Frau Lenderich, wenn Sie die Stadt Ochtrup mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?
Ich lebe seit meiner Geburt hier in der Stadt, es steckt also viel Herz in meiner Verbindung zu Ochtrup. Aber wenn es um Ihre Frage geht: Ehrenamt, Wachstum und Innovation.
Warum wählen Sie gerade diese Beschreibung?
In Ochtrup erleben wir großes ehrenamtliches Engagement. Dieser persönliche Beitrag von Menschen macht Ochtrup lebens- und liebenswert. Das wiederum trägt zur Attraktivität der Stadt bei, die deshalb auch wächst. Junge Menschen oder junge Familien entscheiden sich sehr oft für Ochtrup als Wohnort, viele kehren nach Ausbildung oder Studium auch wieder hierher zurück, finden hier Platz für das eigene Haus. Und schließlich verfügt Ochtrup über innovative Handwerksbetriebe, über viele familiengeführte Unternehmen, die in ihren Branchen eine große Rolle spielen.
Sie selbst wurden Ende 2020 als Bürgermeisterin der Stadt gewählt. Eingestiegen sind Sie in schwierigen Pandemie-Zeiten. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Schon mein Amtsantritt fiel mitten in der Corona-Zeit eher nüchtern aus. Zu meinen ersten Pflichten gehörte die Umsetzung von Ausgangssperren. Das sind Dinge, die man nicht gerne tut, weil man in die Lebensbereiche der Menschen eingreift. Aber wir mussten eben die Vorgaben der Politik umsetzen. Und natürlich fielen Bürgerversammlungen aus oder fanden nur ganz reduziert statt. Auch das Ehrenamt litt darunter. Ich selbst komme aus der Ochtruper Politik und war sicher nicht ganz unbekannt, aber ich hätte mich nach der Wahl gerne den Unternehmen noch einmal persönlich vorgestellt. Oder hätte Bürgersprechstunden angeboten.
Schauen wir in die Gegenwart. Mittlerweile können Sie frei arbeiten. Welche Themen sind nach Ihrer Einschätzung derzeit besonders aktuell?
Zum einen das Thema Gewerbeansiedlung. Aber auch die Entwicklung von Bauland und die Infrastruktur sind wichtig. Gerade unsere Straßen haben im Winter gelitten, das verursacht in den kommenden Monaten und im nächsten Jahr einen ganz erheblichen Sanierungsbedarf. Zudem haben wir noch eine Schulerweiterung vor uns, und auch dieses Projekt beschäftigt uns intensiv. Es gibt aber auch einige „weiche“ Themen, die wir begleiten wollen. Die jährliche Bürgeraktion „Ochtrup räumt auf“ verbindet viele Menschen. Für mich sind auch Besuche bei Jubilaren und Geburtstagen wichtig. Da geht es um Wertschätzung, um Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern.
Auch das Rathaus steht im Fokus. Derzeit sind viele Ämter dezentral untergebracht, in der Innenstadt sollen sich künftig neue Möglichkeiten bieten. Was genau haben Sie vor?
Der Rathaus-Neubau ist tatsächlich eine große Herausforderung. Wir haben einen politischen Ratsbeschluss, in der zentralen Fußgängerzone Weinerstraße ein neues Rathaus zu errichten. Dafür sind die Flächen bereits angekauft worden. Da es sich um einen innerstädtischen Standort handelt, müssen wir Fragen zum Denkmalschutz, zu archäologischen Untersuchungen, aber auch zum Parkraum beantworten. Es erfordert Zeit, ehe man das alles abgestimmt hat. Unabhängig vom neuen Rathaus ist geplant, dass das Bürgerbüro, das Standesamt, das Ordnungsamt und das Bauamt Ende 2025 in angemietete neue Räumlichkeiten in die Weinerstraße ziehen. Das neue Bürogebäude eines Investors wird auch die frühere Gaststätte „Alt Ochtrup“ umfassen, die als städteprägendes Gebäude einer „Frischzellenkur“ unterzogen wird.
Schauen wir einmal auf die Entwicklung der Wirtschaft und der Gewerbegebiete in der Stadt. Wie viel Platz kann Ochtrup den Unternehmen derzeit bieten?
Aktuell haben wir keine Flächen in der Vermarktung. Die Politik hat allerdings im vergangenen Jahr ein Budget von zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt, das wir zum Teil bereits für Flächenerwerb genutzt haben. So können wir zumindest kleinere Flächen herrichten, die dann in den kommenden Jahren vergeben werden. Wir haben außerdem nördlich vom Designer Outlet Center (Anm. d. Red.: DOC) rund 45.000 Quadratmeter erworben und zusätzlich am Witthagen noch einmal rund 27.000 Quadratmeter, wobei wir Letztere vor allem für kleinere, mittelständische Betriebe vorhalten wollen. Das ist eine gute Entwicklung, wie ich finde.
Sie haben die zehn Millionen Euro für Grundstückskäufe erwähnt. Was haben Sie damit noch vor?
Wir haben ohnehin einen jährlichen Topf über zwei Millionen Euro für Grundstücks-Investitionen, zusammen sind das dann zwölf Millionen Euro, die wir für Gewerbe und Wohnungsbau einsetzen können. Von diesen Mitteln ist noch einiges übrig. Unsere Wünsche für zusätzliche Bau- und Gewerbeflächen haben wir bei der Bezirksregierung hinterlegt und hoffen, dass diese Flächen dann im Regionalplan auch berücksichtigt werden. Parallel führen wir schon jetzt Gespräche mit den Grundstückseigentümern, wir wollen schließlich vorbereitet sein. Ich muss allerdings sagen, dass wir im Bereich Wohnungsbau noch ganz gut dastehen. Viele Investoren bauen in Ochtrup, wir haben einen sehr aktiven Bauverein, der auch im sozial förderfähigen Wohnungsbereich viel leistet. Wir haben das Förderprogramm „Jung kauft Alt“ entwickelt, bei dem wir seit 2017 junge Menschen für Altbaukäufe interessieren und bei notwendigen energetischen Sanierungen unterstützen.
Und Sie haben noch die Erweiterungsflächen im Gewerbegebiet Weinerpark im Südwesten von Ochtrup.
Richtig, hier sind wir in der Entwicklung, sprich: im Bauleitverfahren. Ich habe nicht erwartet, dass sich die Entwicklung des Gewerbegebiets so lange hinzieht. Das Thema war schon zum Zeitpunkt meines Amtsantritts aktuell.
Platz für Gewerbe ist also – zumindest aktuell noch – knapp. Wie können Sie dann überhaupt reagieren, wenn ein Unternehmen mit dem Wunsch nach mehr Fläche auf Sie zukommt?
Grundsätzlich sind wir als Stadt sehr offen bei Anfragen von Unternehmen, das ist mir wichtig. Wenn ein Betrieb in Ochtrup expandieren möchte, unterstützen wir das gerne, sowohl im Bereich Flächen als auch bei Bauanträgen. Wir pflegen über unsere Wirtschaftsförderung einen engen Kontakt zu den Unternehmen.
Auch Sie führen in Ihrem Amt viele Gespräche mit Unternehmerinnen und Unternehmern. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage für die Wirtschaft in Ochtrup ein?
Zunächst hat die Wirtschaft für Ochtrup eine wichtige Bedeutung. Damit meine ich nicht nur die großen Unternehmen. Wir haben in der Stadt über 300 Betriebe, die Gewerbesteuer zahlen, und wir haben das Glück, dass wir keine starken Einbrüche in diesem Bereich haben. Das Thema Fachkräftegewinn ist sicherlich eines der großen Themen. Junge Menschen für die Unternehmen vor Ort zu gewinnen, ist eine Herausforderung. Wir unterstützen das gemeinsam mit Ochtrup Stadtmarketing und Tourismus erstmals mit dem speziellen Karriere-Event „AUF“ für Schülerinnen und Schüler sowie für Fachkräfte, das am 23. Mai stattfindet. Hier stellen sich Ochtruper Unternehmen vor. Ich hoffe, dass diese Veranstaltung einen guten Anklang findet. Ein weiterer Punkt ist Bürokratie. Ich möchte das auch deutlich sagen: Wir ersticken an Bürokratie, das erleben selbst wir als Kommune. Die Auflagen, die heute erfüllt werden müssen, kann man teilweise nur noch mit externer Hilfe schaffen. Hier steht sich Deutschland manchmal selbst im Weg. Wenn wir Förderprogramme schaffen, dann müssen sie auch schnell umsetzbar sein. Auf einen einfachen Fördermittelbescheid warten wir teilweise aber über viele Monate.
Lassen Sie uns auch noch einmal auf das DOC blicken: Zuletzt scheiterte 2022 die geplante Erweiterung. Welche Entwicklungsperspektiven gibt es nach dem Aus der Pläne überhaupt noch für das DOC?
Das ist letztlich eine Frage für die Betreiber des DOC. Aus städtischer Sicht kann ich natürlich sagen, dass wir großes Interesse daran haben, den Standort zu stärken. Wir stehen mit dem Betreiber in ständigem Kontakt und wären bereit, an dieser Stelle zu unterstützen, sofern das gewünscht ist. Es liegt auf der Hand, dass das DOC uns eine gewisse Kundenfrequenz bringt, das ist ein großer Standortfaktor. Jetzt wollen wir versuchen, Besucher des DOC auch noch neugierig auf die Altstadt zu machen. Mit der geplanten Umgestaltung der Laurenzstraße als Verbindung zwischen Center und Innenstadt sind wir zumindest auf einem guten Weg.
Mit dem Zentrenmanagement will Ochtrup zudem langfristig die Attraktivität der Innenstadt im Bereich der Fußgängerzone stärken. Welche der entwickelten Ideen wurden umgesetzt und was ist demnächst geplant?
Man muss zunächst deutlich sagen: An der Altstadt und der Weinerstraße hängen die Ochtruper sehr. Mit dem Bereich identifizieren sich die Bürgerinnen und Bürger, aber dieser Bereich bringt aktuell auch Probleme mit sich. Die Bahnhofstraße als sozusagen verlängerter Arm der Altstadt ist bereits gut aufgestellt. Jetzt muss es gelingen, auch die Weinerstraße selbst aufzuwerten, beispielsweise mit Gastronomie. Die Kreissparkasse will ihr Gebäude ertüchtigen, und dann braucht es auch noch verschiedene Veranstaltungen und Angebote, um die Innenstadt abends zu beleben. Hier geht es im Zentrenmanagement um die Frage, wie man die Kundenfrequenz erhöht, und das ist in einer Kommune wie Ochtrup so schwierig wie überall woanders auch.
Auch das Schulzentrum Ochtrup wird umfassend umgebaut und neu strukturiert. Welche Bedeutung hat dieses Vorhaben?
Ochtrup ist ein attraktiver Schulstandort und uns ist daran gelegen, das zu erhalten. Daher investieren wir in den kommenden Jahren in unser Schulzentrum, das Hauptschule, Realschule und Gymnasium an einem Standort bündelt. Die Schülerzahlen in Ochtrup geben uns Recht in diesem Vorhaben. Aber wir stehen hier noch am Anfang, sind gerade bei den ersten Kostenschätzungen. Das wird uns in jedem Fall in den kommenden Jahren begleiten und den Haushalt entsprechend belasten.
Wann soll das Projekt abgeschlossen sein?
Nach heutigem Kenntnisstand rechnen wir mit 2028 oder 2029. Das hängt natürlich auch von äußeren Umständen ab.
Auch das Thema Breitband stellt sich in Ochtrup. Gerade haben Sie einen Förderbescheid erhalten – was wird denn nun möglich und welchen Zeitplan verfolgen Sie?
Wir sind im Außenbereich sehr gut aufgestellt, auch die Versorgung der Gewerbeflächen mit Breitbandanschlüssen wird noch in diesem Jahr fertiggestellt. Weiterhin werden wir noch 300 Adressen, die förderfähig sind, ausbauen. Für die letzten wenigen förderfähigen Adressen liegt uns bereits eine Förderzusage vor. Damit wäre Ochtrup im kommenden Jahr hervorragend aufgestellt. Gerade mit Blick auf Homeoffice wird dieses Thema immer wichtiger.
Was wünschen Sie sich selbst noch für Ochtrup? Welche Projekte möchten Sie gerne zum Abschluss bringen?
Für mich ist das Thema Schule sehr wichtig. Aber auch die Entwicklung der Weinerstraße liegt mir am Herzen. Was ich mir wünsche, ist ein weiterhin guter gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Stadt. Ein gutes Miteinander, ein Wir-Gefühl. Das wäre ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Und das zeichnet Ochtrup auch aus.
Das Interview führte Carsten Schulte