Laut LEE NRW könnte die Biogaserzeugung landesweit deutlich erhöht werden, indem Bioabfälle flächendeckend, wie im Kreis Coesfeld, mit Braunen Tonnen eingesammelt und energetisch genutzt werden. Der Kreis Coesfeld ist für den Landesverband Erneuerbare Energien NRW daher Vorbild für Nordrhein-Westfalen.
Durch die flächendeckende Einführung der Braunen Tonne ließe sich die Biogaserzeugung auf Basis von Bioabfällen nach überschlägigen Berechnungen auf gut zehn Milliarden Kilowattstunden jährlich in etwa verdoppeln. Würden im großen Stil auch Lebensmittelabfälle für die Biogasproduktion genutzt, ergäbe sich eine noch weitere Steigerung. Derzeit werden bundesweit rund 60 Milliarden Kilowattstunden importiertes Erdgas für die Stromerzeugung eingesetzt, sprich allein mit einer konsequenten Nutzung von Bioabfällen könnten die Erdgasimporte für die Stromproduktion um annähernd 17 Prozent gesenkt werden.
Aus Sicht von LEE NRW müsse deshalb schnellstens bundes- und landesweit in allen Städten und Gemeinden eine Braune Tonne verpflichtend eingeführt werden, um die Bioabfälle flächendeckend gezielt einzusammeln und anschließend für die Biogaserzeugung zu nutzen. Für eine optimale dezentrale Verwertung der eingesammelten Reststoffe sind nach Einschätzung des Verbandes neue Standorte für Abfallvergärungsanlagen notwendig, die jedoch durch den aktuell geltenden Landesentwicklungsplan beschränkt würden. „Gerade jetzt, in Zeiten drohenden Gasmangels, müssen wir die vorhandenen heimischen Energierohstoffe konsequent nutzen“, so Priggen.
Kreis Coesfeld nutzt Bio- und Grünabfälle komplett für die Energieversorgung
Wie es anders geht, zeigen die Wirtschaftsbetriebe des Kreises Coesfeld (WBC) in Zusammenarbeit mit der Reterra West GmbH & Co. KG: Im Kreisgebiet sind im vergangenen Jahr insgesamt 46.675 Tonnen Bio- und Grünabfälle eingesammelt worden. Deren Anteil am kreisweiten Abfallaufkommen lag im Jahr 2021 bei 42 Prozent - landesweit ein Spitzenwert. „Dank eines fraktionsübergreifenden Beschlusses im Kreistag vor rund zehn Jahren nutzen wir bilanziell alle Bio- und Grünabfälle komplett für die Energieversorgung“, verwies WBC-Geschäftsführer Stefan Bölte auf ein „Leuchtturmprojekt“ des kreisweiten Klimaschutzkonzeptes, für das der Kreis 2019 mit dem European Energy Award in Gold ausgezeichnet worden ist.
Dass aus den Bio- und Grünabfällen gewonnene Biogas wird in einem zweiten Arbeitsschritt gereinigt, sodass es problemlos ins „normale“ Erdgasnetz eingespeist werden kann. „Umgerechnet können wir so jährlich bis zu 1.500 Haushalte mit Wärme versorgen“, rechnete WBC-Geschäftsführer Bölte vor. Diese Biowärme aus heimischen Rohstoffen nutzt nicht nur dem Klimaschutz und der Versorgungssicherheit. „Das eingespeiste Biomethan, das wir verkaufen, hilft im Ergebnis, die Müllgebühren für alle Haushalte niedrig zu halten.“
Bei der Biomethanerzeugung allein will es die WBC nicht belassen. An die bestehende Anlage soll auch noch ein Elektrolyseur angedockt werden, um so grünen Wasserstoff herzustellen: „Das Genehmigungsverfahren für den von uns vorgesehenen kleinen Elektrolyseur ist aber planungs- und genehmigungsrechtlich identisch mit dem einer chemischen Großanlage, was das Vorhaben sehr erschwert“, räumte Bölte ein.
Coesfelds Bürgermeisterin Eliza Diekmann steht voll hinter diesen Plänen, wie sie betonte. Für sie sei das ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einem nachhaltigen Coesfeld: „Für uns als Kommune ist es wichtig, dass wir auch die Ressourcen, die sich uns hier vor Ort im Münsterland bieten, erkennen und nutzen. Regenerative Energie, die wir aus Sonne, Wind oder Wasser gewinnen, macht nur den Anfang. Für biogene Stoffe sehe ich da noch viele Möglichkeiten. Dort, wo wir uns unabhängiger machen können von fossilen Brennstoffen und uns stattdessen autark aufstellen, sollten wir die Gelegenheit nutzen – für eine enkeltaugliche Energiewende“, betonte die Bürgermeisterin.
Damit lässt sich das Potenzial für „Waste to Energy“ deutlich erhöhen
Technisch sei es „überhaupt kein Problem“, mehr Biogas aus biogenen Abfällen zu erzeugen. „Die Technologie ist vorhanden und ausgereift. Was wir brauchen, sind die politischem Signale, um richtig loslegen zu können“, erläuterte Hendrik Becker. Becker ist Gründer und Gesellschafter der PlanET Biogastechnik GmbH mit Sitz in Gescher, einem Hersteller von Biogasanlagen. Für ihn liegt es auf der Hand, auch weitere organische Reststoffe wie beispielsweise aus der aus der Landwirtschaft oder Lebensmittel-Industrie zu nutzen. „Damit lässt sich das Potenzial für „Waste to Energy“ deutlich erhöhen“, so Becker, der ebenfalls große Chancen für den Einsatz von Biogas für die Herstellung von grünem Wasserstoff in Form von synthetischem Methan sieht: „Da stehen wir noch ganz am Anfang.“