Herr Stohldreier, als wir zuletzt miteinander sprachen, steckten wir noch mitten in der Pandemie. Jetzt, mit etwas Abstand: Wie ist Ascheberg durch diese Zeit gekommen? Wie geht es der Gemeinde heute?
Thomas Stohldreier: Wir haben die Pandemie glücklicherweise ein bisschen hinter uns gelassen. Die Gemeinde hat die Zeit insgesamt gut überstanden. Jetzt spüren wir durch neue externe Faktoren, dass es im Portemonnaie überall enger wird. Das gilt natürlich auch für den Gemeindehaushalt. Derzeit sind wir vor allem im Bereich der Flüchtlingssituation gefordert. In Ascheberg zählen wir derzeit rund 520 geflüchtete Menschen, die wir über die Gemeinde verteilt untergebracht haben. Das fordert uns enorm, aber das bekommen wir mit unserem Mut und unserer zupackenden Art irgendwie hin. Gerade in herausfordernden Zeiten ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten.
Welche anderen Themen beschäftigen Sie derzeit?
Stohldreier: Da gibt es einige. Die Versorgung mit nachhaltiger Energie gehört unbedingt dazu, beispielsweise über Windkraft. Dieses Thema gehen wir als Gemeinde etwas anders an, weil wir die Wertschöpfung gerne im Ort behalten möchten. In den beiden Windvorrangzonen werden wir daher selbst Betreiber von Windkraftanlagen werden. Mit insgesamt sieben Anlagen können wir rechnerisch bis zu 22.000 Haushalte im Jahr versorgen. Bürger und gerade auch Anwohner können sich daran beteiligen. Bildung ist ein weiteres großes Thema. Wir wollen unsere weiterführende Profilschule zukunftsfähig machen und investieren hier insgesamt 30 Millionen Euro, um moderne Rahmenbedingungen für Bildung zu schaffen. Auch Kitaplätze stehen im Fokus. Hier haben wir in den vergangenen Jahren umfangreich gebaut, sodass wir wirklich wohnungsnah für alle ein passendes Angebot machen können. Diese Themen sind für junge Familien wichtig und ich freue mich, dass wir über alle sechs Parteien im Rat bei solchen wichtigen Zukunftsthemen eigentlich immer zusammen Lösungen finden. Dazu kommt: Auch Ascheberg finanziert den Kreis und den Landschaftsverband. Steigende Lohnkosten dort betreffen uns hier auch und das setzt unseren Haushalt immens unter Druck. Abgesehen davon sehe ich Ascheberg gut aufgestellt, was sicher auch daran liegt, wie wir in der Gemeinde miteinander umgehen.
Ein Blick auf die Gewerbesteuereinnahmen deutet an, dass Aschebergs Unternehmen gut gewirtschaftet haben. Für 2023 haben Sie mit 12,4 Millionen Euro einen neuen Rekord aufgestellt. Woran liegt das?
Stohldreier: Daran, dass wir hier Unternehmen haben, die ihren Job verstehen. Die genau wissen, wie es geht. Auf der anderen Seite haben wir immer auch eine gute Ansiedlungspolitik gehabt, das zeigt sich jetzt. Es ist ein starker Gewerbemix, der zu unterschiedlichen Zeiten seine Stärken ausspielt. Wenn es einer Branche mal nicht gut geht, konnten andere Branchen dafür einspringen.
Herr Hatebur, als Wirtschaftsförderer sind Sie noch vergleichsweise neu an Bord. Nehmen Sie die Lage in Ascheberg ähnlich wahr wie der Bürgermeister?
Julian Hatebur: Tatsächlich ja. Ich sehe viele aktive Unternehmen hier, viel Innovation. Ich habe schon viele offene, gute Gespräche geführt. Durch meine vorherige Aufgabe als Baulandentwickler kannte ich viele Unternehmen allerdings schon. Jetzt als Wirtschaftsförderer werden die Kontakte natürlich noch intensiver.
Die Besuche vor Ort in den Unternehmen sind Ihnen wichtig?
Hatebur: Ja. Vor allem deswegen, weil wir so direkt erfahren, wo wir womöglich unterstützen können.
Stohldreier: Ich habe 2020 an einem Tag im Gewerbegebiet Nord 50 Betriebe besucht. Man sieht dabei, wie viele kleine und mittlere Unternehmen wir vor Ort haben.
Vermutlich gibt es trotz der unterschiedlichen Betriebsgrößen und Branchen ein paar zentrale Themen, die alle beschäftigen. Stichwort Bürokratie oder Fachkräftemangel ...
Hatebur: Natürlich, vor allem der Fachkräftemangel. Das ist ein wirklich großes Thema. Als Wirtschaftsförderung werden wir immer wieder darauf angesprochen und konnten über unseren Fachbereich Soziales tatsächlich punktuell schon Arbeitskräfte vermitteln; auch geflüchteten Menschen, denen man so die Möglichkeit zur Integration geboten hat. Darum geht es bei uns: vor Ort zu sein und bei Problemen zu unterstützen.
Für Fachkräfte ist auch das Thema Wohnen relevant. Wie betrifft Sie das in Ascheberg?
Hatebur: Das betrifft tatsächlich direkt die Mitarbeiterbindung. Wir haben in der Gemeinde einen Vergabeleitfaden entwickelt, über den wir Investorengrundstücke anbieten können. Darauf können sich Unternehmen bewerben, um bezahlbaren Wohnraum für Mitarbeitende vor Ort zu schaffen. Das ist dann wiederum ein Argument bei der Suche nach Fachkräften.
Welche Schwerpunkte wollen Sie in der Wirtschaftsförderung künftig noch setzen?
Hatebur: In erster Linie wird es weiter darum gehen, unseren Lagevorteil zu nutzen. Dazu gehört auch, dass wir im Ortsteil Herbern gerade das neue Gewerbegebiet Ondrup mit etwa 6,5 Hektar Fläche vermarkten. Auch in Ascheberg haben wir im Bereich Vennkamp an der B 58 noch einmal sieben Hektar zur Verfügung. Das sind Flächen, die zum einen unseren bestehenden Betrieben zur Verfügung stehen, aber auch offen sind für neue und regionale Unternehmen, die sich gerne in Ascheberg ansiedeln möchten.
Sie haben auch dafür den Unternehmenslotsen ins Leben gerufen. Was ist das?
Hatebur: Dabei geht es darum, dass ich in der Verwaltung ein fester Ansprechpartner für die Unternehmen bin und so die Wege für sie kurz halte. Wenn ein Unternehmen beispielsweise eine neue Halle errichten möchte, dann stimme ich mich vorab mit den zuständigen Kolleginnen und Kollegen aus dem Planungsamt ab und prüfe, was möglich ist. Dazu zählt auch ein kurzer Weg zur Bauaufsichtsbehörde beim Kreis Coesfeld, um Themen schnell voranzubringen.
Sie haben gesagt, dass der regelmäßige Austausch mit Unternehmen vor Ort wichtig ist. Wie können Sie das in der Praxis umsetzen?
Hatebur: Wir haben in diesem Jahr beispielsweise einen Unternehmensnewsletter gestartet, der
einmal im Quartal erscheint und der Unternehmen darüber informiert, was gerade bei uns in Ascheberg passiert. Im Newsletter stehen sowohl grundlegende Informationen wie auch Hinweise auf interessante Veranstaltungen. Die Idee ist, dass Unternehmen aktuelle Themen und spezielle Seminarangebote für sie aus erster Hand von uns erfahren.
Auch das Unternehmerfrühstück spielt dabei eine Rolle?
Hatebur: Richtig. Einmal im Jahr bieten wir das an, jeweils bei einem Unternehmen in Ascheberg, Herbern oder Davensberg. Das ist eine schöne Gelegenheit, sich einmal zu präsentieren. Als Gemeinde steuern wir immer ein aktuelles Wirtschaftsthema bei und natürlich geht es dann auch ums Netzwerken. In diesem Jahr hatten wir über 100 Teilnehmer auf der Veranstaltung im Unternehmen Fliesen Nägeler in Herbern. Ich war in meiner Funktion zum zweiten Mal dabei. Die Veranstaltung macht Spaß und kommt spürbar gut an.
Herr Stohldreier, welche Rolle spielt mit Blick auf solche Themen ein Wirtschaftsförderer für die Gemeinde?
Stohldreier: Er ist für uns elementar wichtig und ich bin froh, dass wir Julian Hatebur bei uns haben – jemand, der rausgeht, der mit den Betrieben in Kontakt steht. Genau diese Beziehung hat uns bisher durch alle Krisen geführt und deshalb müssen wir nah dran bleiben. Dabei spielt es eine große Rolle, dass wir an der einen oder anderen Stelle Lösungen schaffen, für die andere mitunter länger brauchen würden. Als kleinere Gemeinde sind wir vielleicht etwas wendiger. Das äußert sich dann auch so, dass wir manche Themen über die jeweiligen Abteilungsgrenzen hinaus durchsprechen und Unternehmen schnell eine Antwort geben können.
Sie wollen noch für eine weitere Amtszeit als Bürgermeister kandidieren. Gibt es Aufgaben, die Ihnen wichtig sind und die Sie bisher noch nicht umsetzen konnten?
Stohldreier: Es gibt viele Themen, die mir am Herzen liegen. Einige davon, wie der Ausbau der Profilschule, begleiten uns ohnehin noch länger. Wir wollen aber auch die Ortskernentwicklung vorantreiben, um Ascheberg attraktiv zu halten. Im Bereich Bekleidung fehlt uns noch ein Angebot. Aber mit Leerständen haben wir glücklicherweise nicht zu kämpfen, hier geht es mehr um die Aufenthaltsqualität. Wir werden zudem weiter auf Wohnraum und Gewerbeflächen achten müssen. Das dringend benötigte neue Gerätehaus für unsere Feuerwehr in Herbern ist gerade im Bau. Im Bereich der Mobilität sehe ich noch Nachholbedarf. Wir haben zwei neue Buslinien eingerichtet, die wir jetzt auch etablieren müssen. Das ist also, wie Sie sehen, ein Gemischtwarenladen voller Themen. So oder so haben wir die Zukunft da fest und gut im Blick.