Belegen lasse sich das an verschiedenen Punkten: Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen in den Landkreisen Steinfurt und Warendorf wachse nämlich, so Tischner. Das habe die jährliche Blitzumfrage unter den fast 9.000 Mitgliedsunternehmen ergeben. Bis zu 57 Prozent der Unternehmen hätten etwa für 2026 Investitionen geplant, doch auch schon im vergangenen Jahr habe das Handwerk mehr Geld in die Hand genommen als noch 2024.
Ein zaghafter Aufschwung in der „Wirtschaftsmacht von nebenan“, wie Tischner das Handwerk im Innungsgebiet bezeichnete. Diese „Wirtschaftsmacht“ setzte 2025 in den beiden Kreisen zusammen über 10,4 Milliarden Euro um und beschäftige über 63.000 Menschen, wie es am Dienstag hieß.
Investiert hatte übrigens auch die Kreishandwerkerschaft selbst: Sowohl in Beckum (Umbau im Bestand) als auch in Rheine (zusätzlicher Neubau) wurde viel gebaut. Insgesamt 26,6 Millionen Euro kosteten die Projekte – und blieben am Ende sogar leicht unter dem geplanten Budget.
Alles im Lot sei im Kammerbezirk allerdings nicht, so Tischner. Die bekannten Klagen der Vorjahre sind auch die aktuellen Schmerzpunkte: Überbordende Bürokratie (sagen 43 Prozent der befragten Unternehmen), Personalmangel (26 Prozent) und Auftragsmangel durch die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen (21 Prozent) nennen die Unternehmen vor allem.
Die Kreishandwerkerschaft – in Beckum und in Rheine neben Frank Tischner vertreten durch die Geschäftsführer Günter Schrade und Jan-Philipp Schiffer – zeigte aber auch die positiven Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Vor allem für die Ausbildung hätte sich herausgestellt, dass vorherige Praktika ein besonders wirksamer Hebel sein könnten. Tischner: „Bei Auszubildenden, die zuvor ein Praktikum im Betrieb absolviert hatten, zählen wir deutlich weniger Abbrüche als in anderen Fällen.“
Freiwilliges Handwerksjahr
In diesen Kontext gehört dann auch die Idee eines freiwilligen Handwerksjahres im Kammerbezirk. „Hier sind wir mit Bund und Ländern noch im Gespräch“, so Günter Schrade. Das Vorbild stamme aus Norddeutschland und die Idee ist vergleichsweise simpel: Junge Menschen übernehmen während eines zwölfmonatigen Orientierungsangebots vier jeweils dreimonatige und bezahlte Praktika, um in verschiedene Handwerksberufe hineinzuschnuppern. Tischner: „Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr die Rahmenbedingungen dafür schaffen können, um das in NRW umzusetzen.“
Dass im Handwerk nach wie vor eine berufliche Zukunft liege, zeigten auch die aktuellen Ausbildungszahlen. Im Kreis Steinfurt wurden 960 neue Ausbildungsverträge geschlossen, in Warendorf 481. Der Wunsch nach „mehr Fachlichkeit statt Digitalisierung“ sei zu spüren, erklärte Tischner und betonte: „Das Handwerk ist nicht Plan B. Wir wissen, was wir können und wir zeigen Karrierechancen auf.“
Entspannter Umgang mit KI
Vergleichsweise entspannt schaut man bei der Kreishandwerkerschaft auf das große Thema KI. „Die Jobs im Handwerk sind sicher“, betonte Tischner. Der Einsatz von KI biete viele Chancen und könne die Arbeit erleichtern. „Aber sie kann keinen Schrank bauen.“
Viel konkreter und drängender sei die Frage nach dem Erhalt von Unternehmen. Bereits heute sei die Hälfte der Unternehmensinhaber mindestens 55 Jahre alt, ein Drittel mindestens 60 Jahre alt. Unternehmen seien also gehalten, die Nachfolge zu klären, zumal so ein Prozess durchaus mehrere Jahre dauern könne. Die Kreishandwerkerschaft beobachtet hier einen Trend, den es in vielen Branchen gibt: Die Zahl der Betriebe nehme leicht ab, weil sie zukaufen.
Internationaler Blick
Traditionell ist die Kreishandwerkerschaft Steinfurt Warendorf nicht nur regional ausgerichtet, sondern will auch international Zeichen setzen. Vor allem aus einer so empfundenen gesellschaftlichen Verantwortung heraus, aber nicht ohne jeden Gegenwert: „Wir wollen die Bildungsstrukturen vor Ort so verbessern, dass Menschen auch dort bleiben können. Zum anderen wollen wir auch gezielt jungen Menschen ohne berufliche Perspektive im Heimatland eine solche in Deutschland bieten“, so Tischner. „Das ist faire Migration.“ Dass sich die deutsche Politik noch immer zu langsam bewege, kritisierte Tischner am Dienstag erneut.
Schrade vor Ruhestand
Am Rande des Jahresgesprächs machte die Kreishandwerkerschaft dann noch eine Personalie in eigener Sache öffentlich. Geschäftsführer Günter Schrade werde Ende 2026 in den Ruhestand gehen – Tischner sagte bereits jetzt „Danke“ und betonte, dass der Abschied schwer fallen werde. Die Stelle werde nachbesetzt, doch noch seien in dieser Frage keine konkreten Namen zu nennen.