Titelstory: "Es ist keine Alternative, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen"

Ein Blick in die Trainingshalle von RescOffOsnabrücker Land
Ein Blick in die Trainingshalle von RescOff

Bissendorf - Einen Verband beim Sitznachbarn anlegen, reihum eine Plastikpuppe beatmen und die stabile Seitenlage üben – daran denken wohl viele Menschen beim Stichwort „Erste Hilfe-Kurs“. Was aber zu tun ist, wenn ein ernsthafter Notfall unter schwierigen Bedingungen eintritt, also zum Beispiel in 80 Meter Höhe auf einer Windenergieanlage, wenn nicht so schnell Hilfe kommen kann, darüber machen sich wenige Unternehmerinnen und Unternehmer Gedanken. Gefragt sind für solche Situationen spezielle Kurse, in denen gezielt die Rettung in der Not geübt wird. „Leider müssen wir beim Thema Notfallversorgung und Sicherheit im betrieblichen Bereich immer noch dicke Bretter bohren. Die Dringlichkeit und Wichtigkeit solcher Schulungen ist vielen schlichtweg nicht bewusst“, hat Dr. Kathrin Dambach, Gründerin, Prokuristin und Medizinische Leiterin von RescOff aus Bissendorf, die Erfahrung gemacht. Das Unternehmen hat sich auf zertifizierte Lehrgänge für die Notfall-Erstversorgung und technische Rettung am Arbeitsplatz spezialisiert.

Gemeinsam mit ihrem Team organisiert Dambach regelmäßig kostenlose Informationsveranstaltungen, um auf das Thema Notfallversorgung aufmerksam zu machen. „Das Interesse ist je nach Branche immer noch zu gering“, mahnt sie an und gibt zu bedenken: „Dabei betrifft die Sicherheit jeden Arbeitgeber!“ Denn gesetzlich ist jedes Unternehmen dazu verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung für jeden Arbeitsplatz zu erstellen. Daraus ergibt sich dann, welche Gefahren verhindert werden können – zum Beispiel durch eine entsprechende Ausrüstung oder Training der Mitarbeiter.

 

So wie zum Beispiel in der Windenergiebranche, auf die RescOff einen Großteil der angebotenen Schulungen ausrichtet. „Techniker und Monteure, die auf einer Windenergieanlage arbeiten, müssen ein aktuelles Zertifikat nach den Kriterien der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung sowie zum Teil auch ein Zertifikat nach den Vorgaben der Global Wind Organisation vorlegen. Selbst wenn der Nachweis erst wenige Tage abgelaufen ist, darf der Mitarbeiter die Baustelle in den meisten Fällen nicht mehr betreten“, verdeutlicht Dambach. Auch in der Baubranche sind beispielsweise für Dachdecker oder Gerüstbauer regelmäßige Schulungen erforderlich. Laut Berufsgenossenschaft müssen die Betriebe das Wissen ihrer Mitarbeiter im Zwei-Jahres-Rhythmus oder sogar jährlich auffrischen. „Aber die meisten sehen das tatsächlich nicht ganz so streng – bis ein Unfall passiert oder ihnen die Berufsgenossenschaft auf die Füße tritt“, räumt Dambach ein. Zwar schütze auch ein Zertifikat nicht davor, dass doch einmal ein Unglück passieren kann, aber: „Es hat sich deutlich gezeigt, dass durch das vermittelte Wissen beispielsweise in der Windenergiebranche Abstürze verhindert werden können. Die Unfälle, die dann doch passieren, haben in der Regel andere Ursachen, wie zum Beispiel Quetschungen, Brüche oder Abrutschen auf ebener Fläche. In Gewerken, in denen die Mitarbeiter nicht regelmäßig geschult werden, sieht das dramatischer aus“, weiß sie.

 

Als Grund dafür, dass die Erste-Hilfe-Trainings von Unternehmen eher stiefmütterlich behandelt, werden, nennt die Prokuristin gleich mehrere Faktoren: „Da sind zum einen die Kosten für diese Lehrgänge, die von den Unternehmen getragen werden müssen. Zum anderen müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter aber auch für zwei bis fünf Tage freistellen und ihre Arbeitskraft in der Zeit ersetzen. Letztendlich können sie mit den regelmäßigen Schulungen aber die Arbeitskraft ihrer Teams langfristig erhalten. Es ist keine Alternative, die Gesundheit der Mitarbeiter aufs Spiel zu setzen“, macht Dambach klar.

 

600 Kurse jährlich

 

Bis zu 600 Kurse – die meisten Teilnehmer müssen aufgrund der Vorgaben und der betriebsinternen Gefährdungsbeurteilungen meist zwei bis vier Kurse jährlich besuchen – organisiert das Team von RescOff pro Jahr. Federführend ist dabei Marco Dierkschneider, Leiter des Trainingszentrums in Bissendorf und Dozent für Erste Hilfe, Absturzsicherung und Brandschutz. Seit der Gründung 2014 hat sich RescOff kontinuierlich weiterentwickelt. Anfangs fanden die erweiterten Erste-Hilfe-Kurse für Offshore-Techniker, also für Monteure auf Windenergieanlagen im Meer, in Zusammenarbeit mit einer Rettungsdienstschule statt. „Heute verfügen wir selbst über den entsprechenden Platz in unserer Trainingshalle und bieten die Kurse selbstständig an. Dabei stimmen wir uns immer sehr eng mit den auftraggebenden Unternehmen ab, denn jede Anlage hat ihre eigenen Schwierigkeiten und Herausforderungen“, erläutert Dierkschneider. Neben der Beratung und den Trainingskursen mit praktischen Übungen geht es dabei auch um den richtigen Umgang mit der persönlichen Schutz-ausrüstung. Auch Mitarbeitende von Feuerwehren, Rettungsdiensten sowie Gerüstbauer, Dachdecker und andere Handwerker drücken bei RescOff regelmäßig die Schulungs-Bank.  „Unser Wissen ist immer dann gefragt, wenn die Profis nicht schnell genug retten können oder die Rettungswege nur sehr schwer zugänglich sind. Denn bei einem 80 Meter hohen Gebäude oder Windkraftwerk kommt die Feuerwehr mit ihrer 30 Meter langen Drehleiter nicht weit. Und auch wenn eine Höhenrettung möglich ist, kann es mehrere Stunden dauern“, betont Dambach, die vor ihrem Schritt in die Selbstständigkeit Rettungsdienstpersonal ausgebildet hat. Sie weiß, dass im Ernstfall, etwa bei einem Herzinfarkt oder stark beschädigten Extremitäten, jede Minute zählt. Daher muss der Arbeitskollege oder die Arbeitskollegin im Zweifel zum Lebensretter werden. Das heißt: Er oder sie muss sowohl die notfallmedizinische Erstversorgung als auch die technische Rettung – also zum Beispiel eingeklemmte Personen über mehrere Meter seilunterstützt retten – leisten können. „Diese Kombination ist in Schulungen eher selten. Genau da haben wir eine Marktlücke für uns entdeckt“, erklärt Dambach. Die meisten Kunden gewinnt RescOff über Mund-zu-Mund-Propaganda. Treiber sind dabei oft die Mitarbeiter der jeweiligen Unternehmen selbst. „Wenn sie einmal einen Lehrgang mitgemacht haben, kommen sie gerne wieder, weil sie sich einfach sicherer fühlen. Außerdem ist eine Notfallschulung auch für das Team bereichernd. Schließlich lässt sich dadurch Vertrauen aufbauen – und letztendlich weiß man danach einen Kollegen an der Seite zu haben, der einem im Zweifel das Leben retten kann“, betont Dambach.

 

Wie ein solches Training in der Praxis aussieht, ist individuell. Gemeinsam mit ihren Kunden erarbeiten Dierschneider und sein Team passende Übungsparcours. „Schließlich wissen unsere Kunden selbst am besten, wie ihre Arbeitsumgebung aussieht. Wir können dann gemeinsam schauen, welche Gefahren sich dort ergeben“, beschreibt Dierschneider. RescOff kooperiert bei Trainingskursen für die Windenergiebranche auch mit Herstellern von Windkraftanlagen vor Ort. „Jeder Anlagentyp ist unterschiedlich. Mal ist der Eingang zur Nabe vorn, mal seitlich. Zudem werden die Anlagen tendenziell immer höher. Daraus ergeben sich unterschiedliche Anforderungen, die wir üben müssen“, weiß er. Auf diese Weise entstehen komplette Rettungskonzepte für On- und Offshore-Windparks. „Gemeinsam mit den Technikern schauen wir, wie eine gute Rettung aussehen kann. Wir geben also nicht einen bestimmten Weg vor, sondern erarbeiten die bestmögliche Lösung. Die Kursteilnehmer bekommen von uns das Rüstzeug an die Hand, um sich in jeder Situation eine Rettung zurechtzuschneiden – da kann man keine pauschalen Vorgaben machen“, weiß der leitende Dozent.

 

Einsätze in der Trainingshalle simulieren

 

Eine Faustegel bei der Notfallrettung lautet allgemein: Eigenschutz geht vor Fremdschutz. „Im Onshore-Windenergiebereich bilden in der Regel zwei Mitarbeitende ein Team. Wenn einer der beiden verletzt ist, gibt es also nur eine andere Person, die helfen kann. Sie sollte sich also nicht auch noch in Gefahr bringen“, betont Dierkschneider. Das heißt für die Praxis: Hilfe verständigen und die Erstversorgung leisten. Dabei sei es entscheidend, dem Notfallteam so viele Informati-onen wie nötig zu geben. Helfen kann dabei auch der Kontakt zum Windenergieanlagenbetreiber: „Wir empfehlen unseren Kunden, eine Visitenkarte hinter die Windschutzscheibe zu legen. So kann das Team von der Feuerwehr oder dem Rettungsdienst Kontakt zur Firma aufnehmen und zum Beispiel fragen, wo und wie der Eingang der Anlage zu erreichen ist“, beschreibt Dierkschneider.

 

In der Trainingshalle in Bissendorf kann das RescOff-Team verschiedene Szenarien bei Wind, Höhe und Hitze simulieren. Für die Kursteilnehmer geht es dann zum Beispiel um Rettungsübungen im Maschinenhaus eines auseinandergebauten Windrads oder – für andere Branchen – in einem engen Lüftungsschacht. In diesem Umfeld wird dann das Schienen eines Unterschenkelbruchs, die Stabilisierung der Halswirbelsäule, die Anwendung eines Defibrillators oder das sichere Abseilen mit Auffanggurt trainiert. „Wir haben unsere Halle in den vergangenen drei Jahren bestimmt an die zehn Mal umgebaut, um die Kursteilnehmer immer wieder vor verschiedene Aufgaben zu stellen“, erklärt Dierkschneider. Die Kurse leiten neben den Dozenten Feuerwehrleute oder Mitarbeiter aus dem Rettungsdienst sowie ausgebildete Ärzte, die Praxiserfahrung im Umgang mit Notfallpatienten mitbringen. „Der medizinische Background ist wichtig, nur so können wir uns rechtssicher aufstellen – denn es geht in einigen Notfallkursen auch darum, wie Medikamente im Ernstfall von Laien gespritzt werden können“, betont Dierkschneider.

 

Seit Anfang des Jahres kooperiert RescOff außerdem mit der Physiotherapiepraxis Vita Hall aus Bad Rothenfelde. Im Rahmen der Kooperation trainieren die Praxismitarbeiter zweimal in der Woche das richtige Heben und Tragen. Insgesamt kümmern sich bei Resc-Off 20 Mitarbeiter und 50 Honorarkräfte um die Kursteilnehmer. Sie schulen im Trainingszentrum in Bissendorf, aber auch bei den Kunden deutschlandweit vor Ort und in Skandinavien.

 

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