„Wir blicken mit Stolz und Dankbarkeit auf 75 Jahre IHK Westmünsterland in Bocholt zurück. Es ist die Erfolgsgeschichte einer Region, die sich über die Jahrzehnte hinweg neu erfunden hat – mit Kreativität, Hartnäckigkeit und viel Mut“, betonte IHK-Vizepräsident Carsten Sühling (Geschäftsführer Spaleck in Bocholt und Leiter IHK-Regionalausschuss für den Kreis Borken).
Musterbeispiel für den Strukturwandel
Er nutzte die Jubiläumsfeier, um kurz in die Geschichte der Wirtschaft in den Kreisen Borken und Coesfeld einzutauchen: In den Nachkriegsjahren galt das Westmünsterland als „Armenhaus“ von Nordrhein-Westfalen, geprägt von Landwirtschaft und der Textilindustrie. Zwei Branchen, die zu dieser Zeit ins Wanken geraten waren, weil sich neue Industriezweige gebildet hatten und diese im Zuge der Globalisierung in den 1980er und 1990er Jahren stark wuchsen. „Das Westmünsterland stand massiv unter Druck und verzeichnete eine Arbeitslosenquote von über 20 Prozent“, blickte Sühling zurück. Aber: „Die Wirtschaft in den Kreisen Borken und Coesfeld hat es verstanden, neu zu denken, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und in Innovationen zu investieren – mit Erfolg“, betonte der IHK-Vizepräsident und verwies dabei auf die heutige Branchenvielfalt, etwa mit Metallbau, Logistik, Kunststoff oder IT. Das Westmünsterland sei ein Musterbeispiel für den Strukturwandel.
Zahlen zur Region
Das zeigt auch ein Blick in die Statistik der IHK Westmünsterland: Sie zählt heute 43.000 Mitgliedsunternehmen, die insgesamt 84.000 Mitarbeitende beschäftigen. Das Bruttoinlandsprodukt der beiden Kreise Borken und Coesfeld beläuft sich auf 24 Milliarden Euro, die Exportquote liegt bei 30 Prozent, die Arbeitslosenquote unter fünf Prozent und damit deutlich unter dem Landesdurchschnitt von acht Prozent. „Motor dafür sind der starke Mittelstand, eine zukunftsorientierte (duale) Ausbildung in den Unternehmen und den Hochschulen in der Region – sie alle ziehen an einem Strang“, betonte Sühling.
Impulse geben und Netzwerken
Die IHK in Bocholt habe sich dabei zu einem starken Anker entwickelt, zu einem Impulsgeber für die wirtschaftliche Entwicklung sowie zur Plattform für den Austausch und als Interessensvertretung der Wirtschaft. „Die Entscheidung der Unternehmerschaft in dieser Region, die einst zum Bezirk der IHK Wesel gehörte, sich der IHK Nord Westfalen mit Sitz in Münster anzuschließen und eine eigene Niederlassung fürs Westmünsterland in Bocholt zu eröffnen, war wegweisend“, betonte Sühling.
Deutliche Worte Richtung Politik
„Heute ist ein besonderer Tag für das Westmünsterland und die IHK“, freute sich auch Lars Baumgürtel. Der IHK-Präsident nutzte die Veranstaltung aber auch, um deutliche Worte an die Politik zu richten. „Es sind herausfordernde Zeiten, in denen es Aufgabe der Politik ist, verlässliche Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu schaffen“, betonte er.
Dem stimmte auch Dr. Kai Zwicker, Landrat des Kreises Borken, zu. „Wir müssen nicht nur für die Wirtschaft eine Infrastruktur bereitstellen, die ihr hilft, zu wachsen. Die Unternehmen brauchen vor allem auch entsprechende Nachwuchskräfte, die sie an die Region binden können und denen sie hier eine Perspektive zum Arbeiten und Leben geben können. Es geht also auch um passende Rahmenbedingungen für eine gute betriebliche Ausbildung und für ein gutes Leben im Westmünsterland, etwa die Möglichkeit, sich Eigentum leisten zu können“, erklärte er.
Dr. Christian Schulze Pellengahr, Landrat des Kreises Coesfeld, nannte einen weiteren Punkt, der die wirtschaftliche Entwicklung bremse: die überbordende Bürokratie. Diese hemme nicht nur die Kreativität der Wirtschaft, sondern schränke auch die kommunalen Verwaltungen in ihrem Handeln ein. „Die guten Kontakte der Region nach Düsseldorf und Berlin müssen wir noch stärker nutzen, um hier dringend zu entrümpeln“, forderte er.
Beide Landräte betonten die gute, enge Zusammenarbeit mit der IHK. „Sie ist ein wichtiger Baustein in dem regionalen Netzwerk aus Unternehmen, Kommunen, Kreis und verschiedenen Institutionen, die alle an einem Strang ziehen und das Westmünsterland so erfolgreich machen“, sagte Zwicker. „Diese gute Kooperation untereinander unterscheidet unsere Region von anderen.“ Als Beispiel für die enge Zusammenarbeit im Kreis Coesfeld nannte Landrat Schulze Pellengahr zum Beispiel den Bau der B67n, „der von der Unternehmerinitiative aus den IHK-Regionalausschüssen für die Kreise Borken und Coesfeld aus dem Dornröschenschlaf geholt und mit Nachdruck vorangetrieben worden ist.“ Ohne die Unterstützung der IHK und ihrer Mitgliedsunternehmen wäre die B67n, die ein wichtiger Standortvorteil für das Westmünsterland sei, „vermutlich noch lange nicht so weit“. Aktuell rechnet Schulze Pellengahr mit einer Fertigstellung 2027.
Die IHK Westmünsterland verstehe sich auch in Zukunft als „Möglichmacherin, Netzwerkerin und Beraterin für die Region, die als Erfolgsmodell für Transformation“ stehe, wie Vizepräsident Sühling betonte. Er blicke trotz der gegenwärtigen Herausforderungen mit Zuversicht auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region. „Die jüngsten Konjunkturumfragen in unserem Bezirk signalisieren eine erste Aufhellung“, so Sühling.
Wechsel an der Spitze
Mit dieser Entwicklung im Westmünsterland wird sich bei der IHK in Bocholt bald ein neues Gesicht an der Spitze hauptverantwortlich beschäftigen: Der promovierte Volkswirt Dr. Fabian Schleithoff übernimmt zum Jahreswechsel die Leitung der IHK Westmünsterland von Sven Wolf. Wolf wird neuer stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen und ist ab Januar 2026 als Leiter des IHK-Standorts Emscher-Lippe in Gelsenkirchen tätig (mehr dazu lesen Sie hier). IHK-Vizepräsident Helmut Rüskamp (Unternehmer aus Dülmen und Leiter IHK-Regionalausschuss für den Kreis Coesfeld) dankte Wolf für seinen Einsatz in den vergangenen viereinhalb Jahren an der Spitze der IHK in Bocholt und für sein Engagement für die Wirtschaft in der Region. Er wünschte ihm viel Erfolg für seine neuen Aufgaben. „Wir zeigen mit dem Personalwechsel einmal mehr: Wir können Transformation“, so Rüskamp.