Entstanden ist das Nachhaltigkeitszentrum als Anlaufstelle für viele Maßnahmen, Projekte und Ideen rund um Energie, Nachhaltigkeit und Natur aus einem Schulprojekt der Anne-Frank-Gesamtschule (AFG). Als Vorbild diente das Duurzaamheidscentrum in Deventer, das einen ähnlichen Ansatz verfolgt. AFG-Lehrer Oliver Wischerhoff hatte die Idee 2022 nach seiner Reise aus Deventer mit nach Billerbeck gebracht und half dabei, das Projekt vor Ort zu verankern. Die Stadt Billerbeck integrierte das Projekt durch einen Ratsbeschluss im Klimaschutzkonzept und ist seitdem organisatorisch, finanziell und personell in die Entwicklung eingebunden. Betrieben wird das Projekt vom dafür gegründeten Verein Nachhaltigkeitszentrum Billerbeck e.V.. Einen Meilenstein erreichte das Nachhaltigkeitszentrum mit der Eröffnung des Ladenlokals in der Lange Straße 7. Immer freitags, passend zur Marktzeit, öffnet der Laden seine Türen und erlaubt Einblicke in die Arbeit. Die findet allerdings nicht nur ortsgebunden statt – das Nachhaltigkeitszentrum versteht sich auch als Netzwerk, in dem verschiedene Ideen und Initiativen zusammenlaufen.
Ausstellungs- und Informationsfläche
Die Schaufenster an der Lange Straße dienen als Ausstellungs- und Informationsfläche. Vom Stadtkern aus breitet sich das Zentrum über Exkursionen und Workshops für die Öffentlichkeit nach außen aus. Die Bandbreite der Themen lässt sich am Veranstaltungskalender ablesen: Von einer Waldführung mit dem Förster über Wildblumenausstellungen bis zu Unternehmensbesuchen beim Coesfelder Kompostierwerk des Verwertungsunternehmens Reterra reicht das Programm.
Auch ein Foodsharing-Regal ist kürzlich eröffnet worden. Dort kann jeder, der vorbeikommt, unangebrochene Lebensmittel, die er nicht benötigt, einstellen. Gleichzeitig sei jeder willkommen, das mitzunehmen, was man selbst verbrauchen möchte. Ebenso ist eine Kronkorkensammelstelle eröffnet worden.
Zu den eher nüchternen Herausforderungen wird es nun gehören, auch Einnahmen zu erwirtschaften, denn alleine von einer Förderung für die Miete könne der Verein nicht arbeiten. Mangels großer Einkünfte ist das Zentrum auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Zuletzt half die Volksbank Baumberge mit einem zinslosen Kredit aus. Denn die Anschaffung von digitaler Technik für die Präsentation von Inhalten aus Fördergeldern aus dem EU-finanzierten Förderprogramm Leader musste vom Verein vorfinanziert werden.
Das Nachhaltigkeitszentrum ist vielleicht das jüngste Projekt in Billerbeck, aber nicht das erste. Bereits Ende 2022 hat der Rat auch ein Klimaschutzkonzept beschlossen. Dass dieses Konzept mit Leben gefüllt und etabliert wird, ist seit Februar 2023 auch eine der Aufgaben der Klimaschutzbeauftragten Julia Neumann. „Der Klimaschutz ist noch ein vergleichsweise junges Feld in vielen Kommunen“, sagt sie. Das Klimaschutzkonzept ist vielfältig und reicht von der Unterstützung von Maßnahmen zur energetischen Sanierung von Häusern bis zu einer Photovoltaik-Offensive. „Im Bereich PV haben wir bereits 2021 am bundesweiten Wattbewerb teilgenommen und sind beim Quartalsaward für das 3. Quartal 2021 platziert worden. 2024 haben wir unter 247 Städten unter 100.000 Einwohnern den neunten Platz gemacht.“ Die dazugehörige Urkunde hängt heute noch sichtbar im neuen Nachhaltigkeitszentrum.
Carsharing-Angebot
Neumann ist nun damit beschäftigt, weitere Projekte umzusetzen. Die gelernte Landschaftsökologin war vor ihrem Amtsantritt überwiegend im Bereich der Umweltbildung aktiv und hatte dort unter anderem mit den Nachhaltigkeitszielen der Unesco zu tun. Die Stelle in Billerbeck reizte Neumann, die aus der Nachbarschaft von Billerbeck kommt und die acht Kilometer zum Dienstsitz oft mit dem Fahrrad absolviert. Ihre Stelle ist vorerst auf drei Jahre befristet. Sie sagt: „Klimaschutz ist eine Querschnittsaufgabe. Daher sind alle gut beraten, zuzuhören.Das ist eine Aufgabe an die gesamte Stadt.“ Bei Neumann laufen die Fäden zusammen, sie koordiniert die vielen Anstrengungen der Stadt im Bereich Klima und Nachhaltigkeit.
Und Aufgaben gibt es noch reichlich: Seit März 2024 gibt es in Billerbeck beispielsweise ein Carsharing-Angebot in vier Wohngebieten. „Ein Gemeinschaftsprojekt mit Coesfeld“, wie Neumann sagt, wobei Billerbeck hier federführend die Abwicklung mit dem Anbieter ShareNow, mittlerweile Free2Move, übernimmt. Kein ganz leichter Versuch, gibt Neumann zu. Der Start war wackelig, weil der Umgang mit der Buchungsapp für viele Neuland war, dann fiel einer der Wagen mit Software-Problemen für einen Tag aus. Jetzt gehe es darum, das auf drei Jahre angelegte Förderprojekt noch einmal stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und die Vorteile des Angebotes zu betonen, so die Klimaschutzbeauftragte.
Die Kläranlage ist ein Modellprojekt für Klimaneutralität. Dank eines Klein-Windrads von 40 Meter Höhe, einer PV-Anlage und eines Blockheizkraftwerks ist die Anlage rechnerisch energieautark. Klimaneutral will auch die Verwaltung der Stadt selbst werden. Dazu gehören ein bereits heute überwiegend elektrisch betriebener Fuhrpark oder PV-Anlagen auf Schulgebäuden.
Das flächenmäßig große Stadtgebiet mit vielen Grünbereichen biete zudem viele Möglichkeiten zur Erzeugung von Windenergie, wie Neumann erklärt. Für 2025 ist auch noch der Bau einer neuen PV-Anlage am Freibad geplant, die 40 Kilowatt-Peak liefern soll. Und gerade hat Neumann eine Förderrichtlinie zur Dach- und Fassadenbegrünung auf den Weg gebracht, die der Rat noch Ende 2024 beschlossen hat. „Wir können nun Bürgerinnen und Bürgern einen Zuschuss für Dach- und Fassadenbegrünungen zahlen.“
Klimascouts ausbilden
Und noch ein Thema steht auf Neumanns Zettel: Innerhalb der Verwaltung will sie junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Klimascouts ausbilden, die dann dabei helfen sollen, Potenziale für Klimaschutz und nachhaltiges Handeln auszumachen sowie Maßnahmen zu entwickeln. Die kommunale Wärmeleitplanung sei ein weiteres Thema, das das Know-how verschiedenster Fachleute aus der Verwaltung verlange. „Und ich würde gerne auch noch näher mit den Unternehmen vor Ort zusammenarbeiten. Davon verspreche ich mir noch einiges.“
Ziemlich viel Arbeit für die Klimaschutzbeauftragte. Dass ihre vorerst zeitlich begrenzte Stelle sie behindern könnte, glaubt sie nicht. „Das hier ist langfristig angelegt.“