25 Jahre WESt

Interview: „Wirtschaftsförderung ist Vollkontaktsport“

2025 ist die Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Steinfurt (WESt) ein Vierteljahrhundert alt geworden. Im Interview lässt Geschäftsführer Christian Holterhues die vergangenen Jahre Revue passieren, gibt Einblicke

in die aktuellen Projekte und erklärt, was den Kreis Steinfurt für ihn so besonders macht.

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Herr Holterhues, die Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Steinfurt ist jetzt 25 Jahre alt. Wenn Sie die WESt als Person beschreiben müssten, welche Eigenschaften hätte sie heute?     
Die WESt wäre auf jeden Fall eine sehr aufmerksame Zuhörerin, die nah an der Wirtschaft dran ist. In der einen Hand hätte sie einen Kompass, um Betriebe in unsicheren Zeiten zu lotsen. In der anderen ein Fernglas, um Trends und Entwicklungen früh zu erkennen. Sie ist agil, gut vernetzt, schnell und uneitel – sie stellt sich selbst in den Hintergrund, um die Themen der Wirtschaft nach vorne zu bringen. Das macht sie alles mit einer hohen intrinsischen Motivation. Ich stellte mir die Person bewusst weiblich vor, weil wir bei der WESt einen fast 90-prozentigen Frauenanteil im Team haben. Was uns alle eint: Wir haben ein Helfersyndrom im positiven Sinne. Wir haben Lust, schnell zu helfen, und sind dabei bodenständig geblieben.  

Das typische Münsterländer Anpacker-Gen also: pragmatisch und engagiert.      
Genau. Das spiegeln uns auch die Unternehmen wider. Sie nehmen uns als unkompliziert und schnell wahr. Bei unserem Jubiläum haben wir uns deshalb bewusst nicht groß selbst gefeiert. In Anlehnung an die 25 Jahre hatten wir folgende Idee: Wir haben im Kreis 24 Kommunen, plus uns als Kreiswirtschaftsförderung – also 24 plus 1 gleich 25. Warum nicht genau das zum Konzept machen und 24 Unternehmen aus 24 Kommunen besuchen? Dabei haben wir uns für einen wirtschaftlichen Querschnitt entschieden: Wir haben Start-ups, Mittelständler, Handelsunternehmen, Dienstleister, Handwerksbetriebe und größere Industrieunternehmen besucht und ihre Geschichte erzählen lassen. Und wir haben überall die gleiche Frage gestellt: Was wünscht Ihr Euch für die wirtschaftliche Zukunft im Kreis Steinfurt? Was uns am meisten beeindruckt hat: Alle Unternehmen blicken optimistisch nach vorne. Trotz all der Herausforderungen. Dieser Grundoptimismus motiviert uns ungemein. Und wir haben eine große Wertschätzung für unsere Arbeit gespürt – das freut uns, aber entscheidend war vor allem dieses Zukunftsbild: Die Betriebe glauben an die Stärke der Region. Und genau dieses Bild wollten wir mit unserem Jubiläumsprojekt „24 + 1“ nach außen tragen: Optimismus, Gestaltungswille und eine Region in echter Pole-Position. 

Lassen Sie uns ein bisschen in die Historie der WESt eintauchen. Was waren die wichtigsten Meilensteine?     
Da gibt es schon einige Meilensteine, die unsere Arbeit bis heute prägen. Zum Beispiel 2001 die Gründung der Initiative Train – das steht für „Transfer und Innovation in Steinfurt“ – zusammen mit der FH Münster. Damals ging es darum, wie Unternehmen hier im Kreis Steinfurt stärker mit der Hochschule kooperieren und Innovationen entwickeln können. Dieses Thema ist bis heute aktuell, gerade auch im Hinblick auf die Fachkräftesicherung. 2004 hat die WESt die Geschäftsführung für den Airport Park FMO übernommen – ein Gebiet, das wir damals neu entwickeln und strukturieren mussten. Heute bin ich selbst parallel Geschäftsführer dort – die Geschichte wiederholt sich ein bisschen. 2008 kam dann „Betriebsplus“ dazu, ein Wettbewerb, der alle drei Jahre innovative Personalarbeit und Fachkräfteentwicklung in den Unternehmen des Kreises Steinfurt sichtbar macht. Auch dieses Format führen wir bis heute fort. 2009 haben wir das Thema Breitband in Angriff genommen. Heute können wir stolz sagen, dass der Kreis Steinfurt nahezu flächendeckend – zu 97 Prozent – mit Glasfaser versorgt ist, damit sind wir bundesweit ein Vorreiter. 

Und in den 2010er Jahren?     
Zwischen 2012 und 2013 entstand der Gründer- und Innovationspark, kurz Grips III. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der Stadt Steinfurt, der FH Münster und uns. Wir agieren dabei selbst als Vermieter und fördern den Austausch zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen. Zurzeit kooperieren zwölf Unternehmen im Grips mit der Fachhochschule. Bis heute erfolgreich ist auch das bei der WESt angesiedelte zdi-Zentrum, in dem sich fast 300 Partnerinnen und Partner zusammengeschlossen haben, um Schülerinnen und Schüler frühzeitig für die sogenannten MINT-Berufe zu begeistern. Von den 47 zdi-Zentren in NRW sind wir übrigens das mit den meisten Unternehmenskontakten. Das macht uns schon ein bisschen stolz. 

Und was hat sich in jüngster Zeit getan?     
2023 haben wir „Heimatboost” ins Leben gerufen. Das ist ein Netzwerk für Investoren, Start-ups und Unternehmen. Hintergedanke ist, dass etablierte Unternehmen aus dem Kreis Steinfurt sich das innovative Wissen von Start-ups ins Haus holen können, was die Wirtschaft in der Region insgesamt nach vorne bringt. Wir haben uns aber auch immer wieder an aktuellen Themen, die die Unternehmen beschäftigen, orientiert. So haben wir 2024 das Projekt „WiReSt“, das für Wirtschaftliche Resilienz im Kreis Steinfurt steht, ins Leben gerufen. Es beschäftigt sich damit, wie widerstandsfähig Lieferketten sind und wie Unternehmen sich besser auf unvorhergesehene Störungen vorbereiten können. Dafür entwickeln wir eine Art Frühwarnsystem in Form einer digitalen Plattform. Das Programm wird vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung gefördert. 2025 haben wir ebenfalls das Thema Unternehmertum als Leader-finanziertes Projekt in die Schulen gebracht – auch mit Blick auf den Fachkräfte- und Nachfolgermangel.  

Worum geht es da?     
„Zukunft unternehmen“ zielt darauf ab, den Schülerinnen und Schülern im Kreis Steinfurt ab Klasse 9 zu zeigen, wie sie nachhaltige Geschäftsideen entwickeln und wirtschaftliches Denken mit sozialer Verantwortung verbinden können. Ganz aktuell prägt uns außerdem das Thema Inklusion: Wir sind Mitgründer der Kampagne „Inklusion Münsterland“, die auf gelungene Beispiele der Inklusion von Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt aufmerksam macht. Dafür gab es unlängst den Sonderpreis des Marketing Clubs Münster-Osnabrück, was uns sehr freut. 

Welche Bedeutung hat die WESt für die Wirtschaft im Kreis Steinfurt heute aus Ihrer Sicht?     
Die WESt spielt für die Wirtschaft im Kreis Steinfurt eine ganz zentrale Rolle. Wir verstehen uns, wie eingangs erwähnt, als Kompassgeber und Ratgeber. Wir schauen genau hin, wo Unternehmen Unterstützung brauchen, und helfen gezielt weiter. Wirtschaftsförderung ist bei uns eine freiwillige Aufgabe der öffentlichen Hand – wir haben also einen öffentlichen Auftrag, sind dabei aber unabhängig genug, um neutral für alle rund 16.000 Betriebe im Kreis da zu sein. Wir nehmen den Begriff Wirtschaftsförderung sehr wörtlich: Wir informieren, beraten, begleiten und vermitteln – vom Gründer über innovative Projekte bis hin zur Fachkräftesicherung. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel rund 90 Veranstaltungen durchgeführt und rund 8.000 Menschen damit erreicht, Fördermittel für Innovationsprojekte eingeworben und fast 300 Gründungsfälle begleitet. Ein großer Teil unserer Arbeit passiert jedoch im Verborgenen: die direkte Begleitung, Beratung und Vernetzung – oft zu sensiblen Themen wie Unternehmensnachfolge. Das macht unser Selbstverständnis aus: Wir sind vertraulicher Ansprechpartner, Impulsgeber und verbinden Unternehmen mit den richtigen Expertinnen und Experten, wenn es über unsere Kapazitäten hinausgeht. 

Sie selbst sind seit 2021 Teil des Teams. Gibt es ein Projekt oder eine Anekdote, an die Sie besonders gerne zurückdenken?     
Wenn ich an besondere Erlebnisse in den vergangenen Jahren denke, fallen mir zwei Situationen ein. Die eine war, als ich 2021 als Prokurist mitten in der Corona-Pandemie angefangen habe. Viele Betriebe standen vor der Herausforderung, ihre Digitalisierung voranzutreiben, und es gab dafür zahlreiche Fördertöpfe vom Land. Wir haben eine kleine Tischlerei mit fünf Mitarbeitenden begleitet. Mit ein bisschen Glück, Mut und unserer Unterstützung bei der Antragstellung konnte sie rund 80.000 Euro Fördermittel für Digitalisierungsprojekte einwerben – für CNC-Anlagen, Softwareentwicklung und digitale Planungstools. Die Freude und Dankbarkeit des Unternehmens war groß. Gerade weil die meisten Betriebe bei uns sehr klein sind – von den 16.000 Unternehmen im Kreis haben 97 Prozent weniger als 50 Mitarbeitende –, ist es immer besonders schön zu sehen, wenn wir konkret helfen können und Unternehmen die Möglichkeiten für sich entdecken. 

Und die zweite Anekdote?     
Das war 2022, ebenfalls in der Pandemie. Damals gab es akute Lieferketteneinbrüche und wirtschaftliche Unsicherheiten infolge der Energiekrise. Auch wenn diese Probleme global bedingt waren, wollten wir vor Ort aktiv werden, um die Resilienz der Unternehmen zu stärken. Über Weihnachten und Neujahr habe ich dann Urlaub erstmal Urlaub sein lassen – den kann man schließlich immer noch nachholen – und gemeinsam mit der FH Münster Anträge für ein Modellprojekt, das sich mit der wirtschaftlichen Resilienz beschäftigte, beim Bund vorbereitet. Dafür war nämlich im Januar Einreichungsfrist. Diese etwas hemdsärmelige Art, anzupacken und pragmatisch zu helfen, das prägt unsere Arbeit in der Wirtschaftsförderung und macht sie aus. 

Wie geht es der Wirtschaft im Kreis Steinfurt zurzeit?     
Der Kreis Steinfurt ist eine stark mittelständisch geprägte Region. Es gibt kaum Konzernstrukturen. Wir zählen hier gerade einmal 90 Betriebe, die mehr als 250 Beschäftigte haben. Diese kleinteilige Struktur macht uns aber in Krisenzeiten vergleichsweise krisenresilient. Die Wirtschaft im Kreis steht gut da. Wir haben eine niedrige Arbeitslosenquote, Beschäftigungsrekorde und viele Kennzahlen sind positiv. Gleichzeitig müssen wir ehrlich sein: Auf die Unternehmen trifft gerade eine Art toxischer Cocktail – hohe Standort- und Energiekosten, Bürokratie, konjunkturelle Unsicherheiten. Das bremst Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen. Wir alle hoffen, dass sich das in den kommenden Monaten löst und wieder mehr Planungssicherheit entsteht. Spannend ist immer ein Blick in den Prognos Zukunftsatlas, der alle drei Jahre die Zukunftsfähigkeit der Regionen vergleicht.  

Wie hat der Kreis Steinfurt abgeschnitten?     
Wir haben uns dieses Jahr gut geschlagen. Der Kreis Steinfurt liegt auf Platz 103 von 404 Regionen, vor drei Jahren lagen wir noch auf Platz 116. Im Bereich Innovation und Wettbewerbsfähigkeit sind wir sogar von Platz 113 auf Platz 87 gestiegen. Und das zeigt sich auch in harten Fakten: Die Investitionsquote ist gestiegen, die Exportquote ist stabil, das Bruttoinlandsprodukt wächst – sogar dynamischer als der NRW-Durchschnitt. Beim Thema Arbeitsmarkt haben wir einen Sprung um 96 Plätze nach oben gemacht. Das heißt: Hier hat sich in den letzten drei Jahren wirklich etwas bewegt. Und trotzdem: Ganz spurlos ziehen strukturelle Herausforderungen auch an uns nicht vorbei. Die größte ist der demografische Wandel. Viele Betriebe haben volle Auftragsbücher, aber die Produktivität gerät unter Druck, weil schlicht Fachkräfte fehlen. Rund 50.000 Menschen werden im Kreis Steinfurt in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen – und zu wenige kommen nach. Wir können vielleicht zwei Drittel des Bedarfs durch das eigene Potenzial und Fachkräfte aus der EU decken. Ein Drittel fehlt. Und wenn die Wirtschaft im Kreis Steinfurt weiterwachsen will – selbst nur um ein Prozent – dann bräuchte sie jedes Jahr rund 1.000 zusätzliche Arbeitskräfte. Insgesamt müssen wir jährlich 5.000 bis 6.000 Menschen in den Arbeitsmarkt bringen, um die Abgänge auszugleichen. Das bedeutet: Wir müssen alle Hebel nutzen: Zuwanderung, bessere Integration, beispielsweise durch Qualifizierung, mehr Erwerbsbeteiligung von Frauen und natürlich Automatisierung, Digitalisierung und KI, um die Produktivität zu steigern. Ich bin optimistisch, dass wir das hinbekommen – aber es wird Arbeit erfordern.  

Der Fachkräftemangel ist aber sicherlich nicht die einzige Herausforderung, oder?     
Nein, es ist ein ganzes Bündel an Transformationsherausforderungen, die gleichzeitig stattfinden. Ich finde den Begriff der sogenannten Bani-Welt sehr passend. Er steht aus dem Englischen übersetzt für brüchig, ängstlich, nichtlinear und unverständlich – und genau so erleben viele Unternehmen gerade ihre Realität. Dinge, die früher selbstverständlich waren, gelten nicht mehr. Unternehmen bewegen sich in Unsicherheiten, sowohl konjunkturell als auch strukturell. Dazu kommen globale Entwicklungen wie Lieferkettenprobleme, Klimaschutz, Pandemien – und all das spielt sich am Ende immer ganz konkret vor Ort ab. Das spiegelt sich auch in den Themen wider, die die Unternehmen in unserer Region beschäftigen. 

Machen wir es mal konkret.     
Neben dem angesprochenen Fachkräftemangel gibt auch bei potenziellen Unternehmensnachfolgerinnen und -nachfolgern einen Engpass. Jede zweite Geschäftsführung geht in den nächsten zehn Jahren in Rente. Da reden wir nicht nur über Industrie oder große Dienstleister, sondern auch über Handwerksbetriebe, Friseursalons, lokale Versorger. Wenn diese Strukturen wegbrechen oder mangels Nachfolger verkauft werden müssen, hat das Auswirkungen auf die gesamte regionale Daseinsvorsorge. Zweites großes Thema ist die Künstliche Intelligenz. Wir begleiten das mit Veranstaltungen und Beratungen, und ich merke: Viele sind neugierig, wollen verstehen, wie KI funktioniert. Ich hoffe sehr, dass wir mit Innovationsprojekten genau das erreichen können, was ich vorhin angesprochen habe – nämlich die drohenden Produktivitätsverluste durch den demografischen Wandel zumindest teilweise zu kompensieren. Dann das Thema Nachhaltigkeit. 

Das ist zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt …     
Ja, das lag vor allem daran, dass viele Beratungen im vergangenen Jahr stark von Regulierung geprägt waren – Lieferkettengesetz, Sorgfaltspflichten, CSRD. Mit den Entschärfungen auf EU-Ebene ist der Druck an dieser Stelle etwas raus. Jetzt reden wir wieder mehr über Geschäftsmodelle, Kreislaufwirtschaft, also über die inhaltliche, unternehmerische Seite von Nachhaltigkeit – und weniger über reine Berichtspflichten. Und zusätzlich gibt es natürlich die Dauerthemen: IT-Sicherheit, Fördermittel, Digitalisierung. Das sind Felder, die uns im Alltag dauerhaft begleiten und die Unternehmen ebenfalls fordern. 

Wie können Sie dabei mit Ihrem Team unterstützen?     
Wir wollen immer ein Teil der Lösung sein – das ist unser Anspruch. Natürlich können wir globale Entwicklungen nicht verändern, aber wir können schauen, wie wir das eigene Potenzial in der Region mobilisieren und die Unternehmen ganz konkret unterstützen. Vor zwei Jahren haben wir uns vier zentrale Handlungsfelder gegeben, die es eigentlich schon immer gab, die wir aber noch einmal klarer definiert haben. Erstens: der Gründungsservice. Wir sind überzeugt, dass eine Region Wachstum braucht – und dass neue Impulse oft durch Gründungen entstehen. Der Kreis Steinfurt ist nach wie vor gründungsstark: Rund 1.000 Gründungen zählen wir pro Jahr. Wir begleiten davon etwa 300, von kleinen Handwerksbetrieben über Handelskonzepte bis hin zu größeren Start-ups gemeinsam mit der Fachhochschule. Das ist für uns ein ganz wichtiger Baustein, um das regionale Potenzial zu stärken. 

Und des zweite Handlungsfeld?     
Das ist der Unternehmensservice. Hier geht es um Fördermittel, Transformation, individuelle Beratung – aber auch um breite Angebote über Veranstaltungen. Wir sind sehr nah dran an den Betrieben und bieten pragmatische Hilfe an. Drittens Fachkräfte: Die Zusammenarbeit mit der FH Münster spielt dabei eine große Rolle. Der Standort in Steinfurt ist mit seinen rund 4.000 Studierenden ein enorm wichtiger Impulsgeber. 75 Prozent der Studierenden haben einen Arbeitsvertrag in der Tasche, bevor sie ihr Studium beendet haben. Formate wie der Firmentag zeigen, wie wichtig der direkte Kontakt ist, um Absolventinnen und Absolventen auch langfristig hier zu halten. Dazu kommt unser zdi-Zentrum, das junge Menschen früh für MINT begeistert – egal ob Richtung Ausbildung oder Studium. Wir arbeiten außerdem, oft gemeinsam mit Partnern, daran, Unternehmen für Inklusion zu sensibilisieren und Chancen sichtbar zu machen. Das gilt genauso für viele weitere Arbeitsmarktthemen, etwa die Gewinnung internationaler Fachkräfte. 

Und das letzte Feld?     
Das sind infrastrukturelle Themen, die immer wichtiger werden – etwa Breitband. Ohne Glasfaser funktionieren KI und Digitalisierung in der Fläche nicht. Das ist die Basis. Oder die Gewerbeflächenentwicklung. Die WESt hat zwar selbst keine eigenen Flächen – der AirportPark als Gewerbegebiet ist ein interkommunales Projekt. Wir sind aber diejenigen, die anfragenden Unternehmen helfen, passende Standorte zu finden, transparent mit den Kommunen arbeiten und den Austausch fördern. Wir unterstützen die Kommunen dabei, Potenziale zu erkennen, Gewerbegebiete zu entwickeln und voneinander zu lernen. 

Welche Themen und Projekte stehen aktuell ganz oben auf der Agenda der WESt?     
Ganz allgemein geht es vor allem um die Resilienz unserer Wirtschaft. Der Begriff wird im Moment überall benutzt, aber im Kern trifft er es ziemlich gut. Denn wenn wir auf den demografischen Wandel schauen, dann wird klar: Da müssen wir in vielen Bereichen aktiv bleiben und noch aktiver werden. Ein großes Thema bleibt in diesem Kontext die Nachfolge. Wir haben, wie eingangs schon erwähnt, in diesem Jahr ein Leader-Projekt gestartet, bei dem wir in die Schulen gehen und Unternehmertum frühzeitig vermitteln. Es geht nicht darum, dass jetzt jede Schülerin oder jeder Schüler gründen soll – aber vielleicht entsteht in der 9. oder 10. Klasse die Idee: „Hey, Wirtschaft ist spannend. Ich kann Lösungen für echte Probleme entwickeln.“ Und vielleicht wird daraus in zehn oder 15 Jahren ein Gründungsvorhaben oder die Übernahme eines bestehenden Betriebs. Im Fachkräftebereich wollen wir zusätzlich zum erfolgreichen MINT-Ansatz stärker den Pflege- und Gesundheitsbereich adressieren. Die Region wird älter, die Pflegebetriebe suchen Fachkräfte – und das betrifft am Ende auch die Unternehmen, weil Mitarbeitende Strukturen brauchen, um Familie und Beruf vereinbaren zu können. Formate, die wir im MINT-Bereich etabliert haben, wollen wir deshalb stärker auf den Pflegebereich übertragen. 

Was haben Sie noch vor?     
Wir arbeiten weiter an der Infrastruktur: Beim Glasfaserausbau sind wir schon sehr weit. Aber die Frage ist, wie wir die nächsten Schritte gestalten. Mobilfunk spielt eine Rolle, genauso wie der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur. Da geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Nachfrage: Wenn Wasserstoff irgendwann bezahlbar wird, braucht es Unternehmen, die ihn nutzen. Dieses Henne-Ei-Problem müssen wir gemeinsam lösen. Und dann gibt es natürlich das prägende Thema unserer Zeit: Künstliche Intelligenz. Wir haben vor ein paar Monaten einen KI-Stammtisch gestartet – der ist regelmäßig ausgebucht, oft schon bevor die Agenda feststeht. Man merkt, wie groß der Informations- und Beratungsbedarf bei den Unternehmen ist. Wir können nicht alles allein abdecken, aber was wirklich stark ist: Die Unternehmen erklären sich gegenseitig, wie sie KI einsetzen. Das ist unglaublich wertvoll, weil es authentisch ist und auf Augenhöhe passiert. Unsere Rolle ist es, die Plattform bereitzustellen. 

Was wünschen Sie sich für die nächsten 25 Jahre für die WESt?     
Wirtschaftsförderung ist Vollkontaktsport. Wir sind nah dran an den Betrieben. Vieles von dem, was wir tun, lebt vom direkten Austausch, von Beziehung, von Vertrauen. Diese individuelle Beratung, das Begleiten, das Einschätzen – das wird weiterhin gebraucht – trotz KI. Die Kernaufgaben werden bleiben: Gründungsservice, Vernetzung, Wirtschaftsentwicklung. Eine KI kann vielleicht einen Businessplan schreiben. Aber sie kann nicht das ersetzen, was in einem 1:1‑Gespräch passiert – wenn meine Kolleginnen und Kollegen Marktpotenziale einschätzen, Leerstände kennen oder wissen, wen man mal mit wem vernetzen sollte. Das ist etwas zutiefst Menschliches. Mein Wunsch ist: Dass wir die Chancen der KI nutzen, um schnell, agil und intelligent in der Anwendung zu sein. Aber ich möchte nicht, dass dabei das verloren geht, was unseren Job ausmacht: der direkte persönliche Austausch. 

Sie sind als Geschäftsführer der WESt viel im Kreis Steinfurt unterwegs. Gibt es einen Ort, an dem Sie besonders gut entspannen können?     
Es gibt zwei Dinge, die mir richtig guttun: meine Familie und kleine Auszeiten an Sehnsuchtsorten. Ich habe zwei Kinder, acht und zehn Jahre alt, mit denen wir oft an Plätze zurückkehren, die mir selbst als Kind wichtig waren. Zum Beispiel zu Schwimmbädern hier in der Region. Solche Momente sind für mich echte Entspannung. Außerdem bin ich großer Preußen-Münster-Fan. Beim Fußball im Stadion kann ich den Kopf frei bekommen, einfach mal abschalten und neue Energie tanken.

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