Herr Dr. Thönnes, aktuell erleben Sie als Gemeinde – wie viele andere Kommunen auch – herausfordernde Zeiten: Steigende Personal- und Baukosten, die Unterbringung einer zunehmenden Anzahl geflüchteter Menschen oder die Energiewende sind da nur einige Beispiele. Wie behalten Sie als Bürgermeister einen klaren Kopf?
Dietmar Thönnes: Die Multi-Krise, die Sie ansprechen, hat aus meiner Sicht ihren Schrecken verloren und es ist ein Stück weit Normalität eingekehrt. Die Vielzahl an Problemen und Veränderungen sollten wir vielmehr als Herausforderung sehen. Ich gebe zu, dass es nicht leicht ist, damit umzugehen. Die weltwirtschaftliche Situation zeigt uns aber einmal mehr, dass viele Entwicklungen zusammenhängen und dass wir diese nur bedingt selbst beeinflussen können. Wir können aber sehr wohl versuchen, Herausforderungen wie die Flüchtlingssituation oder die Energiewende zu managen – global wie auch auf lokaler Ebene. Ich habe das Glück, ein starkes Team im Rücken zu haben, sodass ich viele Aufgaben gut an die einzelnen Fachbereiche delegieren kann. Ich kann mit einer gewissen Zuversicht Aufgaben abgeben, sodass ich die Ergebnisse am Ende „nur“ wieder zusammenführen muss. Das hilft schon ungemein.
Welche Stimmung nehmen Sie aktuell in Nottuln wahr?
Thönnes: Ich nehme schon wahr, dass die Stimmung teilweise angespannt ist – vor allem, wenn es ans eigene Portemonnaie geht. Wir haben im Haushalt eine Erhöhung bei der Gewerbe- und Grundsteuer veranschlagt. Vorgeschlagen wurden 20 Prozent, über die der Rat nun noch abstimmen muss. Zu diesen Überlegungen haben wir entsprechenden Gegenwind bekommen. Natürlich ist es für einige schmerzhaft, wenn sie für ihr Haus im Durchschnitt 150 Euro mehr Steuern im Jahr zahlen müssen. Wir glauben aber, dass das auf das Jahr verteilt durchaus machbar ist. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Menschen, die sehr positiv damit umgehen und sagen: Ja, eine Steuererhöhung ist jetzt nötig, weil die Gemeinde sich kein Geld an anderer Stelle besorgen kann. Klar ist aber auch: Trotz einer eventuellen Steuererhöhung werden wir in anderen Bereichen sparen müssen.
Wo zum Beispiel?
Thönnes: Wir müssen dort finanzielle Abstriche machen, wo es nicht so weh tut, etwa im kulturellen Bereich beim Sport oder bei Events. Das ist schade, denn gerade bei den Veranstaltungen haben wir im vergangenen Jahr viel neues erfolgreich ausprobiert. Die Formate, die gut angekommen sind, werden wir daher auch 2024 fortsetzen. Wir werden das Budget aber nicht weiter aufstocken. Auch bei den Straßensanierungen werden wir einige Projekte auf die nächsten Jahre verschieben.
Trotz des Sparkurses gibt es auch Ausgaben, die Sie fest eingeplant haben. In den kommenden fünf Jahren wollen Sie rund zehn Millionen Euro in die Bildungslandschaft investieren. Was haben Sie vor?
Thönnes: Wir werden die Nottulner Schulen umfassend sanieren, dort hat sich in den vergangenen Jahren teilweise einiges an Investitionen angestaut. Im Rupert-Neudeck-Gymnasium rüsten wir zwei Pavillons für den naturwissenschaftlichen Bereich energetisch um. An der Sekundarschule realisieren wir einen etwas größeren Umbau. Und auch an den Grundschulen werden wir die Toilettenanlagen neu bauen und vielleicht in einen Anbau bei der Astrid Lindgren Schule investieren. Denn mit dem Rechtsanspruch auf die offene Ganztagsbetreuung ab 2026 benötigen wir mehr Platz für entsprechende Räumlichkeiten und Mensen. Auch im Kita-Bereich wird sich noch etwas tun.
Was planen Sie für die Kleinsten?
Thönnes: Wir bauen aktuell eine neue Kita an der Gemeindewiese. Die war ursprünglich für vier Gruppen ausgelegt. Aber da der Bedarf an Betreuungsplätzen und auch die Anzahl an Kindern in unserer Gemeinde steigt – was uns alle erfreut –, müssen wir in Erwägung ziehen, die Kita größer zu bauen als geplant. Mit den neuen Baugebieten, die wir aktuell ausweisen, müssen wir auch die Infrastruktur mitwachsen lassen – sonst haben wir irgendwann ein Problem.
Herr Driever, lassen Sie uns gerne auch einmal auf Ihre Pläne für die Wirtschaft vor Ort schauen. Aktuell laufen die Planungen für ein neues Gewerbegebiet. Wie ist da der Stand der Dinge?
Christian Driever: Wir sind sehr froh, dass wir fünf Hektar erwerben konnten, die jetzt in ein Gewerbegebiet umgewandelt werden sollen. In den vergangenen Jahren konnten wir keine freien Gewerbeflächen mehr anbieten, insofern ist das für uns ein großer Erfolg. Die Fläche grenzt unmittelbar an das vorhandene Gewerbegebiet Beisenbusch an der A43 und ist momentan noch Ackerland. Wir hoffen, dass der neue Regionalplan nun zügig durch die Bezirksregierung aufgestellt wird und wir auf der Fläche loslegen können. Wir rechnen damit, dass wir 2025 mit der Vermarktung starten können. Wir haben aber schon viele Gespräche mit den Gewerbetreibenden im Ort geführt, die Bedarf angemeldet haben, weil sie sich erweitern oder dorthin umziehen wollen.
Thönnes: Unser Ziel ist es, die Hälfte der Flächen für die heimische Wirtschaft vorzuhalten, also für Unternehmen, die schon in Nottuln ansässig sind und expandieren möchten. Die andere Hälfte wollen wir für Neuansiedlungen reservieren, sodass wir auch wieder „frische“ Unternehmen mit neuen Produkten und Dienstleistungen nach Nottuln holen können. Ich denke da vor allem an die Synergieeffekte, die sich zwischen Unternehmen, die ohnehin schon kooperieren oder gemeinsame Lieferketten haben, ergeben könnten. Wie in vielen anderen Kommunen ist die Nachfrage größer als das, was wir bieten können. Wir könnten das Gebiet schon jetzt ausschließlich mit ortsansässigen Unternehmen füllen. Deshalb entwickeln wir im Rat aktuell Vergabekriterien, an die wir den Flächenverkauf knüpfen.
Welche Kriterien könnten Sie sich vorstellen?
Driever: Ökologisches Bauen wird sicherlich eine Grundvoraussetzung sein. Der Bebauungsplan wird vermutlich schon vorgeben, dass jedes Gebäude eine Photovoltaikanlage auf dem Dach haben muss und auch zum Heizen regenerative Energie verwendet wird. Auch für die Baumaterialien und die Flächenversiegelung wird es Parameter geben, wenn wir in Nottuln bis 2030 klimaneutral sein wollen. Letztendlich sparen die Unternehmen durch die Investition in ökologisches Bauen bei ihrer Energiekostenabrechnung. Und auch bei der Fachkräftesuche wird das ein ausschlaggebender Punkt sein. In einem Betonklotz möchten vermutlich die wenigsten arbeiten.
Apropos Fachkräftesuche: Was können Sie von Seiten der Kommune tun, um den Unternehmen dabei unter die Arme zu greifen?
Thönnes: Ein wesentlicher Faktor bei der Arbeitgebersuche ist, ob und welche Wohnmöglichkeiten es vor Ort gibt. In Nottuln ist der Wohnungsmarkt sehr eng, auch weil wir in den vergangenen Jahren keine neuen Wohngebiete ausweisen konnten. Wir haben daher die Wohnungsbaugenossenschaft Lerchenhorst gegründet, an der wir zu zwei Drittel als Eigentümer beteiligt sind. Ziel ist es, über die Genossenschaft bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, den sich auch Menschen mit einem niedrigen Einkommen – wie etwa Auszubildende – leisten können. Ein erstes Projekt, das wir über die Genossenschaft anschieben, ist ein Haus, verkehrsgünstig in der Nähe vom Bahnhof Nottuln-Appelhülsen gelegen. Dort sollen acht Apartments mit je 35 Quadratmeter entstehen, die Azubis mieten können.
Driever: Außerdem planen wir im neuen Baugebiet „Südlich Lerchenhain“ auf einem Grundstück einen größeren Komplex mit verschiedenen Wohnungen für Familien und WG‘s. Die Mieten werden gefördert und sind entsprechend günstiger. Ähnliche Projekte realisieren wir außerdem in Baulücken an der Appelhüsener Straße und der Havixbecker Straße, aber auch in den Ortsteilen Appelhülsen und Schapdetten. In der Summe sind das viele einzelne Projekte, aber die Nachfrage lässt uns gar keine andere Wahl, als überall aktiv zu werden. In den größeren Städten wie Münster können es sich die meisten, insbesondere jüngere Menschen nicht mehr leisten, eine Wohnung zu mieten. Sie zieht es daher in die umliegenden Kommunen wie Nottuln.
Intensive Gespräche über alternative Energiequellen
Vom bezahlbaren Wohnraum einmal abgesehen, was macht die Gemeinde aus Ihrer Sicht als Wohn- und Arbeitsort denn noch so attraktiv?
Driever: Die exzellente Infrastruktur. Die gute Erreichbarkeit bietet ein Stück weit Lebensqualität. Die Autobahn 43 führt durch das Gemeindegebiet, wir haben die Bahnverbindung in Appelhülsen. Trotz unserer ländlichen Lage ist die Kommune damit sehr gut angebunden. Wie schon gesagt, investieren wir in den Ausbau unserer Kitas und Schulen, aber auch Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten sind in Nottuln reichlich vorhanden. Das macht die Gemeinde lebenswert und auch attraktiv für Unternehmen, sich anzusiedeln, weil sie wissen, dass ihre Mitarbeitenden hier gut leben können.
Als Wirtschaftsförderer und Bürgermeister sind Sie nah dran am wirtschaftlichen Geschehen vor Ort. Wie geht es den Nottulner Unternehmen zurzeit?
Driever: Die Stimmung ist auch hier angespannt. Der angesprochene Fachkräftemangel beschäftigt die Unternehmen schon länger. Bedrückend sind aber vor allem die steigenden Kosten für Energie. Insbesondere die größeren, produzierenden Unternehmen in Nottuln haben einen ungeheuren Energiebedarf. Wir führen mit ihnen bereits intensive Gespräche über alternative Energiequellen wie zum Beispiel Biomethan oder Wasserstoff. Das Klinkerwerk Hagemeister hat einen Testlauf, in dem die Produktion ausschließlich mit Wasserstoff angetrieben wurde, erfolgreich abgeschlossen. Für einen vollständigen Umstieg benötigen wir aber eine entsprechende Infrastruktur.
Thönnes: Wir führen bereits mit Gelsenwasser Gespräche über eine vorhandene Gasleitung, die künftig für Wasserstoff genutzt werden soll und die an Appelhülsen entlang läuft. Von dort könnten wir einen Abzweig ins Gewerbegebiet in Nottuln und weiter zum Ortskern bauen, sodass wir Unternehmen und Haushalte mit Wasserstoff versorgen könnten. Ob und wann das finanziell umsetzbar ist, weiß man aber noch nicht. Eine andere Idee ist, dass sich die örtlichen Landwirte zusammenschließen und eine Biogasanlage bauen. Die wird dann vorwiegend mit Gülle und Abfällen aus dem Grünschnitt „gefüttert“. Mit dem Biogas könnte man dann ein Wärmenetz aufbauen, an das sowohl Unternehmen als auch Haushalte angeschlossen werden.
Herr Dr. Thönnes, Herr Driever, wenn Sie einen Wunsch für die Gemeinde Nottuln frei hätten, welcher wäre das?
Thönnes: Für die Welt brauchen wir Frieden und mehr Dialog. Für uns als Kommunalverwaltung wünsche ich mir, dass vieles schneller ginge. Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland mit vielen Verwaltungsvorschriften und Bürokratie unnötig lange behelligt werden. Wenn es gute Ideen gibt, möchte ich diese gerne schneller umsetzen können.
Driever: Dem kann ich nur zustimmen. Ich wünsche mir außerdem, dass Förderprogramme auf Bundes- und EU-Ebene für Unternehmen und Kulturschaffende deutlich leichter zugänglich wären und dass die dazugehörigen Bewilligungszeiträume kürzer werden. Das würde mehr Planungssicherheit schaffen.