Herr Dr. Grüner, in diesem Winter haben deutschlandweit Bürgerinnen und Bürger, aber vor allem auch Unternehmen durchschnittlich 20 bis 30 Prozent weniger Gas als in den Vorjahren verbraucht. Inwiefern ist das ein erster, wichtiger Schritt in Richtung Energiewende?
Weniger fossile Brennstoffe zu verbrauchen, trägt immer zum Klimaschutz bei. Die aktuellen Einsparungen sind aber nur eine sehr kurzfristige Reaktion auf den aktuellen Mangel und die explosionsartig gestiegenen Preise. Wieviel Gas dauerhaft eingespart werden kann, wird sich zeigen. Was aber besonders deutlich zu sehen ist: Dass die Einsparmöglichkeiten bei den fossilen Brennstoffen ihre Grenzen haben. Dass sich die Lage auf dem Gasmarkt zwar stabilisiert hat, aber auf einem deutlich höheren Preisniveau. Und dass somit für ein klimaneutrales Wirtschaften nur andere, erneuerbare Energieträger in Frage kommen.
Welche könnten das sein?
Der aktuellen politischen Diskussion zufolge wird grüner Wasserstoff eine zentrale Rolle einnehmen. Allerdings sind die infrastrukturellen Voraussetzungen dafür groß und noch einige Hürden zu meistern. Außerdem ist Wasserstoff nicht für jedes Unternehmen die passende Alternative zu Erdgas oder anderen fossilen Energieträgern.
Wie sollten Unternehmen die Umstellung auf klimaneutrale Energieträger vor diesem Hintergrund angehen?
Unternehmerinnen und Unternehmer sollten sich zunächst einmal fundiert mit der Frage befassen, welche Alternativen zu fossilen Energieträgern die richtigen für sie sein können. Erdgas oder Heizöl eins zu eins durch Wasserstoff zu ersetzen, wird in vielen Fällen nicht der richtige Weg sein. Vielmehr wird Strom eine relevante Alternative sein. Es hat sich die Faustformel herauskristallisiert, dass bei einem Temperaturbedarf unterhalb des Dampfniveaus Wärme in der Regel effizienter über Strom bereitgestellt werden kann, zum Beispiel über Luft-Wärmepunkte und Erd-Wärmepumpen. Viele Biogasanlagen fallen zudem in den kommenden Jahren aus der EEG-Förderung. Für die Betreiber von Biogasanlagen kann es daher interessant sein, ihr Biogas nahegelegenen mittelständischen Betrieben zur Wärmeerzeugung zur Verfügung zu stellen. Weitere Möglichkeiten sind die Nutzung
von Solarthermie oder Tiefengeothermie, letztere allerdings nur im Verbund mit weiteren Partnern, oder der Aufbau energetischer Nachbarschaften. Letztendlich wird in vielen Fällen nicht nur ein Energieträger mit der Transformation zum Einsatz kommen, sondern ein Mix.
Das klingt nach einer großen Herausforderung …
… das ist es. Auch, weil die Umstellung auf klimaneutrale Energieträger vielfach mit einem erheblichen Investitionsbedarf und gegebenenfalls auch mit einer Anpassung der Produktionsprozesse verbunden ist. Deshalb hoffe ich, dass möglichst viele Unternehmen sich professionell bei der Entwicklung der für sie passenden Transformationskonzepte unterstützen lassen. Das Land NRW bietet gleich drei Programme an, um diese Beratungsleistungen zu fördern.
Sie sprachen es schon an: Wasserstoff soll eine zentrale Rolle bei der Energiewende einnehmen. Wie ist da der aktuelle Stand im Kreis Coesfeld?
Wir sind in der sehr privilegierten Lage, dass bis Anfang der 2030er Jahre gleich drei Transportnetzbetreiber bestehende Pipelines, die durch den Kreis Coesfeld führen, auf Wasserstoff umwidmen wollen. Allerdings ist noch nicht klar, ob und wo Netzkopplungspunkte zum Verteilnetz entstehen können, um den Unternehmen vor Ort einen Zugang zum Wasserstoff zu ermöglichen. Aktuell beobachten wir leider ein klassisches Henne-Ei-Dilemma. Die Transportnetzbetreiber argumentieren, dass sie vor der Investition in Umwidmung und Netzkopplungspunkte belastbare Erkenntnisse über den Bedarf vor Ort benötigen. Gleichzeitig betonen die mittelständischen Unternehmen, dass sie vor einer Investitionsentscheidung zur Umrüstung ihrer Prozesse auf Wasserstoff wissen wollen, ab wann Wasserstoff verlässlich in ausreichenden Mengen und zu welchen Konditionen zur Verfügung steht.
Wie stehen die Verteilnetzbetreiber zu Investitionen in Trassen?
Hier besteht das Problem, dass es kaum Möglichkeiten für eine Umwidmung von Trassen gibt. Denn die meisten Leitungen werden nach derzeitigem Stand noch bis in die Mitte der 2040er Jahre für die Erdgasversorgung benötigt. Es wird somit notwendig sein, auf ausgewählten Strecken neue Trassen zu errichten, deren wirtschaftliche Lebensdauer allerdings Mitte der 2040er Jahre enden wird, da dann die Erdgastrassen zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass die Verteilnetzbetreiber mit einem eigenwirtschaftlichen Ausbau sehr zurückhaltend sein werden. Stattdessen wird eine staatliche Förderung notwendig sein, wie wir sie mit der gemeinsamen Erklärung der Kommunen und der mittelständischen Wirtschaft im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region zum Ausbau der regionalen Wasserstoff-Infrastruktur fordern.
Welche Rolle spielt die wfc in diesem Kontext?
Wir sind gerade dabei, alle Parteien – Transportnetzbetreiber, Verteilnetzbetreiber und Unternehmen – in Regionalkonferenzen entlang der bekannten Pipeline-Korridore an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam über Bedarfe, Voraussetzungen und Bedenken zu sprechen. Und um hoffentlich Lösungen zu finden. Dafür sind derzeit für den Kreis Coesfeld insgesamt drei Termine geplant. Darüber hinaus haben wir gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung für den Kreis Borken ein H2-Netzwerk aufgebaut, um den Unternehmen die Vorteile und Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoff nahezubringen.
Weitere Infos
Dr. Jürgen Grüner (wfc)
02594 78240-0
juergen.gruener@wfc-kreis-coesfeld.de