Herr Brüning, im Tagesgeschäft bekommt man gelegentlich eine Art Tunnelblick – in Neuenkirchen können Sie jetzt auf neue Sichtweise setzen. Wie das?
Wir hatten tatsächlich einige Nachbesetzungen in der Verwaltung. Das war teilweise dem Eintritt in den Ruhestand geschuldet – und in einigen Fällen auch Zufall. Allerdings haben die Neuzugänge schon frischen Wind hereingebracht. Ich selbst wurde ja auch als selbstständiger Unternehmer zum Bürgermeister gewählt. Wenn ich es einmal positiv formuliere: Wir sind hier in der Verwaltung keine Amtsschimmel, sondern bringen Prozesse oft gradliniger und schneller zu einem Ende. Und das tut Neuenkirchen allemal gut.
Weil Sie es ansprechen: Freie Wirtschaft und Verwaltung, wie verträgt sich das?
(lacht) Das war anfangs ein bisschen wie Porsche fahren auf der Kreisstraße. Man fragt sich, warum Entscheidungen so lange brauchen. Ich wollte viele Themen schnell angehen und musste gelegentlich zurückgepfiffen werden. Aber mittlerweile weiß ich natürlich auch mehr über Abläufe in der Verwaltung. Es sind viele Zahnräder, die in einer Gemeinde ineinandergreifen, und ich bin wirklich froh, dass wir hier Menschen haben, die das alles im Blick haben. Die Kombination aus Anpacken und einem rechtlich und formal sauberen Vorgehen macht am Ende den Unterschied.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Der Bauamtsleiter kommt wie ich aus der freien Wirtschaft, wir verstehen uns „blind”! Unser Ansatz ist, Dinge wirtschaftlich sinnvoll innerhalb der Rahmenbedingungen umzusetzen. Grundsätzlicher gesprochen: Mir war wichtig, Vertrauen in die Kolleginnen und Kollegen zu setzen. Das bekomme ich auch zurück.
Digitalisierung ist eines der Themen, die den Wandel auch in Kommunen vorantreiben und tägliche Aufgaben verändern. Wo steht Neuenkirchen?
Zunächst: Ohne Digitalisierung wird es nicht weitergehen, das Thema hat also eine hohe Priorität. Unter vergleichbaren Kommunen unserer Größe sind wir hier ganz vorne dabei, nicht nur im Rathaus, sondern auch in unseren Schulen. Unser Ansatz war immer, bürgerfreundlich zu sein, daher lassen sich Anträge oder Termine schon lange online verwalten. Wir haben das Thema frühzeitig auf die Tagesordnung gesetzt, aber sind auch noch nicht fertig.
Fertig ist auch der Bereich Wirtschaftsförderung nie. Aber die Unternehmen vor Ort spüren natürlich die allgemeine Lage. Oder ist das hier anders?
Eine Wirtschaftskrise ist hier noch nicht zu spüren, vielleicht kommt das erst noch. Für den Moment haben wir keine großen Verschiebungen bei den Gewerbesteuereinnahmen. Für mich ist der gute Draht zu den Unternehmen in jedem Fall sehr wichtig. Ich versuche auch, die großen Unternehmen mit den kleineren Handwerksbetrieben zu vernetzen. Zusätzlich muss es uns gelingen, noch mehr Unternehmen nach Neuenkirchen zu holen. In einigen Fällen haben wir das bereits erreicht. Insgesamt muss ich aber sagen, dass es uns hier wirklich noch ganz gut geht.
Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Sie Erfahrungen als Unternehmer mitbringen?
Ich war über 20 Jahre selbstständig. Da weiß man, worauf es ankommt. Der Austausch ist wichtig, das habe ich schon gesagt. Ich tue das jetzt einfach von einer anderen Position aus und kann andere Hebel ansetzen. Ich erinnere mich daran, wie wir vor zwei Jahren während der Gasmangellage nächtelang auch mit den Unternehmen zusammengesessen und nach Lösungen gesucht haben. Da ist der Austausch wichtig. Wir haben hier rund 260 Unternehmen, darunter auch Einzelunternehmen. Viele kenne ich schon persönlich.
Wenn es um Gewerbeflächen und Ansiedlungen geht, greifen allerdings ganz klare Regeln.
Tatsächlich haben wir Vergaberichtlinien erstellt, mit denen wir nachhaltige Ansiedlungen ermöglichen. Hier sind keine Einzelkämpfer gefragt, die keine Arbeitsplätze schaffen. Stattdessen schauen wir bei Anfragen auf die reinen Daten, dann auch auf das Geschäftsmodell. Wenn es zum Grundstücksverkauf kommt, muss auch bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gebaut werden. Wer nachhaltig baut und ressourcenschonend agiert, kann Grundstücke günstiger erwerben.
Wobei Sie nicht bis zum letzten Quadratmeter verkaufen, oder?
Wir wollen nur so viel verkaufen, um unsere eigenen Kosten zu decken. Der Rest ist „Tafelsilber“, das wir auch mal zurückhalten für besondere Unternehmen. Wir müssen nicht verkaufen, das ist eine angenehme Situation.
„Müssen“ ist allerdings ein Stichwort, das auf den Bereich Bildung zutrifft. Hier muss Neuenkirchen Pflichtaufgaben übernehmen.
Und das tun wir. Wir haben unsere Schulstandorte in Neuenkirchen und St. Arnold bereits in weiten Teilen saniert, erweitert und mit Photovoltaik ausgestattet. Das ist uns auch gelungen, weil wir eben gerade viele Experten mit Erfahrungen in der Wirtschaft in der Verwaltung haben. Die Fachleute sind jetzt genau da, wo wir sie brauchen.
Welche Ideen haben Sie noch für Neuenkirchen?
Das Thema Tourismus wollen wir stärker in den Fokus rücken. Das Münsterland ist eine Rad- und Wanderregion. Neuenkirchen liegt mittendrin und mein Wunsch ist es, noch mehr Menschen in die Gemeinde zu locken. Das Radwegenetz ist dafür bereits sehr gut ausgebaut, sowohl in Neuenkirchen selbst als auch im gesamten Kreisgebiet. Und auch beim Naturfreibad gibt es eigentlich noch Potenzial, diesen Ort außerhalb des Sommers zu bespielen. Das sind alles Ideen, über die wir nachdenken.
Wenn Sie vorausschauen: Welche Themen oder Projekte stehen noch an?
Ich kann Ihnen sagen, was wir bereits erledigt haben: Der Katastrophenplan steht – in der Hoffnung, dass wir ihn nie brauchen. Aber wir sind vorbereitet auf künftige Herausforderungen. Die Planungen für das künftige Feuerwehrgerätehaus stehen, bei den Schulen bleiben wir am Ball. Manche Themen wie der Entwässerungsplan oder neue Gewerbeflächen sind Dauerthemen. Ich würde aber sagen: Wer weiß schon, was morgen ist? Wichtig ist, dass wir vorbereitet sind und gute Entscheidungen treffen.