Aus seinem Büro kann Schulte fast auf die Altstadt hinüberschauen. „Durchaus schwierig“ nennt er den Versuch, die gesamte Innenstadt gleichmäßig mit Leben zu füllen. Das liege an ihren Besonderheiten: Mitten im Stadtkern kreuzen sich zwei alte Handelswege, wodurch die rund 600 Meter lange Fußgängerzone in zwei Teile zerlegt wird. Diese „Bruchstelle“ aufzulösen und insgesamt die Attraktivität der Innenstadt zu erhöhen, war 2017 Ausgangspunkt für das sogenannte Integrierte Innenstadtkonzept, kurz ISEK. In verschiedenen Workshops und Fachforen mit Raumplanern, Architekten, Einwohnern und Einzelhändlern wurden Maßnahmen entwickelt, die seit 2020 schrittweise umgesetzt werden.
Besonders sichtbar wird das bereits am einheitlichen Pflasterbild im Straßenverlauf von Altstadt und Bahnhofstraße, das zudem mit einer „taktilen Linie“ für Menschen mit Sehbehinderung versehen wurde. Zusätzlich wurde gemeinsam mit dem Berliner Landschaftsarchitekten Franz Reschke ein Gestaltungsleitfaden entwickelt, der Fassadengestaltung, Werbung, Auslagen oder Stadtmöbel definiert. Und an zentralen Stellen in der Fußgängerzone wurden Brunnenanlagen entweder saniert oder völlig neu errichtet.
Citymanagement im Einsatz
Weil der Prozess direkten Einfluss auf die Geschäfte in der Innenstadt hatte, sei von Beginn an klar gewesen: „Das muss begleitet werden, gerade Händler und Eigentümer müssen gehört werden“, betont Schulte. Um diese Aufgabe zu erfüllen, gibt es seit 2020 ein eigenes Citymanagement. Dafür gründeten die Stadt Lengerich, die Bürgerstiftung Gempt, die Werbegemeinschaft Lengerich und der Verein Offensive Lengerich eigens die Lengerich Marketing GmbH. Michael Rottmann ist dort für die Umsetzung zuständig und fungiert als Bindeglied zwischen Bewohnern, öffentlichen und privaten Akteuren der Innenstadt sowie der Stadtverwaltung Lengerich. Die Stelle war eigentlich befristet, konnte aber durch Fördergelder aus dem Landesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte“ verlängert werden.
Denn Aufgaben sind durchaus vorhanden: Einige Leerstände zwischen Altstadt und Bahnhofstraße deuten an, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gerade für kleine inhabergeführte Geschäfte anspruchsvoll sind. „Hier gibt es kaum Nachfolgelösungen, viele Verkaufsflächen sind auch zu klein oder liegen zu weit weg“, umschreibt Schulte die Situation. Die Stadt reagiert auf diese Veränderungen unter anderem mit einem „Verfügungsfonds Innenstadt“. Mit Geldern aus diesem Topf wurden Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung der Innenstadt aus dem ISEK gefördert. Schulte nennt beispielhaft Kunstaktionen oder eine Chill-Ecke für Jugendliche im Generationenpark. Während Zwischenmieten bisher nicht realisiert wurden, habe zumindest der Bürgerverein Offensive mit verschiedenen Dekorationen in leeren Geschäften Akzente gesetzt, so Schulte. In vier Geschäften half das Landesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte” außerdem Unternehmensgründern. „Zwei davon existieren noch immer, zwei weitere mussten schließen, allerdings nicht aus wirtschaftlichen Gründen“, berichtet Schulte.
Entlang der zentralen Schulstraße wurden in den vergangenen Jahren zudem einige Grundstücke frei und neu bebaut. Wohnungen und Einzelhandel haben dort ihren Platz gefunden. Ähnliches ist auch für den Standort der alten Bodelschwingh-Realschule angedacht, die abgerissen wurde. Es sei ein Prozess, sagt Schulte. Und verbindet damit auch einen Wunsch: Dass sich die Umstände verbessern und damit noch mehr Leben in die Altstadt einzieht.
Carsten Schulte