In Deutschland ist das Unternehmen mit zwei Standorten vertreten: Dülmen und Egelsbach. Am Standort Dülmen entstehen durch die Expertise und Erfahrung von über 160 Mitarbeitenden Maschinenlinien, die Vliesstoffe für Feuchttücher, Hygieneprodukte, Filtermedien oder Kunstledersubstrat herstellen.
Dabei sind am Standort Dülmen sämtliche zentrale Unternehmensfunktionen angesiedelt: von der Forschung und Entwicklung über die Konstruktion, Montage, Qualitätssicherung, den Einkauf und das Controlling bis hin zu Service, Innen- und Außendienst. Zudem ist das Unternehmen international vernetzt und arbeitet eng mit Schwesterfirmen in den USA, Indien und China zusammen. Nachhaltigkeit ist integraler Bestandteil der Entwicklung: Ressourcenschonender Materialeinsatz, energieeffiziente Prozesse und digitale Werkzeuge wie das Assistenzsystem T-ONE optimieren Qualität, Energieverbrauch und Materialeffizienz.
Durch gezielte Investitionen in moderne Fertigungsbereiche und ergonomisch optimierte Arbeitsplätze stärkt Trützschler Nonwovens seine Position als einer der größten industriellen Arbeitgeber in der Region und verlässlicher Partner für den Wirtschaftsstandort Dülmen.
Herr Möltgen, im vergangenen Jahr haben Sie kräftig in die Freibadsanierung in Havixbeck investiert. Über fünf Millionen Euro fließen außerdem zurzeit in die Modernisierung der Feuerwehr. Beides sichtbare Zeichen einer aktiven kommunalen Entwicklung. Gleichzeitig ist sicherlich auch in Havixbeck – wie in vielen anderen Kommunen – die Haushaltskasse knapp bemessen. Wie schwer ist der Spagat zwischen örtlicher Daseinsvorsorge und einem Sparkurs?
Das ist in der Tat schwer. In den vergangenen beiden Jahren ist allein die Kreisumlage um 1,5 Millionen Euro gestiegen und bei den Personalkosten spüren wir durch die neuen Tarifabschlüsse ebenfalls einen Kostendruck. Gleichzeitig hat sich die Einnahmenseite nicht verbessert. Daher ist der Spagat zwischen unseren Pflichtaufgaben als Kommune und den freiwilligen Leistungen sehr groß. Trotzdem müssen wir aus meiner Sicht investieren. Zurzeit bauen wir den Investitionsstau an unseren Schulen ab, die Baumberge-Grundschule erhält zum Beispiel Ende des Jahres ein neues Dach, auch an der Gesamtschule und am Rathaus werden wir das Dach sanieren. Wir müssen aber auch in die soziale Infrastruktur investieren. Wir diskutieren hier zum Beispiel über unseren Bürgerpark, für den es viele Ideen zur Optimierung gibt. Nicht ganz gegenfinanziert ist außerdem die Unterbringung der geflüchteten Menschen. Wir haben über 500 Flüchtlinge in Havixbeck aufgenommen – das ist schon eine Herausforderung.
Aber ich sehe das so: Es gibt gute und schlechte Schulden. Manchmal muss man bereit sein, zu investieren, um Menschen mitzunehmen und Entwicklungen vorausschauend voranzutreiben – auch in Zeiten, in denen die Kassen eigentlich leer sind. Das sind dann gute Schulden. Dafür einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, ist aber eine Challenge.
Was steht noch auf Ihrer kommunalen To-do-Liste?
Das sind vor allem drei Projekte. Erstens: Wir entwickeln zurzeit ein zehn Hektar großes Gewerbegebiet südlich der Schützenstraße. Gleichzeitig bereiten wir ein Wohngebiet vor, das ebenfalls zehn Hektar groß ist. Das läuft unter dem Projektnamen „Wohnen an der Schiene“, da das Areal fußläufig vom Bahnhof entfernt ist. Dort sollen – im Gegensatz zu den klassischen Wohngebieten mit Einfamilienhäusern – vor allem Mehrfamilienhäuser gebaut werden. Grund und Boden sind auch in Havixbeck eine endliche Ressource, sodass wir hier den Wohnraum bestmöglich ausnutzen wollen.
Und das dritte Projekt?
Zusammen mit sechs weiteren Kommunen richten wir aktuell eine interkommunale Wohnbaugesellschaft ein. Insgesamt zweieinhalb Jahre haben wir auf Bürgermeisterebene an einem passenden Konzept gearbeitet. Und das sieht so aus: Jede Kommune hat ihre eigene Wohnbaugesellschaft als GmbH & Co. KG., aber es gibt eine übergeordnete Servicegesellschaft als Genossenschaft, die größere Aufgaben finanziell und fachlich besser abbilden kann als jede kleinere Gemeinde für sich. Bei der Servicegesellschaft sind beispielsweise Architekten und Bauingenieure beschäftigt. Wenn wir in Havixbeck also zum Beispiel ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohneinheiten bauen möchten, dann beauftragt unsere Wohnbaugesellschaft als 100-prozentige Gemeindetochter die übergeordnete Servicegesellschaft mit der Umsetzung. Diese Art der interkommunalen Zusammenarbeit ist völlig neu und dafür haben wir im Verbund vom Land NRW sogar 300.000 Euro Fördermittel gekommen. Ziel ist es, auf diese Weise mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, den die freie Wohnungswirtschaft allein nicht bereitstellen kann. Also benötigen wir geförderten Wohnraum, den wir entsprechend günstiger vermieten können. Das ist auch ein bisschen Wirtschaftsförderung.
Warum?
Weil wir so Fachkräften eine Möglichkeit vor Ort bieten, sich eine Wohnung zu leisten. Das kommt den Unternehmen in Havixbeck bei der Fachkräftesuche natürlich zugute, wenn die Lebensbedingungen am Arbeitsort passen.
Zu Ihren Aufgaben zählt auch der regelmäßige Austausch mit der Havixbecker Wirtschaft. Ein etabliertes Instrument dazu ist das Unternehmerfrühstück „FrühStart“, das zuletzt bei SK Solar stattgefunden hat. Was steckt hinter diesem Konzept?
Der „FrühStart“ ist ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der Wirtschaftsförderung der Gemeinde und Marketing Havixbeck. Es findet zwei- bis dreimal im Jahr statt und in der Regel nehmen 30 bis 40 Unternehmer teil, was für eine Gemeinde unserer Größe eine sehr gute Quote ist. Es gibt sogar eine Warteliste mit Unternehmen, die Gastgeber sein wollen. Mit diesem Format wollen wir die Wirtschaftstreibenden in Havixbeck an einen Tisch bekommen. Sie sollen sich untereinander besser kennenlernen. So könnten zum Beispiel auch Kooperationen der Havixbecker Betriebe untereinander entstehen, insbesondere im Bereich Handwerk. Das trägt auch zur Identifikation mit dem Ort bei, wenn man weiß, welche starken Unternehmen hier verortet sind. Für uns als Gemeinde ist der „FrühStart“ aber auch eine Chance, in die Unternehmerschaft hineinzuhören, wo der Schuh drückt, und auch um zu kommunizieren, wie unsere Wirtschaftsförderung helfen kann. Netzwerken und Informieren steht also im Fokus. Deshalb sind auch Fachvorträge fester Bestandteil des Formats.
Wie nehmen Sie die Stimmung bei den Unternehmen vor Ort aktuell wahr?
Gemischt. Es gibt Branchen, die können sich vor Aufträgen kaum retten, etwa das Handwerk. Es gibt aber auch Unternehmen, die einen Auftragsrückgang verzeichnen und ihr Geld momentan zusammenhalten. Das heißt: Auch unsere Wirtschaft in Havixbeck verspürt eine Unsicherheit angesichts der globalen politischen Lage. Keiner kann genau vorhersagen, wie sich der Konflikt in der Ukraine weiterentwickelt oder wie schnell sich die Energiewende tatsächlich umsetzen lässt. Das regulatorische Hin und Her beim Ausbau der Erneuerbaren Energien ist für die Wirtschaft nicht förderlich, weil sie die Planung der Unternehmen erschwert. Letztendlich müssen wir die Dinge auf uns zukommen lassen. Eine schlechte Stimmung spüre ich aber nicht.
Gibt es weitere Herausforderungen für die Havixbecker Unternehmen, bei denen Sie als Kommune unterstützen können?
Expansionsflächen sind immer wieder ein Thema – und übrigens auch ein Zeichen dafür, dass es der Wirtschaft in Havixbeck grundsätzlich gut geht und sie gesund wächst. Hier legen wir jetzt mit dem „Business-Park Schützenstraße“ nach. Ein weiteres Thema ist der Fach- und Nachwuchskräftemangel in den Betrieben, den wir mit verschiedenen Maßnahmen abfangen wollen. Insbesondere mit der Anne-Frank-Gesamtschule haben wir ein großes Azubi-Potenzial vor Ort. Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel den Hop-on-Hop-off-Bus erstmals auf Tour geschickt. Der hat Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Gesamtschule zu Havixbecker Unternehmen gefahren, sodass sie erste Kontakte mit der Wirtschaft knüpfen konnten. Das ist sehr gut angenommen worden und wird daher dieses Jahr fortgeführt.
Ein weiteres Thema ist der Glasfaserausbau, den wir zuletzt mit dem Anschluss der letzten Adressen im Gewerbegebiet Lütke Feld so gut wie abgeschlossen haben. Generell versuchen wir, viele Herausforderungen auf dem kurzen Dienstweg zu lösen. Mit Birgit Lenter haben wir seit zwei Jahren eine Wirtschaftsförderin im Rathaus, die als erste Ansprechpartnerin für die Wirtschaft agiert und im engen Austausch mit den Unternehmen Probleme und Anforderungen lösen kann. Gemeinsam sind wir da sehr pragmatisch unterwegs.
Ein wichtiges Thema für eine Kommune ist die Nahversorgung. Da gab es zuletzt eine wichtige Entscheidung. Erzählen Sie mal …
Es gab aktuell grünes Licht für die Erweiterung der drei Supermärkte in Havixbeck. Alle drei sind fußläufig aus der Innenstadt zu erreichen und spielen daher eine wichtige Rolle für die Frequenz in unserem Ortskern. Allerdings sind sie in die Jahre gekommen, sodass dringend Handlungsbedarf bestand. Wir haben insgesamt anderthalb Jahre mit den Eigentümern der Flächen, die für den Ausbau benötigt werden, verhandelt und nun steht ein Konzept. Darüber sind wir sehr froh, weil es die Nahversorgung in Havixbeck sichert. Wir werden jetzt den Bebauungsplan anpassen, sodass die Umbauten zügig losgehen können.
Eine Herausforderung bleibt nach wie vor der Einzelhandel in der Fußgängerzone. Wir haben hier zum Teil mit Leerstand zu kämpfen und sind bemüht, Frequenzbringer in den Ortskern zu holen, so wie es in anderen Kommunen auch der Fall ist. Wir unterstützen das, in dem wir die Mietkosten zum Teil übernehmen, um den Start für die Einzelhändler so angenehm wie möglich zu machen. Außerdem haben wir die Aufenthaltsqualität im Ortskern erhöht, etwa durch Spielgeräte und Sitzgelegenheiten, sodass wir auch wieder mehr Familien in die Fußgängerzone holen, die dort eine paar schöne Stunden verbringen – etwa in der Gastronomie oder beim Shoppen, während die Kinder in Sichtweite spielen. Außerdem haben wir aktuell noch eine kleine Kampagne gestartet.
Welche?
Unter dem Motto „Heimatliebe Havixbeck – komm in Dein Dorf“ wollen wir gemeinsam mit Marketing Havixbeck die Menschen dafür sensibilisieren, das Angebot der Einzelhändler vor Ort wahrzunehmen, anstatt online zu bestellen. Wir zeigen auf Plakaten im Ort sowie auf Social Media emotionale, professionelle Fotos, geben Einblicke ins Dorfleben und stellen lokale Unternehmen vor. Damit wollen wir verschiedene Zielgruppen ansprechen. Ein lokaler Handel kann nur funktionieren, wenn die Bürgerinnen und Bürger ihn auch nutzen. Ich sehe da eine gewissen Eigenverantwortung bei den Havixbeckern. Jeder kann und muss dazu beitragen, dass der Ort lebenswert und lebendig bleibt – dafür braucht es den Einzelhandel. Jeder Einkauf vor Ort sichert Arbeitsplätze und trägt zur Nachhaltigkeit bei.
Herr Möltgen, über die Projekte und die Wirtschaft in Havixbeck haben wir nun gesprochen. Gab es für Sie zuletzt etwas, was Sie dabei besonders überrascht, beeindruckt oder einfach nachhaltig bewegt hat?
Das ehrenamtliche Engagement in Havixbeck. Es wird oft gesagt, dass die Bereitschaft der Menschen, sich freiwillig und ohne Gegenleistung zu engagieren, sinkt. In Havixbeck ist das nicht so. Bestes Beispiel dafür ist der Bürgerbus, der seit März in Havixbeck „on demand“ unterwegs ist und damit eine Lücke in ÖPNV schließt. Innerhalb von drei Monaten haben sich so viele Fahrer und Helfer gemeldet, die die Fahrten koordinieren und übernehmen – das war großartig. Ich habe dabei auch eine Geschichte erlebt, die mich sehr bewegt hat: Eine ältere Frau hat mir erzählt, dass sie sich früher einmal in der Woche mit ihren Freundinnen getroffen hat und das aus Mobilitätsgründen aber seit drei Jahren nicht mehr gemacht hat. Sie ist mittlerweile über 90 Jahre alt und kann jetzt dank des Bürgerbusses wieder zu den Treffen fahren – das ist wirklich schön. Der Bürgerbus ist also zu einer wichtigen neuen Institution für die Gemeinde geworden – die es so ohne das ehrenamtliche Engagement nicht geben würde.
Das Interview führte Anja Wittenberg