Münsterland
2,08 Milliarden Euro beträgt der touristische Bruttoumsatz im Münsterland für das Jahr 2024. Seit 2019 ist er um sieben Prozent gestiegen. Das hat eine aktuelle Studie der dwif-Consulting GmbH ergeben, die der Münsterland e.V. als regionale Tourismusorganisation in Auftrag gegeben hat. Dabei wurden neben Hotels und Campingplätzen auch Gästezahlen in den Privatquartieren unter zehn Betten, Dauercamper und vor allem Tagesbesuche berücksichtigt – Zahlen, die in den Landesstatistiken zum Thema Tourismus nicht erfasst werden. Insgesamt wurden so 7,8 Millionen Übernachtungen und 41 Millionen Tagesreisen im Münsterland für 2024 erfasst. „Der Tourismus ist eine stetig wachsende Wirtschaftsbranche in unserer Region. Und er ist, zumal standortgebunden, extrem wichtig für die regionale Entwicklung“, ordnet Michael Kösters, Bereichsleiter Tourismus beim Münsterland e.V. mit Sitz in Greven, die Zahlen ein.
Ein positiver Nebeneffekt: Ob Hotel, Gastronomie, Einzelhandel, Handwerk, Landwirtschaft oder Mobilitätsanbieter – kaum eine Branche bleibt unberührt, wenn Gäste anreisen, übernachten, Essen gehen, Fahrräder leihen oder regionale Produkte kaufen. Tourismus ist eine klassische Querschnittsbranche. Größter Profiteur im Münsterland ist laut dwif-Studie das Gastgewerbe mit 1,01 Milliarden Euro Bruttoumsatz (48,7 Prozent) vor dem Einzelhandel mit 0,71 Milliarden (34,2 Prozent) und weiteren Dienstleistungen mit 0,36 Milliarden (17,1 Prozent). Umgerechnet entspricht die touristische Wertschöpfung etwa 30.000 Vollzeitstellen.
Wie eine Online-Befragung zum Gästeverhalten des Tourismus NRW e.V. zeigt, ist Radfahren mit 59 Prozent die am häufigsten ausgeübte Aktivität im Münsterland. Das durchschnittliche Alter der Gäste liegt bei 54 Jahren. Die Gesamtzufriedenheit der Urlauber erreicht im Münsterland laut Umfrage einen Wert von 1,85 und damit ein sehr hohes Niveau.
Südwestliches Niedersachsen
Ein ähnliches Bild zeigt sich im südwestlichen Niedersachsen. Die Region Grafschaft Bentheim-Emsland-Osnabrücker Land landete laut Amtlicher Landesstatistik Niedersachsen hinter der Nordseeküste und der Lüneburger Heide auf Platz drei bei den meisten Übernachtungen in Niedersachsen 2024: 5,6 Millionen waren es, das ist ein Plus von 2,1 Prozent zum Vorjahr. Der Rückblick auf 2025 fällt ähnlich aus. „In der vergangenen Saison war die Nachfrage im Businessbereich eher schwach, im Freizeitsegment gut“, ordnet Wolfgang Hackmann, Vorsitzender des Fachausschusses Tourismus der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim sowie Geschäftsführer der Hackmann Hotels in Meppen, ein. Dahinter stecken Bruttoumsätze von fast zwei Milliarden Euro. Umgerechnet entspricht die touristische Wertschöpfung etwa 33.700 Arbeitsplätzen.
In der Grafschaft Bentheim belief sich die Anzahl der Übernachtungen in Betrieben mit mindestens zehn Betten auf rund 880.000 in 2024. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren waren es noch 740.000. Bei den Gästeankünfte waren es 2024 rund 252.000. „Aufgrund der direkten Lage an der Grenze verzeichnen wir besonderes viele Tagesgäste aus den Niederlanden. Außerdem gehen rund 40 Prozent der Übernachtungen auf Niederländer zurück. Unsere Nachbarn sind also eine wichtige Zielgruppe für uns“, erklärt Sonja Scherder, Abteilungsleiterin beim Grafschaft Bentheim Tourismus. Und ein Grund dafür, dass der Grafschafter Tourismusverband seine Informationsmaterialien, Online-Kanäle und Werbekampagnen grundsätzlich auch auf Niederländisch veröffentlicht.
Leichte Zuwächse für 2025 erwartet
Für 2025 rechnet der Grafschaft Bentheim Tourismus weiterhin mit leichten Zuwächsen. Und mit einem entsprechenden Umsatz. Wie die aktuellsten Erhebungen aus 2022 zeigen, belief der sich für die Grafschafter Tourismusbranche auf rund 385 Millionen Euro. „Auch wenn die Region kein klassisches Reiseziel ist, ist der Tourismus in den vergangenen Jahren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden. Die Branche hat sich nach den Corona-Jahren gut erholt“, betont Scherder. Punkten könne die Region vor allem mit individuellen Angeboten und Kurzreiseprogrammen, sogenannten Mikroabenteuern, die draußen stattfinden. Also Radfahren oder Wandern. Und: „Nicht zuletzt kommen die Investitionen in Freizeitangebote, in die Infrastruktur mit Rad- und Wanderwegen auch den Bürgerinnen und Bürgern hier vor Ort zugute. Das hat einen weiteren Effekt: Wo es sich gut leben lässt, finden Unternehmen auch Fachkräfte, was die Region als Wirtschaftsstandort interessant macht“, ergänzt Scherder.
Im Osnabrücker Land ist die Lage ähnlich. Für 2024 registrierte die Amtliche Landesstatistik Niedersachsen rund 2,3 Millionen Übernachtungen (Stadt Osnabrück: 500.000; Landkreis Osnabrück: 1,8 Millionen; insgesamt plus 20,5 Prozent gegenüber 2014) in Betrieben mit mindestens zehn Betten oder Campingplätzen mit mindestens zehn Stellplätzen. Im Zehnjahresvergleich waren es 2014 noch 1,9 Millionen Übernachtungen. „Damit hat sich das Osnabrücker Land dynamischer entwickelt als das Land Niedersachsen und Deutschland insgesamt“, betont Petra Rosenbach, Geschäftsführerin der Tourismusgesellschaft Osnabrücker Land. Rechnet man auch die kleinen Pensionen, Campingplätze und privaten Anbieter hinzu, waren es 2022 sogar über sieben Millionen Übernachtungen. „Ein großer Magnet ist auch der Gesundheitssektor mit den vier Kurorten im Osnabrücker Land. In diesen vier Kommunen gehen rund drei Viertel der Übernachtungen auf Aufenthalte in den Kliniken zurück“, erklärt Rosenbach. Die Tourismusberatung dwif hat für 2022 außerdem rund 23 Millionen Tagesgäste für Stadt (12,5 Millionen) und Landkreis (10,5 Millionen) ermittelt. Etwa 18.000 direkt oder indirekt vom Tourismus abhängige Arbeitsplätze gibt es in dieser Region.
Tagesgäste für Einzelhandel relevant
Die Besucher sorgen im Osnabrücker Land für einen jährlichen Bruttoumsatz von rund einer Milliarde Euro und für eine Wertschöpfung von rund 500.000 Euro (Stand 2022). 62 Prozent davon werden aus Tagesreisen generiert. Etwa 140 Euro geben Hotelgäste pro Tag für Übernachtung, Verpflegung und Aktivitäten aus, Camping- und Tagesgäste mit 30 bis 35 Euro deutlich weniger. Bei den Tagesgästen fließen rund 44 Prozent der Ausgaben (bei Tagesausgaben in Höhe von 29 Euro) in den örtlichen Einzelhandel, 23 Prozent in Dienstleistungen vor Ort. „Das ist besonders für Städte relevant, die auf ihre Shopping- und Freizeitangebote verstärkt aufmerksam machen sollten“, rät Rosenbach.
Während Geschäftsreisende ein bis zwei Nächte bleiben, verbringen klassische (Radfahr-)Urlauber drei bis vier Tage im Osnabrücker Land, Familienurlauber auch länger. Zwischen Stadt und Landkreis besteht dabei ein deutlicher Unterschied: Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Landkreis beträgt 4,4 Tage, in der Stadt nur 1,7. Rosenbach begründet: „Die Stadt Osnabrück verzeichnet deutlich mehr Geschäftsreisende, die sich eben kürzer aufhalten als ein Urlauber.“
Präventionsgedanke
Wie im Münsterland sind auch im südwestlichen Niedersachsen Radfahren und Wandern in der Natur – zum Beispiel im Teutoburger Wald oder im Wiehengebirge, aber auch an der deutsch-niederländischen Grenze – die beliebteste Aktivität der Touristen. „Dahinter steckt zunehmend der Präventionsgedanke: Sich im Urlaub zu bewegen, fördert die Gesundheit. Und wenn man dabei auch noch jede Menge neuer Ort entdecken kann, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe“, betont Rosenbach.
Die Geschäftsführerin der Tourismusgesellschaft Osnabrücker Land sieht außerdem andere Zielgruppen, die künftig noch stärker angesprochen werden sollen: Gäste, die zur Workation in die Region kommen. Sie arbeiten also von einem Urlaubsort aus remote und können so nach Feierabend direkt entspannen und ihren Urlaub verlängern. „Viele haben auf diesen Trend bereits reagiert und ihre Ferienwohnung oder Hotelzimmer so nachgerüstet, dass ein Schreibtisch oder sogar ein eigener Raum als Rückzugsort zum Arbeiten vorhanden ist“, weiß Rosenbach. Um mehr Tagungsgäste in die Region zu holen, hat die Tourismusgesellschaft außerdem gemeinsam mit dem Stadtmarketing Osnabrück das Osnabrück Convention Bureau gegründet, das Veranstaltungen dieser Art gezielt akquiriert.
Coolcation in Deutschland
Zu den Zielgruppen könnten künftig auch vermehrt Gäste aus den südeuropäischen Ländern stammen. Stichwort Coolcation. „Wenn es im Sommer in Spanien, Italien oder Griechenland zu heiß wird, dann kann Deutschland mit gemäßigteren Temperaturen und kühlen Wäldern zu einer guten Alternative werden. Und bis zur Nordsee ist es ja auch nicht weit“, so die Expertin. Kultur und Sehenswürdigkeiten im Osnabrücker Land sollen daher künftig noch stärker (online) hervorgehoben werden. Rosenbach: „Die Menschen aus den südlicheren Ländern sind traditionell sehr kulturinteressiert. Das können wir uns zunutze machen.“
Nachholbedarf sieht Rosenbach vor allem in Sachen Nachhaltigkeit. Das Thema sei zuletzt etwas vom Radar verschwunden, weil es aktuell viele andere Themen gebe, die für die Unternehmen relevant seien. „Aber Nachhaltigkeit ist insbesondere für den Geschäftstourismus ein wichtiger Punkt, weil viele Unternehmen in ihren Compliance-Richtlinien verankert haben, dass zum Beispiel nur Hotels oder Tagungsorte gebucht werden dürfen, die für ihre Umweltfreundlichkeit entsprechend zertifiziert sind“, erläutert Rosenbach.
Herausforderungen
Gleichzeitig steht die Branche unter besonderem Druck. Etwa durch zu viel Bürokratie, wie IHK-Fachausschuss-Vorsitzender Hackmann in der jüngsten Sitzung des Gremiums betonte. Die Politik müsse aus seiner Sicht „dringend mehr Vertrauen und unternehmerische Freiheit schenken. Bürokratieabbau heißt, Kontroll- und Dokumentationspflichten in unserer Branche zu reduzieren.“ Der Unternehmer sieht insbesondere bei Dokumentationspflichten wie Hygienevorschriften, Reinigungszyklen und Arbeitszeiten dringenden Handlungsbedarf.
Dass Tourismus heute als Querschnittsbranche funktioniert, ist also kein Selbstläufer. Es braucht eine intakte Infrastruktur, Investitionen, Kooperationen über Branchengrenzen hinweg – und immer wieder neue Ideen für Angebote, die das Münsterland und südwestliche Niedersachsen als Ziel so beliebt machen.