projekt macht uns schon ein bisschen stolz, weil es zeigt, wie innovativ und technologieoffen unsere Gemeinde ist. Medial haben wir dadurch große Aufmerksamkeit bekommen, zum Richtfest war NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach da und das ist für eine kleine Kommune wie Nordkirchen schon etwas Besonderes. Auch während der Bauphase kommen uns immer wieder Fachleute besuchen, die sich ein Bild davon machen wollen, wie ein Haus im 3D-Druck entsteht. Im laufenden Prozess wurde auch vieles getestet, beispielsweise welche Betonzusammensetzung sich am besten eignet. Das Projekt ist also gleichzeitig ein echtes Reallabor. Im Sommer wird das Vereinsheim bezugsfertig sei. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass weitere Projekte dieser Art in der Gemeinde realisiert werden.
Als Bürgermeister sind Sie an der Wirtschaft vor Ort nah dran. Wie geht es den Unternehmen in Nordkirchen zurzeit?
Man merkt es bei dem einen oder anderen Unternehmen schon, dass die Zeiten schwierig sind. Auf der anderen Seite höre ich auch von Unternehmen, dass sie für die nächsten zwei bis drei Jahre mit Aufträgen ausgebucht sind und sie ihre Gewerbesteuervorauszahlung sogar schon wieder erhöht haben. Deshalb würde ich insgesamt gesehen sagen, dass die Lage für die Wirtschaft in Nordkirchen zwar angespannt, aber derzeit nicht dramatisch ist.
Aktuell gibt es nur noch eine freie Gewerbefläche im Ortsteil Südkirchen. Wo könnte es perspektivisch Platz zum Wachsen oder für Neuansiedlungen in der Gemeinde geben?
Wir haben aktuell neben der Venneker Gruppe in Nordkirchen eine Fläche erworben, die wir nun entwickeln wollen. Das sind etwa fünf Hektar, die verkehrstechnisch günstig am Kreisverkehr liegen. Für die Grundstücke haben wir auch schon einige Interessenten. Dieses Flächenpotenzial hilft uns schon einmal weiter. Nichtsdestotrotz müssen wir darüber hinaus schauen, wo wir perspektivisch Flächen entwickeln können. Aber damit muss sich dann mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin beschäftigen (lacht).
Die Gemeinde ist bei Touristen vor allem für das Schloss Nordkirchen bekannt. Was wäre denn Ihr persönlicher Geheimtipp für Besucherinnen und Besucher der Gemeinde?
Mein persönlicher Geheimtipp – der zwar aktuell noch nicht ausprobiert werden kann, aber bald den Besucherinnen und Besuchern von Nordkirchen zur Verfügung steht – ist die Audioguide Tour durch das Schloss Nordkirchen. Damit kann man jederzeit nach Lust und Laune das Schloss auf eigene Faust entdecken. Darauf freue ich mich schon!
Herr Bergmann, Sie haben es vorhin schon anklingen lassen. Ende des Jahres verabschieden Sie sich in den Ruhestand und treten nicht mehr zur Wahl an. Sie sind seit 2009 Bürgermeister in Nordkirchen. Wenn Sie diese Zeit Revue passieren lassen, an was denken Sie dabei besonders gerne zurück?
Der Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Wie wertvoll diese Interaktion mit den Menschen vor Ort sein kann, war mir zu Beginn meines Amtes gar nicht so bewusst – egal, ob ich zu einem runden Geburtstag persönlich gratuliere oder mich mit den Bürgerinnen und Bürgern über ein bestimmtes Anliegen unterhalte. Auch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im Rathaus sowie den politischen Gremien war mir eine große Freude. Sie haben mir immer den Rücken freigehalten. Gemeinsam haben wir viel erreicht, an das ich mich gerne erinnere und das mich auch stolz macht. Über eine Anekdote muss ich dabei immer wieder schmunzeln.
Das müssen Sie erzählen.
Es ging damals um die Ortskernsanierung, für die wir einen Förderantrag auf Städtebaumittel gestellt hatten. Der damalige Regierungspräsident Dr. Peter Paziorek rief mich kurz vor Weihnachten an und erzählte mir, dass er den Antrag gesehen habe und selbst kürzlich mit dem Fahrrad durch Nordkirchen gefahren sei. Ich musste dann schon sehr lachen, als er mir sagte: „Sie haben vollkommen recht, Herr Bergmann. Da muss sich dringend etwas im Ortskern tun. Wie schnell können Sie Ihre Pläne bei mir vorstellen?“. Wir duften selbstverständlich nicht bevorzugt werden, aber wir konnten zumindest aufgrund unseres überzeugenden Antrags priorisiert werden. Neben harter Arbeit gehört aber auch immer ein bisschen Glück dazu. Und das wünsche ich meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger auch! Dafür versuche ich, alles bestens vorzubereiten, und werde in den kommenden Monaten so viel Wissen wie möglich weitergeben.