Herr Doetkotte, Frau Vater, wie geht es dem Wirtschaftsstandort Gronau derzeit und was macht ihn heute aus?
Rainer Doetkotte: Gronau hat einen erheblichen Strukturwandel erlebt. Die große Zeit der Textilgeschichte ist vorüber, was uns in den Achtzigerjahren erhebliche Arbeitslosigkeit beschert hat. Binnen einer Generation konnten wir die Quote auf rund sieben Prozent senken. Das ist besser, aber noch immer zu viel. Wir haben uns dazu von einer Textil-Monokultur hin zu einem diversen Gewerbemix entwickelt. Diese Veränderung ist überall zu erkennen, beispielsweise bei der früheren van-Delden-Fabrik, aus der heute unter dem Namen „Weiße Dame“ ein innovatives Wohnprojekt mit Kita und Pflegeeinrichtung geworden ist. Das war auch ein Stück Wirtschaftsförderung, dass es uns gelungen ist, ein externes Unternehmen nach Gronau zu holen, um dieses kreative Projekt hier zu realisieren – und nicht in Großstädten wie Münster, München oder Düsseldorf.
Katharina Vater: Und daneben gibt es hier jetzt viel verarbeitendes Gewerbe, ein bisschen Chemie, große Arbeitgeber wie Monari oder Engbers, die weit über Gronaus Grenzen hinaus bekannt sind. Und ein paar Hidden Champions wie den Schmuck-Onlinehändler Heideman gibt es hier auch noch. Das wird auch unsere Aufgabe bleiben, monostrukturelle Entwicklungen zu verhindern.
Herr Doetkotte, Sie sind seit 2019 Bürgermeister, waren zuvor aber schon stellvertretender Bürgermeister. Wie hat sich die Stadt nach Ihrem Erleben verändert?
Doetkotte: Vieles hat sich hier durch die Landesgartenschau 2003 verändert. Die Gronauer haben das Gelände längst lieben gelernt, sodass wir die Fläche auch erhalten wollen. Neben dem Tierpark, dem ehemaligen Laga-Gelände und dem Dreiländersee ist das eines der größten touristischen Ziele in der Stadt. Am See haben wir gerade die neue Promenade hergerichtet, bereits eröffnet hat dort auch eine neue Gastronomie. Darauf haben wir sehnsüchtig gewartet. Leicht war es nicht, das Projekt am Wasser zu realisieren.
Welche Projekte beschäftigen Sie zurzeit besonders?
Doetkotte: Gronau ist eine wachsende Stadt und unterscheidet sich darin von den Nachbarkommunen. Wir spüren einen Bedarf an Schulneubauten, aber auch an Sanierungen von existierenden Schulen und Sporthallen. Außerdem fehlen uns aktuellen Studien zufolge rund 1.000 Wohnungen. Wir haben bereits einige Grunderwerbe realisieren können, sodass wir aktuell neue Baugebiete entwickeln. Und gerade im Zentrum beschäftigt uns auch noch die „Wunde“ des abgerissenen Karstadt/Hertie-Gebäudes. Diese Wunde ist noch immer offen.
Vater: Auch im Bestand arbeiten wir. Das frühere Dinkellager direkt am rock’n’popmuseum beispielsweise wird neu genutzt. Dort entsteht ein Musikhotel direkt am Landesgartenschau-Gelände, ein nachhaltig gestaltetes Gebäude. Das ist auch Wirtschaftsförderung, nicht nur in Gewerbegebieten, sondern ebenso an den zentralen Stellen unserer Stadt.
Ein weiteres prominentes Projekt ist das Historische Rathaus, das moderne Arbeitsplätze in klassischem Gewand schaffen soll. Wie ist der Stand?
Doetkotte: Wir verdichten hier mitten in der Stadt nach. Dadurch entsteht eine ganz neue Frequenz, weil die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung die Angebote in der Innenstadt nutzen und auch die Besuchenden der Verwaltung noch dazukommen. Das alles ist Teil unseres Bahnhofsquartiers. Früher war das Viertel zum Schichtwechsel stark frequentiert, aber die Zeiten sind vorüber. Mit dem Teilstandort des Rathauses wollen wir bewusst einen neuen städtebaulichen Akzent setzen. Der Baustart steht in Kürze an.
Im Zuge des Neubaus werden Sie Ihr Bürgermeister-Büro künftig ganz in der Nähe der Wirtschaftsförderung beziehen. Frau Vater, wie wichtig sind solche kurzen Wege?
Vater: Das ist tatsächlich sehr wichtig. Unsere Zusammenarbeit ist durch hohes Vertrauen gekennzeichnet. Wir tauschen uns regelmäßig aus, oft zwischen zwei Terminen. Und wir sind uns bei den Akzenten, die wir in der Wirtschaftsförderung setzen wollen, grundsätzlich auch einig.
Wo liegen denn die Aufgaben im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung?
Vater: Grundsätzlich sage ich: Ohne wirtschaftliche Entwicklung der Stadt geht nichts. Nur da, wo gearbeitet und Geld verdient wird, kann auch Geld ausgegeben werden. Ohne Wirtschaft sieht jeder Standort schlecht aus. In der Zeit um 2019, als ich in die Wirtschaftsförderung Gronau gewechselt bin, haben wir damals einen neuen Stadtbaurat bekommen und auch einen neuen Bürgermeister. In dieser Kombination haben wir Gronau in Bewegung gebracht. Und wir sind da noch lange nicht am Ende, wir müssen weiter vor allem klassische Gewerbe- und Industrieflächen entwickeln. Auch die Bestandsgewerbeflächen wollen wir noch einmal in den Fokus rücken und schauen, wo sich Möglichkeiten zur weiteren Flächenentwicklung bieten. Mit Blick auf den Wirtschaftsstandort in der Grenzregion könnten sich Synergien bilden.
Welche Optionen bieten sich für die Ansiedlungspolitik?
Doetkotte: Einen gewissen „internationalen Kick“ sehen wir bei der Entwicklung im Bereich des Euregio-Quartiers an der Nahtstelle zum Enscheder Ortsteil Glanerbrug. Da wollen wir einen hochwertigen Gewerbe- und Businesspark entstehen lassen, der attraktive Arbeitsplätze bietet.
Um sich gegenüber dem Einzelhandelszentrum Enschede zu positionieren, braucht es eine starke Innenstadt. Wie kann das gelingen?
Doetkotte: Wir können mit Stolz sagen, dass wir dank des Sofortprogramms zur Stärkung der Innenstädte und Stadtteilzentren bereits 16 Einzelhandels-Projekte in Gronau und Epe umsetzen konnten, von denen 14 noch aktiv sind. Die Herausforderung bleibt, den vorhandenen Leerstand mit den privaten Eigentümern zu beseitigen, das erfordert etwas Überzeugungsarbeit und wir sind noch dabei. Ich glaube, dass wir uns trotz der starken Nachbarschaft gut entwickeln können. Die Niederländer kommen ja auch gerne nach Gronau. Umso wichtiger ist es, dass wir weiterhin daran arbeiten, die Innenstadt attraktiver zu machen.
Vater: Wir haben allerdings eine kleinteilig strukturierte Innenstadt, viele Ladenflächen sind aus heutiger Sicht zu klein. Um namhafte Filialisten nach Gronau zu holen, braucht es Flächen zwischen 800 und 1.500 Quadratmetern. Und die fehlen uns noch.