Heiden

Interview | „Wir kommen nur gemeinsam weiter, nicht als Einzelkämpfer“

Dass Heiden ein gutes Pflaster zum Wohnen und Arbeiten ist, zeigt der Blick ins aktuelle Kommunalranking NRW, bei dem die Gemeinde einen Spitzenplatz belegt. Und trotzdem muss sich die Kommune wie viele andere ganz grundsätzlichen Herausforderungen stellen. Dabei wird klar: In Heiden wird nicht einfach nur verteilt, sondern ziemlich genau hingeschaut. Wie sie den Standort gezielt weiterentwickeln, erklären Bürgermeister Dr. Patrick Voßkamp und Wirtschaftsförderin Anke Schmidt im Interview.

Anzeige

Frau Schmidt, Herr Dr. Voßkamp, die Gemeinde Heiden hat zuletzt im Kommunalranking NRW gut abgeschnitten und liegt im Regierungsbezirk Münster sogar auf Platz 1. Was machen Sie besser als andere?
Dr. Patrick Voßkamp: Wir freuen uns natürlich über das gute Abschneiden und sehen es als Bestätigung unserer Arbeit. Aber ich würde nicht sagen, dass wir etwas grundsätzlich besser machen als andere Kommunen. Gerade als kleine kreisangehörige Gemeinde kommt man nur mit der Region gemeinsam weiter, nicht als Einzelkämpfer. Ein wichtiger Faktor für das Ranking war sicherlich unsere gute Entwicklung von Baugebieten. Die Grundstücke in der Blumensiedlung konnten wir schnell vermarkten. Besonders gute Erfahrungen haben wir dabei mit Bestgebots- und Konzeptverfahren gemacht: Allein acht Grundstücke für Mehrfamilienhäuser konnten wir über ein Konzeptverfahren mit dem Rat der Gemeinde Heiden als Jury an Investoren vergeben. Dabei waren für uns die Faktoren Architektur und sozialer Wohnungsbau ganz entscheidend. Ähnlich erfolgreich war das Verfahren bei der Quartiersentwicklung an der Mühle.
Anke Schmidt: Neben dem Thema Wohnen waren auch die Faktoren Wirtschaft, Arbeit und Lebensqualität für das Ranking entscheidend. Es ging dabei weniger um die Frage, wer besser oder schlechter ist, sondern um eine Einordnung der jeweiligen Entwicklung der Kommune. Dass Heiden hier insgesamt sehr gut abschneidet, zeigt aus unserer Sicht, dass wir auf einem guten Weg sind.

Dass die Gemeinde als Standort gefragt ist, zeigt auch ein Blick in die Einwohnerstatistik. Die Zahl ist auf inzwischen 8.800 Menschen gestiegen. Was bedeutet das für die Infrastruktur von Heiden?
Voßkamp: Das Gute ist, dass unsere Infrastruktur auf dieses Wachstum bereits vorbereitet war. Wir haben kontinuierlich in Schulen, Sportstätten, Straßen, Glasfaser und andere Infrastruktur investiert und dadurch keinen Investitionsstau entstehen lassen. Bei der Grundschule, den Kindergartenplätzen, der Kinderbetreuung sowie den Angeboten der OGS haben wir aktuell ausreichend Kapazitäten. Auch andere Bereiche, etwa die Kläranlage, sind entsprechend ausgelegt. Deshalb bekommen wir hier noch keine Schnappatmung. Im Gegenteil: Das Bevölkerungswachstum sorgt sogar dafür, dass bestehende Strukturen besser ausgelastet werden. Natürlich investieren wir trotzdem weiter. So erweitern wir unsere Grundschule, um den kommenden Rechtsanspruch auf einen OGS-Platz erfüllen zu können. Dafür sind Investitionen von rund 3,2 Millionen Euro vorgesehen. 

Lassen Sie uns auf die Wirtschaft in Heiden blicken. Wie groß sind Ihre Flächenkapazitäten aktuell für Unternehmen, die sich hier ansiedeln oder erweitern möchten?
Schmidt: Aktuell gibt es einige Reservierungen und Flächen, auf denen bereits konkret geplant wird. Insgesamt haben wir noch rund 8.000 Quadratmeter frei verfügbar. 
Voßkamp: Allerdings ist der Flächendruck – wie in vielen anderen Kommunen – auch bei uns sehr hoch. Neue Gewerbegebiete auszuweisen, wird künftig eine der größten Herausforderungen sein. Die verfügbaren Potenzialflächen sind begrenzt, unter anderem durch bestehende Wasserschutzgebiete. Deshalb müssen wir noch bewusster mit Fläche umgehen als früher. Wichtig ist uns dabei, dass wir Gewerbeflächen gezielt vergeben. Die Politik hat einstimmig klare Kriterien beschlossen: Wir wollen Unternehmen ansiedeln oder erweitern, die Arbeitsplätze schaffen und einen Mehrwert für den Standort bringen. Reine flächenintensive Ansiedlungen ohne entsprechenden Nutzen für die Gemeinde passen nicht zu dieser Strategie.

Ein Garagenpark wäre hier also eher weniger denkbar …
Voßkamp: Genau. In einer ländlich geprägten Kommune muss man sehr bewusst abwägen, bevor landwirtschaftliche Flächen in Gewerbegebiete umgewandelt werden. Dieser Bewusstseinswandel ist sowohl in der Politik als auch in der Verwaltung angekommen.

Wo gibt es denn noch Entwicklungspotenzial?
Voßkamp: Im Regionalplan ist das Entwicklungspotenzial für Gewerbeflächen klar definiert, vor allem in Richtung A 31. Das ist auch aus vielen Gründen sinnvoll, unter anderem wegen der vorhandenen Infrastruktur und der guten Anbindung an Verkehrsachsen wie die B 67n. Bevor dort aber entwickelt werden kann, müssen zunächst Flächen verfügbar gemacht und teilweise auch angekauft werden – gegebenenfalls über Tauschmodelle. Das ist ein eher langfristiger und durchaus komplexer Prozess.

Wie geht es der Wirtschaft in Heiden zurzeit?
Schmidt: Die Unternehmen in Heiden sind insgesamt sehr robust aufgestellt. Wir erleben eine hohe Innovationsbereitschaft und viel unternehmerisches Engagement. Viele Betriebe stellen sich den aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheiten mit langfristigem Blick und entwickeln sich kontinuierlich weiter – vorsichtig, aber zuversichtlich. 
Voßkamp: Der vielzitierte wirtschaftliche Tausendfüßler hilft, dass die Region insgesamt stabil bleibt – solange er, bildlich gesprochen, alle Schuhe behält. Grundsätzlich planen wir deshalb bei der Gewerbesteuer sehr konservativ, weil wir wissen, dass wirtschaftliche Schwankungen uns irgendwann treffen werden. Die Unternehmen spüren natürlich die Effekte globaler Entwicklungen auch hier in Heiden – von geopolitischen Spannungen bis zu gestörten Lieferketten. Das bereitet mir schon ein bisschen Sorge. Gleichzeitig sollte man sich bewusst machen, dass wir hier weiterhin auf einem sehr hohen Niveau wirtschaften. 

Mit der Heiden-App ist im vergangenen Jahr ein neues digitales Angebot gestartet. Wenn Sie mal ein Fazit nach den ersten Monaten ziehen: Wie nehmen die Bürgerinnen und Bürger diesen Dienst an?
Schmidt: Die Heiden-App wird gut angenommen, sie ist ein zusätzlicher Kommunikationskanal für uns. Unser Ziel ist es, die Arbeit der Verwaltung transparenter zu machen und besser zu erklären – gerade bei Themen, die Fragen auslösen. Dafür nutzen wir heute viele Wege: klassische Pressearbeit, Social Media, digitale Infosäulen, WhatsApp und eben seit kurzem die Push-Nachrichten über die App. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. Natürlich ersetzt das nicht das persönliche Gespräch, aber bei 8.800 Menschen braucht es eben mehrere Kanäle für die Kommunikation. Gleichzeitig denken wir die App weiter – perspektivisch auch als Informations- und Warninstrument im Krisenfall. Insgesamt ist das ein Baustein von vielen, um näher an den Bürgerinnen und Bürgern zu sein.
Voßkamp: Darüber hinaus treiben wir weitere Smart-City-Themen voran – von Parkplatzmanagement über Füllstandssensoren bei Mülltonnen bis hin zu Regen- und Bewässerungssensorik, etwa an Kreisverkehren. Ziel ist es, Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten und den Bauhof gezielter einzusetzen. Parallel werden auch Verwaltungsservices wie Terminbuchungen im Bürgerbüro zunehmend digital angeboten. Das reduziert Wartezeiten und sorgt für mehr Planungssicherheit auf beiden Seiten. Aktuell arbeiten wir zudem an einem Chatbot, der die Bürgerinnen und Bürger künftig unterstützen soll. Die technischen Vorbereitungen laufen, erste Tests stehen unmittelbar an.

Wenn Sie Heiden als Freizeitort vorstellen müssten – was würden Sie Ihren Besuchern unbedingt zeigen?
Voßkamp: In jedem Fall unser Frei- und Wellenbad. Das ist über 50 Jahre alt, hat sich weit über die Region hinaus einen Namen gemacht und wurde sogar schon als beliebtes Ausflugsziel ausgezeichnet. Das Freibad ist ein echtes Aushängeschild mit den „schönsten Wellen im Münsterland“, aber auch das Naturschutzgebiet Kranenmeer und die Teufelsteine – das Steinkammergrab in der Bauerschaft Nordick –, die auch Teil unseres Wappens sind.
Schmidt: Ich würde mir ein Fahrrad schnappen und die Heidener Hüttentour fahren. Danach vielleicht ins Freibad und anschließend in eine Gastronomie einkehren – das ist hier alles gut kombinierbar. Heiden funktioniert als Freizeitort sehr gut, weil man Natur, Bewegung und Begegnung unkompliziert verbinden kann.

Das Interview führte Anja Wittenberg
 

Artikel teilen