Das Bestattungshaus Niemeyer hat seine Wurzeln in der Tischlerei des Urgroßvaters. 1953 spezialisierten sich die Großeltern dann ausschließlich auf Bestattungen. Der Hauptsitz ist heute in Nordhorn, Zweigstellen gibt es in Neuenhaus und Uelsen. Zum Team des Familienunternehmens, das Daniel Niemeyer heute gemeinsam mit seinem Vater Jan Niemeyer führt, gehören 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Daniel Niemeyer hat zunächst Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert. Bestatter geworden ist er dann aus Überzeugung, wie er heute sagte. Neben der Bestattermeisterprüfung hat er unter anderem die Prüfung zum Thanatopraktiker abgelegt, lehrt als Dozent am deutschlandweit einzigen Bundesausbildungszentrum der Bestatter und ist zum Sachverständigen bestellt.
Weiterbildung zum Thanatopraktiker
Vor diesem Hintergrund kann das Bestattungshaus heute auch die Thanatopraxie anbieten, also die ästhetische Aufbahrung der verstorbenen Person am offenen Sarg, etwa nach schweren Unfällen, Gewaltverbrechen oder gerichtsmedizinischen Untersuchungen. Zu 95 Prozent könne ein Körper so wiederhergestellt werden. Das ist buchstäblich Handwerksarbeit. „Neben reinigenden, desinfizierenden und konservierenden Tätigkeiten gehören auch kosmetische sowie rekonstruierende Arbeiten dazu. Das kann keine Maschine, kein Roboter und keine KI übernehmen“, betont Daniel Niemeyer. Diese Methode wird auch angewendet, um Verstorbene für eine Überführung ins Ausland vorzubereiten. Der Zersetzungsprozess könne so gehemmt werden. „Die Weiterbildung zum Thanatopraktiker ist umfangreich und zeitaufwendig. In Deutschland gibt es nur wenige Bestatter, die diese Kompetenz erlernt haben“, betont Niemeyer.
Für die Abschiednahme hat das Bestattungshaus bereits vor einigen Jahren entsprechende Räumlichkeiten geschaffen, die per Chip rund um die Uhr und ohne Anmeldung zugänglich sind. So können Angehörige ihre dort offen aufgebarte, verstorbene Person beliebig oft besuchen und Abschied nehmen.
Neben dem Handwerk macht ein Großteil der Arbeit bei dem Grafschafter Familienunternehmen vor allem die Beratung und Trauerbegleitung aus. In der Gesellschaft hat Niemeyer eine veränderte Einstellung gegenüber dem Tod festgestellt. „Viele suchen aktiv den Kontakt zum Bestatter, um zu Lebzeiten über verschiedene Varianten der eigenen Beerdigung und die Finanzierung zu sprechen. Das hilft, die Angst vorm Tod zu verlieren. Und sie entlasten die Angehörigen, die das ansonsten im Falle des Falles klären müssten. Es ist etwas anderes, sich mit jemandem auszutauschen, der sich von Berufswegen sachlich-neutral mit dem Thema beschäftigt, als mit der eigenen Familie darüber zu sprechen. Das ist oft zu emotional“, betont er.
Auch Kindergartengruppen und Schulklassen sind in dem Bestattungshaus regelmäßig zu Gast. „Sie sollen die Angst vor dem Thema Beerdigung abbauen. Jeder Mensch wird irgendwann in die Situation kommen, dass er einen geliebten Menschen verliert. Der Tod lässt sich nicht schönreden. Aber es ist – vor allem für Kinder – hilfreich, Mechanismen zu erlernen, damit umzugehen“, betont Niemeyer.
Keine Zulassungs- und Meisterpflicht
Dass hier entsprechendes Know-how und Einfühlungsvermögen gefragt sind, liegt auf der Hand. Allerdings gelte: „Zurzeit kann jeder Bestatter werden. Eine Zulassungs- und Meisterpflicht gibt es für unser Handwerk nicht. Dabei sollte jeder, der mit Menschen in einer psychologischen Ausnahmesituation wie Trauer umgeht, entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringen“, fordert Niemeyer. Auch für bürokratische Aufgaben, wie etwa die Finanzierung einer Beerdigung im Zuge einer Bestattungsvorsorge. „Wir sorgen mit den entsprechenden Verträgen dafür, dass das für eine Beerdigung einplante Vermögen auch im Pflegefall nicht anderweitig – und damit gegen den Willen des Betroffenen – verwendet werden kann“, nennt der Bestattermeister ein Beispiel. In der Branche stehe das unternehmerische Handeln aber nicht allein im Fokus. „Als Bestatter sind wir dann erfolgreich, wenn wir die Angehörigen in ihrer traurigsten Lebensphase gut aufgefangen haben. Immerhin vertrauen sie uns ihr höchstes Gut – einen verstorbenen Menschen – an. Natürlich müssen wir am Ende des Tages auch wirtschaftlich denken, aber im Mittelpunkt steht immer noch der Mensch. Es ist überwältigend, wie viel Dankbarkeit und Wertschätzung uns entgegengebracht wird“, stellt Niemeyer eine Besonderheit seiner Zunft heraus. Schließlich gebe es bei einer Beerdigung keine zweite Chance, es besser zu machen.
Weil das Bestatterhandwerk naturnah arbeitet, stellt Niemeyer das Thema Nachhaltigkeit regelmäßig auf den Prüfstand und informiert sich zum Beispiel auf Messen über Trends. Der Pilzsarg ist zum Beispiel so eine Innovation, die den Weg ins Sortiment bei dem Nordhorner Bestattungshaus finden könnte. „Durch das Milieu im Erdreich zersetzt sich der Pilzsarg samt Inhalt schneller als Modelle aus Holz“, erklärt Niemeyer.
Ein Dorn im Auge ist dem Bestattermeister indes ein ganz anderer Bereich: die gesamte Dokumentation eines Sterbefalls. „Der bürokratische Aufwand ist immens. Hinzukommt, dass es je nach Bundesland verschiedene Anforderungen gibt, sodass wir uns auch hier stets auf dem neuesten Stand halten müssen“, betont er und nennt zum Beispiel den Umstand, dass eine Sterbeurkunde grundsätzlich beim zuständigen Standesamt in Papierform vor Ort beurkundet werden muss. Ein weiterer Knackpunkt: Ein Arzt muss zuvor die papierhafte Todesbescheinigung korrekt ausgefüllt haben, sonst geht es nicht weiter.
In Sachen Digitalisierung ist das Nordhorner Bestattungshaus selbst schon etwas weiter: Kunden können online Checklisten, Bestattungskostenrechner, Bestattungsvorsorgeplaner oder einen Vollmachtenkonfigurator nutzen. Ein Chatbot beantwortet zudem erste Fragen. „Der wird tatsächlich sehr umfangreich genutzt, vor allem für ganz pragmatische Fragen, die man sich im persönlichen Gespräch vielleicht gar nicht traut zu fragen. Zum Beispiel: Bekomme ich Urlaub für eine Beerdigung? Darf ich meinen Hund mit zur Beerdigung nehmen?“, zählt Niemeyer auf.
Konzentrationsprozesse erkennbar
Digitalisierungspotenzial sieht der Dozent auch bei den Abschlussprüfungen. Einer großen Zahl an Absolventen stehe eine vergleichsweise kleine Zahl an ehrenamtlichen Prüfern gegenüber. „Um hier flexibler zu werden, haben wir in diesem Jahr erstmals die Prüfungen digital durchgeführt. Auch das Korrigieren geht digital anhand von Schlagwörtern und Automatisierungen schneller und ist vor allem anonym, weil jeder Prüfling eine Nummer bekommt. Und es muss letztendlich auch kein Papier mehr quer durchs Land geschickt werden – das kommt der Umwelt zugute und spart Zeit“, so Niemeyer. Ein bisschen Sorgen macht sich Niemeyer aber um die Zukunft seiner Branche. Der Knackpunkt ist, wie in vielen anderen Branchen auch: Es mangelt an Nachfolgerinnern und Nachfolgern. „Wir können bereits die ersten Konzentrationsprozesse erkennen, in denen kleinere Betriebe von großen Bestattungshäusern übernommen werden“, erklärt er. Zwar sei die Zahl der Auszubildenden und Meister zuletzt gestiegen, aber letztendlich machten sich nur zwei von zehn Absolventen selbstständig. „Die Motivation, Verantwortung für Mitarbeiter und ein eigenes Unternehmen zu übernehmen, fehlt bei der jungen Generation. Sie sehen, dass es sich in einer Angestelltenposition genauso gut arbeiten und leben lässt.“ Im europaweiten Vergleich sei die Ausbildung zum Bestatter in Deutschland einzigartig: Die angehenden Bestatter lernen im Bundesausbildungszentrum mit eigenem Lehrfriedhof in der Nähe von Schweinfurt, in der Berufsschule und im regionalen Bestattungsunternehmen. „Die abwechslungsreichen handwerklichen Aufgaben vom Grabschmuck über die Aufbereitung des Verstorbenen bis hin zum Trauerdruck oder der Musikwahl für die Beerdigung ist einfach reizvoll und macht jeden Tag anders“, findet Niemeyer.