Kreis Coesfeld

Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Krumme verabschiedet: „Es fühlt sich gut an“

Dülmen/Ahaus/Coesfeld – In der Sparkasse Westmünsterland endet eine Ära: Seit 1992 war Heinrich-Georg Krumme im Vorstand der Sparkasse tätig, 1996 übernahm er das Amt als Vorstandsvorsitzender. Jetzt geht er in den Ruhestand. Im Interview spricht der „Fusionsweltmeister“ über diese Zeit, wichtige Meilensteine und was er persönlich dazugelernt hat.

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Herr Krumme, nach langjähriger Sparkassentätigkeit als Vorstandsmitglied, davon 29 Jahre als Vorsitzender, gehen Sie nun in den Ruhestand. Wie fühlt sich das an?
Es fühlt sich gut an, weil ich darauf vorbereitet bin – ich wusste ja schon etwas länger, dass ich zum 30. Juni in den Ruhestand gehe (lacht). Meine Arbeit bei der Sparkasse Westmünsterland habe ich immer sehr gerne gemacht und ich habe keine Minute bereut. Insofern gehe ich mit einem guten Gewissen und freudigen Blick auf die Zukunft in den neuen Lebensabschnitt.

Sie kamen nach Ihrem Jura- und BWL-Studium als Trainee zunächst zur Sparkasse im sauerländischen Plettenberg. 1992 sind Sie dann zur damaligen Sparkasse Coesfeld gewechselt. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie einmal als langjähriger Vorstandsvorsitzender hier in der Region Ihr aktives Berufsleben beenden?
Planen kann man das nicht. Aber ich habe mich immer bemüht, mein Bestes zu geben. Letztendlich spielen dabei auch immer ein bisschen Glück und Fügung mit. Klar ist allerdings auch: Wenn sich ein Fenster öffnet, ist es gut, wenn man in der Nähe des Fensters ist und den Ruf hört. Bei der damaligen Sparkasse Coesfeld bin ich auf Menschen getroffen, die mit mir gemeinsam die gleichen Vorstellungen von regionaler Sparkasse hatten. Ich habe Wegbegleiter gefunden, die meine Idee, die Kräfte aus der zersplitterten Sparkassen-Landschaft zu bündeln, mitgetragen haben. Außerdem ist das Westmünsterland eine Region, die sich stark entwickelt hat. Insofern passten die Rahmenbedingungen einfach gut zusammen, sodass ich immer zufrieden war mit dem, was ich hatte, und keinen Anlass gesehen habe, mich beruflich zu verändern – auch wenn es das eine oder andere Angebot von größeren Sparkassen gab. Ich habe mich hier einfach wohlgefühlt und es war keinen Tag langweilig.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag bei der Sparkasse erinnern?
Sogar ganz genau! Das war am 2. Januar 1985, es lagen Schnee und Eis und ich musste mit dem Auto über die Sauerlandlinie nach Plettenberg fahren.

Das war sicherlich kein Vergnügen.
Absolut nicht – ich bin schon sehr früh losgefahren, weil ich am ersten Tag natürlich pünktlich sein wollte. Aber mein damaliger Golf mit Vorderradantrieb und Winterreifen hat mich nicht im Stich gelassen, sodass ich problemlos die Berge hochfahren konnte.
 

„Ich habe gemerkt, wie wichtig Kommunikation ist.“

Was haben Sie in den vergangenen Jahren über sich als Mensch neu gelernt?
Ich habe bei all den Veränderungen und Gestaltungsprozessen – vor allem bei den insgesamt sieben Fusionen in meiner Amtszeit – gemerkt, wie wichtig Kommunikation ist. Kommunikation heißt, Zusammenhänge zu erklären. Zum Beispiel, warum man eine bestimmte Entscheidung getroffen hat und warum man auch mal alte Zöpfe abschneiden muss. Das tut manchmal weh, aber es ist nötig. Und Kommunikation ist dann wie eine Art Schmiermittel, das den ganzen Prozess erleichtert. Lieber zwei Mal zu viel Kommunizieren, als ein Mal zu wenig! Ansonsten ist die Gefahr für Missverständnisse und Fehlinterpretationen groß. Dann gibt es schnell Ärger, Frust und Vorwürfe. Es reicht noch lange nicht, das Richtige zu tun – die große Kunst der Unternehmensführung ist, es auch richtig zu kommunizieren.

Sie haben die sieben Fusionen der Sparkasse Westmünsterland schon angesprochen. Sicherlich waren das große Meilensteine während Ihrer Zeit, oder?
Definitiv! Bundesweit gibt es keine andere Region, die so viele Zusammenschlüsse zu einer Sparkasse verzeichnet. Insofern kann ich mich Fusionsweltmeister nennen (lacht). Dafür hat es aber kein Patentrezept gegeben. Die Fusionen in Haltern am See, Gronau, Stadtlohn, Borken, Vreden, Billerbeck und Dülmen waren alle unterschiedlich – aber wir hatten einen Fusionsplan mit rund 2.000 Einzelprojekten und Maßnahmen, den wir jeweils abgearbeitet haben. Dieser Plan ist bei den Fusionen anderer Sparkassen ebenfalls eingesetzt worden. Darüber hinaus möchte ich aber noch drei weitere bedeutende Meilensteine nennen.

Welche?
2008 ist die Sparkasse Westmünsterland ein Pfandbrief-Institut geworden. Das heißt, wir können seither auf dem Kapitalmarkt eigene Pfandbriefe emittieren, um unsere Kredite zu refinanzieren. Wir waren damals die erste Sparkasse in Westfalen, die das durfte. Wir hatten dadurch zwei große Vorteile: Zum einen sind wir im Baufinanzierungsgeschäft extrem wettbewerbsfähig geworden, zum anderen können wir Kredite günstig vergeben, weil wir in der Lage sind, uns gut zu refinanzieren – und das möchten wir natürlich an die Kunden weitergeben.

Und die anderen Meilensteine?
Das sind zum einen die sieben Sparkassenstiftungen, die es mittlerweile gibt. Über diese haben wir viel Geld in die Region gegeben und das Gesamtstiftungskapital im Zuge der Fusionen um 18 Millionen Euro auf aktuell 23,2 Millionen Euro aufgestockt. Zum anderen sind wir mit der Wohnbau Westmünsterland mit dem Wohnbauprojekt „7 Höfe“ in Bocholt mit einer großen Summe – 130 Millionen Euro – aktuell als Investor auf den Markt getreten. Dort entsteht ein Ensemble aus studentischem Wohnen, sozialem Wohnungsbau und frei finanzierten Wohnungen. Das ist ein Modellprojekt, das bereits in anderen Städten umgesetzt wird.

„Ich bin stolz darauf, wo die Sparkasse Westmünsterland heute steht.“

In drei Jahrzehnten hat sich im Finanzsektor viel bewegt: Was war für Sie der schönste Moment Ihrer Amtszeit?
Die schönsten Momente waren immer die Feiern von Abschlüssen unserer jungen Mitarbeitenden – sei es die Ausbildung oder die Weiterbildung. Die Sparkasse hat eine Ausbildungsquote von über 13 Prozent. Die Lossprechungen haben mich jedes Mal gefreut, weil es auch Zukunft bedeutet. Außerdem waren die gemeinsamen Feiern mit allen Beschäftigten immer besonders schön, weil ich dann sehen konnte, was es heißt, für rund 1.400 Mitarbeitende Verantwortung zu tragen. Ein schöner Moment für jemanden in Führungsverantwortung ist auch, wenn man mit einer Entscheidung, die man getroffen hat und für die man kritisiert worden ist, letztendlich genau richtig lag. Das war bei mir der Entschluss, damals – gegen den Trend – unsere Backoffice-Aufgaben nicht auszulagern, wie es einige andere Banken gemacht haben. Ich war immer davon überzeugt, dass wir alle Aufgaben besser im Team unter einem Dach erledigen sollten. Letztendlich haben alle Banken ihre Strukturen wieder im eigenen Haus organisiert, weil die Auslagerung einzelner Abteilungen nicht zielführend war. Das war eine schöne Bestätigung für mich.

Und welche Situation war besonders herausfordernd?
Herausfordernd war die Fusion der Sparkasse Coesfeld und der Kreissparkasse Borken zur Sparkasse Westmünsterland. Dieser Zusammenschluss war sehr komplex und nur durch ein starkes Team zu schaffen. Weitere herausfordernde Situationen waren sicherlich die Finanzkrise um 2007/2008 und die Eurokrise ab 2010. Bei diesen hat man lange im Nebel herumgestochert und wusste nicht, wie es weitergeht. Wir haben es letztendlich einfach mit Geduld und Ruhe geschafft, wir haben nicht panisch Kredite verkauft, sondern unsere Kunden durch die Krise getragen. Und das war letztendlich auch richtig so.

Worauf sind Sie rückblickend noch besonders stolz?
Stolz bin ich darauf, wo die Sparkasse Westmünsterland heute steht: Seit 1992 haben wir unser Eigenkapital aus eigener Kraft versiebenfacht, von 180 Millionen Euro auf über 1,2 Milliarden Euro. Das Geschäftsvolumen hat sich von fünf Milliarden Euro auf 20 Milliarden Euro vervierfacht. Insgesamt haben wir über 435 Millionen Euro als Dividende für die Region ausgeschüttet. Die Sparkasse steht heute spitzenmäßig da! Aber es gibt auch ein paar Dinge, die ich ehrenamtlich bewegen konnte.

Welche zum Beispiel?
Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit für die IHK Nord Westfalen war ich von 2004 bis 2022 Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses für den Kreis Coesfeld und Sprecher der Unternehmerinitiative B67n. Der Lückenschluss dieser wichtigen Lebensader des Westmünsterlandes ist aus meiner Sicht von enormer Bedeutung. Als Initiative aus 150 Unternehmen haben wir es gemeinsam mit Unterstützung von Politik und Verwaltung aus der Region geschafft, dass die Strecke vollendet wird. Dafür mussten wir beim Ministerium in Düsseldorf dicke Bretter bohren – das war nicht einfach. Aber die Region stand geschlossen hinter dem Projekt. Die Vorteile, die sich daraus ergeben, liegen ja auch auf der Hand: Der dreispurige Ausbau macht die Strecke deutlich verkehrssicherer und durch die direkte Verbindung quer durchs Westmünsterland werden nicht nur Zeit und Geld, sondern letztendlich auch Emissionen eingespart. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, mit Beharrlichkeit für etwas zu kämpfen. Auch an die Umsetzung der Regionale 2016, die wir als Sparkasse Westmünsterland mit einem siebenstelligen Betrag erheblich unterstützt haben, denke ich gerne zurück. Daraus haben sich viele tolle Projekte ergeben, wie beispielsweise das Kult in Vreden, die urbane Berkel in Coesfeld oder das Gut Roß in Velen. Die Regionale hat ein echtes Umdenken weg vom Kirchturmdenken hin zu den gemeinsamen Interessen der Region ausgelöst – das war schön zu sehen. Gemeinsam kann man schließlich auch an den entscheidenden Stellen in Düsseldorf, Berlin oder Brüssel mehr erreichen. Stolz bin ich rückblickend auch darauf, dass ich von 2008 bis 2011 als Vorstandsvorsitzender und später bis 2019 als Aufsichtsratsvorsitzender die Arbeit der Regionalmanagementinitiative Münsterland e.V. mitgestalten durfte – unter anderem den neuen Claim „Münsterland. Das gute Leben“. Die Region zu fördern, war mir immer ein großes Anliegen.

„Die Entscheidungen fallen vor Ort, nicht in Düsseldorf oder Frankfurt.“

Lassen Sie uns noch einmal näher auf die Sparkasse schauen. Im Zeitalter der Digitalisierung muss auch Ihre Sparkasse den Spagat zwischen persönlicher Betreuung in regionaler Nähe und digitalen Serviceangeboten schaffen. Wie kann das gelingen?
Spagat ist das richtige Stichwort. Es gibt Kunden, die Wert auf die persönliche Beratung legen, und es gibt Kunden, die ihre Bankgeschäfte überwiegend digital erledigen – über 75 Prozent machen mittlerweile Online-Banking. Auf beide Zielgruppen müssen wir uns einstellen. Über unsere Sparkassen-App, die übrigens schon mehrfach von Stiftung Warentest und anderen ausgezeichnet wurde, sind wir in der Digitalisierung unserer Services schon ein großes Stück vorangekommen. Mit der kontaktlosen Bezahlung per Girocard über Apple Pay haben wir 2020 einen weiteren Schritt gemacht. Gleichzeitig haben wir die Beratungsräume modernisiert, mit neuester Technik ausgestattet und so eine neue Atmosphäre für unsere Kunden geschaffen. Der Kunde hat nun die Wahl, auf welchem Wege er Kontakt zu uns aufnimmt.

Was bedeutet heute Regionalität für eine Bank?
Im Wesentlichen sind das zwei Dinge. Erstens: Die Entscheidungen fallen vor Ort, der Vorstand sitzt in der Region – nicht in Düsseldorf oder Frankfurt. Er weiß, wie die Verhältnisse vor Ort sind und wie die Region tickt. Das ist ein Riesenvorteil, denn viele Dinge lassen sich nicht an Akten und Bilanzen ablesen, sondern es geht um Zusatzwissen, das nirgendwo steht, und um Beziehungen, die entstehen. Die Währung, in der wir im Bankgeschäft zahlen, ist Vertrauen. Zweitens: Das, was wir erwirtschaften, kommt über Kredite auch der Region wieder zugute. Das ist der Kreislauf des Geldes in der Region.

Die wirtschaftliche Lage ist branchenübergreifend durch steigende Kosten und Marktunsicherheiten geprägt. Inwiefern spüren Sie diese Entwicklungen konkret in Ihrem Kreditgeschäft – etwa beim Investitionsverhalten Ihrer Firmenkunden?
Mittlerweile gibt es wieder etwas Licht am Horizont. In den ersten vier Monaten 2025 haben die Kreditanfragen wieder deutlich angezogen. Im vergangenen Jahr gab es da noch eine sehr abwartende Haltung bei den Unternehmen – aber die Investitionsbereitschaft zieht durch verschiedene Impulse wieder an. Unter anderem durch das seit Mai aktive neue Programm der NRW.Bank „NRW.Invest Zukunft“ mit günstigen Krediten, aber auch das angekündigte Finanzpaket der neuen Bundesregierung lässt hoffen. Genug Geld zum Investieren ist da, es lag nur in den vergangenen Monaten auf Halde.

Inwiefern hat sich die Firmenkundenberatung in den vergangenen Jahren verändert?
Verschiedene Regularien haben dazu geführt, dass wir heute deutlich enger an unsere Firmenkunden herangerückt sind. Das Unternehmensrating, das wir im Rahmen des Bankenreformpakets Basel III durchführen müssen, war der Einstieg in viele intensive Gespräche und Beratungen. Gleiches gilt jetzt beim Thema Nachhaltigkeit für die Bewertung nach ESG-Kriterien (Anm. d. Red.: ESG steht für Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance)). Bei den insgesamt enormen Dokumentationspflichten würde ich mir seitens der Gesetzgeber etwas mehr Pragmatismus und gesunden Menschenverstand wünschen.

Welchen Rat würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?
Mit Norbert Hypki und ab Mai 2027 dann mit Jürgen Büngeler als Vorstandsvorsitzendem sowie mit Heiko Hüntemann als neuem Vorstandsmitglied gibt es eine sehr gute Teamlösung für die Sparkasse Westmünsterland. Mit allen habe ich jahrelang zusammengearbeitet und sie kennen das Haus und die Mitarbeitenden sehr gut. Insofern werde ich keine ungebetenen Ratschläge geben. 

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?
Auf die gemeinsame Zeit mit meiner Frau, meiner Familie und Freunden. Denn das ist in den vergangenen Jahren deutlich zu kurz gekommen.

Was werden Sie besonders vermissen?
Ich habe mich bewusst für diesen Schritt entschieden, insofern wird das Vermissen hoffentlich gar nicht so groß sein. Ich gehe mit einem guten Gefühl, ich habe meine „Farewell-Tour“ gemacht – das war ein guter Übergang und ich werde alle Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, in bester Erinnerung behalten. Das war mir wichtig.

Das Interview führte Anja Wittenberg

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