Herr Aden, die Stadt Greven feierte 2025 ihren 75. Geburtstag. Beschreiben Sie die Stadt bitte einmal für Besucherinnen und Besucher: Wofür steht Greven heute? Was macht die Stadt aus?
Wir haben in diesem Jahr nicht nur 75 Jahre Stadtrecht gefeiert, sondern auch 100 Jahre Ortsteil Reckenfeld. Greven ist ein spannender Ort, weil er viele Facetten hat. Eine typisch münsterländische Stadt mit der klassischen Struktur: Kirche im Zentrum, drum herum das Leben. Und gerade in Reckenfeld leben viele Menschen, die zugezogen sind – aus dem Ruhrgebiet, in den Siebzigerjahren auch viele Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die damals für die Textilindustrie wichtig waren. Greven ist heute eine lebendige, wachsende Stadt, attraktiv für Familien. Eine Stadt der kurzen Wege, in der man alles findet.
Die Grenze von 40.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist nicht weit, das Oberzentrum Münster liegt um die Ecke – wie steht Greven insgesamt da?
Ich würde den Blick etwas weiter fassen: Wir liegen strategisch zwischen Osnabrück und Münster. Viele Menschen, auch aus unserer Verwaltung, kommen aus Osnabrück – diesen Einzugsbereich darf man nicht unterschätzen. Dennoch sind wir vor allem Teil der Stadtregion Münster, in der wir uns aber unsere Eigenständigkeit bewahrt haben. Wir haben hier unser eigenes „Greven-Gefühl“. Gleichzeitig profitieren wir natürlich stark von Münster, wo viele unserer Arbeitskräfte leben.
Viele Städte klagen über zu wenig Geld für immer mehr Aufgaben. Spüren Sie das auch?
Absolut. Die Kommunen sind strukturell unterfinanziert. Ein Beispiel: Aus dem Sondervermögen erhält Greven in den kommenden zwölf Jahren rund 17 Millionen Euro, also etwa 1,4 Millionen pro Jahr. Unsere Kostensteigerungen liegen aber deutlich darüber – Sozialausgaben, Personalkosten, Inflation. Wir hatten im vergangenen Jahr Rekordeinnahmen bei der Gewerbesteuer – und zugleich ein Rekorddefizit im Haushalt. Das zeigt das Problem sehr deutlich.
Trotzdem müssen Sie investieren. In Greven steht der Neubau des Rathauses an. Warum ist das notwendig?
Das geschieht nicht aus Spaß. Zwei Gutachten haben klar festgestellt, dass eine Sanierung keinen Sinn ergibt. Das Gebäude ist PCB-belastet – das ist für unsere Mitarbeitenden schlicht unzumutbar. Der Rat hat daher einstimmig einen Neubau beschlossen. Der entsteht auf dem heutigen Busbahnhof direkt nebenan. Wir wollen dort aber keinen reinen Verwaltungsbau errichten, sondern einen Ort der Begegnung: Die Stadtbibliothek wird dort einziehen, ein Teil des städtischen Lebens soll hier stattfinden. Außerdem rücken wir damit näher an die Ems heran – sie teilt Greven bislang ja ein wenig in zwei Hälften.
Nicht weit vom Rathaus entfernt steht eine alte Textilfabrik direkt an der Ems, deren Fläche bald frei wird. Welche Pläne gibt es dort?
Wir stehen mit dem Unternehmen schon lange im Austausch. Für das Gelände gab es einen städtebaulichen Wettbewerb, dessen Ergebnisse wir jetzt umsetzen. Da es sich um ein privates Projekt handelt, schaffen wir vor allem das Planungsrecht – das tun wir gern. Perspektivisch sollen dort bis zu 600 Wohneinheiten entstehen, was den Wohnungsmarkt spürbar entlasten wird. Wenn wir das bis zum Ende des Jahrzehnts hinbekommen, wäre das ein großer Erfolg. Im Ortsteil Reckenfeld treiben wir mit der „Neuen Mitte“ ebenfalls Projekte für bezahlbaren Wohnraum voran – da sind wir auf einem guten Weg.
Die Aufgabe der alten Textilfabrik steht aber nicht sinnbildlich für die Wirtschaft in Greven?
Nein, das ist ein Einzelfall und Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung in der Textilbranche. Den meisten Unternehmen in Greven geht es gut. Natürlich können wir die globalen Rahmenbedingungen nicht ändern, aber unsere Wirtschaft ist stark vernetzt und kooperativ. Das Wirtschaftsforum Greven und die Wirtschaftsförderung gfw Greven bringen Unternehmen zusammen, um den Standort weiterzuentwickeln. In vielen Betriebsbesuchen höre ich vor allem vom Fachkräftemangel. Um Menschen von außerhalb nach Greven zu holen, braucht es eine gute Lebensqualität für Familien – und da sehe ich uns sehr gut aufgestellt.
Ein wichtiger Standortfaktor ist sicher auch der Flughafen Münster/Osnabrück (FMO).
Absolut. Der FMO ist nicht nur schön für Grevenerinnen und Grevener, die nach Mallorca fliegen möchten. Er hat für die lokale und regionale Wirtschaft enorme Bedeutung. Viele Unternehmen sehen ihn als strategisch wichtigen Standortvorteil. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist der FMO für die Region unverzichtbar. Ich erinnere mich: Als ich 2020 ins Amt kam, war Corona gerade ausgebrochen, der Flugbetrieb kam fast zum Erliegen. Diejenigen, die sich damals trotz sinkender Zahlen für den FMO eingesetzt haben, haben am Ende recht behalten. Das gilt übrigens auch für den benachbarten Airportpark, der inzwischen fast vollständig vermarktet ist.
Ihre ersten fünf Amtsjahre waren von Krisen geprägt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Corona, der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, aber auch lokale Herausforderungen wie das Hochwasser – all das hat gezeigt, wie stark Kommunalverwaltungen sein können. Ich bin stolz auf das Team, das hier mitgezogen hat. Und die nächsten Aufgaben stehen schon an: die Sanierung des Gymnasiums, der Ausbau des Offenen Ganztags, der Bau einer neuen Rettungswache. Wir arbeiten Stück für Stück einen Investitionsstau ab.
Welche Projekte wollen Sie in den kommenden Jahren besonders vorantreiben?
Da gibt es einige Themen. Ein neues Gewerbegebiet zu erschließen, wäre wichtig, ebenso die Umsetzung unserer KI-Strategie in der Verwaltung. Insgesamt wäre ich aber sehr zufrieden, wenn wir die aktuellen Investitionsprojekte in meiner Amtszeit erfolgreich abschließen könnten. Dann hätten wir viel für Greven geleistet.
Das Interview führte Carsten Schulte