Emlichheim

Interview | „Für uns ist das ein Quantensprung“

Bei der Kommunalwahl im Herbst 2026 tritt Samtgemeindebürgermeister Ansgar Duling nicht mehr für Emlichheim an. Bis dahin hat er aber noch einige Projekte auf der Agenda. Welche das sind, wie die Wirtschaft in der Samtgemeinde aufgestellt ist und was er in seiner Amtszeit gelernt hat, verrät Duling im Interview.

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Herr Duling, wenn man auf den Haushaltsplan der Samtgemeinde Emlichheim für 2026 schaut, dann fallen sofort ein paar Schwerpunkte auf: der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Ausweitung des Ganztagsschulangebots und die Infrastruktur. Warum sind gerade diese Themen so im Fokus? 
Wir haben diese Themen tatsächlich nicht zufällig gewählt, sondern setzen hier schon seit Jahren gezielt Schwerpunkte. Das müssen wir auch. Die derzeitige Ölkrise zeigt einmal mehr, wie wichtig der Ausbau der erneuerbaren Energien ist, auch wenn die Klimakrise in letzter Zeit etwas in den Hintergrund getreten ist. Wir setzen beispielsweise auf Windparks – auch wenn diese mit vielen regulatorischen Hindernissen verbunden sind. Gleichzeitig gehen wir bei Photovoltaik voran und installieren Anlagen auf öffentlichen Dächern der Samtgemeinde mit einer Leistung von mindestens 50 kWp pro Jahr. 2025 waren es sogar insgesamt rund 100 kWp – wir setzen also mehr um, als mit dem Samtgemeinderat vereinbart ist. Außerdem wurde gerade die Bürgerenergiegenossenschaft „Vechte4Energy eG“ gegründet. Mit der Genossenschaft haben die Bürger die Möglichkeit, sich niederschwellig an lokalen Energieprojekten zu beteiligen. Ein erstes Projekt, eine PV-Anlage auf dem Dach der Edith-Stein-Realschule, soll noch in diesem Jahr verwirklicht werden.  

Der Bildungsbereich ist Ihr zweiter Schwerpunkt. 
Genau, ich meine damit den Ausbau des Ganztags. Ab dem 1. August dieses Jahres gilt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab Klasse 1, und bis auf Ringe haben wir schon in allen Gemeinden offene Ganztagsschulen. Ringe zieht jetzt nach: Wir investieren rund eine Million Euro in eine Mensa mit Ausgabe- und Lehrküche – dann bieten wir an fünf Tagen acht Stunden Betreuung von Klasse 1 bis 4 und gehen damit bewusst über den gesetzlich geforderten Rechtsanspruch hinaus, um berufstätige Eltern zu entlasten. Das ist in Zeiten des Arbeits- und Fachkräftemangels für Unternehmen besonders wichtig. 

Und im Bereich Infrastruktur? 
Da holen wir bei den Straßen einiges nach. Große Projekte wie die Verlängerung der Straße Obenholt, über die die Gewerbegebiete in Emlichheim besser erschlossen werden und gleichzeitig der Ortskern vom Schwerlastverkehr entlastet wird, sind zentrale Vorhaben – die „Verlängerung Obenholt” ist übrigens eines der größten Investitionspakete in der Geschichte der Samtgemeinde. Allein dafür werden wir 14 Millionen Euro in die Hand nehmen, wovon etwa die Hälfte gefördert wird. Auch die Ladestraße, die kurz vor Fertigstellung ist, wird den Ortskern von Emlichheim entlasten und gleichzeitig den künftigen Bahnhaltepunkt und das südliche Baugebiet Wiggerskamp anbinden. 

Apropos Haltepunkt: Ein Projekt, das gleich mehrere Ihrer Ziele vereint, ist die Reaktivierung des Schienenpersonennahverkehrs zwischen Coevorden und Neuenhaus. In der Samtgemeinde Emlichheim sind für diese Strecke drei Haltepunkte vorgesehen. Wie optimistisch sind Sie, dass der erste Zug pünktlich im Dezember über die Schiene rollt? 
Die Ertüchtigung der Gleisanlagen, die Sicherung der Bahnübergänge und der Anschluss bis zum Bahnhof Coevorden liegen nicht in unserer Hand. Unsere eigenen Hausaufgaben – vor allem die Errichtung der Bahnhofsumfelder inklusive Parkplätze, Fahrradabstellanlagen und Bushaltestellen – werden wir pünktlich erledigen, damit der Zug im Dezember das erste Mal von Coevorden nach Bad Bentheim und zurück rollen kann. Für die Samtgemeinde und unsere Bürgerinnen und Bürger ist das ein ganz wichtiges Projekt, wir beschäftigen uns damit schon seit 2019. Die Verbindung eröffnet nicht nur nach Bad Bentheim, sondern auch in Richtung Niederlande und Belgien neue Chancen. Für unseren Standort ist das also ein riesiger Quantensprung in Sachen Mobilität und Attraktivität. Besonders gespannt bin ich dabei auf den Bahnhof Laarwald: Das historische Gebäude von 1910 wird im Zuge der Reaktivierung durch die Bentheimer Eisenbahn ertüchtigt, 600.000 Euro steuern die Samtgemeinde und die Gemeinde Laar insgesamt bei, hinzu kommen Fördermittel aus der Dorfentwicklung von über 150.000 Euro.  

Um die Schiene geht es auch im Güterverkehrszentrum (GVZ), das aktuell und in den kommenden Jahren weiter wachsen soll. Welche Bedeutung hat das GVZ für die Samtgemeinde Emlichheim? 
Der GVZ Europark ist für unsere Samtgemeinde überragend wichtig und hat sich toll entwickelt. Die Unternehmen dort tragen erheblich zum Steueraufkommen bei und bieten hunderte Arbeitsplätze. Besonders spannend ist, dass es sich um einen grenzüberschreitenden Gewerbepark zwischen Niedersachsen und den Niederlanden handelt – bundesweit ist das einmalig und darauf können wir schon stolz sein. Vor 30 Jahren hätte sich das noch niemand so vorstellen können. Die Schienenanbindung ist dabei ein besonderes Pfund, wenn man an nachhaltige Logistik denkt – ein Thema, das für die Zukunft besonders relevant ist. Und wir haben hier große Flächen für die Weitentwicklung, die in anderen Regionen knapp sind. 

Mit welchen Herausforderungen beschäftigen sich die Unternehmen in Emlichheim und wie können Sie dabei als Samtgemeinde helfen? 
Wenn wir mit den Unternehmerinnen und Unternehmern sprechen, werden häufig zwei Herausforderungen genannt: Neben den hohen Energiekosten ist das vor allem der Arbeits- und Fachkräftemangel. Als Samtgemeinde setzen wir genau dort an, indem wir die Attraktivität des Wohn- und Arbeitsstandorts stärken – etwa durch gute Mobilitäts-, Betreuungs- und Bildungsangebote, wie ich sie bereits angesprochen habe. Immer mit dem Ziel vor Augen, Fachkräfte für unsere Region zu begeistern und erwerbstätigen Eltern den Alltag zu erleichtern. Ergänzend organisiert die Edith-Stein-Realschule alljährlich eine Ausbildungs- und Praktikumsmesse, die stark wächst – von ursprünglich 30 auf inzwischen 66 Aussteller. Damit möchten wir Nachwuchskräfte schon frühzeitig an die Unternehmen in der Samtgemeinde binden. Das ist auch Ziel beim Job-Bus, einem Projekt des Gewerbevereins „Wir an der Vechte“. Jugendliche werden zu den Unternehmen gefahren, wo sie sich über die Betriebe und Ausbildungsberufe informieren können. 

Bei den Kommunalwahlen im Herbst treten Sie nicht nochmal als Samtgemeindebürgermeister an. Auch wenn es bis dahin noch etwas Zeit ist: Was war rückblickend bis jetzt das prägendste Projekt für die Samtgemeinde, das in Ihrer Amtszeit umgesetzt wurde? 
Das prägendste Projekt ist sicherlich die Reaktivierung des Schienenpersonennahverkehrs. Das ist ein ganz wichtiger Standortfaktor für die Samtgemeinde und ihre Mitgliedsgemeinden und wird unsere Region nachhaltig nach vorne bringen. Eng damit verbunden ist aus meiner Sicht auch die Entwicklung der Bahnhofsumfelder und die Ortskernentwicklung, insbesondere in Emlichheim. Wenn ich meine Zeit als Erster Samtgemeinderat mit einbeziehe, war auch der Breitbandausbau ein ganz entscheidendes Projekt. Wir haben zunächst die „weißen Flecken“ geschlossen und anschließend durch eine beispielhafte interkommunale Zusammenarbeit im Landkreis mit der Breitband Grafschaft Bentheim GmbH & Co. KG mit einem eigenwirtschaftlichen Ausbau eine flächendeckende Glasfaserversorgung erreicht. Das ist heute ein zentraler Faktor – sowohl als Wohn- als auch als Arbeitsstandort. Darauf bin ich stolz. 

Was würden Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben? 
Es steht mir nicht zu, meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger kluge Ratschläge zu erteilen. Aber wenn ich auf meine Zeit zurückschaue, hat es sich als erfolgreich erwiesen, die harten und weichen Standortfaktoren immer im Blick zu haben und konsequent an den Bedürfnissen von Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürgern weiterzuentwickeln. Was ich persönlich gelernt habe: Bürgernähe ist entscheidend. Man sollte nicht darauf warten, dass die Menschen ins Rathaus kommen, sondern aktiv auf sie zugehen, in Vereine gehen, vor Ort präsent sein und sich die Dinge selbst anschauen. So bekommt man ein Gespür für Wünsche und Bedürfnisse – auch wenn man nicht immer alles umsetzen kann.  

Das Interview führte 
Anja Wittenberg

 

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