Herr Halfter, eine Standortumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim hat aktuell ergeben, dass rund 90 Prozent der befragten Unternehmen zufrieden mit dem Standort Bissendorf sind. Im April dieses Jahres ist „Ihre“ Gemeinde außerdem von der IHK als „ausgezeichneter Wohnort für Fachkräfte“ rezertifiziert worden. Man kann in Bissendorf offensichtlich gut arbeiten und leben …
… genau! Bissendorf vereint Arbeiten und Leben in hervorragender Weise. Bei uns kommen Arbeitsplätze in der Gemeinde selbst, aber auch in unseren Nachbarkommunen, individuelle Wohngebiete, vielfältige Freizeitangebote und viele sogenannte weiche Standortfaktoren zusammen.
Mit welchen Faktoren hat Bissendorf dabei besonders gepunktet?
Bissendorf – Politik und Verwaltung gemeinsam – hat sich bereits vor der ersten IHK-Zertifizierung auf den Weg gemacht und entsprechende Oberziele, Leitgedanken und Unterziele definiert. Zu diesen gehören unter anderem die Schaffung einer ausgewogenen Wohnraumversorgung und eine sichere und ausgewogene Sozialstruktur. Die IHK lobt dabei vor allem die vielfältigen Wohnangebote, den beispielhaften Neubürgerservice und die zahlreichen Netzwerke für Familien, Kinder und Senioren. Ein wertvolles Angebot, auf das wir sehr stolz sind, ist beispielsweise auch der Babybesuchsdienst, der Familien mit Neugeborenen im häuslichen Umfeld besucht und umfassende Informationen sowie kleine Willkommensgeschenke bereitstellt. Ausländischen Neubürgerinnen und Neubürgern werden zudem über die Koordinationsstelle Migration und Integration Beratung und Unterstützung geboten. Das alles sind neben der hervorragenden verkehrstechnischen Anbindung der Gemeinde besondere Faktoren für eine lebenswerte Gemeinde.
Gab es besondere Maßnahmen oder Projekte in den vergangenen Jahren, die zu dieser positiven Entwicklung beigetragen haben?
Einer der Grundpfeiler für die positive Entwicklung ist eine familienfreundliche Zukunftsplanung. Gerade mit Blick auf neue Wohngebiete hat sich in Bissendorf in den vergangenen Jahren viel getan. Wir haben unter anderem mit den Baugebieten in Wissingen bewusst Lebensräume für junge Familien geschaffen. Der erste Teil, das Gebiet „Wissinger Mark I“, ist bereits praktisch vollständig bebaut und belebt. Für über 100 Familien ist dort neuer Lebensraum entstanden. Wichtig ist aber auch, dass diese Familien entsprechend aufgenommen werden. Dazu gehört für uns ein umfassendes System der Kinderbetreuung. Wir haben in den vergangenen Jahren das Angebot in diesem Sektor konsequent weiterentwickelt. Dazu setzen sich Politik und Verwaltung stets für eine umfassende Daseinsvorsorge in allen Ortsteilen der Gemeinde ein.
Gibt es dennoch Punkte, die Sie den Ergebnissen zufolge noch verbessern könnten?
Ein Thema, das uns in Bissendorf seit einiger Zeit beschäftigt, ist die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen. Gerade für Familien ist das ein wichtiger Baustein, wenn es darum geht, Familie und Beruf zu vereinbaren. Im Rahmen der aktuellen Schulplanung wollen wir dem Rechnung tragen. Derzeit plant die Gemeinde Bissendorf in Wissingen eine neue Grundschule. Das neue, hochmoderne Konzept beinhaltet selbstverständlich eine Ganztagsbetreuung. Der Neubau einer Mensa an der Schule am Berg in Schledehausen hat auch dort die Umsetzung des Konzeptes einer „Verlässlichen Grundschule“ und „Offenen Ganztagsschule“ ermöglicht. Schließlich nehmen wir noch den Grundschulstandort Bissendorf in unseren Fokus für eine funktionierende Ganztagsschule.
Wie hat sich die Wirtschaft in Bissendorf zuletzt entwickelt?
Die Wirtschaft in Bissendorf hat sich in den vergangenen Jahren außerordentlich gut entwickelt. Als Verwaltung haben wir stets einen direkten Draht zu den Unternehmerinnen und Unternehmern. Gemeinsam suchen wir nach Lösungen, wenn sich Fragen ergeben, planen zusammen neue Konzepte und ermöglichen wirtschaftlichen Fortschritt. Dafür erhalten wir bei den mehrmals im Jahr stattfindenden Unternehmerfrühstücken stets erfreuliches Feedback. Eine starke Wirtschaft ist immer eine wichtige Grundlage für eine erfolgreiche Gemeinde.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Unternehmen zurzeit?
Der deutschland- und europaweit zu verzeichnende Fachkräftemangel macht leider auch nicht vor der Gemeinde Bissendorf halt. Mit innovativen Angeboten wie dem Schülerforschungszentrum „Maker Space“ an der Oberschule am Sonnensee ist der Wirtschaftsstandort jedoch auf einem guten Weg. Über das freiwillige Nachmittagsangebot versuchen die Verantwortlichen zwanglos und effektiv zugleich die Fähigkeiten interessierter Schülerinnen und Schüler im MINT-Bereich zu fördern und die Unternehmen vor Ort direkt mit potenziellen Mitarbeitenden von Morgen zu vernetzen.
Eine weitere, nicht zu unterschätzende Herausforderung unserer Zeit ist das Thema Bürokratiebewältigung. Mit modernen digitalen Angeboten wie dem Bürgerserviceportal OpenR@thaus, dem Bürgerinfoportal SessionNet, unserer neuen Bürger-App und einer proaktiven Öffentlichkeitsarbeit, versucht die Gemeinde Bissendorf, diese Hürde bewusst zu nehmen. Dies sind ad hoc nur ein paar Beispiele dafür, dass Bürokratie in Bissendorf nicht erst seit gestern neu gedacht wird. Ich glaube, wir haben die Zeichen der Zeit und die damit verbundenen Anforderungen an eine moderne Verwaltung früh erkannt. Statt einem ewigen „Weiter wie bisher“ haben wir uns für die im Sinne der Nachhaltigkeit notwendigen Prozesse wie weitestgehend papierloses Arbeiten geöffnet und auch im Bereich Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern sowie der Wirtschaft innerhalb von Politik und Verwaltung nie Scheuklappen auf. Denn nur ohne unnötige Bürokratie kann die Wirtschaft wirklich effizient arbeiten und der Staat sich auf seine Kernkompetenzen fokussieren.
Wie halten Sie Kontakt zur Bissendorfer Wirtschaft?
Als Verwaltung sind wir stets als verlässlicher und kompetenter Ansprechpartner für die Firmen in Bissendorf da und zeigen Einsatz für die Belange der Menschen, die hinter diesen Unternehmen stehen. Wer im engen Kontakt mit den Wirtschaftsakteuren in seiner Gemeinde ist, bekommt schnell mit, an welchen Stellen der Schuh drückt. Formate wie das Unternehmerfrühstück der Gemeinde Bissendorf zeigen den großen Bedarf am branchenübergreifenden Austausch. Der demografische Wandel ist ebenfalls eine der großen gesellschafts-politischen Aufgaben unserer Zeit. Ein Grund, warum wir auch die Leitungskräfte der örtlichen Pflege- und Senioreneinrichtungen herzlich bei unseren Unternehmertreffen willkommen heißen.
Herr Halfter, wenn Sie einen Wunsch für Bissendorf frei hätten. Was würden Sie sich wünschen?
Ich befürchte, mit einem Wunsch alleine kommen wir da nicht hin: Weniger Aufgaben von oben, um mehr Luft für die eigenen Schwerpunkte zu haben, wäre toll! Ein gerechter Finanzausgleich vom Land zur Entlastung der Kommune, weniger Vorschriften und mehr kommunale „Beinfreiheit“ für Verantwortung vor Ort, sind die Schlagworte, die mir bei dieser Frage als erstes ins Bewusstsein kommen. Und schließlich einen Landkreis Osnabrück, der sich mehr seiner Kernaufgaben und seiner interkommunalen Ausgleichsfunktion bewusst werden sollte.