Herr Möhrke, mit dem vorerst gestoppten sechsspurigen Ausbau der A1 zwischen der Anschlussstelle Münster-Nord und dem Autobahnkreuz Lotte-Osnabrück liegt auch ein für die Region wichtiges Infrastrukturprojekt auf Eis. Welche Auswirkungen hat das aus Ihrer Sicht?
Für den Standort Lengerich sind die wirtschaftlichen Auswirkungen nicht so gravierend. Allerdings sehe ich einen großen Imageschaden für dieses für das Münsterland so wichtige Infrastrukturprojekt – und für Öffentlich-Private-Partnerschaften (Anm. d. Red.: ÖPP). Dieses ÖPP-Experiment ist jedenfalls gescheitert.
Im Raum stehen nun Überlegungen, den Ausbau konventionell anstatt als öffentlich-privates Kooperationsprojekt anzugehen. Wie optimistisch sind Sie, dass das zeitnah umgesetzt wird?
Die planungsrechtlichen Voraussetzungen sind alle gegeben, weshalb man eigentlich von einer baldigen Umsetzung ausgehen könnte. Da dieses Projekt aber seit über 20 Jahren auf den Weg gebracht werden soll, ist mein Optimismus sehr begrenzt.
Als Bürgermeister haben Sie traditionell auch einen engen Draht zu den Unternehmen vor Ort. Welche Stimmung nehmen Sie bei der lokalen Wirtschaft zurzeit wahr?
Viele Unternehmen in Lengerich sind vom Export abhängig – mittelbar und unmittelbar. Die geopolitische Lage und die zahlreichen Krisen auf der Welt dämpfen deshalb die Stimmung vor Ort. Zusätzlich müssen sich die Betriebe mit der digitalen Transformation und steigenden Anforderungen an nachhaltiges Handeln auseinandersetzen. All das fordert die Unternehmen zurzeit heraus.
Wo drückt den Unternehmen der Schuh besonders?
Eine pauschale Antwort darauf kann ich nicht geben. Viele Faktoren beeinflussen den wirtschaftlichen Erfolg unserer Unternehmen. Aber es mangelt ihnen nicht an Mut und unternehmerischem Handeln, und im Bedarfsfall kann unsere Stadtsparkasse bei nicht ausreichendem Eigenkapital unterstützen und bei Problemen mit der Energiebeschaffung helfen die Stadtwerke Lengerich. Vielmehr sind es die Auswirkungen vom Mangel an qualifizierten Mitarbeitenden und der Unsicherheit auf den Märkten durch Kriege und Klimawandel, die man nicht ignorieren kann.
Apropos: Mit einem eigenen Stadtwerk und einer eigenen Stadtsparkasse Lengerich als Tochtergesellschaften der Stadt gehen Sie in der Region fast schon einen ungewöhnlichen Weg. In vielen anderen Kommunen gibt es in diesen Bereichen bereits interkommunale Kooperationen und regionale Übernahmen. Welche Vorteile sehen Sie in dem „Lengericher Weg“?
Lengerich geht mit der Stadtsparkasse und den Stadtwerken einen eigenen, erfolgreichen Weg. Im vergangenen Jahr konnte unser Kreditinstitut das beste Ergebnis in seiner 180-jährigen Geschichte erzielen. Selbstverständlich sind Kooperationen und unternehmerisches Handeln wichtig, was ich in meiner vorherigen beruflichen Tätigkeit als Berater großer Unternehmen auch immer wieder festgestellt habe. Aber ich weiß auch, dass Größe allein nicht über den wirtschaftlichen Erfolg entscheidet. Auch im Bereich der Sparkassen haben wir mit größeren Konstrukten, wie bei den Landesbanken, teilweise keine guten Erfahrungen gemacht.
Wie zukunftsfähig ist das Konzept angesichts wachsender Herausforderungen?
Ich halte das Konzept für sehr zukunftsfähig. Da sich der Verwaltungsrat ausschließlich aus den Lengericher Ratsmitgliedern zusammensetzt, genießt unsere Stadtsparkasse die volle Rückendeckung des Rates und somit der Bürgerinnen und Bürger. Zudem erfährt unsere Stadtvertretung aus erster Hand, vor welchen Herausforderungen die kleinen und mittelständischen Unternehmen stehen. Sparkassen hatten nie den Auftrag, eine Gewinnmaximierung zu erzielen, sondern sie sollen eine Unterstützung für die regionalen Unternehmen sein. Und daran möchten wir festhalten!
Stichwort Energiewende: Wie weit ist die Umstellung auf erneuerbare Energien in Lengerich vorangeschritten?
Als regionaler Energieversorger für sieben Städte und Gemeinden haben die Stadtwerke Lengerich nicht nur die Strom- und Gasversorgung sicherzustellen, sondern haben auch in ihrem Versorgungsgebiet den Glasfaserausbau im Außenbereich realisiert – als eine der ersten Regionen in Deutschland. Wir gehen mit unserem Stadtwerk mit der Zeit beziehungsweise sind ihr auch voraus: Die Aufgabe, eine kommunale Wärmewende zu projektieren, haben wir bereits in die Tat umgesetzt, ohne erst auf Fördergelder zu warten.
Welche Projekte stehen als nächstes auf der Agenda?
In erster Linie sind es die Transformationsprozesse in Richtung Photovoltaik, Windenergie, Geothermie und Wasserstoff. Gemeinsam mit den Kommunen Ladbergen, Lienen und Tecklenburg arbeiten wir als „Triple L-T“-Verbund an der Entwicklung unserer Region und haben Themen wie Digitalisierung, alternative Mobilität und unseren Lebens- und Wirtschaftsraum am Teutoburger Wald in einem Zukunftskonzept beleuchtet.
Herr Möhrke, lassen Sie uns zum Schluss auch in Sachen Innenstadtentwicklung in die Zukunft schauen: Bald wird der Umbau der Innenstadt, der Sie einige Jahre beschäftigt hat, abgeschlossen sein. Worauf freuen Sie sich dann am meisten?
Ich freue mich darauf, gemeinsam mit der Lengerich Marketing GmbH, an der wir zusammen mit dem Bürgerverein Offensive, der Werbegemeinschaft und der Bürgerstiftung Gempt beteiligt sind, die Weiterentwicklung der gesamten Stadt in Angriff zu nehmen. Dazu gehört die Stärkung des Einzelhandels, aber auch die Weiterentwicklung des Leader-Projektes „Landschaftspark Lengerich“. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung und dem Citymanagement wollen wir die Trading-Down-Entwicklungen im Einzelhandel umkehren und die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt durch vielfältige, zusätzliche Aktivitäten steigern.
Fragen: Anja Wittenberg