Interview | „Man wird nicht alle Folgen verhindern können“

Produktionsausfälle und Lieferkettenstörungen durch überflutete Straßen und Hochwasser. Erschwerte Arbeitsbedingungen durch Hitzeperioden. Klimafolgen werden zunehmend zu einem Risiko – nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Kommunen. Im Interview erklärt Rouven Boland aus der Stabsstelle des Kreises Borken, Fachabteilung Klimaschutz und Klimafolgenanpassung, welche Klimafolgen die Region besonders betreffen, wie sich Kommunen vorbereiten und was Unternehmen tun können.

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Herr Boland, in Ihrem Beruf dreht sich alles um Risiken durch den Klimawandel – macht Sie das im Alltag eher gelassener oder eher sensibler für extreme Wetterlagen? 
Durch meine Ausbildung als Geograf gehe ich wahrscheinlich etwas anders durch die Welt (lacht) und schaue stärker auf Zusammenhänge. Dadurch entwickelt man automatisch eine gewisse Sensibilität dafür, wo in Städten Dinge gut laufen – und wo es noch Optimierungsbedarf gibt. Aber ich verfalle deshalb nicht in Panik. Im Gegenteil: Mein Job gibt mir eher Gelassenheit, weil ich weiß, dass es gute Handlungsmöglichkeiten gibt. 

Welche Klimarisiken sind für unsere Region in den nächsten Jahren besonders relevant? 
Gerade die Hochwasserereignisse 2010 und 2016 haben gezeigt, dass das Thema Überschwemmung auch in unserer Region vorkommen kann. Lange Zeit ging es deshalb vor allem um die Frage, wie wir Hochwasser- und Starkregenvorsorge betreiben. Seit ein paar Jahren erleben wir aber auch die andere Seite: lange Trockenphasen und Hitze. Wir müssen also beide Extreme händeln. Das verändert auch den Umgang mit Wasser. Früher ging es oft darum, Wasser möglichst schnell abzuleiten. Heute wissen wir: Das reicht nicht mehr. Wir müssen Wasser stärker in der Fläche halten. Deshalb spielt das Prinzip der „Schwammstadt“ eine immer größere Rolle.  

Erklären Sie das einmal kurz … 
Die Idee dahinter ist, dass Kommunen und Landschaften Wasser wie ein Schwamm aufnehmen, wenn es verfügbar ist. Denn wenn bei Starkregen in kurzer Zeit sehr viel Wasser aufkommt, ist die Kanalisation schnell überlastet, das Wasser steht auf Straßen oder läuft in Gebäude. Wenn Böden, Grünflächen oder auch Dachbegrünungen Wasser aufnehmen und zeitverzögert wieder abgeben, entlastet das die Systeme. Gleichzeitig sorgt die Verdunstung auch für einen kühlenden Effekt bei Hitze. 

Wie gut sind die Kommunen Ihrer Erfahrung nach auf solche Extremwetterlagen eingestellt? 
Die Kommunen in der Region sind schon gut aufgestellt, aber es bleibt weiterhin viel zu tun. Wichtig ist, dass Klimafolgen heute bei Planungen direkt mitgedacht werden – zum Beispiel im Städtebau oder beim Umgang mit Wasser. Schulungen zum Klimaatlas des Landesamts für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen oder zu Starkregen- und Hitzekarten stoßen bei Bauleitplanern, Klimaschutzbeauftragten und Verwaltungen mittlerweile auf große Resonanz. Das zeigt: Das Thema ist inzwischen in vielen Köpfen angekommen und wird in den Verwaltungen als Querschnittsaufgabe verstanden. Als Kreis Borken haben wir einen Maßnahmenkatalog mit unterschiedlichen Handlungsfeldern entwickelt. Der reicht vom Wassermanagement über Bevölkerungsschutz bis hin zur Frage, wie wir unsere Böden künftig bewirtschaften. Ein wichtiger Baustein sind dabei Hochwasserschutzkonzepte mit Maßnahmen, klaren Zuständigkeiten und Kommunikationswegen zwischen Kreis, Kommunen und Rettungsdiensten. In den Konzepten wird aufgezeigt, wie Wasser im Ernstfall fließt, welche Gewerbe- und Siedlungsbereiche betroffen wären und wie man diese besser schützen kann.  

Wie geht das in der Praxis? 
In Stadtlohn wurden zum Beispiel die Bereiche an der Berkel umgestaltet, sodass Wasser mehr Raum bekommt. Gleichzeitig wurden dort auch ökologische und Aufenthaltsaspekte mitgedacht, etwa durch bessere Durchgängigkeit des Gewässers und Fischtreppen. Ein anderes Beispiel ist das Hochwasserschutzkonzept an der Bocholter Aa. Dafür, dass es dort gelungen ist, Hochwasserschutz über Gemeindegrenzen hinweg zu denken und zu organisieren, gab es 2022 sogar den Bundespreis „Blauer Kompass“. Dort wurde unter anderem ein Pegelnetz installiert, um die Hochwasserwelle besser einschätzen zu können. Gerade an kleineren Gewässern wie der Bocholter Aa geht es im Ernstfall oft nur um Stunden. Deshalb sind schnelle Informationen und kurze Reaktionszeiten wichtig. Außerdem tauschen sich die Klimaschutzbeauftragten der Kommunen im Rahmen regelmäßiger Treffen aus, unter anderem zur Ausgestaltung der jährlichen, kreisweiten Klimawochen, um Bevölkerung weiter zu sensibilisieren.  

Wo sehen Sie die größten Schwachstellen bei der Klimaanpassung auf kommunaler Ebene? 
Eine Herausforderung ist die Flächenverfügbarkeit. Das sieht man bei der Renaturierung von Fließgewässern. Viele Bäche und Flüsse wurden in der Vergangenheit stark begradigt. Heute versuchen wir, sie wieder in einen naturnäheren Zustand zu versetzen, damit Wasser mehr Raum bekommt und besser in der Landschaft gehalten werden kann. Dafür braucht man aber Flächen – und die stehen nicht immer zur Verfügung. Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt. 

Welcher? 
Die finanzielle Seite. In Zeiten knapper Kassen haben viele Kommunen nur begrenzte Handlungsspielräume und sind stark von Fördermitteln abhängig. Gleichzeitig sind Förderprogramme oft an kurze Antragsfristen gebunden. Eigentlich müsste man viele Projekte und Konzepte schon fertig in der Schublade haben, um schnell reagieren zu können. Das ist im kommunalen Alltag aber nicht immer leicht umsetzbar. Ich sehe aber auch Chancen in der aktuellen Entwicklung.  

Und zwar? 
Auf Landesebene ändern sich gerade die rechtlichen Rahmenbedingungen, Klimafolgenanpassungskonzepte sollen künftig verpflichtend werden. Das kann helfen, weil Kommunen dadurch grundsätzlich Zuschüsse für die Erstellung solcher Konzepte bekommen und bestehende Maßnahmen noch einmal systematisch überprüfen und weiterentwickeln können. Vor allem wird das Thema dadurch stärker ganzheitlich betrachtet. 

Wie kann man als Kommune und Unternehmen ermitteln, wie groß das Sicherheitsrisiko durch Klimaveränderungen ist? 
Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen hat beispielsweise eine Planungshinweiskarte herausgegeben. Dort kann man ablesen, welche Bereiche sich an typischen Sommertagen besonders stark aufheizen oder wo Hochwassergefahren bestehen. Dazu kommen Versiegelungskataster oder Starkregengefahrenkarten, die zeigen, wo Wasser bei außergewöhnlichen Niederschlagsereignissen problematisch werden kann. Es gibt inzwischen sogar eine Hochwasser-App, die in 3D anzeigt, wie hoch das Wasser auf welchem Grundstück steigen könnte. Dort können Privatpersonen und Unternehmen einfach ihre Adresse eingeben. Denn im Ernstfall stellen sich für Unternehmer ganz entscheidende Fragen wie: Ist die Straße noch befahrbar? Kommen meine Mitarbeitenden oder Güter noch zum Betrieb? Funktionieren die Lieferketten und Produktionsabläufe weiter? 

Szenarien, mit denen man sich im unternehmerischen Alltag lieber nicht beschäftigen mag … 
Ja, das stimmt. Aber es ist wichtig, sich dem Thema aktiv zu widmen und es nicht zu verdrängen. Eigenvorsorge ist ein wichtiger Baustein in der Krisenvorbeugung. Und Unterstützung kann man sich dabei übrigens auch holen, etwa über Netzwerke und Beratungsangebote der Wirtschaftsförderungsgesellschaften. Das Netzwerk „Klimaanpassung und Unternehmen NRW“ hat beispielsweise Risiko-Checks für Betriebe, Handwerk und Logistik veröffentlicht.  

Was kann ein Unternehmen denn konkret tun, um das Risiko infolge des Klimawandels zu minimieren? 
Oft beginnt das damit, aus eigenen Erfahrungen zu lernen: Wo wurde es in der Produktionshalle in den vergangenen Sommern besonders heiß? Wo gab es Probleme durch Starkregen? Und welche Schutzmaßnahmen lassen sich daraus ableiten? Der Schutz der Mitarbeitenden ist ein zentraler Punkt. Viele Betriebe stellen inzwischen zum Beispiel Getränke bereit oder schaffen kühlere Aufenthalts- und Pausenräume für Hitzetage. Dazu kommen bauliche Maßnahmen. Verschattungsanlagen können helfen, Wärme aus Gebäuden herauszuhalten. Auch Begrünungsmaßnahmen an Fassaden oder auf Dächern spielen eine immer größere Rolle, weil sie Gebäude passiv kühlen können. Auch kleinere Maßnahmen können viel bewirken. Gerade auf Parkplatzflächen gibt es großes Potenzial – etwa durch versickerungsfähige Pflastersteine, Rigolen oder zusätzliche Baumpflanzungen. Dafür stehen teilweise auch Förderprogramme zur Verfügung. Gute Anlaufstellen sind aktuell zum Beispiel die Programme „Klimaanpassung.Kommunen.NRW“ oder „Klimaanpassung.Unternehmen.NRW“. Gefördert werden dort unter anderem Maßnahmen zur Regenrückhaltung, Begrünungsmaßnahmen oder andere Projekte zur Klimafolgenanpassung. 

Gibt es da auch Hilfe von den Kommunen? 
Ja, in Bocholt und Vreden gab es zum Beispiel vor einiger Zeit das Programm „Grün statt grau“, bei dem Unternehmen in Gewerbegebieten beraten werden, wie sie ihre Flächen klimaangepasster gestalten können. Darüber hinaus ist das Thema Klimafolgenanpassung fester Bestandteil im etablierten Projekt Ökoprofit. Hierbei nehmen die teilnehmenden Betriebe ihre Prozesse unter die Lupe und entwickeln ein individuelles Umweltmanagement-Programm. Unabhängig davon gibt es regelmäßig sowohl niederschwellige Online-Informationsangebote, wie zum Beispiel die Veranstaltungsreihe „Nachhaltigkeit in der Wirtschaft“, als auch Angebote vor Ort. Die Wirtschaftsförderung berät zum Beispiel bei Unternehmerfrühstücken und sensibilisiert für die Thematik. In fördertechnischen Fragen stehen Kommunen, Kreis und Wirtschaftsförderung in engem Austausch, beraten bei Bedarf Betriebe und vermitteln zu den richtigen Ansprechpartnern auf Landes- oder Bundesebene.

Im Kreis Borken läuft noch bis September 2026 das Projekt „Abpflastern“. Ziel ist es, im Aktionszeitraum möglichst viele Flächen zu entsiegeln und zu begrünen. Klimafolgenanpassung als Wettbewerb sozusagen. Wie kommt das bislang an? 
Sehr gut! Jeder Stein, der entfernt wird, zählt. Das Thema wird dadurch sehr greifbar und motiviert viele Menschen, selbst aktiv zu werden. Es entstehen dabei schon jetzt viele kreative Ideen. Gleichzeitig sorgt das Ranking zwischen den Kommunen zusätzlich für Aufmerksamkeit und einen gewissen Ansporn. Man muss aber auch realistisch bleiben: Man wird nicht alle Folgen des Klimawandels vollständig verhindern können. Deshalb wird auch der Elementarschutz – etwa durch entsprechende Versicherungen für Gebäude – immer wichtiger. 

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