„Es wird ein ganz neuer Markt entstehen“

Ulrich Bähr, Geschäftsführer CoWorkLandBorken
Ulrich Bähr, Geschäftsführer CoWorkLand

Coworking-Spaces gehören in zahlreichen Städten bereits fest zur Arbeitskultur und sind für viele Arbeitnehmer eine sinnvolle Alternative zum Homeoffice. Auch auf dem Land sind die Räume auf dem Vormarsch, so auch im Münsterland und im südwestlichen Niedersachsen. Doch wie funktioniert Coworking in Zeiten von Corona? Und wie wird sich der Markt nach der Pandemie entwickeln? Antworten darauf hat Ulrich Bähr, Geschäftsführer von CoWorkLand mit Sitz in Kiel. Die Genossenschaft ist ein Zusammenschluss von Coworking-Space-Betreibern im ländlichen Raum und unterstützt Coworking-Gründer zum Beispiel mit Beratungsangeboten. Im November 2020 veröffentlichte CoWorkLand außerdem zusammen mit der Bertelsmann Stiftung eine Studie, die die Potenziale von Coworking im ländlichen Raum aufzeigt.

Herr Bähr, ist Coworking in Zeiten von Corona überhaupt eine praktikable Lösung?
Coworking ist – wie jede andere Sache, die in Gemeinschaft stattfindet – in Zeiten von Corona erst einmal keine Lösung. Gleichzeitig sind die Spaces in der Regel noch für diejenigen geöffnet, die schon vor der Coronakrise regelmäßig Coworking genutzt haben. Wer also ohnehin seinen regulären Arbeitsplatz dort hat, kommt auch weiterhin, aber das geschieht natürlich unter Corona-gemäßen Bedingungen. Es gibt Hygienepläne und es kommen keine Coworker spontan oder unregelmäßig dazu. Viele arbeiten auch im Homeoffice. Umgekehrt ist es aber so, dass bereits vor dem Lockdown die Nachfrage nach externen Meetingräumen gestiegen ist. Vor allem Arbeitnehmer, die in der Peripherie wohnen und in den Städten arbeiten, haben das genutzt: Statt Besprechungen digital abzuhalten, haben sie sich in einem Coworking-Space getroffen.

Werden durch die Corona-Krise auch Coworking-Angebote wegfallen, weil Spaces schließen müssen?
Diejenigen, die Coworking-Spaces nutzen, haben eine Mitgliedschaft abgeschlossen. Und dort gab es keine deutlichen Kündigungen. Schließlich wollen die Coworker auch, dass es ihre Orte weiterhin gibt. Sie mögen ihre Spaces und unterstützen sie deshalb weiter. Nichtsdestotrotz gibt es erste wenige Coworking-Spaces, die ihren Betrieb eingestellt haben. Es ist wie mit den meisten Unternehmen: Zurzeit geht es noch irgendwie, aber auf die lange Strecke wird es schwierig. Natürlich sind auch sie darauf angewiesen, dass der Schlummerzustand aufhört und man wieder richtig Geschäft machen kann.

Wie wird sich die Situation entwickeln, wenn die Coworking-Spaces wieder vollständig öffnen dürfen?
Ich glaube, es wird sich sehr gut entwickeln. Es wird ein ganz neuer Markt entstehen. Vor der Corona-Krise waren gerade im ländlichen Raum im wesentlichen Freiberufler und kleine Start-ups in Coworking-Spaces zu finden – die typische Kundschaft also, für die die Spaces ursprünglich mal entstanden sind. Angestellte hat man vor allem im ländlichen Raum sehr selten dort gesehen, weil meistens noch viele Gründe dagegen gesprochen haben. Diese Gründe sind durch die Corona-Krise weggefallen: Es gibt inzwischen in vielen Unternehmen innerbetriebliche Vereinbarungen für mobile Arbeit, es gibt eine technische Infrastruktur, die mobiles Arbeiten möglich macht, und es gibt einen Kulturwandel, der von der typisch deutschen Präsenzkultur weggeht.

Was bedeutet das?
Vorgesetzte haben gelernt, dass Mitarbeiter, die nicht nebenan sitzen, trotzdem oder vielleicht sogar besser arbeiten. Das heißt also, dass sich die Rahmenbedingungen ganz positiv verändert haben. Dazu kommt: Zahlreiche Umfragen zum Thema Homeoffice gehen davon aus, dass wir nicht in den Zustand vor Corona zurückfallen. Die mobile Arbeit wird bleiben. Aber es hat sich auch gezeigt: Viele Menschen im Homeoffice leiden darunter, dass sie alleine sind und keine sozialen Kontakte haben. Das heißt, ein großer Teil dieser Menschen wird sich dafür interessieren, in der Nähe ihres Hauses zu arbeiten, aber nicht unbedingt darin. Und dann kommen andere Lösungen wie Coworking-Spaces ins Spiel. Deshalb denken wir, dass die Nachfrage nach solchen Orten steigen wird. Es wird einen ganz neuen Mix von mobiler Arbeit und der Arbeit in Präsenz geben.

Wie kann die steigende Nachfrage nach Coworking-Spaces auf dem Land künftig bedient werden?
Das ist eine gute Frage. Im Augenblick gibt es noch nicht viele solcher Orte. Im Rahmen unserer Studie mit der Bertelsmann Stiftung haben wir durchgezählt: Da waren es 142 Coworking-Spaces auf dem Land in ganz Deutschland. Im Augenblick beobachten wir aber schon so etwas wie eine Gründungswelle. Das heißt, für viele potenzielle Gründer ist es momentan klarer, dass ein Coworking-Space einen Markt findet und sich lohnen wird. Sicherlich werden auch große Player, so wie Regus zum Beispiel, in größere Orte aufs Land gehen oder in Pendlerknotenpunkten Spaces eröffnen. Außerdem sind Kommunen zurzeit sehr an dem Thema interessiert, weil sie sehen, dass in Zukunft mehr Menschen aufs Land ziehen wollen. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Grundstückspreise in den ländlichen Räumen besonders im Umfeld der großen Metropolen tüchtig anziehen. Ein eigener Coworking-Space ist in diesem Zusammenhang also ein Standortvorteil. Coworking-Spaces können darüber hinaus nicht nur Arbeitsorte sein: Sie können zum Beispiel auch kulturelle Angebote bedienen, sich mit Kitas oder mit Geschäften zusammenschließen – sie können also Funktionen in Gemeinden übernehmen, in denen schon einiges weggebrochen ist.


Wie wirtschaftlich sind Coworking-Spaces auf dem Land?
Zurzeit muss man immer noch sagen, dass das ein Zukunftsthema ist. Wer sich jetzt entscheidet, einen Coworking-Space auf dem Land zu eröffnen, kann nicht erwarten, dass er damit kurzfristig eine ordentliche Rendite erwirtschaftet oder viel Geld verdient. Das heißt, zurzeit ist Coworking auf dem Land gesellschaftlich zwar sehr wünschenswert, aber es lohnt sich nicht unbedingt. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass zum Beispiel Kommunen und private Gründer diese Sache gemeinsam voranbringen müssen. Aktuell erhalten wir vermehrt Anfragen von Interessenten, die eine leerstehende Immobilie haben und nach einer Nutzung suchen. Sie ziehen auch die Gründung eines Coworking-Space in Betracht – doch das ist noch kein Modell, um Rendite zu erzielen.

Gibt es denn finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten an der Stelle?
Es gibt im Augenblick so gut wie keine konkreten Förderprogramme, die auf Coworking-Spaces zugeschnitten sind. Es ist aber auf Landes- und Bundesebene einiges in Entwicklung, sodass wir sicherlich im Laufe des Jahres das eine oder andere Förderprogramm sehen werden, das sich konkret auf Coworking bezieht. Wenn es um bauliche Investitionen geht, sind die Unterstützungsmöglichkeiten bereits gut. Das große Thema beim Coworking sind aber immer die Betriebskosten, die am Anfang relativ hoch sind. Da gibt es zurzeit noch keine richtig greifenden Unterstützungsprogramme.

Wie sollte man Ihrer Meinung nach potenzielle Gründer von Coworking-Spaces unterstützen?
Eine Kommune kann natürlich einen Coworking-Space eröffnen, doch grundsätzlich sind sie privatwirtschaftlich konzipiert. Es gibt aber trotzdem unterschiedliche Möglichkeiten, den Gründern unter die Arme zu greifen: Zum Beispiel zahlen einige Kommunen dem Gründer einen Mietzuschuss für eine bestimmte Zeit. Oder sie zahlen den Coworkern einen Zuschuss zum Mitgliedsbeitrag, um so das Geschäftsmodell indirekt zu unterstützen. Es gibt auch die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung bei der Einrichtung zu leisten. Wenn eine Immobilie da ist, ist es gar nicht aufwendig, einen Coworking-Space aufzumachen. Was aufwendig ist: Ihn in der ersten Zeit am Laufen zu halten. Einerseits müssen die Kosten für die Fläche gedeckt werden, andererseits geht es beim Coworking um die Gemeinschaft, die Community. Das ist nicht nur nebeneinander, das ist miteinander arbeiten und Kontakte aufbauen. Um diese Gemeinschaft muss sich jemand kümmern. Sie muss gepflegt werden, es muss einen Gastgeber geben. Dort fallen also Personalkosten an. Und die machen es Gründern am Anfang schwer, insofern sie nicht alles alleine machen. Deshalb ist es sinnvoll zu schauen, ob man bei solchen Personalkosten zumindest zu Beginn unterstützen kann.

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