Landkreis Grafschaft Bentheim

Die Monopolisten und der Friedhof

Nordhorn – Es ist wie bei einem Wettkampf über 100 Meter: Alle Läufer starten auf gleicher Höhe. Eigentlich. In der digitalen Welt ist das anders: Da starten zwei, drei Läufer schon bei der Metermarke 80 und kommen somit viel schneller ins Ziel als alle anderen. Davon ist Prof. Dr. Martin Andree überzeugt. „Die anderen haben gar keine Chance zu gewinnen – und so sieht es auf dem Markt angesichts der Tech-Monopolisten aus“, verglich er und warf damit einen kritischen Blick auf die Entwicklung von Meta, Google und Amazon und ihre digitalen Plattformen. Vor rund 360 Gästen referierte Andree dazu anlässlich der Mitgliederversammlung der Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim im Nino-Hochbau in Nordhorn.

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Unter dem Titel „Game Over, Democracy? Wie die Tech-Giganten Demokratie und Wirtschaft zerstören – und wie wir sie stoppen können“ rückte der habilitierte Medienwissenschaftler, Autor und Unternehmer die Entwicklung der digitalen Mediennutzung in den Fokus. Für Andree gibt es dabei zwei klare getrennte Bereiche: die wenigen Monopolisten wie YouTube, Facebook, WhatsApp oder Google, die die längste Verweildauer auf ihren Plattformen verzeichnen, und den „Friedhof“ aus zahlreichen (etablierten) Printmedien, öffentlich-rechtlichen Medienanstalten und Unternehmensmarken, die zunehmend weniger wahrgenommen werden. „Eine ungleiche Verteilung und es gibt keinen Player, der in der Lage ist, eine ernsthafte Konkurrenz für die digitalen Giganten zu werden. Dadurch haben wir keinen Wettbewerb und keinen freien Markt mehr“, verdeutlichte Andree in Nordhorn. Eben wie bei einem 100-Meter-Lauf, bei dem es unterschiedliche Regeln für alle gibt.

Netzwerkeffekt und geschlossene Standards

Die „Tech-Oligarchen“ haben aus Sicht des Professors den Wettbewerb selbst abgeschafft. Das habe mehrere Gründe, wie beispielsweise den Netzwerkeffekt. Das heißt übersetzt: Wenn viele User eine Plattform nutzen, ist schwer, diese vom Markt zu verdrängen – eben weil sie sich bei allen etabliert hat. Oder sogenannte geschlossene Standards: Wer zum Beispiel auf Instagram einen Link anklickt, der verlässt nicht die Plattform, sondern öffnet den Link innerhalb des Instagram-Browsers. User bleiben also an den Social-Media-Kanal gebunden, oder wie Andree es nennt: „Sie sind in einem Kaufhaus ohne Ausgang, in dem sie nur tiefer nach Produkten oder Inhalten suchen können, aber nicht herauskommen.“ 

Die Folge: Aufgrund der hohen Nutzerbindung konzentrieren immer mehr Unternehmen ihr Werbebudget auf Social Media. „Die Monopolisten wie Meta und Amazon kassieren heute rund 80 bis 90 Prozent der weltweiten Werbeeinnahmen. Alle anderen teilen sich den Rest. Damit verlieren redaktionelle Medien ihre Finanzierungsgrundlage“, warnte Andree. Der Digitalexperte sieht vor diesem Hintergrund die Anbietervielfalt und die journalistische Unabhängigkeit in der Medienlandschaft in Gefahr. „Das ist nicht verfassungskonform und damit gefährlich für unsere Demokratie“, meinte er. 

Zudem gelte: Unter dem Deckmantel der „sharing community“ gebe es Platz für Hass, Hetze, Fake News und Manipulation. Diese Entwicklung nannte Andree auch „digitalokratische Ordnung“: Rang und Name habe derjenige, der die meisten Likes und Follower auf sich vereint, unabhängig vom Inhalt, so die Meinung des Experten.

Wie lässt sich diese Situation lösen? Darauf hatte Andree mehrere Antworten: „Die Plattformen müssen offen sein – Links müssen wieder nach ‚draußen‘ führen, raus aus dem Kanal. Außerdem brauchen wir offene Standards, keine Kaufhausmentalität.“ Zudem sprach sich der Experte dafür aus, die Marktanteile für digitale Medien auf 30 Prozent zu deckeln. Und: „Strafbare Inhalte zu monetarisieren, sollte verboten werden. Plattformen sollten dafür haften, wenn sie solchen Content zu Geld machen“, betonte er.

Investitionen in die Grafschaft

Dass es abseits der digitalen Welt auch in der Grafschaft Bentheim noch einiges zu tun gibt, sprach Klaas Johannink, Vorstandsvorsitzender der gastgebenden Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim, an. Etwa Investitionen in den Bildungsbereich, für den ab dem kommenden Jahr das Angebot einer Ganztagsbetreuung in der Grundschule verpflichtend ist. „Das bietet viele Chancen insbesondere für sozial benachteiligte Kinder, die damit eine bessere Lernumgebung als zuhause erhalten“, erklärte Johannink. Auch mit Blick auf die Nachwuchskräfteausbildung habe der Landkreis einiges vor: zum Beispiel mit dem neuen Campus Berufliche Bildung. „Wir hoffen auf einen Spatenstich im Winter. Das spannendste Projekt ist dabei das Innovationszentrum auf dem Campus, das unsere Region im Bereich Technologie erheblich nach vorne bringen wird“, ist der Vorstandsvorsitzende überzeugt. 

Auch beim Thema Wohnbau gebe es Investitionsbedarf: „Die Grafschaft Bentheim braucht den höchsten Zuwachs an Wohnraum in Niedersachsen in den nächsten Jahren. Daher hoffen wir umso mehr, dass es auf baurechtlicher Seite einfacher wird, Vorhaben zu genehmigen.“ Entwicklungspotenzial sah Johannink ebenso in der Energiewende: „Die Region hat durch ihre sehr gute Anbindung an das Wasserstoffnetz beste Voraussetzungen dafür, dass diese Technologie ein wichtiger Baustein für unsere Energieversorgung vor Ort werden könnte.“

Die Rahmenbedingungen für all die Investitionen seien aber nicht ganz einfach: „Für 2025 fehlen 31 Millionen Euro in der Haushaltskasse des Landkreises. Die Projekte anzuschieben und die Herausforderungen anzugehen, wird also eine gemeinsame Kraftanstrengung sein“, betonte Johannink.

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