Herr Kösters, wann waren Sie das letzte Mal selbst ganz klassisch „Tourist in der Heimat“ – mit Kamera, Eis in der Hand und eventuell ein bisschen orientierungslos?
Im vergangenen Herbst, als ich mit meiner Frau und Freunden eine Radtour von Lüdinghausen nach Nordkirchen gemacht habe, bei der wir die Burg Vischering und das Schloss Nordkirchen besucht haben. Dank der hervorragenden Ausschilderung waren wir aber nicht orientierungslos, und ich hatte mein Smartphone für Fotos dabei, statt Eis gab es eine leckere Pommes. Ich fahre gerne in der Heimat Fahrrad. Grundsätzlich bin ich aber in meiner Freizeit auch außerhalb des Münsterlandes unterwegs.
Sonst droht der Lagerkoller?
Ja, ein bisschen (lacht). Gefühlt wäre ich sonst immer halb dienstlich unterwegs. Beim Urlaub außerhalb des Münsterlandes erlebe ich ja nebenbei auch, wie Tourismus dort gestaltet wird – welche Konzepte funktionieren, welche Ideen Menschen begeistern. Das inspiriert mich und gibt mir neue Impulse, die ich später in meine eigene Arbeit im Münsterland einfließen lassen kann. Ich kann aber auch guten Gewissens sagen, dass wir im Vergleich zu anderen Regionen und Ländern schon gut unterwegs sind (schmunzelt).
Das Münsterland gilt als entspannt, idyllisch und grün. Ist das heute ein Standortvorteil – oder muss man sich schon ein bisschen mehr anstrengen, um im touristischen Wettbewerb aufzufallen?
Grundsätzlich sind das Eigenschaften, die für eine Tourismusregion von großem Vorteil sind. Natur und Ruhe sind genau das, was Menschen für ihre Erholung suchen. Das bestätigt sich auch immer wieder in Gästebefragungen. Insbesondere, wenn die Menschen aus dicht besiedelten Gebieten kommen. Unsere Lage zwischen dem Ruhrgebiet und den Niederlanden kommt uns dabei zugute. Allerdings reicht eine schöne Landschaft allein natürlich nicht aus. Es gilt, die Marke Münsterland erlebbar zu machen.
Wofür steht das Münsterland denn?
Die Region steht touristisch insbesondere für Radfahren, Pferde und ihre zahlreichen Schlösser, für die besondere Kombination aus der namensgebenden Stadt Münster und den umliegenden, ländlicheren Kreisen. Das Münsterland ist dabei eine Destination, die mit einer hohen Qualität überzeugt. Das heißt auch, dass wir kontinuierlich an guten Rahmenbedingungen für Gäste vor Ort arbeiten müssen, etwa durch gut ausgebaute und gekennzeichnete Radwege.
Lassen Sie uns mal ein paar Zahlen anschauen. 2024 belief sich der touristische Bruttoumsatz im Münsterland auf 2,08 Milliarden Euro. Die Übernachtungszahlen stiegen – trotz Corona-Pandemie – seit 2019 um 16,9 Prozent. Wenn man Privatquartiere unter zehn Betten, Dauercamper und vor allem die Tagesbesucher hinzuzählt, kommt man auf 7,8 Millionen Übernachtungen und 41 Millionen Tagesreisen für 2024. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Grundsätzlich ist das eine sehr positive Entwicklung. Der Tourismus hat heute einen hohen wirtschaftlichen Stellenwert. Mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von gut drei Prozent bei den Übernachtungen gibt es kaum eine andere Branche in der Region, die ähnlich kontinuierlich wächst. Betrachtet man die vergangenen zehn Jahre, ist das Münsterland somit mit einem Zuwachs von einem Drittel das erfolgreichste Reisegebiet in Nordrhein-Westfalen. Besonders positiv ist, dass gleichzeitig die durchschnittliche Bettenauslastung gestiegen ist, ebenso wie die mittlere Aufenthaltsdauer. Das zeigt, dass Gäste nicht nur häufiger kommen, sondern auch länger bleiben – ein wichtiges Signal für die Attraktivität unserer Region. Mit einem touristischen Bruttoumsatz von rund 2,08 Milliarden Euro leistet der Tourismus einen bedeutenden Beitrag zur regionalen Wertschöpfung. Wir wissen aber gleichzeitig, dass deutschlandweit und auch bei uns die Umsätze im Gastgewerbe nicht in dem Maße gestiegen sind, wie es die Zuwächse der Übernachtungszahlen vermuten lassen.
Wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?
Ein Bereich, der weiterhin hinterherhinkt, ist der Tagestourismus. Die Zahl der Tagesgäste hat bislang noch nicht wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht. Das ist vor allem konjunkturell bedingt und spiegelt die insgesamt zurückhaltendere Konsumstimmung wider. Dennoch sehen wir hier Potenzial, darum wollen wir das Münsterland wieder stärker als Ausflugsziel positionieren. Das kommt auch anderen Branchen zugute.
Inwiefern?
Vom Tourismus als typische Querschnittsbranche profitieren ja nicht nur Hotels und Restaurants, sondern ebenso der Einzelhandel, der öffentliche Personennahverkehr, Freizeiteinrichtungen und kulturelle Angebote. Auch das Baugewerbe, zahlreiche Dienstleister – etwa aus den Bereichen Banken, Versicherungen oder Werbeagenturen – sowie regionale Lebensmittelproduzenten sind eng mit der touristischen Nachfrage verknüpft. Darüber hinaus ist der Tourismus ein zentraler Standortfaktor.
Nach dem Motto: Da leben, wo andere Urlaub machen?
Ganz genau! Eine attraktive Region mit einem lebendigen Freizeit- und Kulturangebot wird für Unternehmen bei Ansiedlungsentscheidungen zunehmend wichtiger. Fach- und Arbeitskräfte entscheiden sich eher für Regionen, in denen „etwas los ist“ und die eine hohe Lebensqualität bieten. Das Münsterland ist solch eine Lebens-, Arbeits- und Urlaubsregion. In diesem Sinne trägt der Tourismus ganz wesentlich dazu bei, dass Menschen hier leben, arbeiten, sich wohlfühlen und bleiben.
Was macht das Münsterland so beliebt?
Das Münsterland ist vor allem fürs Fahrradfahren bekannt. Mit rund 5.000 Kilometern einheitlich rot-weiß ausgeschilderten Radwegen, dem etablierten Knotenpunktsystem und der abwechslungsreichen Landschaft mit verschiedenen Sehenswürdigkeiten hält das Münsterland eine der besten Radinfrastrukturen in Deutschland vor. Wir haben eine abwechslungsreiche Parklandschaft und bei uns sind Stadt und Land ideal miteinander verbunden. Dazu gehören Themen- und Premiumrouten, die Gästen Orientierung geben und gleichzeitig besondere landschaftliche und kulturelle Highlights verbinden.
Nennen Sie mal Beispiele.
Einzelne Highlights herauszunehmen, fällt mir schwer. Ein Aushängeschild ist sicherlich die 100-Schlösser-Route, die unter anderem zum Schloss Nordkirchen führt. Daneben spielen naturnahe Erlebnisräume eine große Rolle, wie etwa das Zwillbrocker Venn mit seiner Flamingo-Kolonie. Für Wanderfreunde bieten das Tecklenburger Land, die Baumberge und der Naturpark Hohe Mark mit ihren Höhenzügen, Wäldern und Fernblicken einen reizvollen Kontrast zur sonst eher flachen Landschaft. Im Osten des Münsterlandes setzt Warendorf als Pferdestadt besondere Akzente. Und natürlich die Stadt Münster mit ihrer sehenswerten Altstadt.
Wie sieht der typische Besucher der Region aus?
Zu den typischen Besuchern zählen weniger Familien, sondern häufiger Paare im mittleren bis höheren Alter, zwischen Mitte 50 und 60 Jahren. Sie kommen überwiegend aus den Niederlanden oder aus städtischen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet oder dem Rheinland. Die Gäste wollen bewusst einen Kontrast zu ihrem Alltag. Sie suchen Erholung und wollen gleichzeitig aktiv sein – etwa beim Radfahren–, und kulturelle Angebote erleben. Und: Sie möchten regional typisch essen.
Also lieber Pumpernickel statt Pizza.
Ja (lacht). Pizza und Pasta bekommen sie auch beim Italiener in ihrer Heimat. Aber die echten Münsterländer Spezialitäten wie Herrencreme oder Pumpernickel gibt es eben nur hier.
Welche Rolle spielt Social Media für die Tourismusarbeit?
Social Media spielt für die Tourismusarbeit eine immer größere Rolle, gerade bei der Inspiration. Wir können vor allem jüngere Zielgruppen online gezielter erreichen, sie sind schließlich die Gäste von morgen. Vor 20 Jahren präsentierte man sich noch mit großen Ständen auf Tourismusmessen. Das war nicht nur aufwendig und anonym, sondern auch teuer. Deshalb sind wir dort bis auf kleine Ausnahmen gar nicht mehr vertreten. Heute erreichen wir unsere Zielgruppen effizienter und gezielter über Social Media in Kombination mit der eigenen Website. Auf diesen Kanälen lassen sich Geschichten, Emotionen und besondere Erlebnisse authentisch vermitteln.
Wie digital darf das touristische Erleben denn letztendlich sein?
Es ist ein Spagat zwischen beiden Welten. Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten und da, wo es Sinn ergibt, kann sie im Tourismus das Angebot gut ergänzen und einen echten Mehrwert bringen. Die Gäste erwarten auch smarte Informationen. Für unsere Highlight-Schlösser wird zum Beispiel gerade an KI-gestützten, individuellen Kurzführungen gearbeitet, die Besucher über das Smartphone abrufen können. Dadurch können sie spontan die Schlösser besichtigen, ohne sich vorab für eine Führung anmelden zu müssen, und visuell erleben, wie es sich in der Vergangenheit in den Schlössern gelebt hat. Auch direkte Buchungsmöglichkeiten über QR-Codes und digitale Infos machen den Aufenthalt komfortabler. Natürlich wünschen sich die Menschen aber nach wie vor den persönlichen Kontakt: Ein Hotel ohne Personal, in dem man per Code eincheckt, funktioniert in Großstädten oder im Businessgeschäft gut. Aber sicherlich deutlich weniger im Freizeittourismus, bei dem die Begegnung mit Menschen und Kultur das Erlebnis ausmacht.
Inwiefern hat sich das Reiseverhalten der Menschen verändert?
Touristen buchen immer kurzfristiger, vielfach auch abhängig von der Wetterprognose. Und sie sind deutlich digitaler unterwegs. Auch die Dauer der Aufenthalte hat sich verändert. Während früher drei Wochen Sommerurlaub genommen wurde, sind es heutzutage eher kürzere Urlaube, die dann über mehrere Zeiträume aufgeteilt werden. Davon profitiert das Münsterland, da unsere Region ohnehin eher ein Kurzreiseziel ist. Auch der Radtourismus wächst und das ist natürlich für unsere Region förderlich. Seit Corona bleiben zudem Camping und der Reisemobiltourismus stark nachgefragt.
Was sind die größten Herausforderungen für die Tourismusbranche?
Eine große Herausforderung ist generell die gute Erreichbarkeit, zum Beispiel per ÖPNV. Wenn ein Konzert stattfindet, muss gewährleistet sein, dass die Besucher auch mit Bus und Bahn an- und abreisen können. Das ist in ländlich geprägten Regionen wie dem Münsterland nicht immer einfach. Auch in die Infrastruktur, etwa die Radwege, muss regelmäßig investiert werden. Außerdem müssen besondere Angebote geschaffen werden. Ein Beispiel ist unsere Kampagne „Blick ins Münsterland“. Dazu gehören etwa Führungen auf Haus Geist in Oelde mit dem jungen Schlossbesitzer – früher war das Gelände nicht zugänglich. So erhalten Gäste Einblick ins Leben einer Wasserburg mit landwirtschaftlicher Nutzung. Das ist übrigens auch für Einheimische interessant, die ja von den touristischen Angeboten in ihrer Heimat auch profitieren. Weitere Themen der Branche sind – wie in anderen Wirtschaftszweigen auch – der Fachkräftemangel sowie die Digitalisierung. Ich sehe in einer weiteren Herausforderung aber auch eine Chance für unsere Region.
Und zwar?
Ohne diesem grundsätzlich etwas positives abzugewinnen, müssen wir uns mit dem Klimawandel beschäftigen. Dieser sorgt dafür, dass es in den südeuropäischen Ländern in den Sommermonaten fast schon zu heiß ist, um dort entspannt Urlaub zu machen. Das könnte zum Umdenken der Urlauber führen und für unsere Region zu einem Standortvorteil werden, weil die Sommer hier noch moderat warm sind.
Also künftig Münsterland statt Mallorca.
Ja, so könnte man es sagen, zumal in vielen südeuropäischen Destinationen, wie in Teilen Mallorcas, auch das Thema Overtourism – befeuert auch durch die Sozialen Medien – immer problematischer wird und somit der Sommerurlaub in Deutschland die angenehmere Alternative sein könnte. Für die Tourismusbranche hier gilt es, entsprechende Angebote zu schaffen.
Welche strategischen Weichenstellungen sind denn in den kommenden Jahren notwendig, damit der Tourismus im Münsterland langfristig ein stabiler Wirtschaftsfaktor bleibt?
In den kommenden Jahren geht es darum, den ganzheitlichen Ausbau und die Weiterentwicklung der Marke Münsterland weiter voranzutreiben. Markenaufbau ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wichtig ist, dass man dranbleibt. Auch wenn – wie erläutert – der persönliche Kontakt zu den Gästen und Besuchern essenziell ist, werden digitale Lösungen und KI zunehmend noch wichtiger, genauso wie Nachhaltigkeit. Konzepte wie die digitalen Schlossführungen wollen wir weiter testen und dann auch auf Museen sowie weitere Freizeiteinrichtungen übertragen. Das Datenmanagement ist ebenfalls ein Thema: KI muss mit guten Informationen gefüttert werden, damit sie funktioniert. Deshalb erfassen wir sämtliche Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen im Münsterland und spielen diese über diverse Kanäle aus – von Weihnachtsmärkten bis hin zu Konzerten. Das bedeutet aber auch, dass wir dafür personelle und finanzielle Ressourcen brauchen, was in herausfordernden Zeiten nicht einfach ist.
Inwiefern stärkt die gemeinsame Organisation über den Münsterland e.V. die Wahrnehmung des Münsterlands als einheitliche Tourismusmarke – auch über die Region hinaus?
Unsere Stärke ist, dass wir das Münsterland als Gesamtes vermarkten. Bei über 200 Tourismusgebieten in Deutschland ist es schon als Region nicht einfach, sich hervorzuheben. Für einzelne Kommunen ist das erst recht schwer. Aber mit dem Münsterland als emotionaler, positiv besetzter Klammer und einer entsprechenden Bekanntheit funktioniert das. Mit innovativen Ideen und Angeboten – zum Beispiel Open-Data-Tools – arbeiten wir daran, das Qualitätsversprechen der Marke Münsterland einzulösen. Gleichzeitig unterstützen wir unsere Leistungsträger vor Ort, unter anderem im Rahmen von Förderprojekten, damit sie ihre Angebote weiterentwickeln können. Der Tourismus spielt eine zentrale Rolle, damit das Münsterland als attraktive Lebens-, Arbeits- und Urlaubsregion wahrgenommen wird.