New Work-Kultur | „Es ist alternativlos“

Arbeiten, wo andere (nur) Urlaub machen, und nach Feierabend selbst das Urlaubsfeeling genießen. Keine festen Teams, sondern wechselnde Projektgruppen, die sich passend zu ihren individuellen Fähigkeiten – gern auch vollkommen ortsunabhängig – zusammenfinden. Flache Hierarchien, weniger Kontrolle, mehr Eigenverantwortung und die Möglichkeit, mitzubestimmen. Ein offenes, modernes Arbeitsumfeld, das Kommunikation, Teamgeist und Produktivität fördert. Permanente Weiterbildung, Vier-Tage-Woche, eine bessere Work-Life-Balance und am Ende auch eine Führung, die das alles fördert. Das und einiges mehr postulieren die Anhänger der New Work-Kultur.

Ein Aspekt der New Work-Kultur: Arbeiten am Urlaubsort Foto: AdobeStock/iVazoUSky

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New Work will die Arbeitswelt positiv und grundlegend zu Gunsten aller Beteiligten verändern. Es geht darum, traditionelle Hierarchien aufzubrechen und Raum für individuelle Entfaltung und Kreativität zu schaffen. Ausgangspunkt ist eine alternative Arbeitsphilosophie, die den Menschen stärker in den Fokus rückt. New Work will ein Umfeld schaffen, in dem jede oder jeder die Chance hat, sich zu entfalten und einer erfüllenden, sinnstiftenden Arbeit nachzugehen. Am Ende stehen dann im besten Fall zufriedene, hochmotivierte Mitarbeiter auf der einen und erfolgreichere Unternehmen auf der anderen Seite. Denn – so der Tenor der New-Worker – das eine bedingt das andere: Nur zufriedene, motivierte Menschen schöpfen ihre Potenziale effektiv aus. Es geht also nicht nur um eine bessere Work-Life-Balance und mehr Zufriedenheit für die Einzelnen, sondern auch um leistungsfähigere Unternehmen.  

Ganzheitlicher Ansatz

Aber wie funktioniert das genau? New Work hat einen ganzheitlichen Ansatz, der (zumindest theoretisch) alle Bereiche der Arbeit auf den Prüfstand stellt. Ziel ist es, neue Antworten auf Fragen zu finden, die sich in einer sich permanent verändernden Arbeitswelt stellen. In erster Linie braucht es dafür aus Sicht der New-Worker zwei Dinge: Flexibilität und Agilität. Unternehmen, die sich flexibel und agil auf neue Herausforderungen einstellen können, haben bessere Chancen, im Wettbewerb zu bestehen. Mitarbeitende, die flexibel und agil agieren (dürfen), sind zufriedener, weil damit in der Regel ein Zuwachs an Individualisierung, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung einhergeht. Die Theorie: Nur wer selbstbestimmt arbeitet, eigene Entscheidungen treffen und verantworten darf und wer auch über die Rahmenbedingungen mitentscheiden darf, kann sich wirklich individuell entfalten und optimale Leistungen bringen, so das Credo. 

Sinnhaftigkeit der Arbeit

Ein weiterer New Work-Aspekt, der aktuell besonders im Fokus steht, ist der sogenannte „Purpose“ (Englisch für Zweck). Gerade jüngere Menschen knüpfen ihre Leistungsbereitschaft und Motivation verstärkt an die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Ein Aspekt, der in der New Work-Philosophie ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. New Work steht nämlich auch für ein Arbeitsumfeld, das es den Beschäftigten ermöglicht, eine Verbindung zwischen ihrem Job und den eigenen Werten und Zielen herzustellen. Für Unternehmen, die diesen Anspruch ernst nehmen, geht es also darum, das eigene Profitstreben mit sozialer Verantwortung in Einklang zu bringen. 

Attraktiv für Arbeitnehmende

Dass die Idee, die schon in den 1970er Jahren ihren Ursprung hat, ausgerechnet heute zu zünden scheint, ist keineswegs Zufall. Der Fach- und Arbeitskräftemangel zwingt Arbeitgeber branchenübergreifend dazu, sich attraktiver aufzustellen und New Work bietet dafür zahlreiche Ansätze. „New Work ist für die Unternehmen vor diesem Hintergrund alternativlos“, verdeutlichte erst vor wenigen Wochen der New Work-Experte Professor Dr. Tim Brüggemann von der Fachhochschule des Mittelstands im Web-Interview-Format „Klargestellt!“, das Wirtschaft aktuell gemeinsam mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Borken produziert. Er betonte: „Unternehmen, die sich dem Thema New Work zuwenden und die ihren Mitarbeitenden mehr Flexibilität und mehr Individualität anbieten, machen ihre Teams praktisch toxisch für andere Arbeitgeber, die auf New Work verzichten. Gleichzeitig sind diese Unternehmen in der Lage, durch die Vorzüge, die New Work bietet, einen Sog auf potenzielle Bewerberinnen und Bewerber auszuüben“, stellte Brüggemann klar. 

Digitalisierung als Treiber

Der massive Arbeitskräftemangel ist aber nicht der einzige Treiber der Entwicklung. Auch die Digitalisierung hat dem Thema in den vergangenen Jahren neuen Atem eingehaucht, weil sie viele der schon in den 1970er Jahren entwickelten Ideen überhaupt erst möglich macht. Dinge wie Homeoffice, Coworking, Workation – also das Arbeiten am Urlaubsort – oder in gewissem Maß auch die Strukturierung agiler Arbeitsprozesse sind ohne digitale Technik unmöglich.  

Fakt ist: New Work und New Work-Ansätze erfreuen sich aktuell wachsender Beliebtheit. Die Unternehmen spüren, dass die „alte Arbeit“ nicht mehr zur Multikrisenzeit im Allgemeinen und zum wachsenden Arbeitnehmermarkt im Speziellen passt. Sie müssen sich bewegen. Ob und inwieweit dann am Ende alle Beteiligten die New Work-Philosophie auch wirklich verinnerlichen, oder ob es für den einen oder die andere doch eher ein Mittel zum Zweck bleibt, muss die Zeit zeigen. Für die Arbeitnehmenden spielt das – zumindest im ersten Schritt – keine Rolle. Ihr individuelles Arbeitsumfeld wird sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ohnehin Schritt für Schritt wandeln. Und wenn es das nicht tut, dann wird es Wettbewerber geben, die sich nicht verschließen und denen jede Bewerbung willkommen ist. 
 

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