Neuenhaus

„Wir können gut mit urbanen Zentren mithalten“

Die Einwohnerzahl der Samtgemeinde Neuenhaus ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 1.000 Menschen gewachsen. Wie die Infrastruktur mit dieser Entwicklung Schritt hält und was die Wirtschaft vor Ort bewegt, erklärt Samtgemeindebürgermeister Günter Oldekamp im Interview

Günter Oldekamp, Samtgemeindebürgermeister Neuenhaus Foto: Anja Wittenberg

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Herr Oldekamp, die Samtgemeinde Neuenhaus wurde Ende des vergangenen Jahres von der IHK als „Ausgezeichneter Wohnort für Fachkräfte“ zertifiziert. Womit haben Sie gepunktet? 

Wir haben vor allem im Bereich Beruf und Familie sehr gut abgeschnitten. Die Samtgemeinde Neuenhaus gilt als sehr familienfreundlicher Standort. Die Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren liegt in der Stadt Neuenhaus beispielsweise bei 66,2 Prozent und in der Samtgemeinde insgesamt etwas höher bei 70,5 Prozent. Das sind sehr gute Werte! Gepunktet haben wir außerdem mit der guten Lebensqualität: Die Samtgemeinde ist ländlich geprägt und gleichzeitig ist Nordhorn als Oberzentrum nur zehn Kilometer entfernt. Durch die Zugverbindung über den Regiopa ist die Kommune gut vernetzt und an den ÖPNV angebunden. Einen Haken können wir auch hinter die Breitbandversorgung setzen, bei der die Grafschaft Bentheim ohnehin gut unterwegs ist. Die landkreiseigene Breitbandgesellschaft hat gemeinsam mit Deutsche Glasfaser dafür gesorgt, dass wir in Neuenhaus eine flächendeckend hohe Bandbreite haben – das kam uns vor allem in der Corona-Zeit mit Homeoffice und Homeschooling zugute. Wir können bei diesen Standortfaktoren also gut mit urbanen Zentren mithalten.  

Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung? 

Die Auszeichnung bringt uns einen erheblichen Marketingvorteil. Ich nutze das Zertifikat zum Beispiel in meiner E-Mail-Signatur und im Rathaus hängt es an prominenter Stelle. Auch die Unternehmen in Neuenhaus können mit dem Logo werben und damit potenziellen Fachkräften signalisieren, dass die Samtgemeinde ein guter Ort zum Arbeiten und Leben ist. Das hilft ihnen sicherlich auch bei der Fachkräftegewinnung. 

In der Samtgemeinde verzeichnen Sie steigende Einwohnerzahlen. Im vergangenen Jahr zählten Sie rund 15.000 Einwohner, vor zehn Jahren waren das noch 1.000 weniger. Was macht die Samtgemeinde aus Ihrer Sicht so beliebt? 

Ich glaube, es ist die Tatsache, dass wir hier nach wie vor sehr idyllisch ländlich leben, aber gleichzeitig viele Standortbedingungen erfüllen, die es in urbaneren Zentren gibt – wie die bereits angesprochene Breitbandanbindung oder der Bahnanschluss. Gleiches gilt für den Bereich Bildung: Wir sind stolzer Standort eines Gymnasiums – das Lise-Meitner-Gymnasium – sowie einer Haupt- und Realschule, die Wilhelm-Staehle-Schule. Das ist für eine Kommune in unserer Größe längst nicht selbstverständlich und ein echter Standortvorteil. Auch das Betreuungsangebot für die Kleinsten in all unseren Mitgliedsgemeinden passt – bei uns bekommt jeder einen Platz. Hinzukommt die landschaftliche Schönheit und die Lage im deutsch-niederländischen Grenzraum. Ich war kürzlich mit meiner Frau 40 Kilometer mit dem Rad durch die Region bis in die Niederlande unterwegs – das macht einfach Spaß. Und nicht zuletzt gibt es hier viele tolle Arbeitgeber mit spannenden Jobs. In der Summe sind das viele Faktoren, die für die Samtgemeinde als Wohnort sprechen, und das spiegelt sich dann in den Einwohnerzahlen wider. 

Was bedeutet das Wachstum für die Infrastruktur? 

Die muss natürlich mithalten. Deshalb investieren wir aktuell auch in den Ausbau der Betreuungsplätze. Wir bauen in Neuenhaus eine weitere Kita mit vier Gruppen, weil wir davon ausgehen, dass im Zuge des demografischen Wandels immer mehr Eltern arbeiten gehen müssen und sich dann die Betreuungsfrage für ihre Kinder stellt. Auch in unserer Schullandschaft werden wir etwas tun: In Neuenhaus wird aus der bislang dreizügigen Grundschule – die übrigens gemessen an den Schülerzahlen schon jetzt die größte Grundschule in unserer Samtgmeinde ist – eine vierzügige Einrichtung. Die medizinische Versorgung gehört ebenfalls zur Infrastruktur. Hier ist es uns gelungen, für die Arztpraxis an der Marktstraße in Neuenhaus zwei Ärzte zu gewinnen. Und wir sind aktuell dabei, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. 

Wie ist da der Stand der Dinge? 

Grundsätzlich können wir glücklicherweise in allen Mitgliedsgemeinden Bauplätze anbieten und in einigen Orten sind wir dabei, in Zusammenarbeit mit der Grundstücks- und Entwicklungsgesellschaft Landkreis Grafschaft Bentheim neue Wohnbaugebiete auszuweisen. In Osterwald werden im Bereich des Dorfgemeinschaftshauses Flächen für die Wohnbebauung aufbereitet. In Neuenhaus selbst entsteht in zentraler Lage eine kleine Siedlung mit sozialem Wohnungsbau. Und im Ortsteil Hilten von Neuenhaus laufen die Erschließungsarbeiten für ein Baugebiet mit 60 Grundstücken für Einfamilienhäuser und Doppelhäuser sowie 15 Baugrundstücken für Mehrgeschosswohnungen. Mit der Vergabe rechnen wir im ersten oder zweiten Quartal 2026. Aktuell spüren wir zwar noch eine gewisse Zurückhaltung seitens der Bauherren angesichts der gestiegenen Baukosten, aber ich denke, der Markt wird sich wieder regulieren. 

Als Samtgemeindebürgermeister sind Sie erster Ansprechpartner für die Wirtschaft. Wie geht es den Unternehmen? 

Man muss das Bild tatsächlich differenziert betrachten. Insbesondere der Maschinenbau wurde von der Marktlage kalt erwischt. Das sehen wir leider auch an der Neuenhauser Unternehmensgruppe, die die Rosink Maschinenfabrik in Nordhorn schließt. Aber es gehört eben zum unternehmerischen Geschäft, sich von unwirtschaftlichen Bereichen zu trennen. In anderen Branchen läuft es besser.  

Welche Themen beschäftigen die Wirtschaft zurzeit? 

Die steigenden Personalkosten, die hohen Materialpreise und der Frust über eine überbordende Bürokratie. Die Vielzahl an Verordnungen und Gesetzen – insbesondere von der EU – lähmt unsere Wirtschaft. Das müssen wir aus meiner Sicht mit viel mehr Verstand regeln und schauen, wo unnütze Gesetze wegfallen können. Oder wie Dinge anders, pragmatischer geregelt werden können. Um keine Missverständnisse zu erzeugen: Dokumente wie beispielsweise Nachhaltigkeitsberichte sind sicherlich wichtig und richtig mit Blick auf Klimaschutz und Ressourcenschonung. Aber die Art und Weise, wie solche Dinge dokumentiert werden müssen, behindern einfach den Unternehmensalltag. 

Was können Sie von Seiten der Samtgemeinde tun? 

Wir können versuchen, unsere Prozesse in der Samtgemeinde so schlank und pragmatisch wie möglich zu halten. Das heißt für die Praxis: Wir unterstützen die Unternehmen beispielsweise bereits in der Planungsphase ihrer Bauvorhaben und helfen so frühzeitig, eventuelle Hürden bei der Baugenehmigung auszuräumen. So haben wir zum Beispiel im engen Austausch eine gute Lösung für das Bauunternehmen Anton Meyer finden können. Da der bisherige Standort in Neuenhaus zu klein geworden ist, zieht das Unternehmen jetzt ins Gewerbegebiet nach Grasdorf. Das waren ganz tolle, zielführende Gespräche und es freut mich sehr, dass es uns so gelungen ist, das Unternehmen in der Samtgemeinde zu halten. 

Herr Oldekamp, Sie sind seit 2014 Samtgemeindebürgermeister. Bei der nächsten Kommunalwahl 2026 wollen Sie nicht mehr antreten. Auch wenn es bis dahin noch mehr als ein Jahr ist, lassen Sie uns zum Schluss unseres Gesprächs gerne schon einmal zurückschauen: Gab es etwas, das Sie in Ihrer Amtszeit neu gelernt haben oder das Sie besonders geprägt hat? 

Man muss auf Menschen zugehen können, sich kümmern und die Themen der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen. Wenn sich ein Bürger mit einem Anliegen vertrauensvoll an mich wendet, dann ist das in dem Moment das Thema, das ihn persönlich am meisten beschäftigt. Auch wenn ich nicht immer sofort eine Lösung dafür habe, ist es meine Aufgabe als Bürgermeister, mich zu kümmern. Und wenn es im Zweifel bedeutet, dass ich mir zunächst eine kurze Notiz dazu mache und mich dann später in Ruhe zurückmelde. Diese Wertschätzung jedem entgegenzubringen, ist ganz wichtig. Daraus ist in den vergangenen elf Jahren eine gute Bürgernähe entstanden. Außerdem orientiere ich mich immer gerne an klugen Zitaten.  

Zum Beispiel? 

Der Schriftsteller Sören Kierkegaard hat mal gesagt: „Erinnere Dich an die Vergangenheit, träume von der Zukunft, aber lebe heute!“. Es gilt, das eigene Handeln auch mal kritisch zu hinterfragen – nichts ist schlimmer als der Grundsatz: „Das haben wir schon immer so gemacht“. Das bringt uns nicht weiter. Wir müssen uns in unserem Handeln aber auch eine gewisse Flexibilität bewahren, denn die Welt ist so schnelllebig und unvorhersehbar, dass man je nach Situation entscheiden muss – das haben uns die vergangenen Krisen gelehrt. Dabei sollten wir auch miteinander nach Wegen suchen, wie wir Dinge gemeinsam hinbekommen, anstatt Gründe zu nennen, warum etwas nicht klappt. 

Das Interview führte Anja Wittenberg
 

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