Ein Blick von außen

Dr. Helfried SchmidtBorken
Dr. Helfried Schmidt

Der Große Preis des Mittelstandes gehört zu den wichtigsten Wirtschaftswettbewerben in Deutschland. Auch aus dem Kreis Borken wurden immer wieder Unternehmen nominiert und ausgezeichnet. Dr. Helfried Schmidt entwickelte den Wettbewerb 1994 und gründete außerdem die Oskar-Patzelt-Stiftung, die den Preis jährlich verleiht. Im Interview mit Wirtschaft aktuell spricht Schmidt über die Wirtschaftskraft im Kreis Borken und verrät, warum unsere Region auch in 100 Jahren noch gut aufgestellt sein wird.

Herr Dr. Schmidt, Sie selbst kommen aus Dornreichenbach in Sachsen beziehungsweise aus Leipzig. Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an den Kreis Borken denken?
Bis 1990 hatte ich vom Kreis Borken noch nie etwas gehört. Denn ich bin auf der anderen Seite der Mauer groß geworden, da war die Welt an der Elbe zu Ende. Wenn ich aber in die vergangenen Jahre schaue, dann kommt mir beim Kreis Borken in den Sinn, dass die
Region sehr ähnlich ist zur sächsischen Region, wo ich aufgewachsen bin. Eine Region, die geprägt ist von Kleinteiligkeit, von Ländlichkeit. Und von bodenständigen Menschen, die sich nie darauf verlassen haben, dass irgendjemand ihre Probleme löst, sondern die ihre Probleme immer selbst gelöst haben. Das war vor 100 Jahren schon so und das wird auch in 100 Jahren noch so sein, davon bin ich überzeugt.

Warum?
Die Wirtschaftsförderung im Kreis Borken, die wir seit ungefähr 20 Jahren kennen, gibt uns einen wunderbaren Einblick in diese Kraft und die Vitalität der Menschen in der Region. Daraus schließe ich, dass so etwas nicht untergeht. Diese Einstellung wird auch sozial vererbt in den Familien. Der Wille und die Fähigkeit, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, das wird bleiben, davon bin ich überzeugt.

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Unternehmen aus dem Kreis Borken beim „Großen Preis des Mittelstandes“ nominiert und ausgezeichnet. Ist die Wirtschaft hier vor Ort besonders innovativ?
Das sehe ich so, ja.

Was ist aus Ihrer Sicht der Grund dafür?
Wir haben im Kreis Borken eine Menge kleiner und mittelständischer Firmen, die geprägt sind durch einen Unternehmer, der vornweg geht, das Kreuz auf sich nimmt und der im Risiko steht. Er ist verbunden mit vielen fleißigen und ideenreichen Menschen, die miteinander und mit dem Unternehmen etwas vorwärts bringen wollen. Diese Menschen wissen, dass sich in einer ländlichen Region selten von heute auf morgen etwas Neues in der nächsten Straße finden lässt, so wie das in Düsseldorf oder Berlin wäre. Diese Hartnäckigkeit, dieses Nicht-aufgeben, dieses Nach-neuen-Wegen-suchen, das haben wir immer wieder erlebt bei den Firmen aus der Region.

Was zeichnet denn die Unternehmen aus dem Kreis aus, die Sie beim Großen Preis des Mittelstandes erleben?
Sie sind sich ihres Ursprungs bewusst. Das heißt, es gibt viele Unternehmen, die sehr bewusst ihre Verbindung zur Region hegen und pflegen. Regionales Engagement ist in vielerlei Richtung ausgeprägt, von der Unterstützung der Schulen und der Ehrenämter bis hin zu sozialen und ökologischen Projekten. Sie stehen zur Verfügung, wenn Not am Mann ist und Hilfe benötigt wird.

Findige Unternehmer gibt es in unserer Region viele. Was muss ein Unternehmen denn ganz konkret mitbringen, um sich von der Masse abzuheben?
Dieselben Dinge wie vor 100 Jahren auch: Man muss sich selbst aus dem Einerlei des Existierenden herausheben. Man braucht eine Idee, die anders ist als das, was sowieso schon existiert. Man braucht die Hartnäckigkeit, diese umzusetzen, auch wenn es am Anfang Zweifler gibt. Alleinstellungsmerkmale zu suchen, zu finden und festzuhalten und diese Merkmale immer wieder zu verbessern und zu schärfen, damit man bemerkbar bleibt im Einerlei der Dinge – das ist das Wichtigste.

Auf der anderen Seite ist unsere Region auch dafür bekannt, kommunikativ eher defensiv zu sein. „Nichts gesagt ist schon gelobt“ – das ist bei uns das Credo. Warum sollten Unternehmer in unserer Region diese Einstellung aufgeben?
Sie müssen diese Einstellung nicht aufgeben. Jemand, der ununterbrochen durch die Gegend läuft und großmäulig etwas daherplappert, was die Menschen nicht hören wollen, macht auch nichts besser. Die Unternehmer können ruhig ihre Mentalität behalten. Aber an Stellen, an denen es drauf ankommt, sich bemerkbar zu machen, ist es gut, wenn man etwas auf dem Kasten hat und aus dem Vollen schöpfen kann. Und das ist bei den guten Unternehmen in der Region Borken der Fall.

 

Aktuell sind für den Großen Preis des Mittelstandes 84 Unternehmen aus dem Kreis Borken (von 463 Unternehmen aus NRW und bundesweit 4.674) nominiert.

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