Kolumne | Glaubwürdigkeit schlägt Geld

Was können kleine und mittelständische (Familien-)Unternehmen tun, um angesichts des Fachkräftemangels und in Konkurrenz zu anderen Arbeitgebern ihre vorhandenen Mitarbeitenden zu halten und neue Arbeitnehmende dazuzugewinnen? Für Professor Dr. Markus Kiefer, der Unternehmens- und Marketingkommunikation unter anderem an der FOM – Hochschule für Oekonomie und Management lehrt, ist das auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wie Unternehmen sich in diesem Kontext positionieren können, erklärt er in seiner Kolumne für Wirtschaft aktuell.

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Angesichts des Fachkräftemangels und mit Blick auf den Personalmarkt, der sich inzwischen vielerorts einseitig zum Arbeitnehmermarkt entwickelt hat, in denen die Unternehmen mit (fast) allen Mitteln um qualifizierte Bewerber kämpfen müssen, ist guter Rat zunehmend teuer. Vor allem im Mittelstand. Kleine und mittelgroße Unternehmen können ihren Beschäftigten ja keine Betriebskindergärten zur Betreuung während der Arbeitszeit bieten, wie es DAX-Größen machen. Klar, Platz für einen täglich frischen Obstkorb – wenn auch nicht auf jedem Schreibtisch – wird man schon finden. Auch einen Tischkicker zur Entspannung kann man schnell mal irgendwo unterbringen. Und eine Dartscheibe ist schnell aufgehängt. Aber weitgehende Umbauten, um den modernen architektonischen Erfordernissen von New Work in seinen altehrwürdigen Hallen gerecht zu werden? Da werden viele Unternehmer zucken. Zu Recht. Denn es ist nicht nur eine Frage des Budgets. Schließlich lässt sich nicht jeder Betrieb einfach auf- und umrüsten, mit Fitnessstudios oder Relax-Lounges. Und das Bereitstellen von Gutscheinen für die Nutzung externer Fitnessstudios und anderer Einrichtungen? Vielleicht eine machbare Alternative. Boni und Zusatzgratifikationen? Da würde Management-Vordenker Reinhard K. Sprenger bedenklich mit dem Kopf schütteln. 

Mit Speck mag man Mäuse fangen. Aber man sollte die jüngeren Generationen nicht allzu sehr und vor allem nicht allzu aufdringlich mit Geldbündeln verlocken. Und auch nicht allen Modeerscheinungen aus den Bauchläden der Personalabteilungen gigantischer Konzerne hinterlaufen. Personalverantwortliche in mittelständischen Betrieben sollten grundsätzlicher denken und die Vorzüge mittelständischer, von Familienhand geführter Betriebe voll ausspielen. In erster Linie ist das die Kontinuität des unternehmerischen Tuns. Solche Unternehmen sind der Willkür der Aktienmärkte und hektischer Investoren gar nicht erst ausgesetzt. Und sie fallen auch nicht beim ersten Gegenwind um. Sie leben Werte und Einstellungen über den Generationswechsel des Eigentümers hinaus. Sie verfolgen überzeugende Strategien, teils über lange Zeiträume ungebrochen und mit ökonomischem Ertrag immer wieder bestätigt.

Junge ticken anders

Das sind Stärken, mit denen zu wuchern ist. Die jungen Menschen ticken heute anders als die Babyboomer. Die Generationen X, aber erst recht Y und Z stellen ganz andere Fragen. Konsum steht nicht an erster Stelle. Das persönliche Fortkommen um jeden Preis schon gar nicht. Karrierepläne, die mit hochgekrempelten Ärmeln und ohne Rücksicht auf Verluste in Top-Etagen führen sollen – so denken und handeln nur noch wenige Einzelne. Dafür steht die Nachhaltigkeit von Produkten und Dienstleistungen ganz hoch im Kurs. Und die Sinn-Frage: Wofür arbeite ich? Welchen Beitrag leistet mein Arbeitgeber für das Gemeinwohl – vor Ort und für eine bessere Welt? Und zwar glaubwürdig und nachweisbar. Für die jungen Menschen sind auch Work-Life­-Balance und passende unternehmensseitige Angebote ausschlaggebend, sich für oder gegen einen Arbeitgeber zu entscheiden. 

Man muss ja nicht jedem Schnickschnack der seit Jahren grassierenden Purpose-Debatte nachlaufen. Da werden viele Leitbilder und Hochglanzbroschüren mit der Anmutung ausgereicht, künftig zu den Weltrettern zu zählen. Und dennoch lässt sich aus der Anziehungskraft dieser Purpose-Debatte durchaus ein naheliegender Schluss ziehen. Auch wenn er nicht neu ist und gute Unternehmens- sowie Kommunikationsstrategien das über die klassischen Kategorien Mission und Vision schon immer aufgegriffen haben: Die heutigen und ganz sicher die kommenden Generationen legen erkennbar mehr Wert als Arbeitssuchende es früher taten, auf Antworten zu diesen Fragen: Werde ich einen Beitrag dazu leisten, dass die Welt morgen besser wird? Durch meine Arbeit, in meiner Arbeit und in einem Unternehmen, für das es sich in dieser Hinsicht lohnt zu arbeiten? 

Für Unternehmen wird es zukünftig entscheidend sein, diese Glaubwürdigkeits-Tests zu bestehen. Nachvollziehbare Antworten auf diese immer drängender gestellten Sinn-Fragen werden die Arbeitnehmer von morgen vermutlich weit mehr überzeugen als neumodische Innenarchitekturen und reines Denken in Boni und geldwerten Vorteilen.

Professor Dr. Markus Kiefer

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