Telgte

Katja Behrendt | „Offen, engagiert und lebendig”

Katja Behrendt ist seit fast einem dreiviertel Jahr Bürgermeisterin der Stadt Telgte. Die 48-Jährige kennt die Region: In Münster kam sie zur Welt, wohnte einige Jahre in Telgte, ging in Wolbeck aufs Gymnasium und studierte in der Stadt auch Politikwissenschaft. Seit 2009 lebt sie wieder in Telgte und kennt die Herausforderungen der Stadt bestens. Im Interview spricht sie über den Spagat zwischen Lebensqualität und kommunalen Finanzen und über die anstehenden Aufgaben in Telgte.

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Frau Behrendt, Fußballfans aus Bielefeld nennen Münster spöttisch den „Vorort von Telgte“. Damit können Sie ganz gut leben, oder? 
(lacht) Damit kann ich gut leben. Die Fußball-Anspielung war mir ehrlich gesagt gar nicht so präsent. Ich kenne diesen Spruch eher von meinem Amtsvorgänger Wolfgang Pieper, der ihn in Münster bei Reden gerne mit einem Augenzwinkern eingebaut hat. 

Was macht denn die „großartige Kleinstadt Telgte“, wie sie sich selbst nennt, aus? 
Ich erlebe die Stadt als offen, engagiert und lebendig. Hier leben Menschen gerne: Wir haben wunderschöne Natur mit der Ems, dem Park und einer Altstadt, die man wirklich als kleines Juwel bezeichnen kann. Dazu kommt die hervorragende Lage: Münster, Osnabrück und die Region sind sehr gut erreichbar. In Telgte steckt unglaublich viel Lebensqualität. Besonders beeindruckend empfinde ich das ehrenamtliche Engagement. Die Menschen bringen sich in vielen Bereichen ein und gestalten das Leben aktiv mit. Ganz nebenbei wird Telgte auch jünger. Viele Familien ziehen hierher, das prägt das Lebensgefühl. Wir haben eine außergewöhnlich vielfältige Gastronomie, viele Restaurants und Cafés. Im Sommer entsteht auf dem Marktplatz mit Musik und den kleinen Gassen fast schon ein italienisches Flair. Und natürlich merken wir auch den Boom beim Fahrradtourismus und der E-Mobilität. Telgte ist ein attraktives Ausflugsziel und das wird immer stärker wahrgenommen. 

In diesen herausfordernden Zeiten schaut man bei Kommunen oft zuerst auf die Finanzen. Wo drückt hier der Schuh? 
Trotz vergleichsweise robuster Wirtschaft und guten Einkommensteuereinnahmen haben wir in Telgte kein Geld zu verteilen. Für 2026 rechnen wir mit einem Defizit von über elf Millionen Euro. Auch für die Folgejahre erwarten wir hohe Fehlbeträge. Wir haben bereits alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, um den Haushalt überhaupt genehmigungsfähig zu machen. Die Lage ist ernst – und das betrifft nicht nur Telgte. Die meisten Kommunen stehen vor demselben strukturellen Problem: Immer mehr Aufgaben werden übertragen, aber sie werden nicht ausreichend gegenfinanziert. In der Bürgerschaft ist das noch nicht überall spürbar, weil viele Angebote zunächst weiterlaufen. Aber die finanzielle Situation ist tatsächlich alarmierend. Selbst wenn wir alle freiwilligen Leistungen wie Freibad, Bürgerhaus oder Museum streichen würden, wären wir noch nicht im grünen Bereich. Das zeigt, dass es kein Luxusproblem ist, sondern ein grundsätzliches Finanzierungsproblem der Kommunen. 

Für welche Aufgaben muss die Stadt aktuell besonders viel Geld in die Hand nehmen? 
Ein positiver Punkt ist: Meine Vorgänger haben früh in die Schullandschaft investiert. Deshalb sind wir beim Ausbau der Offenen Ganztagsschule vergleichsweise gut vorbereitet. Trotz der angespannten Lage investieren wir weiterhin stark in Bildung – zum Beispiel in die Marienschule. Dort entsteht ein Neubau, gleichzeitig wird ein denkmalgeschützter Bereich saniert. Ein weiteres Großprojekt ist die Sanierung des Rathauses. Diese Aufgabe wurde über Jahre aufgeschoben, auch zugunsten der Schulen. Mittlerweile ist das Gebäude aber so marode, dass wir nicht länger warten können: Brandschutz, Rohrbrüche, Heizungsprobleme und mangelnde Dämmung machen eine Sanierung zwingend notwendig. Die Tarifsteigerungen treiben die Personalkosten in die Höhe. Sehr teuer war in den vergangenen Jahren außerdem die Unterbringung von geflüchteten Menschen. Besonders die Nutzung von Turnhallen und Containerlösungen hat die Stadt finanziell stark belastet. Gleichzeitig ist der Wohnungsmarkt in Telgte extrem angespannt. Wir haben kaum Leerstand und nur wenige Möglichkeiten, zusätzlichen Wohnraum kurzfristig zu schaffen. 

Und wie geht es den Unternehmen vor Ort? 
Ich bin aktuell viel in den Unternehmen unterwegs, weil mir dieser Austausch wichtig ist. Die Wirtschaft ist ein zentraler Motor für die Stadtentwicklung – gerade auch wegen der Gewerbesteuereinnahmen. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen steht Telgte insgesamt noch solide da. Im vergangenen Jahr lagen die Gewerbesteuereinnahmen bei über 20 Millionen Euro, für dieses Jahr rechnen wir mit rund 14 Millionen. Das ist weiterhin ein guter Wert. Natürlich spüren einige Unternehmen die wirtschaftliche Unsicherheit stärker als andere. Manche haben aber auch erfolgreiche Nischen gefunden. Wichtig sind den Unternehmen vor allem verlässliche Rahmenbedingungen: ausreichend Wohnraum für Beschäftigte, gute Erreichbarkeit und eine funktionierende Verwaltung. Gerade bei Service und Erreichbarkeit sind wir als Verwaltung aus meiner Sicht gut aufgestellt. 

Die Bundesstraße 51 von Münster nach Telgte soll ausgebaut werden. Das ist seit Jahren ein großes Thema. Wie bewerten Sie das Projekt? 
In Telgte und mehreren Nachbarkommunen gibt es klare ablehnende Beschlüsse gegen einen autobahnähnlichen Ausbau der B 51. Aus unserer Sicht stehen Aufwand und Nutzen nicht im Verhältnis. Wir beobachten eher rückläufige Verkehrszahlen und haben deshalb Zweifel, ob Milliardeninvestitionen in dieser Größenordnung sinnvoll sind. Moderne Mobilität bedeutet heute eben nicht nur Straßenbau, sondern auch Radverkehr, Bahn und intelligente Verkehrskonzepte, in die wir investieren müssen. 

Sie haben die gute Lage und Erreichbarkeit von Telgte erwähnt. Wächst die Kleinstadt denn noch weiter? 
Ja, Telgte wächst weiterhin, zwar moderat, aber kontinuierlich. Im neuen Wohngebiet Telgte-Süd planen wir bis zu 450 Wohneinheiten. Die Nachfrage ist enorm, deshalb rechnen wir damit, dass die Entwicklung schnell vorangehen wird. Allerdings sehen wir auch die Schattenseiten: Die Bodenpreise sind stark gestiegen, Wohnraum wird immer teurer. Deshalb setzen wir bewusst auf einen Mix aus unterschiedlichen Wohnformen und auch auf geförderten Wohnungsbau. Wir schaffen Wohnraum für ganz unterschiedliche Gruppen: Familien, Senioren, Menschen mit Behinderung, Auszubildende oder Singles. Auch unsere Ortsteile haben Entwicklungsbedarf. Dort geht es eher um kleinere, behutsame Entwicklungen. Gleichzeitig arbeiten wir gemeinsam mit anderen Kommunen an einer interkommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Ich halte das für ein sehr gutes Modell, weil wir so langfristig Einfluss auf bezahlbaren Wohnraum behalten können. 

Wie bleibt Telgte attraktiv und lebendig? 
Wir sehen uns nicht in direkter Konkurrenz zu den großen Städten. Wichtig ist uns vor allem, dass Unternehmen hier bleiben und wachsen können. Ein großer Pluspunkt ist die starke Zusammenarbeit mit anderen Kommunen wie Ostbevern und Everswinkel, zum Beispiel bei der Feuerwehr. Dadurch entstehen Synergien, von denen alle profitieren. Außerdem lebt Telgte stark vom Engagement der Menschen. Die Innenstadt wird durch Veranstaltungen, Kulturangebote und Initiativen der Kaufmannschaft belebt. Wir leisten uns bewusst freiwillige Angebote wie Freibad oder Museum, weil sie zur Lebensqualität beitragen. Und ganz vieles entsteht durch Ehrenamt: Blumenschmuck an den Laternen, Weihnachtsbeleuchtung oder sogar die Pflege von Sitzbänken – das alles prägt das besondere Flair der Stadt. 

Welche großen Projekte stehen in den kommenden Jahren an? 
Die größte Aufgabe wird ganz klar die Rathaus-Sanierung. Das wird uns finanziell und organisatorisch enorm fordern, weil das gesamte Rathaus für mehrere Jahre ausgelagert werden muss. Parallel läuft der weitere Ausbau der Schulen. Gleichzeitig erleben wir derzeit sinkende Geburtenzahlen – das macht die Planung im Hinblick auf unser neues Baugebiet nicht einfacher. Wir müssen Strukturen erhalten, obwohl die finanzielle Situation angespannt ist. Ein weiteres Thema sind langfristige Förderbindungen im Kita-Bereich. Viele Träger geraten dadurch unter Druck, sodass am Ende oft die Kommune einspringen muss. 

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Wie geht es Telgte in zehn Jahren? 
Telgte wird auch in zehn Jahren ein lebenswerter Ort mit hoher Lebensqualität sein. Das Ehrenamt, die starke Gemeinschaft und die schöne Innenstadt werden bleiben. Gleichzeitig hängt vieles davon ab, ob es endlich eine echte Reform der kommunalen Finanzen gibt. Wenn die finanzielle Ausstattung der Städte und Gemeinden nicht verbessert wird, geraten freiwillige Leistungen und Serviceangebote zunehmend unter Druck. Gerade auf kommunaler Ebene erleben die Menschen ganz konkret, wie Demokratie funktioniert. Wenn der Staat vor Ort nicht mehr handlungsfähig wirkt, stärkt das am Ende extreme Strömungen. Deshalb geht es bei kommunalen Finanzen nicht nur um Zahlen – sondern auch um Vertrauen in Demokratie und Staat. 
 
Das Interview führte Carsten Schulte 

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