Emsdetten

Interview: „Die Lust, sich immer wieder neu zu erfinden“

Seit 2014 sitzt Oliver Kellner im Rat der Stadt Emsdetten, seit 2020 ist er Bürgermeister. Gemeinsam mit dem 1. Beigeordneten Elmar Leuermann arbeitet er daran, die Stadt weiterzuentwickeln und fit zu machen für die Zukunft. Wie das gelingen soll, welche Herausforderungen zu bewältigen sind und warum das Jahr 2038 eine besondere Rolle dabei spielt, darüber sprechen Kellner und Leuermann im Interview.

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Herr Kellner, Herr Leuermann, dass eine Stadt immer auch in die Zukunft denkt, ist nicht ungewöhnlich. In Emsdetten haben Sie das mit einer konkreten Jahreszahl verknüpft, 2038 nämlich. Warum?   
Oliver Kellner: Zum einen, weil wir die langfristige Entwicklung im Blick haben. Zum anderen wird die Stadt Emsdetten dann 100 Jahre alt und wir wollen bis dahin den Fokus auf viele verschiedene Themen lenken. Die Jahreszahl ist ein Symbol, denn die Zukunft der Stadt endet ja nicht 2038. Sie steht für einen Prozess, in dem wir Emsdetten langfristig attraktiv halten wollen, auch über Wahlperioden hinaus. 
Elmar Leuermann: Unternehmen können nur bedingt in die Zukunft schauen, aber für eine Stadt gelten andere Bedingungen. Was wir zu bewältigen haben, ist auf Dauer angelegt, und der Zeitrahmen hilft uns dabei, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was wir vorhaben.  

Erzählen Sie doch etwas mehr über diesen Prozess.  
Kellner: Wir haben gemeinsam mit der Politik Strategien festgehalten, die unser Handeln prägen sollen. Dazu gehören Klimaschutz, Wohnen, Wirtschaft, eine starke Innenstadt, aber auch Themen wie Gesundheit, Teilhabe und das Miteinander insgesamt. 2022 haben wir uns das Zieldatum 2038 gesetzt, das sind nun 16 Jahre. Und die gehen wir in Vier-Jahres-Abschnitten an, wobei wir zwischendurch prüfen, wo wir stehen. 

Auch wenn vieles in die Zukunft gedacht wird, hält das Hier und Jetzt sicher auch Herausforderungen bereit. Welche grundsätzlichen Aufgaben sind das?  
Kellner: Der Klimaschutz ist zuletzt vielleicht etwas in den Hintergrund gerückt, weil es viele andere Themen gibt. Aber dieser beschäftigt uns weiter. Auch der Wohnraummangel bleibt aktuell. Emsdetten wächst zwar nicht exorbitant, aber konstant. Wobei die reine Zahl an Wohnungen an verschiedene Faktoren geknüpft ist. Uns fehlen beispielsweise Räume für große Familien, aber auch Singlewohnungen. Verkehr und Infrastruktur sind weitere drängende Themen. Und natürlich müssen Kommunen immer mehr Aufgaben im Sozialdienst oder bei der Tagespflege übernehmen, auch mit der Bezahlkarte müssen wir uns beschäftigen.  

Können Sie schon konkrete Projekte nennen? 
Kellner: Aktuell machen wir den Veranstaltungsort Stroetmanns Fabrik energetisch fit für die Zukunft. Gleiches gilt für die Ems-Halle. Und wir sanieren über ein besonderes Programm unsere Schulen. 

Sie haben Ihr Amt als Bürgermeister in Krisenzeiten angetreten, die seitdem nur bedingt leichter geworden sind. Wie behält man da den Fokus für alltägliche Themen? 
Kellner: Wichtig ist, Prioritäten zu setzen und die Ziele im Blick zu behalten. Übrigens bieten Krisenzeiten auch immer Chancen. Während des Corona-Lockdowns haben wir die Digitalisierung vorangetrieben, nicht nur interne Prozesse, sondern auch externe Bürgerservices wie Terminvereinbarungen online ermöglicht. Nach Beginn des Krieges haben wir Einsparpotenziale ermittelt und das Projekt Klimaneutraler Konzern Stadt Emsdetten aufgesetzt. Das alles war wichtig, weil die Gegenfinanzierung unserer Ausgaben nicht sicher ist. Mit unserem „freiwilligen Haushaltssicherungskonzept“ haben wir so viele Budgetposten identifiziert, bei denen sich Geld einsparen lässt. Zudem setzen wir mit einem professionellen Fördermanagement gezielt darauf, finanzielle Unterstützung einzuwerben.  
Leuermann: Wir können mittlerweile sehr schnell Förderanträge stellen, das zahlt sich erheblich aus. Wir haben in diesen Krisenzeiten aber noch etwas gelernt: Dass wir nämlich mit Partnern zusammenarbeiten, die nicht darauf warten, dass wir fragen, sondern die einfach machen. Die Feuerwehr beispielsweise, mit der wir damals binnen weniger Tage ein Testzentrum eingerichtet haben.   

Es gilt die alte Binsenweisheit, dass eine stabile Wirtschaft auch eine stabile Stadt sichert. Wie erleben Sie die Lage hier in Emsdetten? 
Kellner: Wir sind oft bei den Unternehmen vor Ort zu Gast und erleben einen guten Branchenmix mit hoher Innovationskraft – trotz schwieriger Rahmenbedingungen spürt man die Lust, sich immer wieder neu zu erfinden. Das macht auch die Arbeit der Wirtschaftsförderung sehr spannend. 
Leuermann: Für uns ist wichtig, dass sich die Wirtschaft ernst genommen fühlt. Wir wollen zeigen, dass wir keine Probleme sehen, sondern Lösungen suchen. Das ist wichtig, gerade in Zeiten, in denen viele Unternehmen mit Investitionen eher zögern. Wir wollen gemeinsam mit den Unternehmen arbeiten, haben dazu auch Michael Wietkamp vom Unternehmensnetzwerk „Emsdetten. Einfach. Machen“ als beratendes Mitglied in verschiedene Ausschüsse berufen.  

Derzeit steht in vielen Kommunen und Städten das Thema Wohnen ganz oben auf der Liste. 
Kellner: Das sehen wir auch hier in Emsdetten. Wir reden deshalb über Nachverdichtung im Bestand, auch wenn das teilweise ein Thema ist, das Anwohnern schwer zu vermitteln ist. Im Baugebiet Silberweg West stecken wir in der konkreten Planung und wollen dort zwischen 80 und 100 Grundstücke anbieten. Der entsprechende Bebauungsplan wird Ende 2025 rechtskräftig, wir sprechen bereits mit Bewerbern für den ersten Bauabschnitt.  

Ist die Nachfrage denn noch da?  
Kellner: Tatsächlich kennen wir Familien, die sich vor vier, fünf Jahren für einen Neubau entschieden haben, den sie sich heute nicht mehr leisten können. Unser Vorteil als Stadt ist, dass wir Grundstücke deutlich günstiger anbieten können. Jetzt hören wir uns um, wie der Bedarf ist. Aber grundsätzlich lässt sich auch sagen, dass der Bedarf nach Eigentums- und Mietwohnungen in Emsdetten deutlich steigen wird. Das betrifft übrigens auch Wohnraum für Auszubildende für Industrie oder Pflege. Hier zu unterstützen, ist auch ein Standortfaktor.  

Wie sehr spielt das Thema Energiewende denn in diesen Bereich hinein?  
Kellner: Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg. Wir unterstützen das Thema mit einer Ausbauoffensive für PV-Anlagen auf städtischen Gebäuden, setzen in der Stadt auf eine eigenes Energieteam zur Beratung und sind mit der kommunalen Wärmeplanung fast fertig. Weil wir alle Beteiligten, Unternehmen und Bürgerschaft, einbeziehen, dauert manches vielleicht länger, aber uns ist der gemeinsame Weg wichtig. Auch beim Thema Windkraft setzen wir auf die Zusammenarbeit. Emsdetten ist Mitglied in der Genossenschaft Energieland Kreis Steinfurt, die immer auf der Suche nach Flächen für Windenergie ist. Das kann aus Sicht der Bürgerbeteiligung spannend sein und wir als Stadt wollen da auch ermutigen und unterstützen.  
Leuermann: Auch unsere Unternehmen vor Ort haben längst erkannt, dass es wirtschaftlich sinnvoll ist, in Nachhaltigkeit zu investieren. Wir verknüpfen aber auch den Verkauf von Gewerbeflächen an die Einhaltung von Nachhaltigkeitskonzepten. 

Sie haben über Standortfaktoren gesprochen. Dazu gehören auch Investitionen in die Versorgung mit Breitbandanschlüssen.  
Leuermann: Wir haben zunächst über Förderprogramme große Bereiche des Stadtgebietes abgedeckt. Ein paar graue Flecken blieben noch, die wir nun weitgehend beseitigt haben. In den Gewerbegebieten war die Versorgung frühzeitig gedeckt, mittlerweile sind alle Haushalte angeschlossen. Wir sind eine der ersten Städte in unserer Größe, die das Ziel einer hundertprozentigen Versorgung erreicht haben.  
Kellner: Das tun wir übrigens nicht allein, sondern im Netzwerk, unter anderem mit den Stadtwerken und dem Internetanbieter TKRZ, einer Stadtwerke-Tochter. In der Vergangenheit haben wir da schon vorausschauend gearbeitet und viele Leerrohre verlegt, die wir heute für Glasfaser nutzen.  

In diesen Bereich fällt auch das geplante Datacenter Münster Osnabrück (DMO) am Flughafen in Greven. Die Stadtwerke Emsdetten sind daran beteiligt. Was bedeutet das für die Stadt? 
Kellner: Das DMO wird die Digitalisierung in der Region deutlich verstärken. Wir sehen vor allem die Chance, eine Wertschöpfung vor Ort zu gestalten. Nebenbei wird das DMO nachhaltig errichtet, die Abwärme kann direkt in der Nachbarschaft genutzt werden.   

Herr Kellner, Sie treten Ende 2025 erneut zur Wahl als Bürgermeister an. Was treibt Sie dabei an? 
Kellner: Vor allem das Wissen um die Herausforderungen, die vor uns liegen. Wir haben schon viel bewegt, wollen aber unseren Zukunftsprozess bei wichtigen Themen wie der Wirtschaftsförderung oder der Stadtentwicklung fortsetzen. Ich möchte, dass wir liebenswert, lebenswert und wirtschaftlich stark bleiben, gemeinsam mit Bürgerinnern und Bürgern, mit Vereinen und Unternehmen. Ich fühle mich hier pudelwohl, die Stadt hat mir immer Chancen geboten. Und ich möchte, dass das auch für künftige Generationen so bleibt. 

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