Daniel Janning | Kreishandwerkerschaft Borken
„Auftragslage ist überschaubar”
Wie geht es dem Handwerk im Kreis Borken?
Nach der Bundestagswahl gab es eine große Erwartungshaltung, die bislang wenig bis gar nicht erfüllt wurde. Die Stimmung im Handwerk ist derzeit eher abwartend bis negativ eingetrübt. Grund sind die Herausforderungen in der Wirtschaft allgemein, insbesondere mit Blick auf die Probleme und Entlassungen in der Industrie, was sich auch auf die Zulieferer, eben das Handwerk, auswirkt. Private Investitionen sind ebenfalls sehr zurückhaltend, das merken wir auch im privaten Wohnungsbau. Der gewerbliche Bereich ist noch einigermaßen stabil. Die Auftragslage ist zwar nicht schlecht, aber überschaubar und hat in der Regel keine sechs Monate Vorlauf mehr.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich derzeit?
Vor allem mit dem Fachkräftemangel, wobei sich dieses Problem in den vergangenen Monaten etwas relativiert hat, da die Wirtschaft derzeit nicht brummt. Vereinzelt müssen Betriebe Insolvenz anmelden oder aus anderen Gründen schließen. Somit stehen Fachkräfte wieder zur Verfügung. Teilweise ist aber auch die Qualität der Fachkräfte nicht mehr auf dem Niveau, wie sie benötigt wird. Weitere Themen sind Bürokratie, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, hohe Energiekosten und die Entwicklung beim Mindestlohn.
Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Die kleinen und mittelständischen Unternehmen sind ziemlich enttäuscht über die Nichteinhaltung der Wahlversprechen der Bundesregierung. Die versprochenen Entlastungen für Unternehmen müssen kommen.
Weiterhin brauchen die Unternehmen steuerliche Erleichterungen und dringend Entlastung in Sachen Bürokratie. Aus Sicht der Kreishandwerkerschaft Borken müsste den Betrieben mehr vom Gewinn gelassen werden. Die Politik sollte sich aus den Tarifverhandlungen heraushalten und den Unternehmerinnen und Unternehmern mehr Kompetenzen zugestehen. Es gäbe aus unserer Sicht bessere Alternativen zum gesetzlichen Mindestlohn. Man kann beispielsweise in einzelnen Branchen den zwischen den Tarifvertragsparteien und ohne die Politik ausgehandelten Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklären lassen.
Wie kann man das Handwerk noch stärker sichtbar machen?
Wir präsentieren das Handwerk in Kindergärten, Grundschulen, weiterführenden Schulen, auf Berufsorientierungsmessen, Infoveranstaltungen, bei der Ferienaktion „Abenteuer Handwerk“ und in den sozialen Medien. Zum Teil mit Netzwerkpartnern wie beispielsweise der BBS Ahaus, der WFG für den Kreis Borken, den Berufskollegs, Kommunen und anderen Institutionen sowie den Fachverbänden und der Handwerkskammer Münster. Wir wollen das weiterentwickeln und da, wo möglich, weiter in die Gesellschaft bringen und erlebbar machen. In den vergangenen Jahren hat sich zudem das Image des Handwerks deutlich verbessert, unter anderem durch die Kampagne des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Dadurch interessieren sich zum Beispiel auch immer mehr Abiturienten für Handwerksberufe.
Womit kann das Handwerk im Kreis Borken punkten?
Handwerk bietet eine fundierte Ausbildung und Fähigkeiten, die einem keiner mehr nehmen kann. Gerade hier im Kreis Borken ist das Handwerk das Rückgrat der Region und die Nummer eins der Wirtschaftsverbände.
Schaut man die vergangenen rund 20 Jahre zurück und sieht sich dabei die Wirtschaftskrisen und die Corona-Zeit an, so ist das Handwerk immer am besten von allen Wirtschaftsbereichen durch diese Zeiten gekommen. Zum Teil war der Kreis Borken deutschlandweit unter den Top-3-Regionen, die diese schwierige Zeit am besten gemeistert haben. Innovative, fleißige, qualifizierte und smarte Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Mitarbeitende zeichnen den Kreis aus. Diese Qualitäten sind weltweit gefragt und die Arbeitsplätze werden auch so schnell nicht durch Digitalisierung oder KI ersetzt wie in vielen anderen Berufen.
Ulrich Müller | Kreishandwerkerschaft Coesfeld
„Handwerk ist Teil der Nachbarschaft”
Wie geht es dem Handwerk im Kreis Coesfeld?
Die Stimmung im Handwerk ist insgesamt solide – aber mit angezogener Handbremse. Viele Betriebe verzeichnen nach wie vor eine ordentliche Auftragslage, vor allem im Ausbau- und Sanitärbereich, aber die Zurückhaltung der Kunden bei größeren Investitionen ist deutlich spürbar. Energiepreise, Zinsen und Unsicherheit in der Baupolitik wirken sich aus – das betrifft viele Branchen vom Baubereich über Zulieferer für Industrie und Investivgüter bis zur Automobilbranche. Dennoch finden die Handwerksbetriebe immer wieder eine Nische, in der sie sich spezialisieren und auch in diesen Zeiten erfolgreich wirtschaften können. Die Werkstattauslastungen im Kfz-Handwerk sind beispielsweise auf einem hohen Niveau. Die Metall- und die Baubetriebe haben zum Teil gute Ausweichmöglichkeiten gefunden, um ihre Grundauslastung sicherzustellen. Davon profitieren auch viele andere Ausbaugewerke. Elektro, Sanitär, Dachdecker, Zimmerer, Tischler, Maler finden ihre Auslastung bei Renovierungen und insbesondere bei der energetischen Ertüchtigung von Gebäuden, bei Privatkunden ebenso wie bei Gewerbebauten. Das Handwerk im Kreis Coesfeld ist sehr kleinteilig, aber sehr breit aufgestellt. Und: Das Handwerk ist der Motor und vor allem Umsetzer der Energiewende.
Die Betriebe kalkulieren allerdings vorsichtiger, investieren gezielt und halten ihre Mitarbeiter – denn man weiß: Gute Fachkräfte sind schwer zu finden. Die Stimmung ist also nicht euphorisch, aber stabil und realistisch.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich derzeit?
Bürokratie, Fachkräfte und Bildung. Die Bürokratielast ist für viele Betriebe mittlerweile ein echter Wettbewerbsnachteil. Ob es um Förderanträge, Nachweise oder Berichtspflichten geht – die Zeit, die ein Handwerksmeister heute im Büro verbringt, ist längst zu viel. Der Fachkräftebedarf bleibt eine Daueraufgabe. Wir engagieren uns stark in der Berufsorientierung, betreiben aktive Netzwerkarbeit mit Schulen und setzen auf frühzeitige Nachwuchsförderung – mit Erfolg und mit langem Atem. Das Thema Bildung – insbesondere die Weiterentwicklung der überbetrieblichen Ausbildung – ist für uns zentral. In unseren Bildungsstätten investieren wir in Digitalisierung, Nachhaltigkeit und neue Berufsbilder, um die Duale Ausbildung zukunftsfähig zu halten.
Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Weniger Regulierung, mehr Vertrauen und Planungssicherheit. Wir brauchen ein Umfeld, in dem Handwerksbetriebe wieder gestalten können, statt Formulare abzuarbeiten. Dazu gehören auch eine Entlastung bei Dokumentationspflichten, schnellere Genehmigungsverfahren und praxisgerechte Förderprogramme. Ein weiterer Punkt ist die Bildungspolitik. Wir müssen jungen Menschen wieder mehr handwerkliche Kompetenz vermitteln – in der Schule, in Projekten, in Werkstätten. Die Duale Ausbildung ist kein Reparaturbetrieb für das Schulsystem, sondern das Rückgrat unserer Wirtschaft. Dafür brauchen wir mehr gesellschaftliche Anerkennung und politische Rückendeckung.
Wie kann man das Handwerk noch stärker sichtbar machen?
Das Handwerk ist überall – aber oft zu bescheiden, wenn es um die eigene Sichtbarkeit geht. Wir müssen stärker zeigen, was die Betriebe leisten: Klimawende, Energiewende, Mobilitätswende. Ohne Handwerker werden wir diese wichtigen Aufgaben nicht bewältigen können. Wir setzen daher verstärkt auf digitale Öffentlichkeitsarbeit und auf intensive Fachgespräche mit der Politik. Wichtig sind auch unsere großen Lossprechungsfeiern der jungen Gesellinnen und Gesellen. Hier bringen wir die Betriebe mit den Verantwortlichen in den Banken und in der Politik zusammen. Darüber hinaus arbeiten wir mit Schulen und Kommunen zusammen, um jungen Menschen echte Einblicke in die Praxis zu geben. Sichtbarkeit entsteht nicht durch Hochglanzbroschüren, sondern durch authentische Begegnungen auf Augenhöhe.
Womit kann das Handwerk im Kreis Coesfeld punkten?
Mit Verlässlichkeit, Menschlichkeit, Innovationskraft sowie Nachhaltigkeit und Sinn. Das Handwerk ist und bleibt ein sicherer Arbeitgeber, der Perspektiven bietet – ganz nah an den Menschen. Wer im Handwerk arbeitet, sieht, was er geschaffen hat. Diese Sinnhaftigkeit ist etwas, was in vielen anderen Branchen verlorengegangen ist.
Hinzu kommt: Unsere Betriebe sind tief in der Region verwurzelt. Sie bilden aus, schaffen Arbeitsplätze, investieren vor Ort. Das Handwerk ist kein anonymer Konzern, sondern Teil der Nachbarschaft. Trotz aller Herausforderungen gilt: Das Handwerk bleibt das Rückgrat unserer regionalen Wirtschaft – und ein Zukunftsfeld für junge Menschen, die etwas bewegen wollen.
Frank Tischner | Kreishandwerkerschaft Steinfurt Warendorf
„Ein entscheidender Stabilitätsanker”
Wie geht es dem Handwerk in den Kreisen Steinfurt und Warendorf?
Das Handwerk hat goldenen Boden – das alte Sprichwort stimmt auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten. Denn auch in unserer Region zeigt sich, dass das Handwerk und seine Betriebe ein entscheidender Stabilitätsanker der Wirtschaft sind. Mit Blick auf die Gewerke wird deutlich, dass insbesondere die lahmende Baukonjunktur im privaten Bereich direkte Auswirkungen auf die Betriebe im Bauhauptgewerbe hat. Hier erhoffen wir uns Impulse, beispielsweise durch den „Bau-Turbo“. Denn bezahlbarer Wohnraum wird in unserer Region nach wie vor dringend benötigt. Grundsätzlich gilt, dass die immer weiter steigenden bürokratischen Belastungen die Stimmung gewerkeübergreifend drückt und hier keine Besserung in Sicht ist. Diese bürokratischen Belastungen sind es auch, die viele potenzielle Nachfolger vom Schritt in die Selbstständigkeit abhalten.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich derzeit?
Initiativen zum Bürokratieabbau, Sicherung des Fachkräftebedarfs, Nachwuchswerbung, Förderung der Inklusion und Suche nach Betriebsnachfolgern: Die Anforderungen unserer Mitgliedsbetriebe sind vielfältig. Wir erfüllen sie durch direkte Kontakte mit relevanten Entscheidern, durch Initiativen wie die „do it“-Kampagne, die für Praktika und Berufsausbildungen im Handwerk wirbt und mit einer gut gefüllten Praktikums- und Ausbildungsplatzbörse aufwartet, und nicht zuletzt auch mit der in der gesamten Region sichtbaren Initiative „Inklusion Münsterland“, die mit Best-Practice-Beispielen aufzeigt, wie Inklusion im Handwerk und anderen Wirtschaftsfeldern gelingen kann. Bei der Suche nach potenziellen Nachfolgern für die Betriebe unterstützen wir mit breit angelegten Angeboten.
Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Wir müssen weg von den Lippenbekenntnissen. In den 14 Jahren, die ich mittlerweile Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Steinfurt Warendorf bin, war Bürokratieabbau immer Thema. Vor 14 Jahren habe ich gedacht, es geht nicht schlimmer. Was wir aber heute erleben, ist unerträglich. In den vergangenen Jahren ist immer mehr an Bürokratie aufgebaut worden, es fehlt an Vertrauen in die Wirtschaft, aber auch an der Eigenverantwortung der Gesellschaft.
Ein aktuelles Beispiel, das mich sprachlos macht: Die Folienverpackung eines 750 Gramm-Stollens wurde vom Umweltbundesamt wie ein „to go“-Artikel eingestuft, weil man diesen (theoretisch) direkt verzehren kann. Seitdem gilt diese Verpackung als Einwegplastik mit der entsprechenden Registrierungs-, Melde- und Abgabenpflicht. Haben Sie jemals 750 Gramm Stollen auf einmal gegessen, quasi „to go“? Hier wird beispielhaft deutlich, dass unsere Form der Bürokratie nichts mehr mit einem gesunden Menschenverstand zu tun hat.
Wie kann man das Handwerk noch stärker sichtbar machen?
Wir müssen immer wieder selbstbewusst zeigen, dass das Handwerk der schönste, vielseitigste und kreativste Wirtschaftsbereich der Welt ist. Gründe dafür gibt es genug: Unsere traditionellen und doch modernen Berufe sind zukunftssicher, auf der Grundlage einer fundierten Ausbildung eröffnen sich zahlreiche Karrierechancen bis zum Schritt in die unternehmerische Selbstständigkeit und nicht zuletzt macht es glücklich, am Ende eines Arbeitstages sehen zu können, was man in den vergangenen Stunden alles geschafft hat. Das Handwerk, die „Wirtschaftsmacht von nebenan“, ist und bleibt unverzichtbar. Nur mit uns können die Zukunftsthemen angepackt und auch umgesetzt werden. Und das mit einer hohen Fachlichkeit, an deren Anfang die Duale Ausbildung steht, um die uns unsere Partner in vielen Ländern der Welt beneiden. Diese Vorzüge kommunizieren wir als Kreishandwerkerschaft auf allen Kanälen der Öffentlichkeitarbeit aktiv.
Womit kann das Handwerk im Kreis punkten?
Die Handwerksbetriebe sind größtenteils inhabergeführte Klein- und mittelständische Unternehmen. In solchen Familienunternehmen sind die nächsten Quartalszahlen nicht der entscheidende Maßstab. Im direkten Gespräch lässt sich vieles unproblematischer lösen als in Großunternehmen. Mitarbeitende, die über Jahrzehnte im gleichen Unternehmen arbeiten, mit einer unglaublichen Loyalität zu ihrem Arbeitgeber, den Kunden und Produkten, sind der beste Beweis dafür, dass Handwerksbetriebe auch in unserer Region stabile Arbeitgeber sind, die nicht beim ersten Gegenwind gleich an Personalabbau denken. Diese Form des Unternehmertums, bei der die Mitarbeitenden noch im Mittelpunkt stehen, ist in der heutigen Zeit in anderen Wirtschaftsbereichen leider selten geworden. Daher sollten wir diese Betriebe, deren Unternehmerinnen und Unternehmer und auch die Mitarbeitenden umso mehr (wert)schätzen.
Sascha Wittrock | Kreishandwerkerschaft Grafschaft Bentheim
Die „Ausbildungsweltmeister”
Wie geht es dem Handwerk in der Grafschaft Bentheim?
Mit dem Blick aufs Ganze geht es dem Handwerk in der Grafschaft Bentheim ganz gut. Unterschiede lassen sich im Detail erkennen. Ein Beispiel: Die Lage im Bau- und Ausbauhandwerk ist eher durchwachsen, auch der private Wohnungsbau bleibt derzeit zurückhaltend. Im Straßen- und Rohrleitungsbau ist die Lage besser, auch im Bereich Industriebau und öffentlicher Bau sehen wir eine zufriedenstellende Entwicklung.
Mit Blick auf die Energiewende verzeichnet der Bereich Elektro eine gute Auftragslage, das gilt auch für den Bereich Sanitär, Heizung und Klimatechnik. Allerdings sprechen wir hier in der Grafschaft mehr über Sanierungen als über Neubauten.
Das Kfz-Werkstattgeschäft läuft gut, der Neuwagenverkauf ist allerdings ausbaufähig. Im Friseurhandwerk spüren wir, dass Kunden sparen. Barbershops sorgen für eine zusätzliche Konkurrenz und insgesamt fehlt uns hier der Nachwuchs.
Und natürlich schlagen erhöhte Kosten im Bereich Energie und Rohstoffe auch in den Lebensmittelbranchen durch, beispielsweise bei Bäckern oder Fleischern. Einen nicht unerheblichen Auftragsrückgang sehen wir auch im Maschinenbau.
Positiv ist aber: Die Anzahl derjenigen, die ihre Ausbildung jetzt begonnen haben, ist in der Grafschaft im Vergleich zum Vorjahr um knapp zehn Prozent gestiegen. Die Arbeit, auch die der Kreishandwerkerschaft, zahlt sich nach den „Corona-Jahren“, in denen deutlich weniger Werbung für das Handwerk gemacht werden konnte, langsam wieder aus.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich derzeit?
Bei uns geht es derzeit viel um die Fachkräftesicherung in den Betrieben – übrigens nicht zu verwechseln mit dem Fachkräftezuwachs. Derzeit wird in vielen Betrieben die Zahl der Mitarbeitenden angepasst, hier sprechen wir auch von Kündigungen, beispielsweise durch Insolvenzen. Wir setzen daher auf Schulungsangebote für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Betriebe. Andere Themen sind die Änderung der Niedersächsischen Bauordnung und ihre Auswirkungen in den Betrieben sowie die Umsetzung des „Bau-Turbos“ in den Kommunen. Auf der Tagesordnung stehen zudem Erleichterungen beim Arbeitsschutz, das Vergabebeschleunigungsgesetz, die EU-Entwaldungsverordnung, Strom- und Mehrwertsteuer sowie die Verpackungssteuer. Und in der Grafschaft haben wir noch ein wichtiges und aktuelles Projekt, nämlich den Campus Berufliche Bildung Grafschaft Bentheim, der aktuell entsteht und von dem wir uns Impulse erhoffen. Er soll jungen Menschen die berufliche Bildung als gleichwertige Alternative zu einem Studium aufzeigen.
Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Verbesserungen wünschen wir uns bei den Themen, mit denen sich die Handwerksbetriebe und wir uns hier vor Ort beschäftigen. Wir müssen Bürokratie abbauen und insgesamt die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessern.
Wie kann man das Handwerk noch stärker sichtbar machen?
Im Grunde wird schon vieles gemacht. Unternehmen nutzen Social Media, wir präsentieren uns auf Messen und in Print, über das Sponsoring, aber auch in vielen Gesprächen mit verschiedensten Gruppen von Verwaltung über Politik, Eltern potenzieller Auszubildender oder Kindern. Auf unserer Homepage stellen wir aktuelle Informationen bereit, unterhalten zentrale Ausbildungsplattformen und setzen auf das Kita-Projekt „Kleine Hände, große Zukunft“. Für weitere und besondere Ideen sind wir immer offen …
Womit kann das Handwerk im Landkreis punkten?
Das Grafschafter Handwerk bietet durch die oft inhabergeführten Unternehmen eine familiäre Umgebung. Unsere Ausbildungsleistung liegt sogar über dem Bedarf, insbesondere in unserem Kammerbezirk. Wir fühlen uns da durchaus als „Ausbildungsweltmeister“. Im Handwerk setzen wir auf Zuverlässigkeit, bieten spannende Aufgaben und jeden Tag etwas Neues. Das Handwerk sorgt für sichere Arbeitsplätze mit vielfältigen Aufstiegsmöglichkeiten, beispielsweise Polier, Meister oder Techniker. Das alles krisenfest und flexibel, mit einem starken Netzwerk vor Ort.
Jan-Hendrik Schade | Kreishandwerkerschaft Münster
„Verpflichtende Praktika wären sehr gut”
Wie geht es dem Handwerk in Münster?
Das muss man je nach Gewerk differenziert betrachten. Der Lebensmittelbereich steht angesichts Unternehmensnachfolge, Fachkräftemangel und steigender Produktionskosten vor erheblichen Herausforderungen. Das führt zu einer sehr zurückhaltenden, vorsichtigen Betrachtung der Zukunft. In den Bau- und Ausbau- Gewerken kann man trotz durchaus angespannter Konjunktur von einer verhalten positiven Stimmung sprechen. Die Behebung der Wohnungsnot, das Erstellen und Sanieren der Infrastruktur und das Erreichen der Klimaziele wird nicht ohne das Handwerk gehen. Das Bewusstsein, in den nächsten Jahren ein unverzichtbarerer Faktor zu sein, gibt das nötige Selbstbewusstsein, positiv in die Zukunft zu schauen. Andere Gewerke wie Mode, Gesundheit, Textil, Foto, Buchbinder oder Büchsenmacher haben eher eine abwartende bis skeptische Stimmung, was die Zukunft betrifft.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich derzeit?
Auf politischer Ebene sind bezahlbares Wohnen, die Attraktivität der Berufsbilder des Handwerks durch gesellschaftliche Wertschätzung und die mittelstandsfreundliche Verwaltung zentrale Themen. Wir tauschen uns vor allem mit der Verwaltung in Münster aus, um praktische Lösungen für Bürokratieabbau zu finden, etwa zum Thema Verpackungssteuer.
Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Die Politik kann einen erheblichen Teil zum gesellschaftlichen Ansehen des Handwerks beitragen, indem sie das in der Öffentlichkeit in Wort und Schrift ebenso gleichwertig wertschätzt wie akademische, pflegende oder verwaltende Berufe. Politik kann darauf hinwirken, dass Verwaltung mittelstandsfreundlich bei Entscheidungen unterstützt und einfache, schnelle Strukturen schafft, zum Beispiel mit Fiktionen bei Baugenehmigungen und Anträgen.
Wie kann man das Handwerk noch stärker sichtbar machen?
Verpflichtende Praktika wären sehr gut. Handwerk und seine lösungsorientierte, sinnstiftende Tätigkeit kann man am besten begreifbar machen, indem man die Menschen „greifen“ lässt. Ein Tagespraktikum ist dafür allerdings zu kurz. Ein Handwerksjahr oder ein Gesellschaftsjahr, in dem man sich für eine Tätigkeit im Handwerk entscheiden könnte, wären auch gut, um die Bedeutung des Handwerks sichtbarer zu machen.
Womit kann das Handwerk in Münster punkten?
Gerade in Münster ist die akademische oder verwaltende Ausbildung sehr präsent. In der Zukunft sind viele dieser Tätigkeiten jedoch durch KI und weitere Digitalisierung sehr viel weniger „sicher“ als das Handwerk. Bei aller Theorie, was nachhaltiges Bauen, Fahren oder Essen betrifft: Umgesetzt wird es am Ende immer durch die Bau-, Elektro-, Sanitär-, Kfz- oder Nahrungsmittelbetriebe, also das Handwerk.
Thorsten Coch | Kreishandwerkerschaft Osnabrück
„Handwerk braucht mehr Sichtbarkeit”
Wie geht es dem Handwerk im Osnabrücker Land?
Insgesamt zeigt sich das Handwerk im Osnabrücker Land weiterhin relativ stabil und anpassungsfähig. Viele Betriebe melden nach wie vor eine gute bis solide Auftragslage – insbesondere in den Bereichen Ausbau, Sanitär-Heizung-Klima, Elektro und Fahrzeugtechnik. Gleichwohl ist die Stimmung spürbar verhaltener geworden: Steigende Material- und Energiekosten, komplexe Fördermechanismen und anhaltende Bürokratiebelastung setzen die Betriebe auch hier unter Druck. Das größte Thema bleibt der Fachkräftemangel – in nahezu allen Gewerken fällt es schwer, qualifiziertes Personal zu gewinnen und zu halten. Dennoch: Das Handwerk der Region beweist erneut seine Krisenfestigkeit und trägt maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität bei.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich derzeit?
Zentral sind für uns die Themen Fachkräftesicherung und Ausbildung. Gemeinsam mit Innungen, Schulen und der Handwerkskammer setzen wir auf frühzeitige Berufsorientierung – etwa durch Projekte wie „Kompass – Finde dein Handwerk“ oder Schulkooperationen. Daneben beschäftigen uns die zunehmende Bürokratie und die Komplexität gesetzlicher Vorgaben, die viele Betriebe überfordern. Auch die Energiewende und die digitale Transformation sind wichtige Themen. Wir begleiten unsere Mitgliedsbetriebe mit Beratung, Schulungen und Netzwerkarbeit bei diesen Themen.
Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Das Handwerk braucht endlich spürbare Entlastung von Bürokratie – insbesondere bei Dokumentationspflichten, Förderverfahren und Berichtspflichten. Was wir brauchen, sind einfache, praxistaugliche Regelungen statt zusätzlicher Formulare und Statistikpflichten. Zudem fordern wir mehr Verlässlichkeit bei politischen Entscheidungen: Investitionen im Handwerk sind langfristig, daher braucht es stabile Rahmenbedingungen, etwa bei der Energie- und Steuerpolitik. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Fachkräftesicherung. Wir brauchen eine Berufsorientierung an allen Schulformen – auch an Gymnasien – und zwar nicht erst kurz vor dem Schulabschluss. Junge Menschen müssen frühzeitig erleben, wie vielseitig und anspruchsvoll handwerkliche Berufe sind. Darüber hinaus wünschen wir uns eine stärkere gesellschaftliche und politische Wertschätzung der beruflichen Bildung.
Wie kann man das Handwerk noch stärker sichtbar machen?
Das Handwerk braucht mehr Sichtbarkeit – und zwar dort, wo junge Menschen sich informieren: auf Social Media, in Schulen und auf regionalen Veranstaltungen. In Osnabrück setzen wir dabei besonders auf die persönliche Begegnung – denn nichts überzeugt mehr als das direkte Erleben und dabei entsteht Begeisterung, die kein Flyer oder Video ersetzen kann. Ein herausragendes Beispiel dafür ist unser erfolgreiches Format „Kompass – Finde dein Handwerk“, das auf dem Gelände der Handwerkskammer Osnabrück stattfindet. In diesem Jahr nahmen an den beiden Messetagen mehr als 2.200 Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Schulen aus Stadt und Landkreis teil. An den Ständen der Innungen und Gewerke konnten sie bei vielfältigen Mitmachaktionen „Handwerk zum Anfassen“ erleben, mit Auszubildenden ins Gespräch kommen und so einen echten Einblick in die Ausbildungs- und Arbeitswelt der verschiedenen Gewerke erhalten.
Womit kann das Handwerk im Osnabrücker Land punkten?
Das Handwerk in Stadt und Landkreis Osnabrück steht für Verlässlichkeit, Qualität und Nähe. Viele Betriebe sind seit Generationen fest in der Region verwurzelt – sie kennen ihre Kunden, bilden aus und übernehmen Verantwortung weit über den eigenen Betrieb hinaus. Diese regionale Verbundenheit schafft Vertrauen und macht das Handwerk zu einem starken Rückgrat unserer Wirtschaft. Gleichzeitig zeigt das Osnabrücker Handwerk, dass Tradition und Fortschritt hervorragend zusammenpassen. Immer mehr Betriebe setzen auf digitale Lösungen und moderne Technologien – von der Nutzung künstlicher Intelligenz zur Arbeitsplanung und Angebotserstellung bis hin zu Exoskeletten, die körperliche Arbeit erleichtern und die Gesundheit der Beschäftigten schützen. Damit wird das Handwerk nicht nur effizienter, sondern auch attraktiver für neue Generationen von Fachkräften.
Insgesamt bleibt das Handwerk ein verlässlicher Arbeitgeber mit sicheren Arbeitsplätzen, Entwicklungsmöglichkeiten und sinnstiftenden Tätigkeiten. Diese Mischung aus Innovationskraft, Gemeinschaftssinn und Bodenständigkeit macht das Handwerk in unserer Region so besonders.