Der Handelsverband NRW Westfalen-Münsterland begrüßte vergangenen Donnerstag den ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, zum Format Trialog im Speicher 10 in Münster. Die Veranstaltung brachte Vertreterinnen und Vertreter aus Handel, Politik, Verwaltung und Wirtschaft zusammen, um über gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunftsthemen zu sprechen. Johann-Christoph Ottenjann, der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes, würdigte Wowereit als prägende politische Persönlichkeit der Berliner Republik und hob dessen langjährige Amtszeit hervor.
Im Gespräch mit dem Moderator Philipp Böckmann blickte Wowereit auf seine Biografie und den Mauerfall zurück. Die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung seien für ihn die prägendsten Erlebnisse seines Lebens gewesen. Er betonte, dass die deutsche Einheit eine bleibende gesellschaftliche Aufgabe darstelle und auch siebenunddreißig Jahre nach dem Ereignis noch Unterschiede zwischen Ost und West existierten. Ein weiterer zentraler Punkt seiner Biografie war sein öffentliches Coming-out vor fünfundzwanzig Jahren vor seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister, das eine gesellschaftliche Signalwirkung hatte. Wowereit warnte in diesem Zusammenhang vor Rückschritten und betonte die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen Zusammenhalt täglich zu verteidigen.
Reformen, Finanzpolitik und die Zukunft der Innenstädte
Im zweiten Teil des Abends widmete sich Wowereit der politischen Gegenwart, den Staatsfinanzen und den Herausforderungen der Wirtschaft. Er äußerte Besorgnis über die Reformfähigkeit in Deutschland und das Fehlen von Mut bei unpopulären Entscheidungen. Mit Verweis auf Berlins Haushaltskrise nach der Wende plädierte er für einen sparsamen, aber gestaltenden Umgang mit öffentlichen Mitteln und kritisierte ausufernde Vorschriften sowie Dokumentationspflichten, die besonders kleinere Unternehmen und Kommunen belasteten. Zudem äußerte er Sorgen über eine wachsende Polarisierung und das Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen.
Abschließend ging Wowereit auf die Entwicklung der Innenstädte und des Einzelhandels ein. Angesichts des veränderten Einkaufsverhaltens und der Zunahme des Online-Handels erklärte er, dass Innenstädte neben dem klassischen Einzelhandel auch Gastronomie, Kultur und Aufenthaltsqualität bieten müssen, um Menschen anzuziehen. Lokaler Handel könne im Wettbewerb mit großen Online-Plattformen durch Qualität, Beratung, regionale Produkte und persönliche Beziehungen bestehen.