Landkreis Grafschaft Bentheim

Wirtschaftsvereinigung rückt Arbeitskräftemangel in den Fokus

Nordhorn – Das Finden und Binden von Mitarbeitenden stand im Mittelpunkt der jüngsten Mitgliederversammlung der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim im NINO-Hochbau in Nordhorn. Dafür hatte die Wirtschaftsvereinigung wie schon in den vergangenen Jahren einen namhaften Experten nach Nordhorn eingeladen: den ehemaligen Fußballprofi und heutigen Unternehmensberater Joachim Pawlik.

Festredner Joachim Pawlik (Dritter von links) und Geschäftsführerin Gitta Mäulen (Mitte) mit dem Vorstand der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim Norbert Jörgens, Gerrit Büter, Klaas Johannink, Wolfgang Wesselink, Thomas Kolde, Dr. Jörg Grundmann und Jochen Anderweit (von links). Foto: Wirtschaftsvereinigung der Grafschaft Bentheim e.V.

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Zunächst aber trat der Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung, Klaas Johannink, vor die rund 220 Gäste aus Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Gesellschaft. Mit Blick auf den zunehmenden Arbeits- und Fachkräftemangel verdeutlichte er: „600 Leute brauchen wir demnächst jährlich – viele davon auch aus dem Ausland. Das ist die traurige Wahrheit, die wir seit vielen Jahren kennen. Deren Ernst begreifen viele von uns aber erst, seit die Auswirkungen täglich im eigenen Betrieb stärker spürbar werden“, machte der Unternehmer deutlich. Daten des Landesamtes für Statistik Niedersachsen für die Grafschaft Bentheim legten nahe, dass die heute 15- bis 25-Jährigen die „Baby-Boomer“-Lücke in der Grafschaft Bentheim nicht füllen können.

Johannink stellte den Gästen daher verschiedene Ansätze zum Umgang mit der Situation vor, wie die Erhöhung der Mitarbeiterproduktivität durch „lebenslanges Lernen“ und „Zusatzqualifikationen“, wofür der Campus Berufliche Bildung zukünftig ein wichtiger Baustein sei. „Aber Menschen sind nun mal nicht beliebig qualifizierbar“, mahnte Johannink. Eine andere Option sei die Erhöhung der Arbeitszeit mit der Verteilung der anfallenden Arbeit auf weniger Mitarbeitende. Auch das gestalte sich sich in der Praxis jedoch sehr schwierig. „Da reden wir inzwischen eher von Vier-Tage-Wochen, Work-Life-Balance, Sabatticals und Rente mit wann-auch-immer“, ordnete Johannik mit Blick auf die aktuellen Diskussionen ein.Auch die Frauen-Erwerbstätigkeit oder die Aufstockung von Teilzeit-Stellen seien oft gehörte Stichworte. Dafür müsse allerdings vor allem die Betreuung von Kindern und die Pflege älterer Menschen verbessert werden. Johannink kam daher zu dem Schluss, dass die Nutzung vorhandener inländischer Potenziale allein nicht ausreichen werde, um den Personalmangel zu beheben.

Vielmehr hob er die Notwendigkeit in den Fokus, Deutschland für Fachkräfte aus anderen Ländern attraktiv zu machen. In diesem Zusammenhang ging Johannink auf das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz ein, das Vanessa Ahuja, Vorständin der Bundesagentur für Arbeit und zuständig für Leistungen und Internationales, vor kurzem im Rahmen einer Veranstaltung der Wirtschaftsvereinigung, vorgestellt hatte. „Der Entwurf hat tatsächlich das Potenzial, zusätzliche Kräfte aus dem Ausland zu gewinnen“, bewertete der Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung. Ob damit auch echte Anreize für die Menschen geschaffen werden, bleibe abzuwarten.

„Und was machen wir jetzt in der Grafschaft daraus?“, fragte Johannink in den voll besetzten Manz-Saal. Um im Wettbewerb um Arbeitskräfte mit anderen Regionen Deutschlands erfolgreich zu sein, schlug er einen Unternehmenslotsen vor. „Einen Ansprechpartner, der Unternehmen Bürokratie und Arbeit abnimmt, damit sie sich auf die Suche, Integration und Weiterbildung neuer Arbeitskräfte konzentrieren können.“ Johannink appellierte, diese Strukturen frühzeitig zu schaffen, da die Voraussetzungen in der Grafschaft Bentheim gut seien.

Eine weitere Zielgruppe sind aus seine Sicht Migrantinnen und Migranten, die bereits in Deutschland leben. „Aktuell befinden sich in der Grafschaft Bentheim knapp 1.000 Menschen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren aus der Ukraine. Es gibt weitere knapp 300 Personen in dem Alter, die über ein Asylverfahren in unserem Land Schutz gefunden haben. Für diese Menschen gilt es, einen guten Zugang zum Arbeitsmarkt zu gestalten. Aufwendige und langwierige Anerkennungsverfahren sowie fehlende Sprachbildungsangebote sind da nur hinderlich“, verdeutlichte der Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung.

Die andere Seit der Medaille, nämlich die Bindung von Mitarbeitenden, rückte Gastredner Joachim Pawlik, Gründer und CEO der PAWLIK Group, in den Mittelpunkt seines Vortrags. Unter dem Titel „Kohäsion – die Bindungskräfte von morgen“ ging Pawlik der Frage nach, wie Unternehmen ihre Mitarbeitenden motivieren und an sich binden können. Dabei verwies er zunächst auf Umfragen, die belegen, dass sich der Großteil der Belegschaften in Deutschland nicht mehr an ihre Arbeitgeber gebunden fühlt. „Mitarbeiterbindung hat für die Unternehmen angesichts der derzeitigen Transformationsprozesse und des Arbeitskräftemangels daher eine starke strategische Bedeutung“, stellte Pawlik klar. Der Unternehmensberater empfahl vor diesem Hintergrund, das Zugehörigkeitsgefühl von Mitarbeitern durch vielfältige Aktivitäten im Arbeitsalltag zu stärken. Zudem riet er Führungskräften, Ressourcen für Gespräche sowie die Beteiligung ihrer Mitarbeitenden in unterschiedlichen Formaten einzuplanen. „Menschen wollen das Gefühl haben, einen eigenen Beitrag zum Gesamtergebnis beizusteuern“, verdeutlichte Pawlik. Mitarbeitende bewusster einzubeziehen und ihnen Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen, seien Kernfaktoren, um Bindung und Engagement zu erzeugen.

Noch lange nach den Vorträgen nutzten die Gäste das gute Wetter, um auf der Terrasse vor dem NINO-Hochbau zusammenzukommen, zu Netzwerken und die Themen des Festvortrages mit den regionalen Auswirkungen zu diskutieren.

Info
Im internen Teil der Mitgliederversammlung präsentierten Geschäftsführung und Vorstand den Geschäftsbericht für 2022 und gaben einen Ausblick auf die Themenschwerpunkte für das kommende Geschäftsjahr. Demnach hat die Wirtschaftsvereinigung im vergangenen Jahr über 30 Veranstaltungen, sowohl digital als auch in Präsenz, organsiert und dabei 1.500 Gäste begrüßt. Neben Informationsveranstaltungen aus den Themenfeldern Arbeits- und Fachkräfte, Energie und Digitalisierung fanden vier Unternehmensbesuche und Workshops der Arbeitskreise Schule-Wirtschaft, Personal, Marketing-Verantwortliche und IT-Verantwortliche statt. Darüber hinaus zeigte sich Geschäftsführerin Gitta Mäulen sehr erfreut über elf neue Mitgliedsunternehmen. Nach vielen Jahren engagierter Verbandsarbeit sind Silke Kamps, Jürgen Timmermann und Thorsten Dirks im Rahmen der Versammlung aus dem Vorstand der Wirtschafsvereinigung ausgeschieden. Der Vorstand setzt sich nun wie folgt zusammen: Klaas Johannink (Vorstandsvorsitzender, Ringoplast, Ringe), Jochen Anderweit (Stellvertretender Vorsitzender, Grafschafter Nachrichten, Nordhorn), Dr. Jörg Grundmann (Schatzmeister, Hewig – Grundmann Rechtsanwälte Partnerschaftsgesellschaft, Nordhorn), Lars Bohne (Beisitzer, Gussek Haus Franz Gussek, Nordhorn), Gerrit Büter (Beisitzer, G. Büter Bauunternehmen, Ringe), Norbert Jörgens (Beisitzer, Kreissparkasse Grafschaft Bentheim zu Nordhorn), Thomas Kolde (Beisitzer, Lebenshilfe Nordhorn), Lasse Naber (Beisitzer, Naber, Nordhorn), Wolfgang Wesselink (Beisitzer, Neuenhauser Maschinenbau, Nordhorn) und Gregor Neuhäuser (Kooptiertes Vorstandsmitglied, Grafschafter Volksbank, Nordhorn).

 

 

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