Landkreis Emsland

AsA flex: „Wir können einiges bewegen“

Lingen - Viele Unternehmen kennen das: Sie haben Auszubildende, die sich – aus welchen Gründen auch immer – sehr schwertun. Die Akademie Überlingen hat dieses Thema zuletzt abermals mit dem von der Bundesagentur für Arbeit geförderten Programm „AsA flex – Assistierte Ausbildung flexibel“ aufgegriffen. Was dahinter steckt und wie sich das Projekt entwickelt hat, verraten Standortleiterin Andrea Kerkhoff sowie die beiden Ausbildungsbegleiterinnen am Standort Lingen, Sandra Klaashaus-Jahnke und Nadine Rode, im Interview.

Setzen sich im Rahmen des AsA flex -Programms für Auszubildende ein (von links) Nadine Rode, Sandra Klaashaus-Jahnke und Andrea Kerkhoff. Foto: Terhörst

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Frau Kerkhoff, Sie helfen Auszubildenden mit dem AsA flex-Projekt dabei, ihre Chancen auf einen guten Berufsabschluss zu verbessern. Was ist der Hintergrund?
Andrea Kerkhoff: Wir sind mit der Akademie Überlingen an vielen Orten Deutschlands vertreten und auch im Emsland und der Grafschaft Bentheim sehen wir, was sich vielerorts abbildet: Wir sind einem stetig wachsenden Fachkräftemangel ausgesetzt. Ein wesentlicher Ansatzpunkt, dem entgegenzuwirken, ist das Thema „erfolgreiche Ausbildung”.  Das Problem ist allerdings, dass derzeit jede dritte Ausbildung im Handwerk abgebrochen wird. Häufige Gründe für diese hohe Abbruchquote sind beispielsweise Lernschwierigkeiten in der Berufsschule sowie private und soziale Probleme. Zudem steigen auch die Anforderungen an die jungen Auszubildenden. Dem wollen wir mit AsA flex effektiv und zielführend entgegenwirken.

Wen sprechen Sie genau an?
Kerkhoff: Unser Angebot richtet sich an junge Auszubildende, die eine betriebliche Ausbildung absolvieren und Gefahr laufen, das Ausbildungsziel ohne Unterstützung nicht zu erreichen. Die jungen Menschen können selbst an uns herantreten, es kann aber auch der Betrieb sein, der auf uns zu kommt.

Wie fällt Ihr Fazit bisher aus?
Sandra Klaashaus-Jahnke: Sehr gut! Für die ersten Teilnehmenden des Projekts laufen aktuell die Prüfungen und es zeichnet sich ab, dass die meisten gut durchkommen. Das zeigt, dass wir mit dem Projekt einiges bewegen können.
Nadine Rode: Wie viel das sein kann, möchte ich an einem konkreten Beispiel veranschaulichen: Zwei Wochen vor der Prüfung wurden wir von einem Unternehmen angerufen, das große Angst hatte, dass ihr Auszubildender die Prüfung nicht besteht. Das AsA flex-Projekt war für das Unternehmen praktisch der sprichwörtlich letzte Strohhalm. Wir haben dann kurzerhand ein Erstgespräch auf den Weg gebracht und der betroffene Auszubildende konnte unmittelbar bei uns mit der Prüfungsvorbereitung starten. Der junge Mann hat das Asperger-Syndrom, also schon ein starkes Handicap, und ehrlich gesagt, hat gerade im Unternehmen keiner so richtig geglaubt, dass wir Erfolg haben würden. Am Ende konnten wir aber alle Bedenken ausräumen. Dank einer sehr intensiven Vorbereitungsphase, in der wir wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, hat der junge Mann es geschafft. Er hat seine Prüfung in der Tasche und ist sogar so motiviert, den nächsten Ausbildungsschritt in Angriff zu nehmen.
Klaashaus-Jahnke: Ein wesentliches Plus war in diesem Fall übrigens die tolle Unterstützung des Unternehmens, das den jungen Mann sogar für die Maßnahme von der Arbeit freigestellt hat. Das ist nicht selbstverständlich, aber natürlich schon sehr hilfreich.

Was braucht es denn darüber hinaus, damit Sie Erfolg haben können?
Klaashaus-Jahnke: Wichtig ist, dass die jungen Leute auch selbst dahinterstehen. Sie müssen es freiwillig tun. Auszubildende, die vom Unternehmen „geschickt“ werden, ohne selbst den Bedarf für sich zu erkennen, tun sich erfahrungsgemäß deutlich schwerer. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Vertrauen. Eines unser größten Ziele ist es, Vertrauen aufzubauen. Nur wenn die jungen Leute offen mit uns über ihre Probleme sprechen, haben wir eine Chance, an den richtigen Stellen anzusetzen. Daher ist uns eine Wohlfühlatmosphäre sehr wichtig.
Rode: Bei uns geht es eben nicht um Nachhilfe, sondern um eine ganzheitliche Unterstützung. Wir schauen uns an, was dem Lernerfolg im Wege steht. Das geht nur im engen Austausch. Daher ist es auch so wichtig, dass wir im geschützten Raum agieren. Die Gespräche, die wir mit den jungen Leuten führen, unterliegen der Schweigeflicht.

Wie ist denn die Nachfrage für das Projekt?
Kerkhoff: Die Nachfrage ist hoch. Die Teilnehmenden kommen mittlerweile auf ganz unterschiedlichen Wegen zu uns. Die  einen werden von Klassenkameraden mitgenommen, andere bekommen den Hinweis von ihrer Berufsschule und wieder andere kommen über ihre Unternehmen zu uns. Das zeigt uns, dass unser Angebot wertgeschätzt wird.

Was sind die klassischen Herausforderungen, mit denen Sie es im Zuge des Projektes zu tun haben?
Rode: Es ist oft kein reines Lernproblem, sondern andere Probleme, die den jungen Leuten zu schaffen machen. Da gibt es jene, die in der Berufsschule gemobbt werden, oder die zuhause Probleme haben und sich abkapseln oder sogar ausziehen wollen. Wieder andere haben Geldsorgen oder kommen mit ihren Ausbildungsleitern im Betrieb nicht zurecht. Selbst Fälle von Liebeskummer hatten wir.
Klaashaus-Jahnke: Nicht selten stecken hinter den Problemen aber auch gesundheitliche Beeinträchtigungen. Auch hier findet unser Team Ansätze, mit denen die jungen Menschen besser durch die Ausbildung kommen.

Wie gehen Sie dabei vor?
Rode: Zunächst einmal sprechen wir sehr viel mit den Betroffenen, wir schaffen Vertrauen. Dabei schauen wir immer von Fall zu Fall, um individuelle Hilfestellung zu leisten. Wenn es um Geldsorgen geht, helfen wir bei der Beantragung der Ausbildungsbeihilfe. Wenn es um Stress im Ausbildungsbetrieb oder mit den Eltern gibt, fungieren wir als Mediatoren, und im Zweifel helfen wir sogar bei der Wohnungssuche – um nur einige Beispiele zu nennen.
Klaashaus-Jahnke: Ein Klassiker ist bei uns die Prüfungsangst. Hier agieren wir zum Beispiel nicht nur mit klassischen Lehrmethoden, sondern auch mit Dingen wie autogenem Training, um die jungen Leute in dieser schnelllebigen Zeit einfach ein wenig runterzubringen. Das wirkt auf den einen oder die andere im ersten Moment zwar komisch, aber der Erfolg gibt uns recht!
Kerkhoff: Grundsätzlich geht es bei vielen unserer Teilnehmenden aber auch um die Vermittlung oder Optimierung von Lernkompetenzen. Viele der Teilnehmenden müssen das Lernen erst lernen und dabei geben wir ihnen konkrete Hilfestellungen.

Einige Unternehmen, die feststellen, dass ein Azubi Probleme hat, tun sich schwer damit, das offen anzusprechen. Wie sollten die vorgehen?
Kerkhoff: Genau dafür ist AsA flex auch da. Wenn Unternehmen diese Probleme haben, können sie sich gern an uns wenden. Da sich das aber noch nicht überall herumgesprochen hat, arbeiten wir aktuell mit Hochdruck daran, das Angebot noch besser nach außen zu tragen. Wir sind im Gespräch mit Kammern und Innungen, um ein ein noch besseres Netzwerk aufzubauen. Unsere Botschaft ist klar: Ihr seid mit dieser Herausforderung nicht allein und am Ende haben wir alle dasselbe Ziel: Wir wollen die jungen Menschen erfolgreich durch die Ausbildung bringen.  

Das Interview führte
Michael Terhörst

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