Billerbeck

Interview: „Eigentlich geht es uns sehr gut“

Oft genug hat Billerbecks Bürgermeisterin Marion Dirks in den vergangenen Jahren diese Geschichte erzählt: Teile ihrer Kindheit verbrachte sie im Rathaus-Gebäude, das seit 2004 ihr Amtssitz ist. Ihr Kinderzimmer war der Raum, in dem heute ihr Stellvertreter sein Büro hat. „Mein Vater war damals auch ‚auf dem Amt‘, wie man sagte“, erinnert sich Dirks. Mit sechs Geschwistern und der Familie lebte sie deshalb lange in einer der Dienstwohnungen im Rathaus. 1989 kehrte sie als Erwachsene zurück, zunächst als Stadtverordnete, ab 2004 als Bürgermeisterin. Aus ihrem Büro schaut sie bis heute direkt hinüber zur wuchtigen Propsteikirche St. Ludgerus. Das sei anfangs schon ein seltsames Gefühl gewesen, gibt sie zu. Über die vergangenen 20 Jahre blieb der Ausblick vertraut, auch wenn sich manche Umstände änderten. In wenigen Monaten steht ein erneuter Abschied an, zumindest von diesem Ort am Markt. Dirks‘ Amtszeit endet 2025, noch einmal tritt sie nicht als Bürgermeisterin an. Im Interview blickt Dirks zurück und wirft zugleich einen Blick nach vorn.

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Frau Dirks, im Oktober 2025 endet Ihre Amtszeit. Ist das wirklich schon in Ihrem Kopf angekommen? 
(lacht) Nein, überhaupt noch nicht. Dabei steht sogar schon der Tag meiner Verabschiedung fest, es wird der 2. November. In gewisser Weise ist bis dahin jeder Tag auch ein Abschiedstag. Im Dezember habe ich meine letzten Weihnachtskarten verfasst, darin ging es um Abschiede und Neuanfänge, aber so richtig fühlen kann ich es noch nicht, zumal mein Terminkalender weiter brechend voll ist.  

Ein voller Terminkalender bedeutet in der Regel auch viele Themen. Geben Sie uns doch einmal einen Überblick über die wichtigsten Projekte.  
Die meisten Themen auf meiner Agenda sind mindestens eingeleitet. Einiges ist noch in Arbeit, beispielsweise der barrierefreie Umbau der Innenstadt. Sie ist unser Wohnzimmer und wir tun hier etwas für unsere Gäste. Das lag mir sehr am Herzen, auch wenn ich den Abschluss dieses Projekts möglicherweise nicht mehr als Bürgermeisterin erleben werde. Ein anderes wichtiges Projekt ist die Sicherung der Gesamtschule mit einem Teilstandort der Anne-Frank-Gesamtschule Havixbeck. Und auch das neue Quartier für die Feuerwehr Billerbeck am Friethöfer Kamp ist seit 2022 bezogen. Jetzt steht noch der Neubau des Bauhofes aus, für den wir die Ausschreibung gerade hinter uns gebracht haben. Mir persönlich wichtig war der gesellschaftliche Zusammenhalt. Daher habe ich mich auch für die Gründung der Bürgerstiftung eingesetzt, die hilfsbedürftige Familien und Personen unterstützt. Und auch das Nachhaltigkeitsze­ntrum, das hier direkt in der Innenstadt eingerichtet wurde, spielt eine wichtige Rolle dabei, das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz in den Köpfen zu verankern.  

Gibt es denn noch offene Projekte, die Sie bisher nicht angehen konnten?  
Tatsächlich fehlt mir noch das Kinder- und Jugendparlament, mit dem wir die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an Entscheidungen zu ihrem Lebensumfeld sichern wollen. Das habe ich bisher nicht wirklich hinbekommen, aber ich hoffe, dass wir in diesem Jahr noch ein kleines Budget dafür einstellen können.  

Wie würden Sie denn jemandem, der Biller­beck noch nicht kennt, die Stadt be­schreiben? 
Wir sind ein wunderschönes Städtchen, in dem man urbanes Leben spüren kann, aber auch die ländliche Idylle erlebt. Hier lässt es sich in Ruhe leben, ohne großen Verkehr, mit vielen Fahrradwegen, einer guten Nahversorgung und einer bunten Gastronomie. Dank einer stabilen Unternehmenslandschaft mit vielen Arbeitsplätzen geht es uns hier eigentlich sehr gut.  

Dennoch wird es mit Blick auf die allgemeine Lage sicher noch Herausforderungen geben, die auch Billerbeck spürt?   
Das ist sicher richtig. Dazu gehört beispielsweise die Frage, wie wir mit geflüchteten Menschen umgehen. Für sie, aber auch für alle Menschen hier, müssen wir Wohnraum schaffen. Das grundsätzliche Problem ist, dass Wohnraum häufig zu teuer wird, auch im sozialen Wohnungsbau, für den die Mittel ohnehin längst überzeichnet sind. Was uns auch in Billerbeck fehlt, sind bezahlbare Wohnungen im mittleren Segment. Um das zu lösen, gibt es im Augenblick noch keine Patentrezepte. Grundsätzlich glaube ich, dass wir Bauvorschriften drastisch reduzieren müssten, damit Bauen wieder günstiger wird.  
Andere Herausforderungen sehe ich im Bereich des Fachkräftemangels oder aber im Bereich des Klimaschutzes. Derzeit stecken wir in einer Wärmeplanung und da zeichnen sich teure Sanierungen in städtischen Gebäuden ab. Dafür fehlen uns teilweise die finanziellen Ressourcen, um all diese Aufgaben zu meistern, auch wenn wir unseren Haushalt grundsätzlich im Griff haben und über gute Rücklagen verfügen. Seit 2016 mussten wir keine zusätzlichen Kredite aufnehmen. Gemeinsam mit meiner Kämmerin Marion Lammers gelten wir hier ein bisschen als „schwäbische Hausfrauen“, was ich als Kompliment auffasse. 

Mit Blick auf die vielen Ideen und Projekte können Sie sicherlich auch Fördermittel anzapfen?  
Es klingt vielleicht ungewöhnlich, wenn ich das sage, aber: Ich bin eigentlich eine Gegnerin von Förderungen. Den Städten und Gemeinden fehlt eigentlich eher eine vernünftige Finanzausstattung, mit der wir unsere eigenen Entscheidungen treffen können. Fördergeber versuchen oft zu steuern oder Projekte in Gang zu setzen, die im Kern gar nicht Aufgabe der Stadt sind. Und wenn Fördermittel auslaufen, stehen wir am Ende mit der weiteren Finanzierung allein da. Gleichwohl nutzen wir natürlich dort, wo es sinnvoll ist, Fördermittel, beispielsweise für die Sanierung der Ludgeri-Grundschule oder die Umgestaltung der Innenstadt.

Sie haben bereits die barrierefreie Innenstadt angesprochen. Was macht Billerbecks Mitte aus Ihrer Sicht aus?  
Ich verstehe die Innenstadt als Ort, an dem Handel und Dienstleistungen, Gastronomie und Kultur einen Platz haben müssen. Dieser Mix ist uns in Billerbeck bisher ganz gut gelungen. Leerstände verzeichnen wir kaum und wenn doch, können wir die Mieten in diesen über – hier durchaus sinnvolle – Fördermittel bezuschussen. Das tun wir bereits recht erfolgreich.  
In der Innenstadt haben wir auch einen Second-Hand-Laden, der fast eine Art Sozialkaufhaus ist. Für mich ist wichtig, dass man auch solche Themen in die Innenstadt holt, raus aus verschämten Ecken, rein in die Gesellschaft. Manche sehen das anders, aber mir ist diese inklusive Sichtweise wichtig.  

Für eine Stadt ist die lokale Wirtschaft natürlich von großer Bedeutung. Wie schätzen Sie die Lage der Unternehmen vor Ort ein?   
Das ist je nach Branche unterschiedlich. Alles, was in den Bereich Luxus fällt, bricht im Moment etwas ein. Fast alle Unternehmen beklagen sich über zu viel Bürokratie und insgesamt ist eine Zurückhaltung zu spüren, gerade wenn es um Investitionen geht. Das liegt dann häufig an einer Unsicherheit über gesetzliche Rahmenbedingungen. Nach meinem Eindruck geht es uns hier aber noch ganz gut.  

Beim Stichwort Investitionen kommt man schnell auf das Thema Gewerbeflächen. Wie sieht es dann damit in Billerbeck aus?  
Lange Zeit hatten wir noch etwas Platz, aber mittlerweile haben einige Unternehmen vor Ort expandiert, es wird also eng. Wir versuchen aktuell, eine weitere Fläche planungsrechtlich zu erschließen, doch das wird kurzfristig nicht zu machen sein. Wir nutzen alle Möglichkeiten aus, werben zugleich auch bei den Unternehmen dafür, mit dem Platz sparsam umzugehen. Bis zu einem gewissen Grad können wir das über den Quadratmeterpreis steuern – wenn der zu nie­drig ausfällt, breitet man sich gerne etwas mehr als nötig aus. Auf Flächen, die ohnehin im Privatbesitz sind, haben wir natürlich keinen Einfluss.  

Viele Themen beeinflussen sich gegenseitig. Die Mobilität ist so eines, dabei geht es letztlich auch um Erreichbarkeit von Stadt und Gewerbegebieten.  
Wir haben zwei Mobilitätsorte definiert, das ist zum einen der Bahnhof mit Fahrradabstellanlagen und einer Fläche für Park & Ride. Zum anderen der Busbahnhof, bei dem wir noch etwas Arbeit vor uns haben. Beide sind wichtig für uns. Zudem bieten wir gerade ein Carsharing-Projekt an, in dem wir vier Autos in der Stadt zur Vermietung haben. Das braucht etwas Zeit. Und natürlich setzen wir auch auf individuelle Mobilität, beispielsweise über Fahrradwege im Stadtgebiet. Für die Land- und Kreisstraßen sind wir als Stadt zwar nicht zuständig, wir versuchen aber in manchen Fällen selbst zu handeln. Entlang der L 581 zwischen Coesfeld und Billerbeck errichten wir einen 5,6 Kilometer langen Bürgerradweg und steuern dazu Gelder aus dem Haushalt bei.  

Seit 2004 sind Sie Bürgermeisterin. Das ist eine lange Zeit. Vergleichen Sie die Stadt von damals doch einmal mit der von heute. Wie hat sie sich in zwei Jahrzehnten verändert?  
Vor allem hat sich die Innenstadt verändert. Wir zählen heute außerdem deutlich mehr Arbeitsplätze, also hat sich die Wirtschaft positiv entwickelt. Ich habe über die Jahre viele Klinken geputzt, um mit Haus- und Grundstückseigentümern über die Bauprojekte zu sprechen. Und ich spüre, dass in Billerbeck ein Gemeinschaftsgefühl gewachsen ist, gerade in den Jahren seit Corona. 

Die vergangenen Jahre waren überwiegend vom Krisenmodus geprägt. Wie gehen Sie damit um? 
Gerade jetzt brauchen Menschen Verlässlichkeit und Kontinuität. Das müssen wir vor Ort umsetzen. Als Stadt müssen wir uns an Recht und Gesetz halten, aber ich war zuletzt auf einer Veranstaltung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, von der mir ein Beitrag eines Juristen in Erinnerung geblieben ist. Er sagte: Man könne nicht jedes Gesetz wortwörtlich befolgen, dafür seien sie gar nicht ausgelegt. Man müsse Gesetze vor Ort so umsetzen, dass es möglichst allen gut geht. So sehe ich das auch. Die Gesetze geben uns eine Richtung vor, aber mit gesundem Menschenverstand kann man sich Spielräume schaffen.  

Noch ein Rückblick zum Schluss: Über was haben Sie sich in Ihrer Amtszeit besonders gefreut?  
Ein richtiger Stein vom Herzen gefallen ist mir, nachdem wir den Teilstandort der Gesamtschule gemeistert haben. Es gibt aber noch eine ganz andere Geschichte, die mit dem traditionellen Karnevalsfest in Billerbeck zu tun hat. Das stand wegen einer Lärmemissions-Klage auf der Kippe und da haben wir wirklich Lobbyarbeit in Düsseldorf betrieben – mit Erfolg. Der Brauchtums-Erlass des Landes NRW wurde anschließend geändert und so können wir heute Veranstaltungen wie diese wieder ohne größere Sorgen durchführen.  
Auch, dass wir den Aufzug am Rathaus hinbekommen haben, hat mich wirklich gefreut. Das habe ich letztlich so oft auf die Tagesordnung gesetzt, bis wir die Zustimmung für die Investition hatten.  

Wie hat Ihre lange Amtszeit Sie auch als Mensch geprägt?  
Ich glaube, ich habe mich schon verändert. Gerade in den vergangenen fünf Jahren bin ich ungeduldiger geworden, wenn ich ehrlich bin. Ich habe immer versucht, Anregungen oder Kritik erst einmal ernsthaft anzunehmen und in Ruhe zu bewerten. Aber wenn die immer gleichen Themen immer wieder aufkommen, zehrt das an den Nerven. Ich habe meine Arbeit immer unglaublich gerne gemacht, aber vielleicht ist es auch deswegen ein guter Zeitpunkt für einen Abschied.  

Was sind Ihre persönlichen Pläne für die Zeit danach?   
Ich werde schon von vielen Vereinen angesprochen, ob ich mich dort engagieren könnte. Das passt auch, schließlich war ich schon immer ehrenamtlich tätig. Aber konkret ist noch nichts. Ich werde erst einmal eine Pause benötigen und gut auf Termine verzichten können. Aber Haus und Garten allein ist nicht meins, ich möchte auch künftig etwas bewegen. 

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