Ein schmaler Grat

Stadtlohn - Sie tun es alle, egal, ob Chef oder Angestellter, ob Handwerker oder Bürohengst, ob Millionär oder Ein-Euro-Jobber. Sie alle lügen und das im Schnitt sogar 200 Mal am Tag. Denn so oft sagt der Durchschnittsmensch laut Statistik tagtäglich die Unwahrheit. Auch in der Wirtschaft haben Lügen ihren festen Platz. Und das durchaus zu recht: Denn die wenigsten Lügen sind problematisch – ob man es glaubt oder nicht, einige sollen die Belogenen sogar schützen.

Auch hinter freundlichen Gesten verbergen sich mitunter Lügen.
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Lügen haben kurze Beine, aber der Blick in die Geschichte der Wirtschaftsskandale zeigt, dass das noch nicht überall angekommen ist. Weiser sein als die Weisheit wollte zum Beispiel der ehemalige Chef der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq, Bernard Madoff. Eingebracht hat ihm das den Zorn seiner Anleger und laut Urteilsspruch 150 Jahre Gefängnis. Alles aufgrund „einer großen Lüge“, wie Madoff selbst es nannte.

Mit Hilfe eines Schneeballsystems hatte er Dividenden ausgeschüttet, die es in Wirklichkeit nicht gab. Als dann viele Anleger im Zuge der aktuellen Finanzkrise ihre Gelder zurückwollten, platzte Ende 2008 die 65-Milliarden-Dollar-Blase. In Deutschland zog zum Beispiel der Fall des Immobilienunternehmers Jürgen Schneider ähnlich große Wellen. Denn auch Schneider hatte seinen Erfolg mit Lügen und Halbwahrheiten ergaunert. In den 1990er Jahren bekam er Kredite, weil er die Banken schlicht belogen hatte. Unter anderem setzte er Mietprognosen zu günstig an und simulierte so eine Kreditwürdigkeit, die er nie hatte. Nach einer Revision platzte letztlich auch diese Lügen-Blase. Die Folge: ein Milliarden-Schaden für die beteiligten Banken, und ein neues Un-Wort, das im Zuge des Skandals die Runde machte. Denn der damalige Vorstandsprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, tat die 50 Millionen D-Mark, die seine Bank verloren hatte, in einer Pressekonferenz als „Peanuts“ ab. Der nächste Skandal war geboren. Diese großen, medienreifen Lügen sind aber nur die eine Seite der Medaille. Abseits aller Skandale sind Lügen vielmehr ein kaum beachteter, aber dennoch nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Vom Weltkonzern über den Mittelstand bis hin zu Kleinstunternehmen; überall wird gelogen. Alltag im Büro: Bei der Sekretärin Franziska Clement (Name von der Redaktion geändert) geht das Telefon im Minutentakt. „Nein, der Chef ist nicht zu erreichen. Er ist gerade in einer wichtigen Besprechung.“ Stimmt gar nicht. Tatsächlich sitzt der Chef in seinem Büro und tüftelt an einem wichtigen Projekt. „Wenn ich jedes Gespräch, das hier tagtäglich ankommt, durchstellen würde, käme unser Chef zu nichts mehr“, erklärt Clement. Vor den Kopf stoßen will sie den meisten Anrufern aber nicht. Im Sinne einer guten Geschäftsbeziehung sei eine Notlüge da allemal besser als die Wahrheit. „Welcher Kunde hört schon gern, dass der Chef ausgerechnet für ihn keine Zeit hat?“ Auch der Bauunternehmer Lutz Güstrow (Name von der Redaktion geändert) greift hier und da auf eine Lüge zurück. „Es kommt durchaus vor, dass ich zum Beispiel einen Preis im Vorfeld höher ansetze, damit ich im Nachhinein ohne Probleme Skonto geben kann. Bei den Kunden hat das in aller Regel den Effekt, dass sie sich gebauchpinselt fühlen. Und zufriedene Kunden zahlen im Normalfall schneller. Das ist ein wichtiger Vorteil. Denn gerade in der Baubranche lässt die Zahlungsmoral mitunter zu wünschen übrig“, begründet Güstrow. In bestimmten Situationen können Lügen wirtschaftlich sinnvoll sein, denn die Wahrheit würde den Kunden mit großer Wahrscheinlichkeit direkt verprellen. Mit dem Kunden könnten so wichtige Aufträge und Einnahmequellen wegbrechen. Fakt ist, nicht nur im Büro von Franziska Clement erhalten kleine Lügen die guten Kontakte. In seinem Buch „Der Lüge auf der Spur“ nimmt Günter Beyer solche und ähnliche Fälle unter die Lupe. Dabei unterscheidet er generell zwischen „weißen“ und „schwarzen“ Lügen. Der Fall „Clement“ würde demnach sicher in die Kategorie der „weißen Lügen“ fallen. Laut Beyer dienen diese Lügen der „Sozialhygiene“, wie er es nennt. Sie helfen, Peinlichkeiten zu vermeiden und andere zu schonen.

Ein Grund für Lügen ist die Gier.
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Sie sind also zumindest zum Teil auf das Wohl der Belogenen ausgelegt. Anders sieht das bei den „schwarzen Lügen“ aus. Sie nutzen – wie bei „Madoff“ oder „Schneider“ – nur dem Lügner. Selbstverständlich haben nicht alle „schwarzen Lügen” das Potenzial, es auf die Titelseiten der Gazetten zu schaffen. Moralisch fragwürdig und mitunter auch problematisch sind sie aus Sicht des Autors aber immer. Das gilt übrigens auch für die dargestellten Lügen von Lutz Güstrow, der seine Kunden nur belügt, um selbst einen besseren Schnitt zu machen. Ein Fall für den Staatsanwalt ist das allerdings nicht. Den aber dürften andere Lügen des Bauunternehmers sehr wohl interessieren: „Wenn ich unbedingt einen Auftrag von einem Stammkunden haben will, spreche ich mich mit anderen Branchenteilnehmern ab. Die bleiben dann mit ihren Angeboten über meinem Preis. Ich mache das auf der anderen Seite auch, wenn von den anderen eine entsprechende Anfrage kommt. Das funktioniert nach dem Motto ,Eine Hand wäscht die andere’“, erläutert Güstrow, die aus seiner Sicht gängigen, aber keineswegs legalen Absprachen. Angst, dass er dabei erwischt wird, hat der Unternehmer nicht. Er ist sich sicher, dass die „Kette des Schweigens“ in der Branche hält. „Darüber hinaus wissen die meisten Kunden ohnehin, wie der Hase läuft und nehmen das auch durchaus in Kauf“, ist er sich sicher.

Gerade die „schwarzen Lügen” birgen aber immer ein gewisses Risiko. Unter Umständen kommen sie wie ein Bumerang zum Lügner zurück. Denn während Kunden eine Notlüge vielleicht noch bewusst oder unbewusst in Kauf nehmen, können „schwarze Lügen” Geschäftsverhältnisse nachhaltig schädigen oder gar zerstören. So auch im Fall „Otto“ (Namen von der Redaktion geändert). „Zusammen mit mehreren Sub- und Partnerunternehmen hatte Hermann Otto in zehn Jahren ein Unternehmen mit fast 20 Mitarbeitern auf die Beine gestellt. Innerhalb kürzester Zeit hat er damit schon das ganz große Rad gedreht“, erinnert sich der Unternehmer Frank Wermeling. Wermeling kannte Otto von Kindesbeinen an. „Über die Jahre hinweg hatte Otto immer wieder mit unserem Betrieb zusammengearbeitet und auch Aufträge von uns bekommen. Es gab da praktisch eine Art Ur-Vertrauen, das im Nachhinein allerdings nicht gerechtfertigt war“, räumt der Unternehmer heute ein. Zum Bruch kam es, als Otto im Auftrag von Wermeling einen Supermarkt bauen sollte. Als dem Landkreis dann aber gegen Ende des Bauvorhabens die Abnahme und andere wichtige Unterlagen fehlten, wurde Wermeling hellhörig. „Das hat mich natürlich alarmiert. Nachdem Otto mir dann aber versichert hatte, dass er sich bereits um alles gekümmert habe, habe ich das geglaubt“, erklärt der Unternehmer. Dass das gelogen war, wurde ihm erst später klar. Denn zu diesem Zeitpunkt war Otto bereits zahlungsunfähig. Die Folge: Der Landkreis untersagte vorübergehend die Nutzung des Supermarktes und Wermeling bekam erhebliche Probleme mit dem späteren Supermarktbetreiber.

„Danach war das Vertrauen natürlich weg“, macht Wermeling klar. Wie sich mit der Zeit herausstellte, hatte Otto schon in den Jahren zuvor immer wieder Gelder bei Seite geschafft und er musste schließlich Insolvenz anmelden. „In den folgenden Jahren hat er dann versucht, wieder Fuß zu fassen, aber zusammengearbeitet haben wir nie wieder“, betont Wermeling. Auch wenn die Gefahr, ertappt zu werden, wie im Falle „Otto“, immer besteht, geht der Buchautor Beyer davon aus, dass es sich aus Sicht der Lügner durchaus lohnen kann, die Unwahrheit zu sagen. Zumindest dann, wenn die zu befürchtenden Nachteile kleiner sind als mögliche Vorteile. So stellt er fest: „Wer täuscht, hat juristisch mehr Vorteile als Nachteile zu befürchten. Und das verlockt.“ Das heißt, je geringer die zu erwartenden Folgen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen versuchen, ihre Situation durch Lügen zu verbessern. „Erstaunlicherweise trauen sich die meisten Menschen eher nicht, das Finanzamt zu belügen oder zu täuschen. Denn hier fürchten sie äußerst harte Sanktionen. Geht es aber um Firmen, um das Sozialamt oder auch nur um den Mitmenschen, dann haben die wenigsten Skrupel – unter anderem, weil sie davon ausgehen, dass kaum Sanktionen zu befürchten sind“, betont der Autor und selbstständige Trainer in „Der Lüge auf der Spur“. Ob schwarz oder weiß, Lügen gehören zum Wirtschaftsalltag. Nur die Spitze des Eisbergs findet wie in den Fällen Madoff und Schneider unter den Augen einer großen Öffentlichkeit statt. Der weitaus größere Teil bleibt wie die Güstrow-Lügen unter der Oberfläche. Sicher ist aber auch, dass ein Geschäftsleben ohne Lügen noch härter wäre als es ohnehin schon ist. Denn wer möchte sich schon gerne ständig am Telefon eine blutige Nase holen, weil er ruppig abgekanzelt wurde? Dennoch, der Grat zwischen Wohlwollen und Eigennutz ist beim Lügen – gerade in der Wirtschaft – schmal und die Versuchung groß. Nicht selten wird da die Verantwortung für das Gesamtunternehmen und seine Mitarbeiter vorgeschoben, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Legal ist das deshalb noch lange nicht.

Von Michael Terhörst Donnerstag, 2. Februar 2012